Das Chaos lieben lernen: Web 2.0 forciert Wissensmanagement

(http://www.zdnet.de/magazin/39148713/das-chaos-lieben-lernen-web-2-0-forciert-wissensmanagement.htm)

von Lothar Lochmaier, 8. November 2006

Der Boom rund um Social Software bietet auch für Unternehmen sinnvolle Konzepte und Anwendungen. "Folksonomie" und "Jams" gehören zu den interessantesten Aspekten von Web 2.0 - auch wenn noch wenige die Begriffe kennen.

Viele Theorien aus dem Reich des Wissensmanagements gehen von hehren Idealen aus, statt von wirklich praktikablen Konzepten. Sie alle sollen das versteckte Know-how der Mitarbeiter "heben". Das roch in der Vergangenheit unter klingenden Namen für Managementmethoden wie TQM, Kaizen oder BPM nicht selten nach Rationalisierung oder gar verkappter Ausbeutung der menschlichen Ressourcen, von der meist am Ende das Unternehmen stärker als der Mitarbeiter profitierte.

Es handelt sich also um ein sensibles Metier mit einem relativ großen Blendwerk. "Das klassische Wissensmanagement hat sehr oft versucht, Optimierungen ohne wirkliche Änderung an den Prozessen und Abläufen umzusetzen", beschreibt Peter Schütt, Leiter Knowledge Management Germany bei IBM Deutschland.

Im Klartext: Leicht erkennbare Kommunikationsdefizite zwischen Organisationsteilen wurden nicht wirklich angegangen, stattdessen die Mitarbeiter lediglich dazu aufgefordert, ihr Wissen in Datenbanken preis zu geben und zu dokumentieren. "De facto war daran aber niemand wirklich interessiert, und deshalb ist es auch fast überall gescheitert", bilanziert der Experte.

Mit dem Hype um Web 2.0 rollt jetzt eine neue Welle. Eine "Architektur der Partizipation zur Ausnutzung kollektiver Intelligenz" bildet den zentralen philosophischen Ausgangspunkt. Das enorme Wissen der Mitarbeiter, Kunden und Partner soll mit Hilfe von Web 2.0 systematischer und schneller als bisher genutzt werden. Wirklich neu ist auch dieser Gedanke nicht.

Zudem ist der Begriff Innovationsorientierung für die meisten Unternehmen heute alltägliches Handwerk. Ein Gutes hat dieser Trend: Im Kern bedeutet Web 2.0 nichts anderes, als mit Hilfe einfach handhabbarer Tools die Kommunikation zu beschleunigen und im Idealfall quasi nebenbei das Qualitätslevel des Informationsaustausches zu intensivieren. Entsprechende Softwarelösungen zielen deshalb "nur" darauf ab, die Teamarbeit zu verbessern, statt eine Grundsatzdebatte auszulösen.

Gemeinsam mehr erreichen, lautet etwa die simple Erfolgsformel, die sich Softwarentwickler wie die Open-Source-basierte Mindquarry[1] oder die an Microsoft-Lösungen orientierte Schweizer Incite[2] auf die Fahnen geschrieben haben. Aufstrebenden Start-Ups wie dem aus dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut hervorgegangenen Mindquarry fehlen jedoch in der Regel ein klares Businessmodell sowie finanzstarke strategische Partner für die Markteroberung. Deshalb fristen Wissensmanagement-Tools, die fast wie Pilze aus dem Boden sprießen, noch ein Nischendasein.

Um den Unternehmen Anwendungsmöglichkeiten aufzuzeigen, hat Bitkom einen Leitfaden[3] herausgegeben. Fazit: Das "Mitmach-Netz" bringe mehr Effizienz und mehr Effektivität ins Unternehmen. Demnach falle dem CIO die Rolle eines Chefstrategen für die innerbetriebliche Weiterentwicklung zu - als "Chief Innovation Officer". Kein leichtes Amt, denn er konkurriert darum häufig mit dem CTO, CFO oder dem CEO.

