Als Folge von Hurrikan Katrina: Spezialeinsatz für RFID-Chips

(http://www.zdnet.de/magazin/39140558/als-folge-von-hurrikan-katrina-spezialeinsatz-fuer-rfid-chips.htm)

von Alorie Gilbert, 6. Februar 2006

Elektronische Identifizierungschips haben sich ihren Weg in alles gebahnt, von Gillette-Rasierern bis hin zu Häftlingen. Doch im September, als die US-Golfküste unter den Folgen von Hurrikan Katrina litt, fand sich ein völlig neues Einsatzgebiet dieser Technik: die Identifizierung von Toten.

Gary Hargrove, Leichenbeschauer im Harrison County, Mississippi, war der Erste, der Hochfrequenz-Erkennungschips (RFID) in Leichen implantierte. Damit sollte die steigende Zahl der Toten an der US-Golfküste im Gefolge des Hurrikans Katrina verarbeitet werden. Er sagte, dass die Chips einer Firma aus Florida namens Verichip dabei behilflich waren, die Sturmopfer zu identifizieren und sie ohne Verwechslungsgefahr ihren Familien zu übergeben. Im Bezirk wurden die Chips auch in die Leichen implantiert, die während der Flut aus den Gräbern geschwemmt wurden.

Verichip ist auf menschliche RFID-Systeme spezialisiert und vermarktet diese Technik hauptsächlich an Krankenhäuser, zur Verfolgung lebender Patienten. Eine neue Zielgruppe sind auch Unternehmen, bei denen sie zur Erkennung eingesetzt werden, sicherer als Erkennungszeichen und Karten. Doch die Implantation in Menschen wird sehr kontrovers diskutiert. Einige Kritiker machen sich Gedanken über mögliche Verstöße gegen Bürgerrechte. Andere sind aus religiösen Gründen dagegen.

Gelten solche Bedenken noch, wenn die Personen tot sind? In einem Gespräch mit CNET News.com/ZDNet sprach Hargrove über diese und andere Fragen.

ZDNet: Wo liegt der Vorteil des Implantierens von RFID-Chips in Leichen? Inwiefern ist es besser als zum Beispiel ein Leichenpass oder ein Barcode?

Hargrove: Man kann Leichenpässe aus Papier verwenden, die nicht sehr lange halten. Wenn sie einmal feucht werden, lösen sie sich auf oder die Tinte verläuft und man kann die Zahlen nicht mehr lesen. RFID ist eine bessere Methode, um den Überblick zu behalten. Die Nummer wird am Leichensack befestigt, gleichzeitig wird auch der Chip platziert und man muss den Sack nicht wieder öffnen. Ein Scanner kann von außen an den Sack gehalten werden, etwa auf Höhe der linken Schulter, und er erfasst die 16-stellige Nummer, die in den Körper implantiert wurde.

ZDNet: Wie funktioniert das genau? Die Chips wurden in die Leichen implantiert?

Hargrove: Die Chips wurden direkt unter die Haut implantiert. Sie können in jedem Teil des Arms liegen. Wir haben uns für die linke Schulter entschieden. Dadurch wird sie zu einem durchgehenden Ort für alle aufgefundenen Opfer.

ZDNet: Wurde das schon einmal an anderen Orten durchgeführt oder waren Sie der Erste?

Hargrove: Meines Wissens war dies ein vollständig neuer Einsatz für den Verichip.

ZDNet: Bei wie vielen Leichen haben Sie das Implantat eingelegt?

Hargrove: Etwa 300.

ZDNet: Hatten Sie dabei Hilfe oder haben Sie es allein durchgeführt?

Hargrove: Die meiste Arbeit wurde von Pathologen ausgeführt. Ausführendes Organ war DMORT, das U.S. Disaster Mortuary Operational Response Team (Reaktionsteam der USA für den Betrieb im Leichenschauhaus im Katastrophenfall), das unsere Gemeinde aufgrund der hohen Anzahl von Todesfällen unterstützt hat. Somit war DMORT verantwortlich für den Umgang mit den einzelnen Leichen, die wir geborgen haben. Sobald sie eingeliefert wurden, haben die Pathologen den Chip implantiert.

