Die Polizei des an Fläche zweitgrößte Bundeslandes Niedersachsen hat 2003 Suse Linux eingeführt und will nun auf Fedora umsteigen. Denn man will die Abhängigkeit von einem Distributor ausschließen – egal ob dieser Novell oder Red Hat heißt.
Linux auf Behörden-PCs ist stets ein heißes Eisen; denn die Clients müssen besonders einfach bedien- und wartbar sein. Anpassen, Abspecken und Antesten gehört somit zum Tagesgeschäft der Projektleiter. Das an Fläche zweitgrößte Bundesland Niedersachsen hat beispielsweise rund 300 Polizei-Liegenschaften mit PC-Software zu versorgen. Auf rund 11500 Clients läuft Linux, eine Suse-Distribution. Die Einführung begann im September 2003. Vorausgegangen war eine Studie von Mummert Consulting. Die Unternehmensberatung hatte einen Einspareffekt von 20 Millionen Euro gegenüber einer auf Windows 2000/XP basierenden Lösung errechnet.
"Diese Berechnung halten wir bisher auch ein", sagt Axel Köhler, Abteilungsleiter IT-Entwicklung im Polizeiamt für Technik und Beschaffung Niedersachsen, Zentrale Polizeidirektion. "Die Entscheidung für Linux auf dem Desktop war und ist ganz richtig." Das System habe sich als sehr gut, stabil und störungsfrei erwiesen und auch von den Anwendern kämen keine Klagen über irgendwelche Zicken.
Wesentlich für den reibungslosen Betrieb sei allerdings eine weitgehend zentralisierte Verwaltung. So werden die Daten in einem Netz-File-System abgelegt und letztlich in einem zentralen Rechenzentrum gesichert. Die Software-Verteilung und Wartung geschieht ebenfalls zentral. Die niedersächsische Polizei nutzt dafür sowohl den Mechanismus RPM, (Red Hat) Package Manager als auch Yast, Yet another Set-Up-Tool, ein zur Suse-Distribution gehörendes Werkzeug für die Erstinstallation von Software.
Darüber hinaus muss das Betriebssystem aus Sicherheitsgründen das ehemalige IBM-Dateien-System für verteilte Datenzugriffe AFS, Andrew File System, unterstützen, das seit dem Jahr 2000 als Open Source zur Verfügung steht. Der Datentransfer folgt einem festen Verbindungsaufbau via TCP. Zudem bietet AFS im Gegensatz zum NFS, Network File System, eine integrierte Authentifizierung beim Dienst "Kerberos". "Dennoch haben wir selbst einmal eine Kerberos-Entwicklung aus unserer Abteilung quelloffen veröffentlicht, erläutert Helmut Küpker, Netzwerk und Linux-Spezialist im Polizeiamt für Technik und Beschaffung Niedersachsen.
"Auch die Möglichkeit der Fernwartung haben wir selbst nachträglich eingebaut", erläutert Köhler. Wenn etwa die Hardware ausfallen sollte, erlaube eine Auto-Boot-Funktion, bei einer bestimmten Bios-Einstellung, die Maschine komplett neu zu installieren.
Die bei der Einführung notwendigen Anpassungen der Suse-Distribution 8.1 halten Abteilungsleiter und Linux-Spezialist dennoch nicht für allzu aufwendig. In der Abteilung befassen sich fünf Mitarbeiter mit dem Linux- und Netzbetrieb, so dass "wir unseren Clientmit eigenem Know-how, ohne intensiven Suse-Support gebaut haben", so Köhler.
Die Unabhängigkeit vom Distributor erlaubt es dem Abteilungsleiter, ganz locker und entspannt über einen Betriebssystemwechsel nachzudenken. Konkret prüfen er und seine Spezialisten derzeit, ob sich der Austausch der Suse-Distribution gegen Fedora Core lohnt. Fedora Core entstand 2003, als Red Hat seine Desktop-Distribution zugunsten Fedora aufgab, so dass das Consumer-Linux der Firma mit dem fedora.us-Projekt verschmolz. Wie Werner Knoblich, Vice President und Red-Hat-Geschäftführer für die EMEA-Region ausführt, rechnet sich ein Client-Linux für die Firma einfach nicht. "Suse ist ein perfektes Beispiel dafür, dass man es nicht schafft, in diesem Markt Geld zu verdienen."
Da die niedersächsische Polizei ohnehin nicht vorhabe, sich in eine Support-Umarmung eines Distributors zu begeben, erwartet Abteilungsleiter Köhler keine Schwierigkeiten im Umgang mit dem reinen Community-Linux. Obwohl der Wechsel noch keine beschlossene Sache ist - "wir haben jetzt ein stabiles Labormuster und ein bis zwei kleinere offene Fragen" - macht der Technik-Fortschritt ein Handeln zwingend notwendig. Die Hardware-Entwicklung sei seit der Linux-Einführung soweit fortgeschritten, dass die Linux-Version nachziehen müsse, erläutert Experte Küpker. Speziell bei der Unterstützung von ATA-Platten und USB-Druckern liege einiges im Argen. "Unsere Linux-Installation ist einfach veraltet."
Ein Wechsel zur Suse-Distribution 10.1 aber scheint unwahrscheinlich. Zum einen muss das neue Linux auch alte Hardware unterstützen, Pentium-Rechner mit 833 Megahertz. Hier erwies sich das Suse-Linux einfach als unzureichend performant. Zudem zeigt es Schwächen sowohl bei der RPM- als auch bei der AFS-Unterstützung. Hier wären manuelle Eingriffe notwendig. Die seien zwar laut Köhler nicht übermäßig aufwendig, doch Fedora bringe von Haus aus mehr Funktionalität mit.
Konfrontiert mit der anstehenden Entscheidung in Niedersachsen scheint sich Novell schon mit der Abkehr von ihrer Distribution abgefunden zu haben: "Die Polizei Niedersachsen war einer der ersten Pioniere beim Einsatz von Linux auf dem Desktop innerhalb einer Institution, noch bevor Novell und andere Anbieter eine Enterprise Version des Linux Desktops auf den Markt gebracht haben. Die Polizei hat sich damals für die Endanwender-Version von Suse Linux entschieden, da sie der Firma und der Technologie großes Vertrauen entgegen brachten und noch bringen. Dieser Entscheidung für Linux auf dem Desktop bleiben sie weiterhin treu, und das ist das Wichtige", heißt es.