Umstieg auf Internet-Telefonie: So klappt es mit Voice over IP

(http://www.zdnet.de/magazin/39143138/umstieg-auf-internet-telefonie-so-klappt-es-mit-voice-over-ip.htm)

von Joachim Kaufmann, 28. April 2006

Von der kleinen Software-Lösung bis zur PC-unabhängigen Hardware gibt es zwischenzeitlich zahlreiche Möglichkeiten, über das Internet zu telefonieren. ZDNet zeigt verschiedene Varianten, deren Vor- und Nachteile und wirft einen Blick auf die Qualität im Praxiseinsatz.

Voice over IP wird inzwischen als vollwertige Alternative zum Festnetzanschluss beworben, doch nicht jede Lösung genügt diesem Anspruch. Trotz gegenteiliger Aussagen der Anbieter hapert es immer noch an der Sprachqualität. Monatelanger Praxiseinsatz hat gezeigt, dass sie nicht immer auf Festnetz-Niveau liegt.

Voraussetzung für das Telefonieren über das Internet ist ein schneller Internetzugang, der einen Up- und Downstream von mindestens 80 KBit/s bietet. Damit scheidet ISDN, für das es ohnehin keine Flatrate gibt, aus. Neben DSL kommen für VoIP auch ein Zugang über das TV-Kabel oder drahtlose Technologien wie Wimax in Frage. Soll gleichzeitig mehr als ein Gespräch geführt werden, muss die Bandbreite entsprechend höher sein.

Die Grundgebühr in Höhe von 15,95 Euro für den klassischen Telefonanschluss kann man sich trotz Internet-Telefonie normalerweise nicht sparen, da die notwendigen Breitband-Verbindungen meistens nur als Bundle angeboten werden. Zwar gibt es einige regionale Anbieter wie QSC, die nur eine DSL-Leitung bereitstellen. Ob man damit aber tatsächlich günstiger fährt, sollte man im Einzelfall genau prüfen.

Die einfachste und schnellste Möglichkeit in Internet-Telefonie einzusteigen ist der PC: Nach der Installation einer passenden Software und dem Anschluss eines Headsets kann man schon loslegen.

Die gängigen Instant-Messaging-Programme von AOL/ICQ, MSN und Yahoo bieten bereits seit einigen Jahren VoIP-Funktionen. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind aber begrenzt: Sie bieten kostenlose Telefonate nur innerhalb der eigenen Klientel. Ein Gespräch von Yahoo zu MSN ist nicht möglich. Mit dem neuen Yahoo Messenger 7.5 können Nutzer auch kostenpflichtige Gespräche ins normale Telefonnetz führen. Aber keines der Unternehmen bietet in Deutschland lokale Rufnummern an. Das heißt, man bleibt ausschließlich für andere IM-Nutzer erreichbar.

Die von den IM-Services eingesetzte Technik ist proprietär. Es gibt kaum Auswahlmöglichkeiten zwischen Clients. Zwar ist bekannt, dass MSN und Yahoo künftig auch Hardware anbieten wollen, die eine vom PC unabhängige Nutzung zulassen soll, von einer Anschaffung ist jedoch abzuraten. Nach einem Anbieterwechsel kann man die Geräte nicht mehr nutzen.

Neben den IM-Diensten hat sich Skype als populäre VoIP-Lösung etabliert. Die 2004 eingeführte Software basiert auf dem Peer-to-Peer-Prinzip und benötigt keine zentralisierte Infrastruktur. Neben der sehr guten Sprachqualität spricht vor allem der vergleichsweise problemlose Betrieb für die Anwendung. Gerade in Verbindung mit Desktop-Firewalls macht das Programm aufgrund seiner technischen Basis deutlich weniger Schwierigkeiten als ein Instant Messenger. Skype bietet über die Funktion Skype Out die Möglichkeit, ins Festnetz zu telefonieren. Eine eigene Rufnummer gibt es für deutsche Kunden noch nicht. Somit ist auch Skype letztendlich eine Insellösung. Kostenlose Telefonate können nur mit anderen Skype-Nutzern geführt werden.

Den PC zum Telefon umzufunktionieren, bringt einige Nachteile mit sich: So muss das Gerät immer eingeschaltet sein, um Gespräche zu empfangen und abzusetzen. Zudem ist das Potential für technische Probleme gewaltig. Eine Herausforderung bleibt beispielsweise die fehlende Möglichkeit, Ressourcen wie Bandbreite der Internetverbindung oder Rechenleistung zu priorisieren. Ein großer Download oder eine leistungshungrige Applikation können zu Aussetzern oder zum Abbruch des Gesprächs führen. Auch Desktop-Firewalls machen immer wieder Ärger, wenn benötigte Ports geschlossen sind.

