Suchmaschinen: Europa hat keine Chance gegen Google

(http://www.zdnet.de/magazin/39147845/suchmaschinen-europa-hat-keine-chance-gegen-google.htm)

von Lothar Lochmaier, 16. Oktober 2006

Die europäische Szene hofft mit dem "Leuchtturmprojekt" Quaero zu den amerikanischen Marktführern wie Google und Yahoo aufschließen zu können. Das Projekt kommt aber nicht aus den Startlöchern. 49 andere noch weniger.

Normalerweise gehören Vorträge bei einem gemeinnützigen Verein nicht unbedingt zur Lebenswelt des börsennotierten Suchmaschinengiganten. Immerhin: Google wagte sich in die Höhle des kleinen David. Die "Reinkarnation der bösen Suchkrake", wie Google-Sprecher Stefan Keuchel das eigene Unternehmen süffisant bezeichnete, erteilte Auskunft über seine Aktivitäten auf dem dritten Forum des "Vereins zur Förderung der Suchmaschinen-Technologie und des freien Wissenszuganges", kurz Suma e.V.[1], in Berlin.

Als einen Grund für die Teilnahme räumte der Google-Sprecher den entstandenen Imageschaden ein, der dem Suchmaschinenbetreiber durch die in China quasi verordnete "Selbstzensur" entstanden sei, regierungskritische Inhalte aus dem Netz zu entfernen. Für Google sei es zudem außerordentlich wichtig, die Privatsphäre der Nutzer zu schützen, ließ Keuchel durchblicken. Andernfalls würde ein tiefer Vertrauensverlust die Community erschüttern.

Offenbar will Google mit derartigen öffentlichen Auftritten wieder Boden gut machen. Das offenere Kommunikationsverhalten des bis dato äußerst schweigsamen IT-Giganten hat aber noch einen anderen Grund: Nämlich am Ohr der Community zu sein, um neue Trends nicht frühzeitig zu verschlafen, wie dies bei anderen Playern á la Yahoo oder Microsoft früher der Fall war.

Doch allzu bange dürfte es dem Informationsgiganten im Netz kaum sein. Europa begnügt sich angesichts des Google-Monopols weiterhin mit der symbolischen Rolle als Zuschauer, wurde auf dem dritten Berliner Forum des Suma e.V. deutlich. "Quaero ist die letzte europäische Chance den Zug in die Informationsgesellschaft nicht zu verpassen", mahnte Wolfgang Sander-Beuermann, Vorsitzender des Suma auf dem Berliner Forum.

Quaero[2] (lateinisch für "Ich suche") soll die Vorteile Web 2.0-basierter Dienste mit der semantischen Websuche kombinieren. Diese soll nicht nur Dokumente und Bücher enthalten, sondern auch Musik, Bilder und Videos soll das deutsch-französische Joint Venture in mehreren Sprachen automatisch erkennen und finden.

Bis zum Jahr 2010 will Quaero die amerikanische Dominanz aufbrechen. Der Leiter des Suchmaschinenlabors Metager[3] an der Uni Hannover sparte indes nicht mit scharfer Kritik an der "kopflastigen" europäischen Forschungslandschaft: "Innovative Ansätze verbleiben im wissenschaftlichen Elfenbeinturm und ohne running Code gibt es keine funktionierenden Systeme", beklagte Wolfgang Sander-Beuermann. Denn offenbar kommt der deutsch-französische Quaero-Zug nicht richtig in Fahrt, obwohl das Projekt mit einem Budget von rund 400 Millionen Euro ausgestattet ist. Zudem sind Bertelsmann mit seiner Tochter Empolis sowie Siemens, SAP und France Telecom beteiligt.