ZDNet: Welche Informationen speichern diese Chips?

Hargrove: Kennzeichen zur Identifizierung, Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe, Kleidung. Nehmen Sie mal an, ich habe noch fünf nicht identifizierte Leichen. Und alle fünf sind mit einem Chip ausgestattet. Alle fünf haben eine Beschreibung. Nun kommt ein Angehöriger vorbei und sagt: "Guten Tag, ich glaube, mein Bruder liegt hier, wir haben erfahren, dass er zur Zeit des Sturms in dieser Gegend war, und so lautet seine Beschreibung." Wenn diese Beschreibung einem der fünf Opfer entspricht, die wir begraben haben, nun, dann können wir sagen: "Ihr Bruder liegt in Grab Nummer Zwei."

ZDNet: Und Sie können diese Informationen zur Identifizierung am Computer suchen?

Hargrove: Genau. Es entfernt den menschlichen Fehlerfaktor, der immer auftreten kann. Aber es ist ... nur ein weiterer Schritt, die Möglichkeit eines Fehlers zu verringern, bei dem die falsche Leiche an die falsche Familie gerät.

ZDNet: Warum wird der Chip implantiert? Kann man ihn nicht einfach außen am Leichensack befestigen?

Hargrove: Nein. Er soll schon an der Leiche befestigt sein, damit er nicht verloren geht, etwa wenn die Leiche bewegt oder während sie untersucht wird. Man möchte ihn nicht verlieren, also wird er implantiert und bleibt von da an permanent in der Leiche. Wird er in die Leiche eingesetzt, in die linke Schulter, dann ist es egal, ob wir heute oder in fünf Jahren nachsehen. Man kann immer einen Scan durchführen, und diese 16-stellige Nummer erscheint.

ZDNet: Und warum sollte es in fünf Jahren noch interessant sein?

Hargrove: Nun, ich sage nur, dass dies der Vorteil des Produkts ist, wenn am Ende des Tages noch eine große Anzahl nicht identifizierter Leichen vorliegt. Was bei uns nicht der Fall ist. Die Anzahl unserer nicht identifizierten Leichen ist einstellig. Ich glaube, in meinem Bezirk ist es nur eine.

ZDNet: Sind die von Ihnen genannten Vorteile den Preis wert?

Hargrove: Meiner Meinung nach ja. Wir hatten viel Glück, da Verichip bereit war, die Ausrüstung für unsere Region zu spenden. Aber ich empfehle dringend, bei hohen Todesraten diese Technik einzusetzen. Erstens hilft es beim Verfolgen der Individuen. Man kann Informationen zuweisen, man kann sogar eine Datenbank einrichten, mit allen Informationen, die man über den Einzelnen beibehalten möchte.

ZDNet: Aber ich denke, es wäre auch eine Kostenfrage, wenn dies eine kommerziell genutzte Technik werden soll.

Hargrove: Richtig. Über das Thema Kosten kann ich nichts sagen. Es war niemals ein Thema, als sie in meinen Bezirk kamen.

ZDNet: War die Technik schwer zu erlernen?

Hargrove: Es war sehr einfach. Im Grunde ist es genau so, als wenn man eine Spritze setzt. Für jeden, der über ein bisschen medizinische Erfahrung verfügt, ist dieses Verfahren sehr einfach zu verwenden.

ZDNet: Wie ist es bei zersetzten Leichen oder Leichenteilen?

Hargrove: Nun, zersetzte Leichen... Es ist immer noch eine Leiche, wenn auch zersetzt. Man setzt den Chip immer noch auf die gleiche Weise ein, wie bei einer nicht zersetzten Leiche, verstehen Sie? Und was die Überreste von Individuen betrifft, bei denen kein Fleisch mehr vorhanden war, da wurden die Chips in einem Sack in dem Bereich am oberen Ende abgelegt, den wir als Kopf des Sacks ansehen würden.