Eigentlich geht es im heterogenen Netz der Marke 2.0 aber um die Praxis: Social-Networking-Werkzeuge können nach Auffassung der Bitkom-Fachautoren die Innovationsleistung von Unternehmen erhöhen, etwa durch Bookmark-Sharing, Think Tanks oder Jams. Dafür müssen Unternehmen etwa Reader für RSS- oder ATOM-Feeds einrichten, die weit über das Content-Filtering gängiger Lösungen hinausgehen.

Die Einbeziehung weiter Teile der Belegschaft in Jams - virtuelle Business-Meetings via Online-Chat - soll etwa neue Ideen einsammeln helfen. Wie das im Alltag aussehen könnte, erläutert Peter Schütt von IBM: Beim aktuellen "Innovation Jam" des Unternehmens seien sogar die Familienangehörigen aufgefordert, mitzudiskutieren und innovative Ideen beizusteuern. Die effiziente Nutzung des Wissensmanagements führe dazu, dass IBM in Amerika durchgängig seit dreizehn Jahren mit insgesamt 31.995 neuen US-Patenten als absolute Nummer Eins der Patenterzeugung gelte.

Als wichtige Neuerung stuft der IBM-Experte auch die Nutzung von Instant Messaging über die Echtzeitkommunikationsplattform Lotus Sametime ein. Über die letzten sieben Jahre hat sich Sametime als unverzichtbares Arbeitswerkzeug im Konzern etabliert und ersetzt an vielen Stellen bereits das Telefon und E-Mail. "Das verbessert und beschleunigt Abstimmprozesse", bilanziert Schütt.

Der Nutzer erhält dadurch quasi nebenbei einen Vorgeschmack der zukünftigen Bürowelt. Mit integrierter Voice-over-IP-Technologie (VoIP) arbeiten Knowledge Worker bei IBM in einer Art "virtuellem Großraumbüro", in dem insgesamt 320 000 Menschen verflochten sind. Wie früher das Telefon, diene heute Instant Messaging als Basistechnologie, die in alle anderen Werkzeuge des Web 2.0 integriert sei.

Innerhalb von IBM gibt es zudem eine aktive Bloggerszene, mit derzeit mehr als 3500 aktiven Blogs, die mindestens zwei neue Einträge pro Woche erhalten. Als Basis-Technologie setzt das Unternehmen Lotus Notes ein. Wikis sind als Diskussionsforum ein weiteres Standbein, etwa zum Sammeln der Anforderungen an die Weiterentwicklung von Produkten, aber auch als Werkzeug zur gemeinsamen Erstellung komplexer Dokumente oder größerer Angebote.

Im internen Test befindet sich noch Bookmark Sharing, das auf große Resonanz stoße, ebenso wie Tagging, das Vergeben von Schlüsselworten für alle Arten von Content. "Das Bookmark Sharing haben wir mit unserer Omnifind-Suchmaschine im Intranet verbunden, die dadurch nun auch von anderen Mitarbeitern explizit empfohlene Dinge anzeigt", ergänzt Schütt. Das Tagging schaffe sogar eine Art "Folksonomie", eine dynamisch wachsende Taxonomie von unten, die es nicht nur ermögliche, Trends frühzeitig zu erkennen, sondern auch die Expertisefelder der Mitarbeiter konkret zu beschreiben.

Und schließlich soll der Think Place das klassische Vorschlagswesen in die Welt des Social Networking katapultieren. Ideen werden nicht mehr abgeschottet und heimlich bearbeitet, sondern offen im Unternehmen diskutiert - und stimulieren somit weitere Innovationen. In insgesamt sieben Jams hätten sich binnen drei Tagen bis zu einem Drittel aller IBM-Mitarbeiter geäußert.

Die wichtigste Empfehlung von Schütt lautet aber: "Unternehmen, die die Vorteile effizienterer Kommunikation, einer höheren Innovationsleistung sowie verbesserten Kundenzufriedenheit nutzen wollen, müssen sich zwangsweise auf das Zulassen eines ungewohnten, aber durchaus kontrollierbaren Chaos einrichten."

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.mindquarry.com
[2] = http://www.incite.ch
[3] = http://www.bitkom.org/files/documents/WM_2006-2010_-_Positionen__Trends(1).pdf