Streit um Office 2007: Microsoft wirft IBM Heuchelei vor

(http://www.zdnet.de/magazin/39152270/streit-um-office-2007-microsoft-wirft-ibm-heuchelei-vor.htm)

von Martin LaMonica, 2. März 2007

Sie küssen und sie schlagen sich: Redmond wirft Big Blue in einem offenen Brief vor, die ISO beeinflussen zu wollen. Die Organisation soll daran gehindert werden, Office Open XML als Standard für Office-Dokumente festzusetzen.

IBM und Microsoft arbeiten oft Hand in Hand, wenn es etwa um Standards für Web-Services geht. Nicht in jedem Bereich herrscht jedoch Harmonie: Microsoft hat IBM beschuldigt, eine Kampagne zur Blockierung des Standardisierungsverfahrens für Microsofts Dateiformat Office Open XML zu betreiben. In einem offenen Brief[1] behaupten Microsoft-Manager, dass IBM Einfluss auf den Normierungsprozess nehmen wolle. Außerdem wirft Microsoft IBM vor, Regierungen dazu zu drängen, ein Dokumentenformat für verbindlich zu erklären, das von IBM favorisiert wird.

Die International Organization for Standardization (ISO[2]) erwägt derzeit, Office Open XML (OOXML) von Microsoft - die standardmäßigen Dokumentenformate von Microsoft Office 2007 - zur Norm zu erheben. Eine solche Ratifizierung wäre besonders für Behörden bedeutend, die Wert auf eine ISO-Zertifizierung für digitale Dokumente legen.

IBM und andere Mitbewerber von Microsoft bevorzugen das Open Document Format (ODF) - ein Format, das bereits von der ISO genormt wurde. Zahlreiche Behörden, darunter die von Massachusetts und einiger europäischer Länder, unterstützen das ODF.

Microsoft behauptet, dass IBM versuche, "den Benutzern ODF durch öffentliche Aufträge aufzuzwingen". Dies wiederum habe negative Auswirkungen für die Kunden und den Markt. Der offene Brief trägt die Unterschriften von Tom Robertson, General Manager for Interoperability and Standards, und Jean Paoli, General Manager of Interoperability and XML Architecture.

Im Rahmen eines Interviews mit CNET News.com[3] sagte Robertson, dass IBM "eine breit angelegte Kampagne" fahre, welche die ISO von einer OOXML-Standardisierung abhalten solle. "Wir sehen einen gewissen Grad an Heuchelei im Verhalten von IBM... Sie haben uns oft dazu aufgefordert, unsere Formate zu standardisieren und sie der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Nachdem wir das jetzt getan haben, versuchen sie alles, um die Standardisierung von OOXML zu blockieren. IBM steht in der Branche ganz und gar auf der falschen Seite."

Bislang lehnen es Vertreter von IBM ab, dazu einen Kommentar abzugeben. In der Vergangenheit hatten sie - und andere Microsoft-Gegner - OOXML als technisch fehlerhaft und nicht wirklich "offen" bezeichnet, da das Format von Microsoft kontrolliert wird.

Robertson sagte, dass Microsoft sich entschlossen habe, den Brief zu veröffentlichen, um die Aktivitäten von IBM "ans Licht zu bringen". Außerdem sei IBM der einzige Vertreter gewesen, der bei der Ecma International[4], einer in Europa beheimateten Normierungsstelle, dagegen gestimmt habe, OOXML zur Norm zu machen.

Robertson lehnte es ab, Einzelheiten der Aktivitäten von IBM zu benennen, da der Normierungsprozess der ISO nicht öffentlich ist. "Ein Teil (des offenen Briefes) weist auf die Aktivitäten von IBM und deren grundlegend negativen Auswirkungen für die Kunden und die Branche als Ganzes hin."

Nachdem die Normierung durch Ecma Ende letzten Jahres abgeschlossen war, hatte Microsoft bei der ISO einen Antrag bezüglich Open XML über den "kleinen Dienstweg" eingereicht, der aber immer noch mehrere Monate in Anspruch nimmt.

Während der anfänglichen, 30-tägigen Einspruchsphase, die Anfang Februar zu Ende ging, hatten nach Informationen von Beobachtern 20 ISO-Ländervertreter "Wiedersprüche" oder Kommentare zur Open-XML-Spezifikation abgegeben. Laut Andrew Updegrove, einem Anwalt der Kanzlei Gesmer Updegrove und Experten für Normung, stammten die Kommentare von fast einem Drittel der insgesamt 66 Ländervertreter bei der ISO.

Der offene Brief ist der aktuelle Höhepunkt eines seit Jahren andauernden, erbitterten Streits. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob Microsoft seine derzeitige Vorherrschaft im Bereich der Office-Anwendungen wahren kann. Für das Unternehmen würde dies Milliardengewinne bedeutet.

Die Alleinherrschaft von Microsoft im Bereich der Desktop-Software wird jedoch durch den Open-Document-Standard angefochten. Produkte auf Basis von Open Document kommen erst ganz allmählich auf den Markt und sind bislang weit weniger verbreitet als Office. Das Open-Document-Format erlangte eine gewisse Bekanntheit, als der US-Bundesstaat Massachusetts eine Richtlinie verabschiedete, die die Staatsbehörden zur Nutzung von Open Document zur Speicherung von Dokumenten verpflichtete. Viele Wettbewerber von Microsoft - darunter IBM, Sun Microsystems und Google - haben sich gemeinsam hinter Open Document gestellt.

Doch Analysten bewerten die Chancen von Open Document als eher durchwachsen: "Die Unternehmen haben seit wenigstens zehn Jahren keinen Erfolg mit Konkurrenzprodukten zu Microsoft Office", sagte der Gartner-Analyst Michael Silver bereits vor Monaten. "Nun versuchen sie, mithilfe des Dateiformats die Dominanz von Microsoft zu knacken."

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.microsoft.com/interop/letters/choice.mspx
[2] = http://www.iso.org/iso/en/ISOOnline.frontpage
[3] = http://www.news.com
[4] = http://www.ecma-international.org/