Software AG kauft Webmethods: Aus EAI wird SOA

(http://www.zdnet.de/magazin/39153515/software-ag-kauft-webmethods-aus-eai-wird-soa.htm)

von Bernd Seidel, 20. April 2007

Hintergrundbericht: Für rund 546 Millionen Dollar in bar will die Software AG den amerikanische Hersteller Webmethods kaufen. Ziele der Übernahme sind die Erweiterung des SOA-Angebotes sowie die Stärkung der Position auf dem US-Markt.

Der Kauf von Webmethods, einem US-amerikanischen Hersteller von Integrationssoftware und Business Process Management (BPM), für rund 546 Millionen Dollar in bar ist einer der ganz großen Deals für die Software AG, das Softwarehaus aus Darmstadt: Zusammen erwirtschaften beide Firmen einen geschätzten Umsatz von 700 Millionen Euro im Jahr, wovon die Software AG rund 500 Millionen Euro beiträgt. Die Übernahme soll das Produktportfolio in den Bereichen serviceorientierte Architektur (SOA) und Business Process Management vervollständigen, zu dessen Bausteinen Softwarelösungen für SOA Governance und Enablement, BPM, Business Activity Monitoring, Anwendungsintegration und Legacy-Modernisierung gehören. Die Software AG bringt die Plattform "Crossvision" mit ein, Webmethods Flaggschiff ist die Produktfamilie "Fabric".

Nach Zahlen des Analystenhauses Gartner für das Jahr 2005 steigt die Software AG mit der Akquisition zum weltweit drittgrößten Anbieter von Integrationssoftware hinter IBM und Tibco auf. Die Hälfte ihres Umsatzes wollen die Hessen nun künftig mit Services und Tools im SOA-Umfeld erzielen. Die Übernahme steht unter dem Vorbehalt von behördlichen Genehmigungen und weiteren üblichen Bedingungen. Es wird erwartet, dass die Übernahme im 2. Quartal 2007 abgeschlossen wird.

"Die Akquisition wurde von Insidern bereits seit mehreren Monaten erwartet", gibt Helmuth Gümbel, Analyst und Managing Partner beim Beratungshaus Strategy Partners zu Protokoll. Es gebe zwischen beiden Unternehmen schon lange Verbindungen auf persönlicher Ebene - das US-Hauptquartier von Webmethods liege zudem in der Nähe des US-Büros der Darmstädter. Gümbel glaubt, dass der Kauf eine gute Entscheidung war. "Webmethods liefert beispielweise Adapter für die Integration, die man braucht, um unter anderem SAP Netweaver mit Fremdprodukten zu verbinden. Die hatte SAP aus gutem Grund nicht selbst geschrieben."

Martin Barnreiter, Analyst beim Beratungshaus PAC in München, hat die Übernahme ebenfalls nicht überrascht. "Für Webmethods war es wohl eine Frage der Zeit, bis sie gekauft werden", sagt er. Das Unternehmen war einer der wenigen unabhängigen Anbieter, die aus der Ära der Enterprise-Application-Integration-Welle (EAI) Ende der Neunziger übrig geblieben war. In den vergangenen Jahren hat sich das Unternehmen aus Fairfax, Virginia, zunehmend schwer getan, ein kontinuierliches Wachstum sowie Profitabilität zu erreichen. Hierzulande schätzt PAC den Jahresumsatz von Webmethods auf gerade einmal 13 bis 15 Millionen Euro.

Sinn ergibt der Deal aber dennoch, wie Barnreiter findet. "Die Software AG stärkt mit der Übernahme ihre Position in Nordamerika, woher die Mehrzahl der rund 1500 Webmethods-Kunden stammt. Die Hessen wiederum bedienen etwa 3000 Kunden, die vor allem in Europa, aber auch in Asien und Afrika ansässig sind. Das eröffnet neue Verkaufschancen für Webmethods-Produkte." Sinnvoll ergänzten sich auch die Branchen, in denen beide bislang tätig waren: Während die Software AG Handelsunternehmen, die öffentliche Verwaltung, Logistikunternehmen und Versicherungen zu ihren Kunden zählt, bediente Webmethods Betriebe aus der diskreten und der Prozess-Fertigung, der Telekommunikationsindustrie sowie Finanzdienstleister.

Auch das Produktportfolio gewinne an Breite, sagt der PAC-Analyst. "Durch die Übernahme hat die Software eine fast vollständige SOA-Suite zusammen und schließt damit zu Konkurrenten wie IBM, Bea und Tibco auf." Lücken habe die Company jedoch nach wie vor in den Bereichen Portallösung, Sicherheit und Modellierung. Überschneidungen gebe es in den Bereich Enterprise-Service Bus (ESB) und Governance, wo die Software AG mit der Lösung "Centrasite" ein eigenes Angebot hat. In Sachen BPM besteht eine Kooperation mit Fujitsu Siemens Computers (FSC).

Peter Kürpick, Technologie-Vorstand der Software AG, gesteht sowohl Lücken als auch Überlappungen ein. "Selbst IBM hat in seiner Websphere-Familie, zu der mittlerweile 150 Produkte gehören, noch weiße Flecken", sagt er.

Kürpick verspricht, dass die Software AG eigene Lücken im Bereich Portale, Sicherheit und Modellierung sowohl durch Eigenentwicklungen oder auch weitere Zukäufe schließen werde. Derzeit stehe aber keine weitere Akquisition an. Positiv bewertet er die Verstärkung im Bereich BPM. "Hier hatten wir bisher keine eigene Lösung und haben das Partnerprodukt von FSC als Teil der Crossvision-Suite mit angeboten." Kunden hätten das Fehlen eines eigenen Produktes oft nachteilig bewertet. Die SAG werde trotz des erweiterten Portfolios die FSC-Lösung jedoch weiterhin supporten, wie Kürpick verspricht, da einige Kunden das Produkt im Einsatz haben. Einen konkreten Zeitraum nannte er nicht.

Hinischtlich SOA-Governance sei geplant, die vorhandene eigene Lösungen Centrasite mit der Offerte von Webmethods innerhalb der nächsten neun bis 12 Monate zu verschmelzen. Durch die komplementären Geschäftsmodelle von Software AG und Webmethods verspricht das Unternehmen, dass Synergien sowohl durch Umsatzwachstum als auch Kosteneinsparungen realisiert werden können, ohne jedoch konkrete Zahlen zu nennen. "Wir erwarten, dass sich die Transaktion von 2008 an deutlich positiv auf das operative Ergebnis je Aktie der Software AG auswirkt", sagte Arnd Zinnhardt, Finanzvorstand der Software AG. Ob dieses ehrgeizige Vorhaben gelingt und ob die Übernahme, wie von der SAG angepeilt, bereits im Jahr 2008 Früchte trägt, steht laut Analyst Barnreiter noch in den Sternen. "Die Darmstädter haben bisher keine Erfahrungen mit großen Firmenzukäufen und deren Integration."

Dem Ziel, den Umsatz in den nächsten fünf Jahren auf eine Milliarde zu verdoppeln, ist die Softwareschmiede - das zweitgrößte Softwarehaus Deutschlands - jedoch einen Schritt nähergekommen. Nun ist organisches Wachstum angesagt, denn das im Februar auf maximal 700 Millionen Euro bezifferte Budget für Übernahmen ist größtenteils ausgeschöpft.