Windows Vista bringt einen runderneuerten Explorer für die Dateiverwaltung mit, der beim Abbau von Verzeichnishierarchien helfen soll. ZDNet hat getestet, was die neue Software bietet, und dabei einige Schwächen aufgedeckt.
Microsoft baut Dämme gegen die steigende Flut: Alleine die Digitalisierung von Musik und Bildern hat das Datenvolumen in den letzten Jahren deutlich anschwellen lassen. Die Speicherung hält mit den zunehmenden Anforderungen aber nicht Schritt. Noch immer werden Dateien vorzugsweise in Verzeichnissen organisiert, die sich in immer mehr Hierarchien verästeln.
Microsoft unternimmt mit Windows Vista[1] den Versuch, neue Möglichkeiten zur Organisation von Dateien zu schaffen: weg von der tief verschachtelten Ordnerstruktur und hin zu gegliederten Ansichten, die teilweise auch unabhängig vom Speicherort sind.
Neben der Optik in Form von transparenten Rahmen und neuen Farben hat Microsoft vor allem das Layout des Explorer-Fensters geändert. Es wirkt unter Windows Vista weniger überfrachtet als unter XP.
Die weitgehend nutzlosen Verzeichnispfade im XP-Explorer wurden durch ein verbessertes Konstrukt ersetzt: Bestandteile des Pfades sind mit Pfeilen voneinander getrennt und lassen sich anklicken. Dies ermöglicht die Navigation in andere Ordner.
Auch die jeweiligen Unterordner sind auf diese Weise erreichbar. Die jetzt in jedem Explorer-Fenster standardmäßig eingeblendete Baumstruktur ist damit eigentlich überflüssig. Sie kann mit einem Mausklick ausgeblendet werden.
Anstatt wertvollen Platz auf dem Bildschirm mit umfangreichen Aufgabenbeschreibungen im Stil von "Ordner im Web veröffentlichen" und unnützen Verknüpfungen zu verschwenden, sind auf den linken Seite die bekannte Baumstruktur sowie ein Bereich zur Ablage beliebiger Datei- oder Verzeichnisverknüpfungen zu finden. Die Platzierung erfolgt per Drag and Drop.
Aufgaben wie "Brennen" oder "Freigeben" werden kontextsensitiv unter dem neuen Pfad-Konstrukt angezeigt. Klassische Menüs wie "Datei" oder "Ansicht" bleiben standardmäßig versteckt. Ganz verschwunden sind sie jedoch nicht: Ein Druck auf die Alt-Taste blendet sie temporär ein.
Dem zunehmenden Stellenwert von Metadaten[3] unter Windows Vista trägt das "Detailfenster" Rechnung. Es zeigt Metadaten nicht nur an, sondern ermöglicht auch ihre Bearbeitung. Das optional verfügbare Vorschaufenster gibt einen Einblick in die Inhalte einer Datei, ohne die zugeordnete Applikation starten zu müssen.
Eines der Entwicklungsziele von Windows Vista war es, die wachsende Datenmenge besser beherrschbar zu machen und neue Möglichkeiten zur Organisation anzubieten. Dies ist aber nur teilweise geglückt.
Microsoft setzt darauf, dass Anwender durch die Anzeige von Vorschaubildern anstelle neutraler Programm-Icons einen schnelleren Überblick erhalten. Diese werden in fünf von insgesamt sieben Ansichten angezeigt. Unter XP war dies nur in der eigentlich für Bilder gedachten "Miniaturansicht" der Fall.
Nach wie vor muss der Nutzer Anwendungen anweisen, Vorschaubilder zu speichern. Unverständlich ist, dass Microsoft dies beispielsweise im neuen Office 2007 nicht voreingestellt hat. Ein Schieberegler skaliert Icons deutlich größer als bisher und ohne Qualitätsverlust. Vorschaubilder sind so besser zu erkennen. Die Ansicht erinnert dann an einen Schreibtisch, auf dem Dokumente ausgelegt sind.
Unabhängig von der gewählten Ansicht stellt Windows Vista am oberen Rand Felder für Metadaten dar, beispielsweise Dateiname, Änderungsdatum, Typ und Größe. Ein Klick darauf sortiert die im Ordner angezeigten Dateien in auf- oder absteigender Reihenfolge. Dies funktioniert so auch unter XP. Gleiches gilt für die über einen Klick auf den rechten Rand durchführbare Gruppierung. Unter dem Vista-Vorgänger war sie allerdings weniger präsent.
Neu unter Windows ist die Möglichkeit, Dateien nach einem bestimmten Kriterium zu stapeln. Unter Vista kann man beispielsweise Stapel mit Dokumenten verschiedener Autoren anlegen. Das Betriebssystem lässt es erstmals zu, Daten nach bestimmten Kriterien zu filtern: Mit wenigen Mausklicks werden beispielsweise nur Dateien in den Formaten Word und Excel sowie mit einem bestimmten Erstellungsdatum angezeigt.
Die meisten Kriterien, etwa die Größe, lassen sich aber nicht modifizieren. Hier ist man auf die Vorgaben von Microsoft festgelegt. Lediglich Datumsangaben können mit einem Mini-Kalender ausgewählt werden. Besonders Poweruser würden sich bestimmt an dieser Stelle weitergehende Optionen wünschen.
Die erweiterten Möglichkeiten zur Sortierung, Filterung und Gruppierung ermöglichen es, mehr Dateien in einem Ordner darzustellen, ohne die Übersicht zu verlieren. Dies hat bei richtiger Anwendung eine Reduzierung der Ordner, eine Verringerung der Hierarchien und damit mehr Übersichtlichkeit zur Folge.