ZDNet: Haben Sie Einsprüche gegen die Nutzung dieser Technik erlebt? Ich meine, es gibt Menschen, die dies als respektlos gegenüber den Toten ansehen.

Hargrove: Ich habe von diesen Leuten keine negativen Ansichten gehört. Mir wurde gesagt, dass es einen Artikel von einer Gruppe gab, die sich über Eingriffe in die Privatsphäre Gedanken machten. Aber hier gab es keinen Eingriff in die Privatsphäre. Für uns ist es ein Werkzeug, mit dem wir die Einzelnen verfolgen können, damit kein Individuum verloren geht.

ZDNet: Aber es scheint doch die Frage der (In)Humanität aufzuwerfen.

Hargrove: Menschen, die hier ihr Leben verloren haben, wie auch jene, die bereits begraben waren und aus ihrer letzten Ruhestätte herausgeschwemmt wurden, diese Individuen wurden von uns mit höchstem Respekt behandelt. Eine Art und Weise, auf die wir sie respektieren konnten, war die Möglichkeit, sie wieder ihren Familien zuzuführen und zurück zu ihren letzten Ruhestätten zu bringen, ohne Einfluss von menschlichen Fehlern.

ZDNet: Wie groß ist der Lesebereich des Chips?

Hargrove: Es geht hier nicht um einen Bereich von drei oder vier Fuß (90 bis 120 cm). Ich meine, man führt den Scanner nur knapp über die Rückseite des Sacks.

ZDNet: Also nur ein paar Zoll? Es ist also nicht möglich, die Chips noch in den Gräbern zu lesen, wenn die Person erst begraben ist?

Hargrove: Nein, nicht von oben.

ZDNet: Ich bin neugierig, wie es zu Ihrer Beziehung mit Verichip kam. Haben sie Sie angesprochen?

Hargrove: Verichip kam in unsere Gemeinde, nahm Kontakt zu mir auf, und so kam der erste Kontakt zustande. Ihr Angebot war, uns die Ausrüstung zu stellen, uns zu erlauben, den Chip als Identifizierungskennzeichen zu verwenden, um alle von uns geborgenen Opfer besser verfolgen zu können. Ich sagte ihnen, dass ich an der Nutzung ihres Produkts sehr interessiert sei, und sie boten an, uns die Ausrüstung zu stellen. Ohne Kosten für unseren Bezirk, unsere Gemeinde.

ZDNet: Zu welchem Zeitpunkt kamen sie?

Hargrove: Sie kamen noch in der ersten Woche an (nachdem Katrina zuschlug), aber das genaue Datum weiß ich nicht mehr.

ZDNet: Aus Sicht von Verichip, war dies eine Art Testlauf für diese Anwendung ihrer Technik?

Hargrove: Ja, gut, ich habe nicht mit ihnen gesprochen, um genau zu erfahren, warum sie in unsere Gegend kamen. Was ich aber weiß, ist, dass sie im Gespräch sehr darauf bedacht waren, uns die Ausrüstung anzubieten, damit wir damit unsere Arbeiten erledigen könnten.

ZDNet: Wurden Sie von anderen Leuten, anderen Leichenbeschauern angerufen, die sich auch für diese Technik interessieren?

Hargrove: Nun, ich weiß, dass sich einige der Menschen, die zu DMORT gehörten, den Einsatz der Technik und unsere Einsatzart genau angesehen haben. In einer Gruppe wurde das Thema diskutiert.

ZDNet: Und, behalten Sie die Ausrüstung jetzt?

Hargrove: Das Einzige, was wirklich noch da ist, sind die bereitgestellten Scanner. Und, ja, wir behalten diese, damit wir sie in der Zukunft weiter verwenden können. Und wir haben auch noch einige Chips übrig, die wir weiterhin aufbewahren werden, falls wir noch andere Opfer bergen.