Notebooks für die Schule: Wie viel darf Bildung kosten?

(http://www.zdnet.de/magazin/39139275/notebooks-fuer-die-schule-wie-viel-darf-bildung-kosten.htm)

von Hartmut Wiehr, 20. Dezember 2005

Was wäre, wenn jeder Schüler ein eigenes Notebook hätte? Von dieser Situation träumt Nicholas Negroponte, der Erfinder des 100-Dollar-Laptops - aber auch Bildungsverantwortliche und ehrgeizige Geschäftsleute zeigen Interesse.

Auf dem Welt-Informationsgipfel, der vor kurzem in der nordafrikanischen Stadt Tunis über die Bühne ging, stellte MIT-Medialab-Gründer Nicholas Negroponte erneut den von ihm konzipierten 100-Dollar-Laptop der Öffentlichkeit vor. Er soll vor allem den Schülern in der Dritten Welt das Lernen erleichtern. Aber auch einige amerikanische Bundesstaaten haben sich inzwischen der Initiative angeschlossen.

Doch was ist mit Deutschland? Hierzulande hat sich schon vor Jahren die Initiative "Schulen ans Netz" gebildet, die sich für die Ausstattung der Schulen mit PCs und Internetanschluss stark machte. Unterstützung gab es von der Bundesregierung, einigen Bundesländern, Teilen der Wirtschaft, der "Initiative D21" und Zeitungen und Magazinen. Fragt man inzwischen bei den beteiligten Stellen nach, drängt sich schnell der Eindruck auf, dass im (ehemaligen) Wirtschaftswunderland Deutschland alles paletti wäre. Die offiziellen Vertreter von Behörden und Vereinen, die sich mittlerweile zu diesem Thema gebildet haben, erklären sich entweder für nicht zuständig - "Rufen Sie doch mal bei ... an" - oder entwerfen ein rosarotes Gemälde der Situation. Manchmal wissen die Pressesprecher nicht einmal, welche Studien ihre eigene Organisation durchgeführt hat - das erfährt man erst bei der Konkurrenz.

Man muss jedoch nicht erst an die in Deutschland zu trauriger Berühmtheit gelangten PISA-Studien denken, um am Ergebnis der Studien zu zweifeln. So legt zum Beispiel das Bayerische Kultusministerium in der neuesten Untersuchung von 2005 nahe, dass nahezu jeder Schüler an bayerischen Schulen Zugang zu einem PC habe. Über die Ausstattung der Computer und die Details zum Internet-Zugang - wie weit verbreitet sind zum Beispiel Breitband-Anschlüsse in den Schulen? - erfährt man nichts. Ebenso wenig darüber, ob jetzt jeder Schüler seinen eigenen PC hat oder ob nicht doch klassenweiser Zugang in einigen wenigen Wochenstunden gemeint ist. Und wie sieht es mit der Software-Ausstattung und der Qualifikation der Lehrkräfte aus?

Die neueste Studie des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung), dessen Pressesprecher am Telefon lieber auf die "zuständige" KMK (Kultusministerkonferenz der Länder), die einzelnen Bundesländer mit ihrer "Ausbildungshoheit" und auf die Stiftung "Schulen ans Netz" verweist, enthält immerhin weitere Details.

In "IT-Ausstattung der allgemein bildenden und berufsbildenden Schulen in Deutschland" kann man nämlich lesen, dass in den deutschen Grundschulen im Jahr 2005 auf einen PC 13 Schüler kommen, in den Sekundarstufen 1 und 2 (Schüler ab der 5. bis zur 13. Klasse, unterschiedslos nach Schultypen zusammengefasst, um einen internationalen Vergleich zu ermöglichen) liegt die Relation bei 12:1 und in den berufsbildenden Schulen sogar bei 9:1. Das ergibt einen Gesamtwert für alle Schulformen von 11 Schülern, die sich einen PC teilen müssen. Damit wird die Forderung der Europäischen Kommission in ihrem "Aktionsplan eLearning" erfüllt, der eine Relation von 15:1 vorsieht. Das klingt nicht schlecht, legt man aber eine durchschnittliche Klassengrösse von 25 Schülern für Deutschland zugrunde, dann bedeutet das, dass sich während des PC-Unterrichts zwei Schüler einen PC teilen müssen.

