Wo bleiben die im Krankenbett ausgeschwitzten Geschäftsideen, wenn sich das Wetter in Hannover erst am Wochenende verschlechtert? ZDNet-Kolumnist Hermann Gfaller denkt das Undenkbare.
Längst waren in München die Biergärten wieder eröffnet, die Eisdielen zogen nach, erste Kirschblüten wagten sich hervor und die Sonnenanbeter begannen sich auf den Isarkieseln zu entkleiden. Da kam er, der Schnee. CeBIT-Veteranen wussten es im voraus. Schließlich präsentierte sich die größte IT-Messe der Welt noch jedes Jahr mit einem breiten Wetterangebot von strahlendem Sonnenschein über nasskalt bis zum Schneegestöber. Klagen über das unverlässliche CeBIT-Wetter sind jedoch nicht angebracht, schließlich erweist es sich in seiner Vielfalt höchst beständig - und das selbst in Zeiten, in denen der Klimawandel den Eisbären das Eis unter den Tatzen wegschmilzt.
Diese Eigenschaft sorgte fast zwei Jahrzehnte lang dafür, dass tausende von Ausstellern und Besuchern ihre neu gewonnenen Eindrücke nach der CeBIT im Bett zu innovativen Ideen ausbrüten konnten. Dazu passt hervorragend, dass sich in diesem Jahr die Mediziner und ihre Techniker in Hannover getroffen haben. Sie waren am rechten Ort, sozusagen am Point of Sales. Allerdings sollte man von ihnen ebensowenig erhoffen, dass sie der CeBIT-Erkältung Herr werden, wie von der Computerei ein papierloses Büro zu erwarten ist.
Doch im nächsten Jahr könnte alles anders werden. Dann verkürzt sich die Messe und wagt sich nur noch zaghaft ins Wochenende. Wird Petrus die Zeit reichen, um seine gesamte Wetterpalette zu präsentieren? Sind dann die Zeiten vorbei, in denen man die Verhandlungen in den Containerbüros auf dem Trelement (dem Dach der Halle 1) bis zum für beide Seiten erträglichen Kompromiss ausdehnte, weil man sich nicht aufs bitter zugige Dach hinauswagte. Wo bleiben die im Krankenbett ausgeschwitzten Geschäftsideen, wenn sich das Wetter erst am Wochenende verschlechtert, wenn CEOs, COOs, CFOs und CIOs die CeBIT schon zugunsten der Gamer geräumt haben, die dort ihre von Intel und Co hochdotierten und mörderischen E-Sports-Wettbewerbe austragen?Bahnt sich gar ein Klimawandel im übertragenen Sinne an? Wird es künftig als business-like gelten, ohne Kater und Erkältung aus Hannover abzureisen?
Hakt man dort künftig lästige Lieferantenbesuche ab, anstatt auf dem Weg von Halle 4 (ERP; Mittelstand) nach 13 (TK) in Halle 25 über die künftige Mobilfunk-Ausstattung für den Konzern zu stolpern - nur weil man Schutz vor dem Eisregen gesucht hat? Ganz abgesehen vom Kongresszentrum, das in der Mitte gelegen zu einem Kaffee und einen Schwatz mit Journalisten einlädt oder zu einem warmen Sitzplatz in einem einschläfernden Kongress über den Unternehmensnutzen von Web 2.0. Ist ein solcher Klimawandel vielleicht sogar gewollt? Schließlich redet alle Welt von Neuorientierung der Messe, von Rückbesinnung auf Business-IT statt auf technische Innovation. Aber wer weiß?
Wenn die Messe zum Business-Meeting verkommt, kehren ja vielleicht die sehnsüchtig vermissten US-Konzerne mit ihren in hochtrabendes Marketing verpackten aber im Grunde drögen Rechnern und Datenbanken wieder, um hier ihre asiatischen Zulieferer zu treffen. Dann kann auch der echte Klimawandel einsetzen und für ein langweilig kalifornisches Dauerhoch sorgen.