Web 2.0 als Office-Ersatz: Was AJAX-Tools leisten können

(http://www.zdnet.de/magazin/39151593/web-2-0-als-office-ersatz-was-ajax-tools-leisten-koennen.htm)

von Nicola Schmidt, 16. Februar 2007

Mit Online-Office-Paketen ist eine Textverarbeitung nur so weit entfernt wie der nächste Internet-Zugang. Ajax 13, Thinkfree, Zoho und Konsorten laufen komplett im Webbrowser. Wie gut die Online-Tools funktionieren, zeigt der ZDNet-Bericht.

Unterwegs noch schnell eine Datei ändern, gemeinsam an einer Präsentation arbeiten oder den letzten Stand der Dinge in eine Tabelle tippen - wer kein Notebook oder keine VPN-Verbindung zum Büro hat, kann das alles auch im Internet-Café erledigen. Doch was tun, wenn dort keine Office-Suite installiert ist oder die hebräischen Menüeinträge für Erstaunen sorgen? Eine schnelle Lösung sind auf der Programmiertechnik AJAX (Asynchronous Javascript and XML) basierende Online-Office-Pakete.

Schnelligkeit durch AJAX

Webbasierte Anwendungen für E-Mails oder Online-Banking gehören längst zum Alltag. Allerdings übersteigt die Komplexität von mit Winword oder Excel vergleichbaren Programmen deutlich die eines reinen Mail-Clients. Ersten Versuche, etwa Textverarbeitung als Web-Applikation anzubieten, scheiterten vor allen an zu langsamen Verbindungen und schwerfälliger Programmierung. Es dauerte einfach zu lange, die notwendigen Anwendungsteile aus dem Internet nachzuladen.

Doch seit etwa zwei Jahren bietet die Programmiertechnik AJAX die richtige Plattform für schnelle Web-Applikationen. Bei AJAX wird ein Teil des Programms, in diesem Fall die Online-Textverarbeitung, direkt im Web-Browser ausgeführt. Für viele Funktionen findet gar keine Kommunikation zwischen Server und Webbrowser statt, alles passiert lokal auf dem eigenen PC. Selbst wenn Änderungen Teile der Anzeige betreffen, muss der Browser bei AJAX nicht die komplette Seite neu aufbauen, sondern kann einen bestimmten Bereich aktualisieren. So spielt es keine oder zumindest eine erheblich geringere Rolle, wie schnell die Internet-Verbindung läuft.

Auf AJAX basierte Online-Dienste gibt es mittlerweile zuhauf: Die Palette an typischen Office-Aufgaben reicht von E-Mail über Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationen, Zeichenprogramme, Datenbanken, Bildbearbeitung, Projektverwaltung und Wiki bis hin zu Customer Relationship Management.

Die kostenloses Tools sind zwar kein vollwertiger Ersatz für eine Office-Suite auf dem PC, aber schnell und komfortabel genug, um mit ihnen die üblichen Büroaufgaben on the road zu erledigen. Sicher vor Viren, Trojanern und Schwachstellen sind die Web-Officepakete auch. Praktisch alle Makro-Viren werden für Microsoft Office entwickelt: Wenn Hacker Schwachstellen ausnutzen, dann zuerst hier. Aber selbst die Open-Source-Alternative Open Office bleibt nicht davon verschont. Kurz vor Weihnachten wurden drei Schwachstellen entdeckt, von denen mindestens eine Open Office zum Absturz brachte.

Dokumente im Team bearbeiten

Zwei der bekanntesten Online-Office-Suiten, Thinkfree[1] und Writely, wurden mittlerweile von Google übernommen und in Google Docs and Spreadsheets[2] umbenannt. Beide simulieren die typische Winword- und Excel-Benutzeroberfläche sehr gut. Wer schon einmal mit den Originalprogrammen gearbeitet hat, kommt auch sofort mit den Ablegern zurecht.

