Adobe-CEO: Ernste Gefahr durch Google und Microsoft

(http://www.zdnet.de/magazin/39152970/adobe-ceo-ernste-gefahr-durch-google-und-microsoft.htm)

von Mike Ricciuti, 27. März 2007

Im Markt für Kreativsoftware ist Adobe eine Macht, doch die Welt hat sich geändert: Kostenlose Programme greifen die Umsätze des Unternehmens an. Im zweiten Teil des langen Interviews spricht CEO Bruce Chizen über neue Kunden und alte Rivalen.

Adobe nimmt auf dem Markt für sogenannte Kreativsoftware wie Bildbearbeitungs-, Webdesign- und Layout-Tools eine Führungsposition ein - doch die Welt hat sich geändert. Die Nutzer glauben nicht länger daran, dass Standardsoftwareprogramme großer Unternehmen eine optimale Lösung für sie darstellen. Es gibt einfach immer mehr Anwendungen, die kostenlos verfügbar sind. Das ist der Grund, warum Adobe vor einer entscheidenden Phase steht, erklärte CEO Bruce Chizen bereits im ersten Teil[1] des ausführlichen Interviews mit CNET/ZDNet.

In diesem zweiten und letzten Interviewteil spricht Chizen über alte und neue Konkurrenten, einige Überraschungen in Zusammenhang mit der Übernahme von Macromedia und die Bedeutung von Video für Adobe.

ZDNet: Als Sie letztes Jahr gefragt wurden, warum Adobe Macromedia übernommen hat, antworteten Sie: Flash. Eine ziemlich kurze Antwort!

Chizen: Sie haben Recht - natürlich haben wir darüber hinaus noch eine Menge anderer Dinge bekommen. Zum Beispiel wunderbare, innovative, engagierte Mitarbeiter, die Adobe geholfen haben, sich weiterzuentwickeln. Und diese großartige Videoplattform: ganz offen gesagt, eine Überraschung für uns! Mir war das Potential von Flash-Video zu Anfang nicht wirklich bewusst. Der Flash Media Server war eine Riesenüberraschung.

Mit Dreamweaver konnten wir ein branchenführendes Web-Entwicklungs-Tool anbieten - ein enormer Gewinn für uns. Wir haben es jahrelang mit Go Live probiert. Es war ein gutes Produkt. Doch wir haben es nie geschafft, damit eine zentrale Stellung im Web einzunehmen - wir haben uns immer nur an der Peripherie bewegt.

Es liegt an uns, eine Lösung anzubieten. Wenn wir es nicht tun, macht es Google. Ich würde es so sagen: Ich hoffe, dass Adobe rechtzeitig da ist und auf die Anforderungen unserer Anwender reagieren kann. Natürlich könnte Google schneller sein, aber es gibt auch noch andere.

ZDNet: Wird Dreamweaver in Zukunft eher zu einem integralen Bestandteil der Creative Suite werden?

Chizen: Ja, in der nächsten Version. Es wird möglich sein, ein Bild in Dreamweaver doppelzuklicken und Photoshop zu starten, dann die Änderungen mit Photoshop vorzunehmen - und auch in Dreamweaver ändert sich das Bild dann automatisch. Wir werden die Verbindung zwischen Kreativwerkzeugen und Flex auch weiterhin unterstützen.

Abgesehen von all den anderen Vorteilen, die uns der Macromedia-Deal gebracht hat, haben wir mit Flex und Coldfusion einen Weg zur Aufwertung von Geschäftsprozessen gefunden. Und auch im Bereich mobile Endgeräte haben wir an Einfluss gewonnen.

Uns war klar, dass die Anwender in Zukunft statt über ihren PC immer mehr über mobile Endgeräte auf Informationen zugreifen würden. Der Adobe Reader war hier jedoch nicht die richtige Antwort. Wir hatten einige Fehlstarts und kamen irgendwie nicht weiter. Dann kam Flash Lite und brachte den Durchbruch! Die Tatsache, dass wir die Gerätehersteller nicht zwingen mussten, diese Technologie zu installieren, sondern dass sie auch noch dafür bezahlen, ist erfreulich. Derzeit befinden wir uns auf 200 Millionen mobilen Endgeräten. Jede Sony Playstation 3 ist mit Flash Lite ausgestattet.

ZDNet: Stehen Sie im Bereich der elektronischen Formulare in Konkurrenz zu Microsoft und Office 2007?