Leider ist die Bestückung von Dokumenten mit Metadaten nicht besonders ausgefeilt und verursacht in der Praxis einige Probleme. So ist es zwar möglich, über das Feld Markierung Dateien einem Stichwort zuzuordnen, das beispielsweise ein Projekt repräsentiert. Möchte man zur besseren Übersicht alle Dateien in einem Ordner ablegen und dann nach "Markierung" gruppieren, stößt man schnell an die Grenzen des Systems.
Denn nicht alle Dateiformate bieten das Feld Markierung. So weisen Office- und XPS-Dokumente sowie JPEGs das Feld auf, das PNG-Format jedoch nicht. Gehört zum Projekt auch nur eine einzige PNG-Datei, gerät das gesamte Ordnungssystem aus den Fugen.
Auch ansonsten ist das Metadaten-System in einigen Punkten nicht schlüssig: Während man Office-Dokumenten Markierungen zuordnet, zeigt die Oberfläche der neue Windows-Fotogalerie "Beschriftungen". Tatsächlich handelt es sich aber um ein und dasselbe Kriterium.
Auch die Vergabe von Metadaten im Explorer funktioniert nicht immer einwandfrei: Legt man beispielsweise mit der rechten Maustaste eine neue Word-Datei an und füllt das Feld Markierungen aus, wird dies mit einer Fehlermeldung quittiert: "Das Dokument ist bereits vorhanden." Um ans Ziel zu gelangen, muss man erst Word öffnen und beim erneuten Speichern die gewünschte Eingabe vornehmen.
Erstmals sind sogenannte Suchordner in Windows enthalten. Dabei handelt es sich um gespeicherte Suchabfragen, die ihre Ergebnisse immer auf dem aktuellen Stand halten. Eine Suche nach Dokumenten eines bestimmten Autors liefert zu jedem Zeitpunkt die aktuellen Daten. Über die Filterung der Metadaten ist eine weitere Verfeinerung der Ergebnisse möglich.
Suchordner ermöglichen es letztendlich, Dateien mit einer bestimmten Eigenschaft in einer Übersicht zusammenzustellen, auch wenn sie quer über die Festplatte verstreut sind. Ein Schwachpunkt der derzeitigen Implementierung ist, dass die Kriterien, die einem Suchordner zugrunde liegen, nicht ersichtlich sind. Man sollte sich also gleich einen eindeutigen Dateinamen einfallen lassen.
Suchordner werden zunächst wohl hauptsächlich von Powerusern eingesetzt und sind im Vergleich zu Vista-Vorabversionen weniger präsent. Dennoch hat Microsoft damit den langsamen Umstieg in Richtung eines virtuellen Dateisystems eingeleitet, bei dem die physikalische Lage von Daten in den Hintergrund tritt. Der Softwarehersteller machte bereits deutlich, dass sich diese Migration über mehrere Windows-Versionen hinziehen wird.
Microsoft hat die Dateisuche[4] in Windows Vista erheblich ausgeweitet. Sie basiert auf einem Index und liefert damit schon während der Eingabe des Begriffs Ergebnisse. Ähnlich wie bei den mit dem Feature verbundenen Suchordnern ist Microsoft aber kein Vorreiter, sondern hinkt Jahre hinter der Konkurrenz her: So bietet Mac OS X bietet diese Funktion schon seit der Version Tiger, die im April 2005 auf den Markt kam.
Der höhere Stellenwert der Desktop-Suche zeigt sich auch auf der Oberfläche: Jedes Explorer-Fenster ist mit einem Eingabefeld ausgerüstet, über das der Inhalt des angezeigten Ordners durchsucht werden kann.
Auch die systemweite Suche wurde renoviert. Microsoft hat in der neuesten Windows-Version auf animierte Assistenten verzichtet und bietet stattdessen eine nüchternere Oberfläche, die aber deutlich logischer ist. Zunächst wählt man den gewünschten Dateityp aus. Zur Verfügung stehen Alle, E-Mail, Dokument, Bild, Musik und Andere.
Über das Feld Erweiterte Suche lassen sich abhängig vom Dateityp weitere Optionen auswählen. Sucht man nach Musik, gibt es beispielsweise ein Feld für den Künstlernamen. Wie in normalen Ordnern ist eine weitere Filterung möglich. Ein Klick auf einen Button speichert eine Suchabfrage als Suchordner.
Das neue Layout der Explorers überzeugt: Im Vergleich zum Vorgänger XP wirkt es weniger überfrachtet und erleichtert durch die neue Pfaddarstellung die Navigation.
Bereits in XP vorhandene Features wie die Gruppierung auf der Basis von Metadaten sind in Vista präsenter - eine gute Voraussetzung für die verstärkte Nutzung. Leider verursacht der Umgang mit Metadaten in der Praxis einige Probleme. Da nicht alle Dateien über dieselben Felder verfügen, taugen sie zur Organisation nur bedingt. Auch die unterschiedlichen Bezeichnungen für Kriterium verkomplizieren den Umgang unnötig.
Was bleibt also unter dem Strich? Zwar ermöglicht der Vista-Explorer die Reduzierung hierarchischer Dateistrukturen, bei der täglichen Arbeit stößt man jedoch auf konzeptionelle Schwächen und nervige Bugs. Der Durchbruch bei der Speicherung lokaler Daten liegt in weiter Ferne. Für die bereits geplanten Vista-Nachfolger Fiji und Vienna bleibt also noch Verbesserungspotential. Vielleicht erlebt das ambitionierte Win-FS einen zweiten Frühling.
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