Auch das eingesetzte Equipment sollte man nicht außer Acht lassen. So verursacht die Kombination aus Mikro und Lausprechern normalerweise störende Rückkopplungseffekte. Aus diesem Grund ist die Benutzung eines Headsets empfehlenswert.Viele Voice-over-IP-Provider, darunter 1&1, Sipgate, GMX, Web.de und Strato, unterstützen den offenen SIP-Standard (Session Initiation Protocol). In der Praxis bedeutet dies, dass der Client - völlig ohne irgendwelche kurzlebigen Hacks - völlig frei wählbar ist.

Für den Einstieg kann beispielsweise eine Software wie X-Lite genutzt werden, was prinzipbedingt aber ähnliche Einschränkungen nach sich zieht wie Instant Messenger und Skype. Mit einem Unterschied: SIP-Provider bieten eine Festnetzrufnummer, unter der man von jedem Telefon erreichbar ist. Dementsprechend kann auch zu jedem Anschluss telefoniert werden.

Anstatt eines Software-Clients ist der Einsatz einer vom PC unabhängigen Hardware-Lösung möglich. Durch die Standardisierung des SIP-Protokolls gibt es zahlreiche Geräte, die mit verschiedenen Diensten zusammenarbeiten. Damit bleibt die Investition auch nach einem Providerwechsel erhalten. Hardwarebasierte Lösungen machen VoIP unabhängig vom PC und schalten viele technische Störquellen bereits im Vorfeld aus. Das wohl bekannteste Gerät ist die Fritz Box Fon von AVM, die über spezielle Anschlüsse den Weiterbetrieb normaler Telefone ermöglicht. Das Telefonieren übers Internet unterscheidet sich damit nicht mehr von klassischen Gesprächen.

Der Einsatz von VoIP-Hardware verhindert mehrere Probleme. So wird der Traffic zugunsten geführter Telefonate priorisiert, und auch für das De- und Encodieren steht immer genügend Rechenleistung zur Verfügung. Zudem sind potentielle Störfaktoren wie Treiber ausgeschaltet.

Wer VoIP also ernsthaft als Alternative zum klassischen Festnetzanschluss betreiben will, kommt um eine externe Lösung nicht herum. Die Geräte halten die DSL-Verbindung, sodass zu jedem Zeitpunkt telefoniert werden kann. Die von vielen Providern durchgeführte Zwangstrennung nach 24 Stunden wird in die Nacht verlegt, um nicht ein wichtiges Gespräch zu kappen.

Lediglich auf der Kostenseite sehen externe Lösungen nicht so gut aus. Die Investition von deutlich mehr als 100 Euro in eine Fritz Box kann durch kostenlose Telefonate nur schwer kompensiert werden. Die Hardware gibt es allerdings häufig für relativ wenig Geld (30 Euro oder darunter) als Dreingabe zum Abschluss eines Vertrags bei einem DSL-Provider.Über die Qualität von VoIP-Telefonaten lassen sich nur sehr schwer allgemeingültige Aussagen machen, da viele Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Die nachfolgenden Beobachtungen beruhen auf jahrelanger Nutzung von Skype und monatelanger Anwendung der DSL-Telefonie von 1&1 in Verbindung mit der Fritz Box Fon WLAN 7050.

Die Sprachqulität ist immer so gut, dass es keine Probleme mit der Verständlichkeit gibt. Festnetz-Qualität wird aber nicht immer erreicht. So kommt es durch fehlende oder zu lang laufende Datenpakete immer wieder zu kurzen Knacksern, oder die Sprache wirkt streckenweise abgehackt. Manchmal sind auch leise Echos zu hören. Der Klang der Sprache ist eher metallisch. Meistens treten solche Phänomene nur wenige Sekunden lang auf. Wie sehr man sich daran stört, muss jeder für sich entscheiden.

Die eingesetzen Lösungen sind zuverlässig. Mit Skype gibt es keine Probleme, die dezentrale Infrastruktur stellt eine hohe Verfügbarkeit sicher. 1&1 machte seit November 2005 nur zweimal Probleme, der angerufene Anschluss wurde fälschlicherweise als belegt gemeldet.

Abhängig von der Uhrzeit und dem eingesetzten Provider können Anwender durchaus häufiger auf Probleme stoßen. Man sollte dabei beachten, dass VoIP oft als kostenlose Zusatzdienstleistung angeboten wird, für die der Anbieter möglicherweise nicht unbedingt die teuerste Hochverfügbarkeitsumgebung bereitstellt.

Fazit:

Mit einer hardwarebasierten Lösung wird VoIP vom PC unabhängig und zu einer vollwertigen Alternative zum klassischen Festnetzanschluss. Die Nutzung unterscheidet sich dabei nicht. Instant-Messaging-Dienste und Skype eigenen sich dagegen für einen schnellen Einstieg und wenn die Gesprächspartner die gleiche Lösung einsetzen. Von normalen Telefonen aus sind diese Dienste bislang nicht zu erreichen.