Netlabels: Musik aus dem Internet kostenlos und professionell

(http://www.zdnet.de/magazin/39147405/netlabels-musik-aus-dem-internet-kostenlos-und-professionell.htm)

von Nicola D. Schmidt, 22. September 2006

Netlabels vertreiben Musik über das Internet unter der Creative Commons-Lizenz. Damit stellen sie sich klar gegen DRM-basierte System der konventionellen Musiklabel und Stores wie Itunes oder MP3.com.

Während die kommerziellen Musik-Labels das freie Tauschen von Liedern in P2P-Netzwerken bekämpfen, unterstützen Netlabels genau diese Entwicklung: Für sie ist es ein Weg, um ihre Künstler bekannt zu machen. Auch viele Musiker sehen darin eine Chance.

Die Plattformen sprechen eine klare Zielgruppe an, meist handelt es sich elektronische oder experimentelle Stile, die hier ihre Fangemeinde haben, während sie bei mp3.com oder Itunes in der Masse untergehen. Geld verdienen die Künstler mit Auftritten und Konzerten. Ihre Wurzeln haben die Online-Labels in den späten Neunziger Jahren, als Künstler ihre Demo-Dateien und Samples in Mailboxen tauschten. Heute professionalisiert sich die Szene. Sie diskutiert auf Boards[1] ihre Themen, organisiert Festivals[2] und versucht, mit Musik Geld zu verdienen.

Auf der Messe rund um Freie Software und freies Wissen "Wizards of OS[3]" in Berlin diskutierten Vertreter von Netlabels über die Zukunft der Online-Musikdistribution. Während viele Labels als Hobby oder Freizeitprojekt entstanden, arbeiten heute einige profitabel. Sie vertreiben ihre Musik unter der Creative-Commons-Lizenz[4], die von ihrem Erfinder Lawrence Lessig[5] erdacht wurde, um eine neue "Remix-Kultur" zu fördern. Die Lizenz erlaubt es, urheberrechtliche Werke frei zu verwenden, solange man keine kommerziellen Zwecke damit verfolgt. Netlabels beruhen auf dieser Lizenz und erlauben damit vor allem dem Home-Nutzer, in den meisten Fällen die Werke kostenlos zu hören und zu verwenden. Geld verdienen die Labels erst, wenn kommerzielle Projekte ihre Musik anfordern.

John Buckman von Magnatune.com[6] hat sein Label nach dem Motto: "Jeder soll bekommen, was er gibt." gestaltet. Wer die Musik nur hören will, bekommt sie hier zwar nicht gratis, kann sich aber einen "fairen Preis" aussuchen, von vier bis 14 Euro pro Album. Wer die Musik nutzen möchte, kann zwischen verschiedenen Lizenzszenarien, vom Hochzeitsvideo bis zum Fernsehfilm, wählen und zahlt entsprechend. Die Auswahl fester "Fertig-Lizenzen" ermöglicht es, ohne Anwalt innerhalb weniger Klicks mit kommerziellen Nutzern Geschäfte zu machen. Non-Profit-Projekte bekommen weiterhin alles gratis. Die Hälfte aller Einnahmen gehen an die Künstler.

Magnatune hat derzeit vier fest angestellte Mitarbeiter, von vierzig Besuchern der Seite kauft einer das Album für, im Durchschnitt, 8,50 Dollar. Viele Labels verkaufen auch CDs ihrer Künstler mit Erfolg, neben Epsilonlab[7] und Textone[8] auch Magnatune. Doch die Netlabels müssen mehr tun, als an Computern generierte Musik ins Netz zu stellen, sie brauchen den direkten Kontakt zu den Fans. Thinner.cc[9] von Sebastian Redenz organisiert daher auch Tours und Parties für seine Künstler, der T-Shirt-Shop des Labels ist mittlerweile ausverkauft.

Die meisten Netlabels basieren auf freier Software, und auf phlow.net[10] diskutieren die Aktiven, wie es weitergehen soll. Offenbar sehnt sich die Szene nach mehr Zentralisierung: Es wurden Rufe nach einer Verwertungsstelle laut, die sich um kommerzielle Anfragen zu CC-Lizenzen kümmert. Magnatune geht dem mit seinen Standard-Lizenzen aus dem Weg, alle anderen müssen noch immer kommerzielle Lizenzen einzeln aushandeln. Ebenfalls diskutiert werden Charts, die nach Download-Zahlen Hitlisten bilden könnten, um einen Überblick über das Angebot zu bekommen.

"Netlabels haben sich weiterentwickelt", so Moritz Sauer, Gründer von phlow.net und Betreiber des Portals netlabels.org. Die Websites seien professioneller geworden, RSS und Podcasts bringen die Musik den Hörern näher. Sie schaffen Fan-Gemeinden, bilden eine Plattform für ausgefallene Musikstile und können kostengünstig neue Künstler präsentieren. Doch nur im Internet präsent zu sein, reicht nicht. Am wichtigsten bleibe es, die Musik unter die Leute zu bringen - mit Konzerten, Club-Nächten und Parties, denn ohne Parties und Konzerte "stirbt die Musik auf den Plattformen" mahnt Oliver Schulbaum von der Burnstation Barcelona[11]. Daher fährt die Burnstation mit einem Soundsystem aus Computern durch die Straßen und lässt Passanten sich ihre Lieblingsmusik direkt mit einem Joystick aussuchen, brennen - und mit nach Hause nehmen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.netlabel-board.org/
[2] = http://www.netaudiolondon.cc/
[3] = http://www.wizards-of-os.org
[4] = http://creativecommons.org/
[5] = http://www.lessig.org
[6] = http://www.magnatune.com
[7] = http://www.epsilonlab.com
[8] = http://www.textone.org
[9] = http://www.thinner.cc
[10] = http://phlow.net
[11] = http://www.burnstation.org