Chizen: Ja. Wir stehen in Konkurrenz zu Microsoft, kommen uns aber nicht wirklich ernsthaft in die Quere. Die meisten unserer Anwender sind im Bereich Finanzdienstleistungen, in der Herstellung, im Gesundheitswesen, im Bereich Pharmazie oder in Behörden tätig. Das heißt, sie müssen sich auch außerhalb der Firewall bewegen und brauchen die Vertrauenswürdigkeit des Adobe Reader - hier kann Microsoft nicht mithalten. Man kann nicht Vertrauenswürdigkeit fordern und gleichzeitig verlangen, dass alle Windows XP, das XP Service Pack 2 oder Vista verwenden.

Unsere Kunden erwarten, dass ihre Klienten Zugang zu den entsprechenden Formularen und Geschäftsprozessen haben, ganz gleich, welches Betriebssystem oder welchen Browser diese Personen benutzen. Und dabei ist Sicherheit von großer Bedeutung - HTML sind hier Grenzen gesetzt. Wir bieten hier also wirklich ein ganz besonderes Nutzenversprechen. Schauen Sie sich bei Ameriprise oder Fidelity um - dort werden Adobe Flex und Live Cycle verwendet. Selbst bei Yahoo: Wenn Sie sich einmal die Yahoo Maps anschauen - das alles ist Flex/Flash. Sogar Google Finance basiert auf Flash.

Wir machen etwas wirklich Einzigartiges. Viele Anwender brauchen uns auch gar nicht. Aber wenn wir etwas Einzigartiges hervorbringen, ist es auch wirklich einzigartig. Es dann noch auf andere Weise zu erreichen, ist fast unmöglich. Das einzige Unternehmen, das tatsächlich in der Lage ist, etwas Ähnliches zu entwickeln wie wir, ist Google - allein schon aufgrund seines großen Talentpotentials und seiner schier unerschöpflichen Ressourcen.

ZDNet: Es überrascht, dass Sie Google als einziges Unternehmen nennen, das zum Teil in der Lage ist, ähnliche Projekte wie Adobe in Angriff zu nehmen. Können Sie das noch ein bisschen genauer erläutern?

Chizen: Wenn ich sage, zum Teil, meine ich damit, dass Google beeindruckende Websites entwickeln kann - teilweise ohne dafür unsere Tools zu verwenden. Das liegt daran, dass Google es sich leisten kann und sich im Bereich Handcodierung hervorragend auskennt, weil das Unternehmen auf einen enormen Talentpool zurückgreifen kann, den andere sich eben nicht leisten können.

ZDNet: Fällt Microsoft denn nicht in diese Kategorie?

Chizen: Wenn Sie sich einmal die Microsoft-Website anschauen, entdecken Sie, dass sowohl Flash als auch PDF häufig verwendet werden. Die Tatsache, dass die eigenen Technologien nicht besonders intensiv zum Einsatz kommen, legt nahe, dass Microsoft zwar großartige Tools entwickelt, die Fähigkeit allerdings, diese Tools auch für ihre eigene Website zu nutzen, nicht so ausgeprägt ist wie bei Google.

ZDNet: Und wie sieht es mit Google als Konkurrenz zu Ihren gehosteten Anwendungen aus?

Chizen: Wenn wir es nicht schaffen, schafft es Google. Wir müssen einfach vor Google da sein! Die Anwender verlassen sich auf uns und erwarten, dass wir Ihnen diese Anwendungen bereitstellen. Wenn sie also möchten, dass ihnen solche Online-Lösungen im Rahmen eines für den Nutzer kostenlosen Geschäftsmodells zur Verfügung gestellt werden, sollten wir uns wohl darum kümmern - sonst verlieren wir diesen Kunden.

Es ist so ähnlich wie bei der Einführung von Photoshop Elements vor ein paar Jahren. Da ist einerseits der professionelle Photoshop-Kunde, doch alle waren besorgt, was wir für die Kunden im Low-End-Bereich tun würden. Nun, wenn wir heute kein Angebot machen könnten, würde die Welt ziemlich anders aussehen. Es liegt an uns, eine Lösung anzubieten. Wenn wir es nicht tun, macht es Google. Ich würde es so sagen: Ich hoffe, dass Adobe rechtzeitig da ist und auf die Anforderungen unserer Anwender reagieren kann. Natürlich könnte Google schneller sein, aber es gibt auch noch andere. Es gibt eine Marktgelegenheit und eine ganze Reihe von Leuten, die es dorthin schaffen könnten. Also sollte ich mich beziehungsweise sollte Adobe sich besser auf den Weg machen, bevor andere es tun. Dabei ist Google ein recht wahrscheinlicher, wenn auch nicht der einzige Konkurrent.