Thinkfree bietet zusätzlich ein Präsentationsprogramm, also Powerpoint für den Webbrowser. Die Dienste sind kostenlos, Speicherplatz gibt es gleich noch dazu. Bei Thinkfree ist 1 GByte Kapazität pro Online-Account dabei. Google erlaubt 1000 Dokumente und 100 Tabellen pro Benutzer: Auf die Maximalgrößen der Dokumente umgerechnet ist das mehr als ein halbes Gigabyte.

Der größte Vorteil der Online-Office-Suiten liegt darin, dass sich Dokumente einfach für andere freigeben lassen. Man kann entweder einen ausgewählten Benutzerkreis per E-Mail-Adresse einladen oder das Dokument komplett frei zugänglich machen. Nutzer sollten sich die Voreinstellungen ihres Dienstes genau ansehen. Bei Google und Thinkfree sind neue Dokumente zunächst als privat gekennzeichnet, Num Sum[3] registriert neu erstellte Tabellen als "freigegeben". Wer vergisst, nach dem Speichern auf "privat" umzustellen, findet die monatliche Abrechnung des Kaninchenzüchtervereins gleich danach öffentlich auf der Homepage von Num Sum wieder. Auch wenn die Programme auf den ersten Blick die gewohnte Oberfläche bieten, kommen sie dennoch nicht an den Funktionsumfang der stationären Pakete heran. Vor allem die Geschwindigkeit lässt zu wünschen übrig: Beim ersten Start lassen sich Thinkfree und Konsorten reichlich Zeit, selbst mit einem Breitbandzugang. Natürlich gibt es Unterschiede.

Ajaxwrite[4] zum Beispiel steht nach dem Start deutlich schneller zur Verfügung als Google Docs and Spreadsheets oder Thinkfree. Dafür bietet Ajaxwrite weniger Funktionen als seine langsamere Konkurrenz. Auch die anderen Programme der Ajax-13-Suite kämpfen mit mehr oder weniger großen Problemchen. Das Zeichenprogramm Sketch ist schrecklich langsam, und der Powerpoint-Klon Presents scheitert beim Öffnen einer vorhandenen Präsentation komplett an Umlauten im Dateinamen. Benennt man sie um, kann das Programm die Datei zwar öffnen, bringt aber alle Abstände und Formatierungen in der wirklich nicht übermäßig komplizierten Beispielpräsentation durcheinander.

An anderen Stellen zeigt sich, dass die Software aus dem Web auch für das Web geschrieben ist. Thinkfree kann Dateien aus Flickr einfügen, Wordpress-Blogs editieren und - wie Ajaxwrite - Dokumente als PDF abspeichern. Google Docs and Spreadsheets bieten eine eigene Mailadresse. Dort eingehende Mails werden in Dokumente umgewandelt. Um die Angebote nutzen zu können, muss mindestens Internet-Explorer 6 installiert sein. Ein halbwegs aktueller Firefox (ab Version 1.5) funktioniert aber auch. Sogar Werbe- und Flashblocker können den Online-Office-Suiten nichts anhaben.

Neuer Trend: Bild- und Grafikbearbeitung

Inzwischen erscheinen ständig neue Online-Dienste und erweitern das Funktionsspektrum. Neximage[5] bringt Bildbearbeitungsfunktionen ins mobile Büro. Geboten werden die Basisfunktionen einer guten Bildbearbeitung für den PC: Man kann Bilder zuschneiden, Filter anwenden und mehrere Ebenen bearbeiten. Das alles läuft überraschend schnell unter einer deutschen oder englischen Benutzeroberfläche.

