SAPs US-Chef McDermott rät: Von Deutschland lernen!

(http://www.zdnet.de/magazin/39154060/saps-us-chef-mcdermott-raet-von-deutschland-lernen.htm)

von Harald Weiss, 9. Mai 2007

Er ist der Chef von SAP in den USA und befindet sich im inneren Zirkel der Macht: ZDNet hat mit Bill McDermott, President und CEO bei SAP Americas and Asia, über die Konkurrenz und die Trends im IT-Markt gesprochen.

Nach dem Ausscheiden von Shai Agassi aus der Führungsriege von SAP gilt Léo Apotheker als der neue Kronprinz. Direkt an ihn berichten nur eine handvoll Manager, darunter der President & CEO, SAP Americas and Asia, Bill McDermott. ZDNet-Korrespondent Harald Weiss traf in auf der Sapphire 2007 in Atlanta[1].

ZDNet: Herr McDermott, es gab Umorganisationen bei SAP, von denen auch sie betroffen waren. Was ist jetzt Ihr Aufgabenbereich?

McDermott: Ich verantworte jetzt zusätzlich zu dem gesamten amerikanischen Kontinent auch noch die SAP-Aktivitäten in Asien und bin damit verantwortlich für die Hälfte des gesamten SAP-Umsatzes weltweit.

ZDNet: SAPs größter Einzelmarkt sind die USA, wo Sie besonders erfolgreich sind. Doch gerade die amerikanische IT-Welt wird von den großen US-Konzernen beherrscht. Worauf führen sie den beachtlichen Erfolg von SAP in den USA zurück?

McDermott: Da gibt es eine ganze Menge an Erfolgsfaktoren, aber der wichtigste ist sicherlich, dass SAP eine besonders effiziente globale Strategie hat und dass unsere Forschung und Entwicklung äußerst nutzenorientiert ist. Alles was wir anpacken steht von Anfang an unter der Überschrift: Hilft es einen Manager bei seinem Business, lässt es sich weltweit vermarkten, und wir können darin eine führende Position einnehmen. Dieses so genannte Value-Engineering hat uns hier zum Erfolg geführt.

ZDNet: Können Sie das näher erläutern?

McDermott: Im Bereich Software-Engineering gibt es viele gute Firmen und Lösungen auf der Welt. Doch wir bei SAP gehen einen Schritt weiter. Wir sehen uns als Gesprächspartner des Vorstandes. Wir diskutieren nicht über Bits und Bytes, sondern darüber, wie und wo IT dem Finanzchef, dem Personalchef, dem Fertigungschef und natürlich auch dem IT-Chef helfen kann, seine Aufgaben schneller, sicherer und kostengünstiger zu erledigen.

Und dann hören wir zu. Wir wollen wissen, wie und wo es in den Geschäftsprozessen Probleme oder Verbesserungspotenzial gibt. Hier bringen wir dann unseren IT-Sachverstand ein und entwickeln gemeinsam mit den Kunden geeignete Lösungen.

ZDNet: Gibt es Beispiele dafür, die sich hier auf der Sapphire zeigen?

McDermott: Aber ja doch. Am deutlichsten zeigt sich das an unseren neuen Partnerschaften, die alle darauf abzielen, nicht nur unsere Systeme, sondern den gesamten IT-Einsatz in den Unternehmen zu verbessern. Nehmen wir beispielsweise die erfolgreiche Kooperation mit Microsoft bei Duet. Diese Kooperation ist aus der dem Wunsch unser Kunden entstanden, dass die Mitarbeiter nicht laufend zwischen MS-Office und dem SAP-System hin und her wechseln wollen. In weniger als einem Jahr wurden über 400.000 Lizenzen davon abgesetzt.

Hier zur Sapphire haben wir diese Partnerschaft erweitert und bieten jetzt zusammen mit Hewlett-Packard eine Appliance dafür an. Sie dient als Evaluationssystem, damit Unternehmen den Nutzen von Duet mit ihren eigenen Daten bewerten können. Über die mitgelieferten Skripte können die Kunden die Duet-Implementierung unverzüglich starten und testen. Dadurch verkürzt sich die Implementierungsphase von der Erstinstallation bis zur Konfigurierung.

ZDNet: Das ist nach dem BI-Accelerator die zweite Hardwareunterstützung für das SAP-System. Ist das ein Trend - wird die Software immer härter?

