ERP-Systeme ersetzen Führungsqualität

(http://www.zdnet.de/magazin/39142629/erp-systeme-ersetzen-fuehrungsqualitaet.htm)

von Bernd Seidel, 7. April 2006

ERP-Systeme sind ein Kulturschock für Unternehmen und nicht selten ein Korsett. Zu diesem Ergebnis kommt Werner Schmid, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft GPS Ulm. Sein Unternehmen testet regelmäßig ausgesuchte marktführende ERP-Anwendungen und hat vor kurzem eine Testreihe mit aktuellen Produkten abgeschlossen.

ZDNet: Sie haben jüngst zwölf ERP-Produkte getestet. Früher haben Sie einmal geäußert, dass diese Systeme die Anwender in ein Korsett zwängen. Ist das noch immer der Fall?

Schmid: Ja, das ist sozusagen der Sinn der ERP-Systeme. Wer eine solche Lösung einsetzt will ja, dass alle Handlungen des Unternehmens nach definierten Regeln ablaufen. Das Korsett besteht aus einer Vielzahl von Tabellen, in denen die zulässigen Werte für alle Aktivitäten festgeschrieben sind. Für den Verkauf sind das beispielsweise Preise, Rabatte und Konditionen, in der Produktion die Betriebszeiten und Kapazitäten, im Einkauf die Lieferanten und Packungsgrößen. ERP-Systeme werden wegen der Strenge der Überwachung der Einhaltung dieser Regelen von vielen Managern als Ersatz für mangelnde Führungsqualitäten angesehen.

Softwareanbieter / -hersteller ERP-Systeme in der GPS-Studie
IFS Deutschland GmbH & Co. KG IFS Applications
ClassiX Software GmbH ClassiX
Industrial Application Software GmbH CANIAS ERP
infor Global Solutions GmbH Infor COM
Intentia Deutschland GmbH MOVEX
ORACLE Deutschland GmbH E-Business Suite
ORACLE Deutschland GmbH Enterprise One
proALPHA Software AG proAlpha
PSIPENTA Software Systems GmbH PSIpenta
SSA Global GmbH SSA Global ERP
Steeb Anwendungssysteme GmbH mySAP ERP
SYNERPY GmbH AvERP

Quelle: GPS Ulm (www.gps-ulm.de[1])

ZDNet: Haben sich die Systeme im Vergleich zu früheren Tests signifikant verbessert?

Schmid: Bei einigen Produkten, die wir schon mehrfach über die Jahre getestet haben, waren zwei Verbesserungen erkennbar: Die Oberflächen sind benutzerfreundlicher geworden - auch wenn das nicht von allen Anwendern als Verbesserung empfunden wird. Erkennbar sind zudem die Versuche, die Prozesse von außen, über die Benutzeroberfläche zu gestalten. Das steckt noch in den Anfängen, aber die Neuerungen sind erkennbar. Bei der Integrationsfähigkeit mit externen Systemen gibt es auch heute immer noch Grenzen. Denn hier geht es in der Regel darum, die Produkte der Konkurrenten mit einzubinden - das will kein Hersteller wirklich und bietet lediglich mehr oder wenig gute Schnittstellen an. Da hat sich also nicht viel verändert.

ZDNet: Unternehmen müssen heute flexibel auf Veränderungen reagieren können - das wird landauf, landab gepredigt. Sind die Systeme heute in der Lage, diese Anforderungen zu erfüllen?

Schmid: Nein, denn eigentlich ist nur der Funktionsumfang der Systeme ständig gewachsen. Dazu gehören auch Funktionen, die Systeme zu konfigurieren, von außen, aus der Situation der Anwender. An den Funktionen selbst kann man nach wie vor nichts ändern. Um bei dem Beispiel des Korsetts zu bleiben: Das lässt sich zwar verstellen, also an bestimmten Stellen der Körperweite flexibel anpassen, aber es bleibt ein Korsett. Daraus kann man keinen Badeanzug machen, auch wenn man gerade einen bräuchte.