Jeder Hyperlink auf amerikanischer Seite verstärke die Kluft zu europäischen Suchtechnologien weiter, beklagte Ex-Gartner-Analyst Alexander Linden. Den Europäern blieben deshalb nur die "Nischenmärkte" übrig. Dabei gibt es auch hierzulande genügend Suchmaschinen, nur sie schaffen nicht die Hürde bis zur Markteinführung oder generieren keine kritische Masse an Nutzern. "Es gibt zu wenig Fördermittel in Europa, zu wenig Risikokapital und zu wenig risikobereite Unternehmer", bilanzierte der Geschäftsführer der Human Grid GmbH in Dortmund. Die GYM-Allianz (Google, Yahoo und Microsoft) dominiert somit weiterhin über 90 Prozent des Marktes für die Websuche.

Marktforscher Linden sieht den amerikanischen Technologievorsprung von etwa fünf Jahren als uneinholbar an. Da diese in ihrem Innovationseifer kaum nachließen, könne Europa frühestens in zehn bis 15 Jahren gleichziehen, falls jetzt mit einem konkurrierenden Projekt begonnen würde. Linden stuft allerdings nicht Quero, sondern Wikipedia als einzige realistische Alternative gegen die amerikanischen Such- und Informationsmonopole ein.

Auch deutsche Politiker hätten in der Vergangenheit zu viel gegoogelt, weshalb eigene Ansätze bis vor kurzem kaum beachtet worden seien, beklagte Michael Nebel, Technischer Beirat im Suma e.V. Die Folge: Rund 50 Suchmaschinen gibt es in Deutschland, die fast keiner kennt. Die Entwickler sollten ihr Heil in "Minisuchmaschinen" suchen und sich spezialisieren, empfiehlt der Experte. "Neues Potenzial liegt noch im gezielten Erfassen von hochwertigen Inhalten", sagte Nebel.

So arbeitet etwa die Suchmaschine Yacy[4] an einem Peer-to-Peer-basierten Portal, das sich auf private Rechner verteilen lässt und damit weltweit nutzbar ist. "Unser Alleinstellungsmerkmal ist die extreme Aktualität", wirbt Softwarearchitekt Michael Christen. Das Open Search-kompatible Portal verfügt über eine XML-Schnittstelle und lässt sich damit via Webinterface einfach in bestehende Anwendungen integrieren. 300 Millionen URLs seien bereits indiziert. Die Qualität der Inhalte soll über ein Voting-System weiter ausgebaut werden. Blacklists sind dabei beliebig zwischen den Nutzern austauschbar.

Allerdings räumt Christen ein, für seine unter GPL-Lizenz laufende Technologie noch keine Investoren gefunden zu haben. Zudem müsse noch an der Qualität der Links gefeilt werden. Die Zielmarke liegt hoch: 100.000 teilnehmende Rechner sollen täglich rund zehn Milliarden Webseiten durchsuchen. Damit ließe sich zwar eine sehr hohe Index-Aktualität erzielen. Die Antwortzeiten von durchschnittlich sechs Sekunden sind jedoch Lichtjahre entfernt vom Martkführer Google mit unter einer Sekunde.

Ganz auf die multimediale Websuche setzt der Schüler Markus Franz. Er hat auf Basis von PHP und Java eine Plattform programmiert, die auf einer übersichtlichen Ergebnisseite die vier Medientypen Text, Bild, Audio- und Videodateien darstellt. Wer etwa nach einem Musikinterpreten fahndet, findet neben den textbasierten Treffern aus dem Web zusätzlich die Bilder des Interpreten, Songs und Musikvideos. Der Prototyp der Meta-Suchmaschine befindet sich allerdings noch im Entwicklungsstadium.

Michael Nebel stellte die offene Plattform Open Crawl[5] vor, den Prototypen einer individuell konfigurierbaren Suchmaschine. Interessierte Nutzer können auf der Website ein eigenes "Mini-Cluster" betreiben lassen. In dieses Cluster sollen ausschließlich die vom Nutzer ausgewählten Domains, Verzeichnisse oder Einzeldokumente aufgenommen werden. Die Nutzer binden die Suchmaske dann in das maßgeschneiderte eigene Web-Angebot ein.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.suma-ev.de
[2] = http://en.wikipedia.org/wiki/Quaero
[3] = http://www.metager2.de
[4] = http://www.yacy.net
[5] = http://www.opencrawl.de