Was den Internet-Zugang angeht, teilt die BMBF-Studie folgende Daten mit: Grundschulen 47 Prozent, Sekundarstufe 1 und 2 72 Prozent, berufsbildende Schulen 78 Prozent, insgesamt haben demnach 68 Prozent der PCs in den Schulen Anschluss an das Web. Aber wie viele Schüler haben diesen Zugang gleichzeitig? Und mit welcher Geschwindigkeit? Auch darüber gibt es Zahlen: Die Hälfte der deutschen Schulen hat inzwischen DSL, die andere noch nicht. Ist das Glas nun halb voll oder halb leer?

Die Zahlen sind also sehr interpretationsbedürftig. So meint denn auch Jutta Croll von der "Stiftung Digitale Chancen" (gegründet von der Universität Bremen und AOL): "Der bloße Zugang zu oder Besitz eines Computers garantiert noch nicht, dass der Nutzer in der Lage ist, die Angebote, die für seine persönliche Lebensführung eine Rolle spielen können, so zu nutzen, dass er einen individuellen Vorteil daraus zieht. So beherrscht zum Beispiel ein Jugendlicher, der E-Mails versenden und bei Ebay mitsteigern kann, noch lange nicht die Erstellung und Veröffentlichung seines Kompetenzprofils in einer Online-Jobbörse, die ihm den Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnen würde." Die erfolgreichere Variante zur Grundausstattung vieler Schulen mit PCs wäre sicherlich eine Situation, in der jeder Schüler für seine persönlichen Lernbedürfnisse ein eigenes Notebook besäße, das er auch mit nach Hause nehmen kann. Davon ist man in Deutschland und den meisten "entwickelten" Länern noch weit entfernt. In der BMBF-Studie ist nachzulesen, dass hier die Ausstattung erwartungsgemäß deutlich schlechter liegt: Grundschulen weisen ein Verhältnis von 173:1 auf, die Sekundarstufen 1 und 2 kommen auf 115:1; die berufsbildenden Schulen liegen bei 90:1, was einen Gesamtwert von 117:1 ergibt.

Dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Jeder Schüler hätte tatsächlich seinen eigenen Rechner und könnte sich alle erforderlichen Skills auch individuell zulegen und ausüben; E-Books, die auf den Rechner gespeichert sind, reduzieren drastisch die Ausgaben für Lehrmittel, die Familie kann in den Lernprozess einbezogen werden. Die Nachteile wie Missbrauch für Spiele, sinnloses Zapping im Internet, Verlust oder Diebstahl ließen sich dann schnell in den Griff bekommen, wenn wirklich jeder Schüler sein Gerät hätte - ähnlich wie das bei Handys auch schon der Fall ist. Commodity statt Exklusivität, und damit nichts besonderes mehr. Mit einem Notebook kann man nur mehr anfangen.

Und die Preisfrage? Hier wären tatsächlich Erziehungsministerien, Sponsoren aus der Wirtschaft, die Eltern und nicht zuletzt die Notebook-Hersteller selbst gefordert. Volumen statt einseitig hoher Margen - das müsste auch Unternehmen wie Dell, HP oder Lenovo überzeugen.