McDermott: Nein, auf keinen Fall. Beim BI-Accelerator ist eine dedizierte Hardware sehr sinnvoll, weil es eine sehr datenintensive und in sich abgeschlossene Aufgabenstellung ist. Bei der Duet-Appliance handelt es sich dagegen um einen vorkonfigurierten Proliant-Server, mit dem sich der Nutzen von Duet testen lässt, ohne dabei gleich die gesamte Systemlandschaft zu beeinflussen.

ZDNet: Zurück zum US-Marktgeschehen. In den knapp fünf Jahren, in denen Sie jetzt an der Spitze der USA stehen, konnten Sie die Softwareumsätze kontinuierlich im zweistelligen Bereich steigern. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

McDermott: Ganz einfach: Von Deutschland lernen! Als ich an Bord kam, habe ich sofort gesehen, dass das Verhältnis von SAP Deutschland mit seinen Kunden eine Benchmark war. Die SAP-Teams arbeiteten schon seit Jahren gemeinsam mit den Kunden, das Verhältnis war geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Anerkennung. Mir war schlagartig klar, dass die Adaption eines solchen Verhältnis’ einen immensen Erfolg in den USA haben muss. Ich schulde meinen deutschen Kollegen für diese Vorbild-Funktion heute noch viel Dank und Anerkennung.

ZDNet: Ihr Vorstandschef, Henning Kagermann, hat hier auf der Sapphire nochmals die Bedeutung des Mittelstandes für SAP angesprochen. Doch SAP gilt allgemein als Lösung für die Großen. Wie ist die gegenwärtige Situation auf diesem Gebiet?

McDermott: Wir sind schon heute weltweit im Mittelstand sehr erfolgreich. Rund 30 Prozent unseres Auftragseingangs kommen schon jetzt von mittelständischen Unternehmen. Bei unseren bestehenden Produkten verfolgen wir eine Multi-Channel-Strategie, bei der wir intensiv mit Value-Added-Reseller und unabhängigen Softwarefirmen (ISVs) zusammenarbeiten. Auch Telemarketing, Telesales und das Internet spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle.

ZDNet: Auf der SAP-Webseite werden Softwarefirmen aufgefordert, sich als ISV-Partner für Ihre Netweaver-Plattform zu melden. Dazu bueten Sie ihnen viel Unterstützung an, und es gibt sogar einen Fonds von 125 Millionen Dollar, aus dem die ISVs eine Art Anschubfinanzierung erhalten können. Ist es für SAP denn so schwer, Software-Partner zu finden?

McDermott: Ganz im Gegenteil. Zum Jahresanfang hatten wir rund 2000 ISVs unter Vertrag, die Software für die SAP-Netweaver-Plattform entwickeln. Das sind etwa doppelt so viele wie vor einem Jahr und fast siebenmal so viel wie Ende 2004. Partner spielen in unserem gesamten Geschäft eine sehr wichtige Rolle. Das gilt beispielsweise auch für den Mittelstand.

ZDNet:ISV-Partner kombinieren SAP-Systeme mit ihrem eigenen Branchen-Knowhow. Welche SAP-Systeme kommen dabei im Mittelstand hauptsächlich zum Einsatz?

McDermott: Primär bieten wir unsere Einstiegssoftware SAP Business One über diesen Partnerkanal an. Diese Lösung eignet sich für Betriebe von etwa 10 bis 100 Mitarbeitern. Die etwas größeren Unternehmen mit umfangreicheren Anforderungen nutzen unser All-in-One-Produkt, das wir sowohl direkt als auch über unsere Partner vertreiben.

ZDNet: Vor wenigen Wochen wurde eine neue Mittelstandslösung angekündigt, die zunächst als Hosted-Version und als Abonnements-Modell angeboten werden soll. Wie steht es damit?

McDermott: Wir befinden uns bei dieser Lösung in der Marktvalidierungsphase mit ersten Kunden und werden über das Jahr hinweg weitere Informationen geben.

ZDNet: Deutschland rühmt sich seiner weltweit einmaligen mittelständischen Industriestruktur. Wie ist dieser Markt in den USA strukturiert?

McDermott: Im Bereich des Maschinenbaus ist die deutsche Struktur sicherlich einmalig. In den USA ist der Mittelstand überwiegend im Service oder bei den Zulieferern zu finden, folglich richten sich auch unsere Angebote mehr auf diese Marktsegmente. Wir sind in den USA der führende ERP-Anbieter im Mittelstand, und es ist unser mit Abstand am schnellsten wachsender Markt. Schon in den nächsten Jahren werden wir 40 Prozent unserer Umsätze in diesem Segment erzielen.

ZDNet: In den USA ist vor allem Oracle der schärfste Konkurrent von SAP. Wie positionieren Sie SAP gegenüber diesem Wettbewerber?