ZDNet: Was muss an den Systemen verbessert werden, damit sie flexibel anzupassen sind?

Schmid: ERP-Systeme sind, von einigen speziellen Angeboten, wie etwa 'All for Machine' abgesehen, Werkzeugkästen mit fein säuberlich aufgereihten Tools für dies und das. Wenn man Glück hat, erfährt man für teueres Geld noch von den Beratern, wozu die Werkzeuge verwendet werden können. Die Lösung für die einzelnen Prozesse, auch für die Standardprozesse, muss sehr mühsam aufgebaut, getestet, mehrfach geändert und immer wieder getestet werden. Das ist sehr nervig.

Es wäre ein großer Fortschritt, wenn die ERP-Systeme ein Minimum an Standardprozessen bereits enthalten hätten, an denen sich die Anwender wenigsten orientieren könnten Die Erwartung der Anwender ist ja, dass es mit der neuen Software besser wird. Da liegt ein großes Potenzial für die Softwarehersteller, optimierte Prozesse vorzustellen, anstatt immer nur neue Werkzeuge, mit denen man optimieren könnte.

» ERP-Systeme sind Werkzeugkästen mit fein säuberlich aufgereihten Tools für dies und das. Wenn man Glück hat, erfährt man für teueres Geld noch von den Beratern, wozu die Werkzeuge verwendet werden können. «
Werner Schmid, Geschäftsführer GPS Ulm

ZDNet: Wie weit haben die Anbieter das Konzept der Service-Orientierten Architektur (SOA) in den Tools umgesetzt?

Schmid: Es gibt nach meiner Erkenntnis ein paar punktuelle Lösungen, in denen SOA auch Sinn macht. Da ist das Beispiel der Vergabe oder des Abrufs von neuen Artikelnummern über einen Web-Service, wenn in Unternehmen mehrere unterschiedliche und konkurrierende Systeme im Einsatz sind. Technisch könnte man sicher viele Lösungen realisieren, aber es gibt nur wenige Anwendungen, in die so ein Service sinnvoll eingebaut werden kann. Da sind noch viele Änderungen in den Geschäftsprozessen notwendig und das geht eher langsam. Die Grundeinstellung der Menschen zur IT-Unterstützung müsste sich ändern, um dieser Technologie Platz zu machen.

ZDNet: Ist die Nachfrage nach SOA von Seiten der Anwender überhaupt gegeben?

Schmid: Ich habe nur in Einzelfällen dieses Thema mit Anwendern erörtert. Es ist in mittelständischen Unternehmen noch zu wenig bekannt.

ZDNet: Worauf sollten Anwender achten, die eine ERP-Lösung suchen?

Schmid: Sie sollen an sich und an die Zukunft ihres Unternehmens denken! ERP-Systeme kommen aus der Vergangenheit, fast alle sind in den 80er Jahren entwickelt worden und haben ihre Struktur behalten - trotz vieler Anbauten wie CRM. Damals gab es weder das Wort "Globalisierung" noch dass mittelständische Unternehmen massiv im Ausland produziert hätten. Also, erst einmal ein brauchbares Pflichtenheft erstellen und keine Wunschliste, eines, das man im Unternehmen auch umsetzen kann oder will.

Beherzigen sollten die Anwender, dass ein ERP-System einen Kulturschock beschert, wenn sie feststellen, dass Ware und Wert plötzlich untrennbar sind. Jede Warenbewegung, ob Verkauf, Einlagerung oder eine einfache Materialentnahme aus dem Lager, erzeugt eine Buchung in der Buchhaltung. Das ist für alle, die noch nie ein ERP-System hatten, zunächst unvorstellbar. Aber mit der Einführung kommt eine starke Ernüchterung. Darauf sollten sich die Anwender mental vorbereiten.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.gps-ulm.de