Spätestens dann, wenn die Initiative "100-Dollar-Laptop" wirklich greift. Entworfen am Media Lab des MIT in den USA und unterstützt von Herstellern wie AMD, Google, Nortel oder Red Hat könnte sie tatsächlich eine Bildungsrevolution in Gang setzen. Nicholas Negroponte vom Media Lab, der den Bestseller "Being Digital" verfasst hat und sich für die neuen Medien stark macht, will vor allem den Schülern in der Dritten Welt ein zeitgemässes Lerninstrument an die Hand geben: einen billigen, aus Standardkomponenten und auf Open Source basierenden Minirechner, der ohne die neuesten Features bei Festplatte oder Grafikkarte auskommt, aber dafür auf die Bedürfnisse von Schülern in den unterentwickelten Ländern ausgerichtet ist. Sinnfälligstes Beispiel für diese Zielsetzung ist eine Handkurbel, mit das Gerät auch dann für etwa 90 Minuten aufgeladen werden kann, wenn es Probleme mit Akku oder Stromanschluss gibt - in vielen Ländern der Welt brechen die Stromnetze noch immer häufig zusammen.

Der neueste Prototyp ist in ein grünes statt hellgraues Gehäuse gesteckt worden und soll laut Negroponte die grundlegenden Funktionen eines Notebooks inklusive drahtlosem Internet-Anschluß zur Verfügung stellen. Zwar hat das MIT schon wiederholt Einzelheiten zur technischen Ausstattung bekannt gegeben, doch momentan ist nur soviel sicher: Der Rechner mit den Maßen eines Sub-Notebooks soll unter Linux laufen und einen Bildschirm haben, der für Farbe und Schwarz-Weiß geeignet ist, eine Festplatte mit einem GByte sowie einen AMD-Prozessor mit 500 MHz. Der Wifi-Anschluß soll den Zugang ins Internet und den Aufbau vernetzter Strukturen zwischen den Schüler-Notebooks oder mit anderen Rechnern erlauben. Beim MIT arbeitet man auch an Alternativen zu den sehr teuren Internet-Zugängen in den Ländern der Dritten Welt, sofern sie überhaupt flächendeckend zur Verfügung stehen.

Der offizielle Starttermin der Produktion ist ungewiss, mal ist vom Frühjahr 2006, mal von Ende 2006 oder Anfang 2007 die Rede. Da 100 Dollar bei einer breit gestreuten Anschaffung viel Geld sein können, sollen Verträge mit einzelnen Ländern abgeschlossen werden, die die Notebooks kaufen und an Schüler in ihrem Land verteilen. Doch gerade diese Staaten zieren sich noch: Unter den Interessenten sind bis jetzt Ägypten, Argentinien, Brasilien, China und Thailand, doch offenbar gibt es noch keine einzige feste Zusage. Chile hat sich bereits offiziell mit dem Argument distanziert, dass man sich nicht auf eine utopische Sache einlassen wolle. Man bezweifle auch die Nützlichkeit für den Erziehungsprozess, sagte ein Vertreter des zuständigen Ministeriums.

In der Tat stellen sich einige kritische Fragen. Sie haben weniger mit der technischen Ausstattung der Geräte zu tun, die ja im Bedarfsfall nach Aufnahme der Produktion und ersten Einsätzen verbessert werden könnte.

Natürlich ist es sinnvoll, wenn die Schüler ihr Notebook nach der Schule mit nach Hause nehmen, um Hausaufgaben zu machen oder mit den gespeicherten E-Books sowie über das Internet weiter zu lernen. Doch in Ländern, in denen viele Familien sich mit einem Jahreseinkommen von nur 1000 Dollar durchschlagen müssen, werden mit Sicherheit Schul-Notebooks "verschwinden" und weiterverkauft werden. Dem will das MIT mit technischen Gegenmitteln begegnen, zum Beispiel mit einer Inaktivitätssperre, wenn das Gerät mehrere Tage nicht an ein Schulnetz angeschlossen wird.

