Geheime Open-Source-Projekte

(http://www.zdnet.de/magazin/39139352/geheime-open-source-projekte.htm)

von Ingrid Marson, 19. Dezember 2005

Schweigen zahlt sich aus: Unternehmen machen ihren Wechsel zu Open-Source-Anwendungen oft nicht publik, weil proprietäre Anbieter sie mit Zuckerbrot und Peitsche traktieren. Eine umfassende Recherche von ZDNet.

Viele Anwender von Open-Source versuchen ihre Aktivitäten nach Möglichkeit im Verborgenen zu betreiben. Niemand soll wissen, dass sie proprietärer Software den Rücken gekehrt haben. Wie Erwin Tenhumberg, Produktmarketing-Manager bei Suns Client Systems Group, auf einer OASIS-Konferenz in London erklärte, würde andernfalls "ihre Beziehungen zu großen Herstellern gestört". Andrea DiMaio, Research Vice President bei Gartner, stimmt dieser Aussage zu: "Benutzer versuchen Stillschweigen zu wahren - wegen der Empfindlichkeit kommerzieller Anbieter."

Aber es kann auch noch andere Gründe für das Verheimlichen von Open-Source-Projekten im eigenen Unternehmen geben: Gingen sie an die Öffentlichkeit, würden sie zeitraubenden Besuchen von proprietären Anbietern wie Microsoft bekommen. Das berichtete Aaron Seigo, der als Berater für Projekte rund um die Desktop-Umgebung KDE tätig ist.

"Ich habe es selbst erlebt", berichtet Seigo. "Microsoft betrachtet dies als entgangenes Geschäft. Also kriegt man einen Anruf und sie versuchen, einen regionalen Vertreter vorbeizuschicken. Der fragt dann Dinge wie 'Warum benutzen Sie Linux?', 'Wie viele Rechner haben Sie?' und so weiter. Aus Vertriebssicht ist das verständlich, aber die meisten Unternehmen empfinden es als aufdringlich."

Einen solchen Vertreterbesuch kann man oft nur schwer vermeiden, sagt Seigo: "Die rufen ständig an. Microsoft hat normalerweise sehr gute Vertreter, die ziemlich penetrant sind und sich nicht so leicht abwimmeln lassen."

Microsoft wird sich auch einmischen, wenn ein Unternehmen nur mit einem Open-Source-Pilotprojekt an die Öffentlichkeit geht. Laut Mark Taylor, CEO des britischen Open-Source-Beratungsunternehmens Sirius, wird Microsoft "alle Hebel in Bewegung setzt", sobald eine öffentliche Einrichtung Interesse an Open-Source zeigt. Die Redmonder würden unter allen Umständen versuchen, ebenfalls einen Fuß in die Tür zu bekommen. Taylor behauptet, dass fast jeder Partner der Open-Source Academy bereits von Microsoft angesprochen wurde. Es handelt sich dabei um eine Initiative der britischen Regierung zur Förderung des Einsatzes von Open Source-Software im öffentlichen Bereich.

Einige Organisationen versuchen sich dieses Interesse von Microsoft zu Nutze zu machen: Sie führen öffentliche Evaluationen in der Hoffnung durch, dass Microsoft dadurch geringere Lizenzgebühren verlangt. Diese Strategie läuft in Großbritannien mittlerweile unter dem Namen "Newham-Methode". Dem Newham Council war nämlich vorgeworfen worden, ein Linux-Pilotprojekt nur mit einem Zweck gestartet zu haben: um von Microsoft bessere Vertragsbedingungen zu erhalten. Nach Meinung von DiMaio von Gartner verfolgt eine ganze Reihe von Organisationen diese Strategie. "Viele Organisationen, die öffentlich Migrationsstudien durchführen, wollen proprietäre Anbieter dadurch zu Preisnachlässen bewegen", so DiMaio.

Microsoft bestreitet routinemäßig, dass wechselwillige Unternehmen niedrigere Lizenzgebühren zahlen. Der Konzern bevorzugt stattdessen die Sprachregelung, wonach man Kunden "bei der Kostenreduzierung" hilft. Eben indem man die Lizenzen "besser auf deren Bedürfnisse zuschneidet".

Laut Volker Lendecke, Berater beim deutschen Open-Source-Beratungsunternehmen Sernet, tut Microsoft manchmal weitaus mehr, als nur bei den Lizenzgebühren nachzugeben. Er behauptet, dass einer seiner Kunden von Microsoft Geld bekam, um wieder zurück zu Windows zu migrieren. Oben drauf gab's noch fünf Jahre kostenlosen Support und Lizenzen. Der Kunde habe an acht Standorten von Microsoft Windows NT4 zu Samba wechseln wollen.