McDermott: Man muss sich die Größenverhältnisse deutlich machen. Der Weltmarktanteil der SAP im Bereich Unternehmenssoftware liegt bei 25 Prozent - der von unserem nächstgrößeren Wettbewerber Oracle bei etwa neun Prozent. Was Oracle in einem Jahr bei Unternehmenssoftware umsetzt, das schaffen wir in einem Quartal.

ZDNet:Es gibt eine so genannte "Safe-Passage"-Kampagne, mit der sie die Kunden von den Oracle-Akquisitionen zum Wechsel auf SAP bewegen wollen. Wie erfolgreich ist denn diese Aktion bislang?

McDermott: Wir haben damit bis heute 550 Unternehmen zum Wechsel bewegen können. Das ist weitaus mehr, als ich mir jemals erträumt habe.

ZDNet: Netweaver ist eine offene Plattform, über die sich theoretisch auch die von Oracle akquirierten Systeme integrieren ließen. Warum bewerben Sie das nicht?

McDermott: Brauchen wir gar nicht. Es hat sich schon längst bei den Oracle-Kunden herumgesprochen, dass die beste Integrationsplattform für Peoplesoft HR und Siebel CRM Netweaver ist. Und ich bin sicher, dass wir noch viele solcher Integrationen vornehmen werden, bevor Oracle mit seiner Fusion-Middleware einen ähnlichen Leistungsstand erreichen kann.

ZDNet: Oracles jüngste Akquisition war der Business-Intelligence-Spezialist Hyperion. Der BI-Markt scheint heiß zu werden. Wie reagiert SAP darauf?

McDermott: SAP hat schon längst BI und Analytics in seine Plattform integriert. Wir haben 35 Jahre Erfahrung in mehr als 26 Industrien. Daraus haben wir die Messverfahren entwickelt, die gebraucht werden, um Unternehmensleistungen zu messen.

ZDNet: Das beschränkt sich auf die Daten in den SAP-Systemen - wie aber verhält es sich mit den anderen Datenbeständen, die ebenfalls zu analysieren sind?

McDermott: Unsere offene Plattform Netweaver erlaubt das Anbinden von vielen Systemen, auch BI-Systemen. Es gibt bereits viele Hyperion-Anwender die ebenfalls SAP einsetzen. Aber auch Cognos, Business Objects und viele andere arbeiten schon lange äußerst erfolgreich mit uns.

ZDNet: Netweaver ist anfangs bei vielen IT-Chefs auf Skepsis gestoßen. Wie sieht der Markt dafür heute aus?

McDermott: Im vorigen Jahr hat Netweaver 754 Millionen zum Umsatz beigetragen, 22 Prozent davon waren Stand-alone-Installationen. Wir haben 2006 ein Wachstum des Netweaver-Umsatzes von 55 Prozent gesehen. Ich meine, diese Zahlen sprechen für sich.

ZDNet: Das ist beachtlich. Aber was wird denn abgelöst: R/3 bestimmt, Oracle wohl auch. Doch gibt es endlich auch einen Schub in die Richtung, dass die überalterten und wartungsintensiven Legacy-Systeme abgeschaltet werden?

McDermott: Ja, diesen Trend gibt es in der Tat, wenn auch sehr langsam. Ein Abschalten erfolgt immer erst nach einem sehr intensiven Parallelbetrieb. Schließlich sind viele dieser Systeme 20 bis 30 Jahre alt, und es gibt kaum noch jemanden, der sich damit auskennt. Somit weiß man auch nicht genau, was diese Systeme alles genau machen.

ZDNet:Und wie geht es mit Netweaver jetzt weiter? W werden denn die nächsten Erweiterungen sein?

McDermott: Netweaver wird die Unternehmensgrenzen verlassen. Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich heute schon dadurch aus, dass sie flexible Partnerschaften, Kooperationen und Zulieferfunktionen eingehen können. Dieser Trend wird sich rasant weiterentwickeln, denn kein Unternehmen kann auf die sich immer schneller ändernden Geschäftsanforderungen noch mit eigenem Personal schnell genug antworten.

ZDNet: Und wie soll diese Netweaver-Kollaboration technisch realisiert werden?

McDermott: Netweaver wird für das Business Web 2.0 aufbereitet. So wie es jetzt bereits einen unterbrechungslosen Übergang zwischen Netweaver und Office gibt, so wird es auch bald einen Web-Services-basierten Übergang von Netweaver und dem Internet geben, über den dann die Unternehmen untereinander kommunizieren können und Geschäftsprozesse abwickeln werden.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www2.sapsapphire.com/usa2007/index.epx