Gliffy[6] ist eine Anwendung, um Diagramme, Grundrisse, Ablaufpläne und ähnliches zu zeichnen. Das Programm ist sehr viel schneller als Sketch von Ajax 13[7] und bringt eine ganze Reihe fertiger Symbole mit. Zeichnungen lassen sich als SVG, JPG und PNG exportieren. Eine Revision-History zeichnet alle Änderungen und ihre Urheber auf. Das ist vor allem wichtig bei Projekten, an denen mehrere Autoren arbeiten. Gliffy zeigt, dass eine AJAX-Anwendung tatsächlich das Zeug zum Desktop-Ersatz haben kann. Funktionen und Benutzerfreundlichkeit stehen nicht hinter einem lokal installierten Programm zurück Als wahres Multitalent entpuppt sich Zoho[8]: Die Online-Anwendung bietet nicht nur eine Office-Suite, sondern auch sonst noch alles, was eine kleine Firma braucht. In der Kategorie Office hat der Nutzer die Wahl zwischen Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm, einem Wiki und Virtual-Office, einer Kombination von E-Mail, Kalender und Dokumentenarchiv.

Unter der Rubrik Productivity gibt es bei Zoho eine Projektverwaltung, einen Tagesplaner, eine Datenbankanwendung sowie ein CRM-System (Customer Relationship-Management). Fast alle Dienste sind kostenlos, das CRM-Tool nur bis drei Benutzer. Die Funktionen stehen nicht hinter Thinkfree und Google Docs and Spreadsheets zurück: Der PDF-Export funktioniert ebenso wie das Importieren per Mail und Schnittstellen zu Blogs.

Sicherheitsbedenken beim Arbeiten ohne SSL

Bei aller Begeisterung für die vielfältigen Angebote - praktisch jede Office-Suite hat auch ihre Mankos. Die Ladezeiten sind zu lang, bei manchen Formaten streikt der Import oder Funktionen fehlen - wer länger mit den Programmen arbeitet, stößt bald an ihre Grenzen. Damit bleibt für die webbasierten Dienste in erster Linie die Rolle als schneller Helfer für unterwegs oder in ganz speziellen Einsatzfällen, zum Beispiel als Teamwork-Unterstützung.

Komplettersatz für ein lokales Office kann und will die Online-Variante nicht sein. Man sollte auch auf keinen Fall vergessen, dass die Sicherheit eher lax gehandhabt wird. SSL-verschlüsselte Verbindungen sind Fehlanzeige. Und was mit den auf der Website des Anbieters gespeicherten Dokumenten passiert, liegt ebenfalls nicht in der Macht des Benutzers.

Schon lange wartet die Szene darauf, dass Microsoft eine webbasierte Ergänzung seiner Office-Suite ankündigt. Als Google Writely übernahm, kochte die Gerüchteküche sofort hoch. Viele witterten einen Angriff über die Hintertür auf Microsofts Office-Monopol. Mit den beiden Komponenten Textverarbeitung und Tabellenkalkulation hätte Google den ersten Schritt auf dem Weg getan. Genügend Marktmacht und eine mehr als ausreichend große Benutzerbasis hat der Suchmaschinengigant ohnehin.

Auch Ajax 13 wäre theoretisch ein ernstzunehmender Konkurrent, zumindest was die Technologie angeht. Doch Michael Robertson, Gründer von Ajax 13, sagte auf dem Desktop Linux Summit im Frühjahr 2006: "Wir wollen gar nicht mit Microsoft in Sachen Reichtum an Features konkurrieren". Es komme drauf an, die wichtigsten Funktionen zu liefern. Für einen kompletten Microsoft-Office-Ersatz gebe es Open Office oder eine der vielen anderen Office-Suiten.

Microsoft selbst scheint bisher ungerührt und zeigt wenig Neigung, ein Online-Office auf den Markt zu bringen. Es gibt zwar einen "Office Live" genannten Dienst, dabei handelt es sich aber um Software-Services, die Selbständigen und kleinen Unternehmen den Aufbau einer Server-Infrastruktur für E-Mail-Kommunikation, Web-Auftritt und viele andere Anwendungen ersparen sollen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.thinkfree.com
[2] = http://docs.google.com
[3] = http://www.numsum.com
[4] = http://www.ajax13.com
[5] = http://demo.neximage.com
[6] = http://www.gliffy.com
[7] = http://us.ajax13.com/en/ajaxsketch/index.jsp
[8] = http://www.zoho.com