Neben Indizien, dass Microsoft Unternehmen mit dem Zuckerbrot wieder auf seine Linie zu bringen versucht, kursieren aber auch ganz andere Berichte: Gelegentlich komme auch die Peitsche zum Einsatz. Sernet, das am Kartellverfahren der EU-Kommission gegen Microsoft beteiligt ist, hat Einzelheiten zu einem Fall veröffentlicht: "Wir haben die EU über diese Vorfälle informiert, sie wissen also Bescheid", berichtete Lendecke. "Aber niemand ist bereit, darüber zu sprechen, weil jeder in der Branche auf die eine oder andere Weise von Microsoft abhängig ist. Daher sind diese Informationen für die EU-Kommission nur von begrenztem Wert. Sie brauchen jemanden, der dazu auch vor Gericht aussagt."

Die EU-Kommission wollte zu diesen speziellen Fällen keine Stellung beziehen, ebenso wenig zum Kartellverfahren gegen Microsoft im Allgemeinen. Im September jedoch hieß es, die Kommission würde aufgrund "informeller Beschwerden" weitere Anklagepunkte gegen Microsoft erwägen.

Die Art dieser informellen Beschwerden ist bislang nicht bekannt. Allerdings kursieren Berichte, wonach Unternehmen unter Druck gesetzt wurden, ihre Open-Source-Pläne nicht öffentlich bekannt zu machen. "Ich kenne Unternehmen, die Firefox oder Thunderbird einsetzen. Sie sprechen aber nicht darüber, weil sie Angst haben, sie müssten sonst mehr für ihre Microsoft Office-Lizenzen bezahlen", berichtete Tristan Nitot, President von Mozilla Europe, auf der diesjährigen Open-Source-Softwarekonferenz FOSDEM. "Die Leute halten sich ziemlich bedeckt - denken Sie an das Linux-Projekt von München", fuhr er fort. "Sie fangen an, darüber zu reden, und plötzlich kommt Ballmer und legt ihnen die Daumenschrauben an."

Sunny Jensen Charlebois bestreitet jedoch, dass Microsoft höhere Lizenzgebühren verlangen würde, sobald ein Kunde zu Firefox wechselt. Er ist leitender Produktmanager von Microsofts Worldwide Licensing and Pricing-Abteilung.

"Wenn ein Microsoft-Kunde sich entscheidet, eine Anwendung wie Firefox zu verwenden, stellt dies keine Verletzung des Windows XP SP2-EULA (End User Licensing Agreement) dar. Entsprechend gibt es da auch keinerlei Strafmaßnahme. Es gibt keine Einschränkungen, man kann einen Nicht-Microsoft-Browser auch unter Windows XP nutzen ", sagte Charlebois.

Er gibt allerdings zu, dass die Preise für Lizenzen sich ändern können, falls Kunden in einem Teil ihrer Infrastruktur zu Open-Source wechseln. "Unsere Mengenrabatte richten sich nach Anzahl und Produktgruppe. Wir haben drei Produktgruppen: Desktop-Anwendungen, Desktop-Betriebssysteme und Server. Und die Preise sind bei jedem Kunden anders, je nach Art des Vertrages und der Lizenz und der Anzahl der gekauften Softwarelizenzen", berichtete Charlebois.

Unternehmen könnten noch aus einem anderen Grund vor dem Schritt an die Öffentlichkeit zurückschrecken, sobald sie den Wechsel zu Open-Source beschlossen haben: Microsoft könne dies zum Anlass nehmen, ihre Software zu überprüfen. Laut Gavin Beckett, verantwortlich für die IT-Strategie des Bristol City Council, ist dies einer der Gründe, warum Unternehmen in Bezug auf Open Source-Migrationen nur zögerlich an die Öffentlichkeit gehen. ZDNet traf ihn letzten Monat auf der OASIS-Konferenz in London.

"Es besteht Grund zur Sorge, dass Microsoft dann die Software überprüfen will", sagte Beckett auf der Konferenz. Er fügte allerdings hinzu, dass dies nicht passierte, als Bristol letztes Jahr den Wechsel von Microsoft Office zu Star Office bekannt gab.

Taylor von Sirius berichtet, dass öffentlich gemachte Open-Source-Migrationen gelegentlich auch die BSA (Business Software Alliance) auf den Plan ruft. Verschiedene seiner Kunden hätten kurz nach den ersten Berichten über das Projekt von der BSA eine Anfrage für ein Audit erhalten. Die BSA ist bekanntlich ein Branchenverband, der von einer Reihe von Unternehmen wie Microsoft unterstützt wird. Er soll sich weltweit um das Problem von unlizenzierter Software kümmert.

"Ich habe durchaus eine auffällige zeitliche Nähe zwischen Publicity und Software-Audits beobachtet", berichtete Taylor. "Das ist bei ziemlich vielen meiner Kunden vorgekommen. Aber wer kann schon belegen, dass dabei ein kausaler Zusammenhang besteht?" Ein hochrangiger Manager eines großen Herstellers, der Open-Source einsetzt, bestätigte diese Aussage. Andere Open-Source-Berater wie Brucherseifer und Seigo erklärten allerdings, dass dies bei ihren Kunden noch nie vorgekommen sei.