ZDNet: Hat sich erst im vergangenen Jahr herausgestellt, dass Google zu Ihnen in Konkurrenz tritt?

Chizen: Als Google Picasa übernahm, war eigentlich alles klar. Dann folgte die Übernahme von Writely, ganz abgesehen von Google Apps. Wenn wir das jetzt verschlafen, kann Google einfach weitermachen und alle möglichen Anwendungen anbieten. Ich denke, mit der Veröffentlichung von Adobe Remix zur Videobearbeitung haben wir ein klares Zeichen gesetzt: Wir sind da.

ZDNet: Stimmt es, dass die Mehrheit Ihrer Nutzer eher Amateure sind?

Chizen: Ja, das stimmt. Ich bezeichne sie als Profis, die nicht im Kreativbereich arbeiten, das heißt nicht in den Bereichen Webseitenerstellung oder Design oder im Zeitungswesen. Diese Personen arbeiten als Verkaufsangestellte, die ihrer Powerpoint-Präsentation auf die Sprünge helfen wollen, oder sie benutzen das Produkt ganz einfach zu Hause. Und selbst bei der Creative Suite ist das so: Letztes Jahr stammten 40 Prozent der Käufer nicht aus dem Kreativbereich.

Ich finde das faszinierend, aber auch nicht besonders überraschend, wenn ich an die Menge der Leute denke, die gerne eines der Produkte umsonst von mir haben möchten. Ich frage dann immer: Was haben Sie denn damit vor? Die Antwort lautet dann meistens: Ich möchte Photoshop einfach gerne haben, weil ich etwas layouten oder den Kindern bei einer Hausarbeit helfen möchte, oder weil ich mir vielleicht eine eigene Homepage anlegen will. Als Analogie fallen mir dann immer die Leute ein, die sich einen Mercedes, einen Lexus oder einen BMW kaufen, um damit zum Briefkasten zu fahren. Die Nutzer wollen die Marke, sie wollen etwas Bekanntes - und unsere Kunden haben auch ein bisschen etwas davon. Sie gehören zur gehobenen Käuferschicht, sozusagen zu den Tiffany-Kunden, und wollen einfach das Beste.

Und selbst bei der Creative Suite ist das so: Letztes Jahr stammten 40 Prozent der Käufer nicht aus dem Kreativbereich. Ich finde das faszinierend, aber auch nicht besonders überraschend, wenn ich an die Menge der Leute denke, die gerne eines der Produkte umsonst von mir haben möchten.

ZDNet: Sind Sie besorgt über den Druck, der vom Open-Source-Bereich ausgeht?

Chizen: Nein. Wir denken schon darüber nach, doch die Open-Source-Community hat es - zumindest auf unserem Gebiet - noch nicht geschafft, das gleiche Qualitäts- und Innovationsniveau sicherzustellen wie wir. Wenn die neue Version von Photoshop nur eine einzige herausragende Funktion bietet, die das Open-Source-Produkt nicht hat, werden sich die Anwender für Photoshop entscheiden. Dadurch unterscheiden sich unsere Kunden wohl von Anwendern, die mit Textverarbeitung oder Tabellenkalkulationen zu tun haben. Genau genommen arbeiten wir sogar mit der Open-Source-Community und Mozilla zusammen, und wir möchten diese Kooperation auch noch weiter ausbauen.

ZDNet: Bei einem Web 2.0 Summit haben Sie - im Prinzip - gesagt: Wir teilen gerne, aber irgendwo müssen wir die Grenze ziehen. Ist das so richtig?

Chizen: 19 Prozent unserer Einnahmen geben wir für Forschung und Entwicklung aus. Irgendwie muss das ja auch bezahlt werden. Außerdem bin ich Geschäftsmann, da geht es nun mal ums Geldverdienen. Ganz abgesehen von unseren Aktionären.

ZDNet: Wie würden Sie die Position von Adobe im Open-Source-Bereich im Vergleich zu anderen Unternehmen wie IBM einschätzen, das sich in der Open-Source-Welt auf recht offensive Weise einen Platz gesichert hat?

Chizen: Das liegt zum Teil daran, dass das Hauptgeschäft von IBM Infrastrukturlösungen sind, nicht Anwendungen. Deshalb macht es IBM nichts aus, Anwendungssoftware einfach so aus der Hand zu geben. Wenn jemand IBM auffordern würde, seine Content-Management-Systeme vollständig zu Open Source zu machen, würde IBM vermutlich ablehnen, weil das Unternehmen mit dieser Software noch eine Weile lang Geld verdienen möchte.

