Größtes Hindernis für Linux: Sandalen und Pferdeschwanz

(http://www.zdnet.de/magazin/39143141/groesstes-hindernis-fuer-linux-sandalen-und-pferdeschwanz.htm)

von Matthew Overington and Steven Deare, 2. Mai 2006

Sind die Linux-Enthusiasten selbst ihr größter Feind? Laut Peter Quinn, ehemaliger CIO des US-Staates Massachusetts, ist der nachlässige Kleidungsstil der Open-Source-Vertreter einer der Gründe, warum die Software im kommerziellen Umfeld nur langsam angenommen wird.

Die Worte von Peter Quinn, ehemaliger CIO des US-Staates Massachusetts, haben Gewicht. Er spielte die ausschlaggebende Rolle bei der Einführung von Open-Document-basierten Produkten in Massachusetts. Gleichzeitig vertritt er die Meinung, dass die äußere Erscheinung wichtig ist, wenn man Entscheidungsträger von den Vorzügen von Open-Source-Software überzeugen möchte. Und da habe die Open-Source-Gemeinde erheblichen Nachholbedarf. Das Auftreten von Entwicklern mit Pferdeschwanz und Sandalen gebe ein unprofessionelles Erscheinungsbild ab. Es lasse mögliche Anwender vor Open-Source zurückschrecken. Daher macht er die Entwickler für die langsame Akzeptanz von Linux in Unternehmen und Behörden verantwortlich.

"Open-Source gibt ein unprofessionelles Erscheinungsbild ab. Die Community muss geschäftsmäßiger auftreten, um in die traditionell von kommerziellen Softwareanbietern dominierten Bereiche vorzudringen. Durch ein bestimmtes Gesicht, das ein Projekt oder eine Agenda verkörpert, wird Open-Source attraktiver. Dann fällt es auch Politikern leichter, Open Source in Betracht zu ziehen." Mittlerweile sieht er jedoch Fortschritte in der Open-Source-Community: langsam kleide sie sich des Erfolges wegen angemessener, aber alles in allem sei noch immer ein "riesiger Lernprozess" erforderlich.

Nach Ansicht von Quinn werden im öffentlichen Sektor der USA aus politischen Gründen nur wenige Open-Source-Projekte implementiert. Diese würden viele Techniker davon abhalten, ihre Unterstützung für Open-Source-Softwarelösungen und -Projekte, die von Behörden durchgeführt werden, öffentlich zu machen. In Australien, wo Quinn auf der ersten LinuxWorld Conference & Expo in Sydney als Redner auftrat, sagte er den Journalisten: "Ich kann die Leute nicht beim Namen nennen, denn wenn ich das mache, rollen ihre Köpfe." Es habe eine regelrechte Kultur der Einschüchterung gegeben, die in den USA durch das Wahljahr noch verschärft worden sei.

"Ich denke jedoch", so Quinn, "dass in jeder Behörde in jedem US-Bundesstaat irgendetwas läuft. Ob der CIO davon weiß, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Fast jeder von ihnen beteuert: 'Bei mir gibt es so etwas nicht, das kann ich versprechen.' Und wenn man sich dann bei diesen Leuten umschaut, findet man doch etwas. Meiner Ansicht nach passiert es überall, auch wenn es nicht überall nach demselben Muster abläuft."

Quinn, der sich aufgrund seiner Unterstützung für das Open-Document-Format zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt sah, berichtet von Erheblichem Widerstand durch Interessengruppen gegen Verfechter von Open-Source in Behörden. "Man muss sich einmal die Einflussnahme von Lobbyisten auf der einen Seite und die Barmittel, die Gegnern von Open-Source und Open-Document zur Verfügung stehen, vor Augen führen. Das sind erhebliche Geldbeträge und Mittel, auf die diese Interessenvertreter zurückgreifen können und werden", erklärte er.

Seiner Meinung nach war die Angst vor Repressalien aber nicht der einzige Grund, warum Open-Source-Software bisher nicht auf breiterer Ebene akzeptiert wird. Er erhebt auch Vorwürfe gegen Leiter von IT-Abteilungen, die es versäumen, die Vorteile von Open-Source-Software in ihren Unternehmen effektiv zu vertreten. "Ich gebe der IT-Community die Schuld daran und ebenso den IT-Leitern. Denn sie schaffen es einfach nicht, die hervorragenden Geschäftsmöglichkeiten richtig und für alle verständlich zu vermitteln", so Quinn.

"Ich werfe ihnen vor, dass sie nicht verstehen, was sie tun. Dass sie zuviel Zeit damit verschwenden, in rein technologischen Bahnen zu denken und zu reden, und es versäumen, dies aus einer geschäftlichen Perspektive zu tun", sagte Quinn.

Der vollständige Umstieg auf das Open-Document-Format in Massachusetts wurde von Open-Source-Verfechtern in den USA als Wendepunkt gefeiert. Die Entscheidung soll sicherstellen, dass archivierte Dokumente auch nach vielen Jahren noch vollständig kompatibel mit den verschiedenen Systemen sind. Gleichzeitig schließt sie jedoch Microsoft aus: Das Unternehmen weigerte sich, Open-Document zu unterstützen.

Microsofts Entscheidung gegen das Format war laut Quinn "ein strategischer Fehler". Doch seit einigen Wochen ist Microsoft Mitglied eines Komitees, das eine Schlüsselrolle bei der Zulassung des Open-Document-Formats als internationaler Standard spielt. Beobachter spekulieren allerdings über die wahren Gründe für den Beitritt von Microsoft.

Quinn musste seine Stellung als CIO für den Staat Massachusetts im Januar aufgeben, nachdem ihm nicht genehmigte Reisen zu Konferenzen vorgeworfen worden waren. Inzwischen wurde er von diesen Anschuldigungen rehabilitiert. "Man hält es in dieser öffentlichen Arena, in der man mit Dreck beschmissen wird, nur eine gewisse Zeit aus", sagte er.