Etwas blauäugig mutet die Annahme an, viele Regierungen zu finden, die sich so intensiv um die Ausbildung in ihrem Land kümmern, dass sie zu Millionen-Investitionen in Schul-Notebooks bereit sind. Oft werden noch nicht einmal genug Lehrer eingestellt, geschweige denn anständig bezahlt. Und so lange Industriestaaten wie die USA nicht vormachen, wie man eine qualifizierte Ausbildung für alle schaffen kann, fehlt auch ein wesentliches Argument im Überzeugungsprozess. Negroponte erwähnte jüngst auf einer Pressekonferenz, dass sich jetzt selbst einige Bundesstaaten der USA für sein Projekt ausgesprochen hätten. Die Hersteller klassischer Notebooks müssen sich in Anbetracht des Interesses fragen lassen, wieso sie selbst nicht günstige Modelle auf den Markt bringen, die gleichermaßen in Entwicklungsländern und der "Ersten Welt" ihre Käufer finden.

Mobile Rechner für den Schuleinsatz wurden von der damaligen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn schon vor fünf Jahren ins Gespräch gebracht. Partner aus der Wirtschaft sollten dafür sorgen, dass jedem Schüler in Deutschland bis zum Jahre 2006 ein Laptop zur Verfügung stehe. Fragt man jetzt im zuständigen Ministerium, dem BMBF, nach, stößt man auf eher betretenes Schweigen. Die Ministerin sei ja nicht mehr im Amt, und die neue müsse sich erst einarbeiten... Es ist also nichts draus geworden, wie ja die bereits zitierte BMBF-Studie selbst belegt.

Anfang November 2005 wurde eine neue Initiative bekannt: Unter dem schönen Namen "Bildungsoffensive 2006" kündigte die "Bonner Akademie", die zur Zürich Gruppe gehört, an, bis zum 31. Januar ein subventioniertes (HP-)Notebook für 998 statt 1800 Euro auf den Markt zu bringen. Zielgruppe: Schüler. Das Notebook kommt im Paket mit einer ganzen Reihe Software daher (siehe Tabelle) und macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Eine Internet-Suche zeigt allerdings, dass das gleiche HP-Notebook inzwischen schon ab 978 Euro angeboten wird - wer sich für das Bundle entscheidet, sollte also genau prüfen, was ihm die mitgelieferte Software wert ist.

Schul-Notebook

HP Compaq nx6125
Business-Notebook-PC mit:
  • Microsoft XP Home
  • Microsoft Office 2003 Professional,
  • Digital Publishing Fremdsprachen-Software
  • MELL - Die Microsoft eLearning Bibliothek
  • Lernen und Wissen 2006
  • Lern-Adventure "Physikus-die Rückkehr" von Braingame
  • Symantec Norton Internet Security Suite 2006 (90-Tage-Version)
  • MasterSolution Protect-On

Die jüngste PISA-Studie hat unter anderem laut Akademie-Geschäftsführer Uwe Schöpe ergeben, dass Deutschland bei der Computernutzung in den Schulen im internationalen Vergleich mit den OECD-Staaten weit hinten liegt. Dies kontrastiert mit den offiziellen Zahlen des BMBF zur Computerausstattung in den Schulen hierzulande. Die Wahrheit liegt vermutlich im Detail: PCs alleine genügen nun einmal nicht, auch wenn deutsche Schulen inzwischen wohl "am Netz" sind.

Oder wie es Jutta Croll von der Stiftung "Digitale Chancen" betont: "Zunehmend zeigt sich, dass die Chancen in Bezug auf die Nutzung der neuen Techniken nicht zu trennen sind von der allgemeinen Chancengleichheit, die von Bildungs- und Einkommensunterschieden beeinträchtigt wird. Der Begriff der Digitalen Integration erschöpft sich daher nicht mit der Integration in die digitale Welt, sondern muss auch die Bemühung um soziale Integration in die Arbeitswelt, in die Gesellschaft insgesamt umfassen."

Notebooks für jeden Schüler - bei der Finanzierung unterstützt durch staatliche Stellen, aber auch durch die Wirtschaft - wären ein hervorragendes Mittel, für mehr Lernbereitschaft und für mehr Chancengleichheit zu sorgen. Mal sehen, wer es als erster schafft: Brasilien, China, Nigeria - oder Deutschland?