In Bereichen, in denen Einnahmen und Gewinne generiert werden sollen, ist Open Source keine Option. Bisher hat, soweit ich weiß, noch niemand nachgewiesen, dass man seine Produkte komplett zu Open Source machen und damit langfristig Geld verdienen kann. Red Hat ist auf den Service-Bereich ausgerichtet. Aber wir sind nicht im Service-Business - bei uns dreht sich alles um Software.

ZDNet: Wie läuft es im Bereich Business-Software, mit Produkten wie Livecycle und Coldfusion?

Chizen: Eigentlich so wie erwartet. Im letzten Jahr belief sich unser Umsatz in diesem Bereich auf 200 Millionen US-Dollar. Wäre Adobe ausschließlich auf Firmensoftware spezialisiert, stünden wir damit im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Leider geht diese Zahl in einem 3-Milliarden-Unternehmen dann aber doch eher unter. Diese Sparte machte im vergangenen Jahr 8 Prozent unseres Umsatzes aus. Es gab ein paar Punkte, die uns zu schaffen machten.

Bei Livecycle mussten wir einiges an Überzeugungsarbeit leisten, um die Kunden zu mobilisieren. Erst jetzt haben wir langsam so viele Kunden, dass wir tatsächlich von einem echten Erfolg sprechen können. Livecycle 8, das diesen Frühling auf den Markt kommen wird, bietet als erstes Produkt überhaupt vollständig integrierte Server mit einem einzigen Installer und einer einzigen Administrationsoberfläche. Außerdem bietet es die Möglichkeit einer Datenerfassung in Flex. Adobe kann erfreuliche Wachstumszahlen vorlegen. Trotzdem glaube ich, dass der Start von Livecycle 8 noch einmal beträchtlichen Zusatzschub liefern wird.

Außerdem ist Adobe in den SAP Netweaver integriert. Wer im Netweaver ein interaktives Formular bearbeiten möchte, kommt um Adobe nicht herum. Wenn der Kunde das Formular verändern will, muss er ein Adobe- oder SAP-Produkt kaufen. Die Anwender haben erst vor kurzem begonnen, SAP-Anwendungen im Rahmen von Netweaver zu verwenden. Wir freuen uns über diese Entwicklung. Es hat lange gedauert, bis dieses Projekt endlich an Fahrt gewonnen hat. Aber auch in diesem Fall sind wir nicht überrascht. Und wenn wir in dieser Sparte eigenständig wären - Nehmen Sie etwa Salesforce.com: ein 500-Millionen-Dollar-Unternehmen - und alle denken, besser geht es nicht! Glücklicherweise habe ich viele Unternehmungen, von denen ich sprechen kann.

ZDNet: Welche Märkte werden in der Zukunft für Adobe wichtig sein?

Chizen: Video. Und damit meine ich nicht nur die bloße Bearbeitung, sondern den gesamten Arbeitsablauf. Echtzeitbearbeitung, Nachbearbeitung, Streaming, DRM, Fertigstellung - die gesamte Bandbreite also, für Profis wie für engagierte Amateure. Natürlich auch für den Gelegenheitsanwender zu Hause, abhängig von den dort vorhandenen finanziellen Mitteln.

Unser zweites großes Anliegen ist es, sicherzustellen, dass alles, was wir tun, auch für die Nutzung auf mobilen Endgeräten geeignet ist. Abgesehen von den Einnahmen aus Lizenzen für diese Geräte gehen wir im Geschäft mit mobilen Endgeräten davon aus, dass wir den Betreibern, die Daten für eine elegante Übertragung an mobile Endgeräte optimieren, Server verkaufen können. Bis Ende des Jahres wird es hier in den Vereinigten Staaten einen größeren Betreiber geben, der einen Flash-Cast-basierten Dienst anbietet. Auch der Bereich Firmensoftware wird weiterhin ein wichtiges Thema für uns sein. Stichwort Real Time Collaboration. Und wir denken an weitere Neuigkeiten wie digitale Bücher, außerdem die gehosteten, werbefinanzierten Anwendungen, von denen wir bereits gesprochen haben.

Unsere Hauptgeschäftsbereiche bei Adobe sind also: kreative Anwendungen, Firmensoftware, Acrobat. Darüber hinaus laufen unzählige kleinere Experimente, die wirklich sehr spannend sind. Wir haben eine so große Technologievielfalt zur Verfügung, die noch ausgelotet werden will. Aus synergetischer Sicht war Macromedia für Adobe eine große Bereicherung - und Adobe hat den Dingen, die bei Macromedia geplant waren, in der Folge enormes Gewicht verliehen.

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