Charlebois erläuterte die Position von Microsoft. Dem Konzern komme es darauf an, mit Kunden gut zusammenzuarbeiten. Nur so könne sichergestellt werden, dass sie die entsprechenden Vorschriften einhalten: "Microsoft macht Software-Reviews oder Audits nicht zur Voraussetzung für Gespräche mit Kunden. Wir verfolgen schwerpunktmäßig eher einen beratenden Ansatz, gerade im Hinblick auf Software Asset Management (SAM). Das sorgt nicht nur dafür, dass sich die Kunden gesetzeskonform verhalten, sondern ermöglicht diesen auch die vollständige Kontrolle über ihre IT-Anlagegüter. In der Folge erhalten sie eine effizientere Verwaltung ihrer Bestände sowie eine Übersicht über den künftigen Bedarf an Technologie."

Siobhan Carroll, Regionalmanagerin der BSA für Nordeuropa, sagte im Gespräch mit ZDNet UK, sie habe noch von keiner Verbindung zwischen Software-Audits und Open-Source-Migrationen gehört: "Solche Vorkommnisse sind für mich neu." Die meisten Hinweise, der die BSA nachgeht, kämen über die Homepage. Sie stammen vor allem von aktuellen oder ehemaligen Mitarbeitern von Firmen, behauptete Carroll. "Nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz stammt von unseren Mitgliedern."

Die BSA führe keine eigenen Software-Audits durch, sondern arbeitet im Namen ihrer Mitgliedsunternehmen. "Wir ermitteln Unternehmen, die die Produkte unserer Mitglieder illegal verwenden und ergreifen entsprechende Maßnahmen", so die Auskunft auf der Website.

Ein weiterer Branchenverband, der sich dem Kampf gegen unlizenzierte Software verschrieben hat, ist die Federation Against Software Theft (FAST). FAST führt Audits nur auf Anfrage von Endbenutzern durch, nicht aber von Softwareherstellern. Laut John Lovelock, Generaldirektor der FAST, enthalten Softwarelizenzen häufig Klauseln, die ein Software-Audit durch den Hersteller innerhalb einer bestimmten Zeitspanne erlauben. Dabei wird die tatsächliche Überprüfung aber von einem Reseller der Software durchgeführt.

James Governor, Analyst bei Red Monk, ist überzeugt, dass proprietäre Anbieter die Furcht vor Software-Audits ausnutzen. "Seien wir doch ehrlich: Man dürfte doch viel eher die Aufmerksamkeit einer Überprüfungsorganisation auf sich ziehen, wenn man sich öffentlich zu Open-Source bekannt hat, oder nicht?", fragte er. "Tatsache ist doch, dass man sich als Anbieter proprietärer Software schon überlegt, wie man die Daumenschrauben anlegen könnte, falls sich ein Kunde lautstark zu Open-Source bekennt. Man könnte etwa sagen, dass man einen bestimmten Rabatt nicht mehr gewähren kann. Oder man lässt das Stichwort Audit fallen..."

Governor weist darauf hin, dass das Management von Unternehmen solchen Audits häufig mit eher gemischten Gefühlen entgegensieht. Denn selbst Unternehmen, die nach bestem Wissen und Gewissen handeln, können manchmal nur schwer eine 100prozentig legale Verwendung von Software erreichen. Tatsächlich fand eine Studie der BSA letztes Jahr heraus, dass weltweit 35 Prozent aller Software unlizenziert genutzt werden.

Die Tendenz, Open-Source-Migrationen nicht an die große Glocke zu hängen, kann als Tatsache betrachtet werden. Verfechter von Open-Source setzen jedoch alles daran, dies zu ändern. Nitot von Mozilla ist der Meinung, dass Unternehmen durch einen öffentlichen Wechsel zu Open-Source der OSS-Gemeinde etwas zurückgeben können.

"Ich kann verstehen, dass große Unternehmen Open-Source-Projekten häufig kein Geld zukommen lassen können. Aber zumindest könnten sie Programmcode und Zeit zur Verfügung stellen und für Sichtbarkeit sorgen", sagt Nitot. "Wenn Unternehmen ihre Migrationen öffentlich machen, würde das der ganzen Welt zeigen, dass es eine deutliche Tendenz zu Open Source-Tools gibt."

Dem stimmt auch der Direktor der Gnome-Foundation, Dave Neary, zu: "Da Unternehmen, von Open-Source in hohem Maße profitieren, ist es nur recht und billig, wenn sie im Gegenzug für mehr Aufmerksamkeit sorgen. Denn das ist es, was wir uns wünschen: mehr Aufmerksamkeit."