Fernsehen über das Internet: Die TK-Branche setzt auf IPTV

(http://www.zdnet.de/magazin/39135485/fernsehen-ueber-das-internet-die-tk-branche-setzt-auf-iptv.htm)

von Bernd Seidel, 8. August 2005

Auf der Suche nach neuen Services verlassen Telekommunikationsanbieter ausgetretene Pfade und setzen verstärkt auf Videoinhalte. Auf Basis des Internet Protocol Television (IPTV) entstehen zurzeit Angebote, die sowohl im B-to-C als auch im Bereich B-to-C Geldquellen sprudeln lassen.

Fernsehen in einer neuen Dimension macht sich zurzeit unter dem Kürzel IPTV (Internet Protocol Television) weltweit breit. "Das Internet mit seinen vielfältigen Inhalten auf den Fernseher bringen", mit dieser simplen Definition beschreibt Joachim Wildt, Director Media & Communications bei der Pixelpark AG in Köln, die Technologie. Der Clou daran ist, dass sich mit IPTV das Unterhaltungsangebot im heimischen Wohnzimmer ausbauen lässt und es gleichzeitig Möglichkeiten im B-to-B etwa der Kundenbindung und dem Service am Point of Sales bietet.

Das Internet im Fernsehen
IPTV ist die Abkürzung für Internet Protocol Television und eine von Microsoft entwickelte Technologie für die Übertragung von Digitalem Fernsehen. Die Plattform ist als Backend-Pendant zum Windows Media Center auf den Wohnzimmer-PCs gedacht. Mit IPTV lässt sich wie auf einem PC zwischen Kanälen umschalten oder das Programm anhalten. Darüber könnten Anbieter eigene TV-Streams mit Inhalten für Video on Demand (VoD) oder vorgefertigten, auf der Hardware der Nutzer gespeicherten Musik- oder Filmbibliotheken zusammenführen und mit Möglichkeiten zum digitalen Videorecording verknüpfen. Als Kompressionsverfahren verwendet Microsoft IPTV Windows Media 9, Inhalte lassen sich mit Microsofts Digital Rights Management-System (DRM) schützen. Beste Kompressionsverfahren arbeiten heute noch in MPEG 2, da MPEG 4 noch nicht ganz stabil läuft.
In puncto Technik ist Microsoft die treibende Kraft hinter IPTV (siehe Kasten: Das Internet im Fernsehen). Die Gates-Company ist dabei nicht ganz uneigennützig und forciert mit IPTV die Verschmelzung von klassischen PC- und Web-Funktionen und TV-Angeboten. "IPTV ist eine interaktive, auf die Interessen von Programm- und Breitbandanbietern zugeschnittene Softwareumgebung, mit der sich Inhalte maßgeschneidert vertreiben lassen", so lauten die Marketing-Aussagen der Redmonder Strategen. Anfang Januar präsentierte der Software-Konzern auf der Unterhaltungselektronik-Messe CES unter anderem, wie sich ein mit Statistiken zu jedem Spieler angereichertes Baseball-Spiel über IPTV übertragen lässt. Auf Anwenderseite kommt bislang ein spezieller IPTV-Receiver mit Ethernetanschluss zum Einsatz, ebenso wäre aber auch die Nutzung eines Windows-PCs mit installierter Microsoft XP Media Center Edition möglich. Als Kompressionsverfahren verwendet Microsoft IPTV das hauseigene Format Windows Media 9, Inhalte lassen sich mit Microsofts Digital-Rights-Management-System (DRM) schützen

Die Analysten der Management Research Group (MRG) prophezeien IPTV ein explosionsartiges Wachstum: Die derzeit weltweit rund 2,1 Millionen User sollen sich bis ins Jahr 2008 mehr als verzehnfachen. Bedingt durch diese rosigen Aussichten haben über 100 Kommunikationsdienstleister digitale Fernsehdienste gestartet - zum Teil als Pilotprojekte. Nicht ohne Grund: Im klassischen Handy-Geschäft lassen sich kaum Margen erreichen, die Konkurrenz ist übergroß und der Durchbruch neuer Technologien wie GPRS und UMTS lässt weiter auf sich warten. TK-Anbieter wie die Deutsche Telekom, Swisscom (Bluewin), Tiscali, Telecom Italia und Arcor setzen daher auf neue Umsatzquellen und offerieren IPTV-Dienste, die im Wesentlichen Video-on-Demand-Programme, Service-Portale und Special-Interest-Themen bieten.

"Die Kabel-Provider sind auf dem Weg zum Triple-Play. Das heißt, sie wollen neben der Sprache und Daten nun auch verstärkt Video-Angebote über ihre Netze übertragen und schnüren mittlerweile recht lukrative Service-Pakete", erklärt Pixelpark-Fachmann Wildt weiter. Um die Angebote in nötiger Qualität empfangen zu können, ist eine hohe Bandbreite nötig: 9 Megabit Übertragungskapazität sollten es laut Uwe Schnepf, Director New Media Tiscali Deutschland schon sein, wenn das komplette Fernsehprogramm ins Internet eingespeist werden soll. "Doch das ist nicht unbedingt nötig. Im ersten Schritt reichern IPTV-Dienste das klassische Fernsehprogramm an, dazu lassen sich bereits mit einer Bandbreite von zwei Megabit qualitativ ansprechende Angebote bereitstellen", so seine Einschätzungen.Eine Set-Top-Box, die den digitalen Datenstrom in fernsehertaugliche Informationen wandelt, ist heute ab 100 Euro zu haben. Per Fernbedienung surft die Couch-Kartoffel dann durch die bunte Welt des Internet. "In der letzen Zeit gingen in Deutschland rund eine halbe Million IPTV-fähige Multimedia-PCs über die Ladentheke, die sich als Barebone-Rechner für Internet-TV nutzen lassen", hat Wildt in einer Pixelpark-Studie herausgefunden.

"IPTV ist derzeit ein globales Phänomen", wie Mike Couture Vice President of Solutions Marketing bei Amdocs in Toronto, beobachtet. Er stellt ein starkes Wachstum von IPTV-Angeboten in Asien und den USA fest. "In Deutschland ist der Markt dagegen noch verhaltend", erklärt der Marketing-Stratege. Als Gründe nennt Couture die starke Monopolstellung der Telekom, weshalb prozentual weniger Haushalte über breitbandige Zugänge verfügten als die meisten europäischen Nachbarländer. Doch seien die rund sieben Millionen User, die hierzulande inzwischen über DSL ins Web gelangen, eine gute Ausgangsbasis für IPTV-Services.

» Kabel-Provider sind auf dem Weg zum Triple-Play. Sie wollen neben der Sprache und Daten nun auch verstärkt Video-Angebote über ihre Netze übertragen. «
JOACHIM WILDT, PIXELPARK
Deutlich zurückhaltender sind die Einschätzungen von Frank Naujoks, CRM-Fachmann und Analyst der Hewson Group. "Zurzeit befindet sich der europäische Markt in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Zwar sind mit Alcatel und Microsoft zwei starke Player an die Marktentwicklung gegangen, doch die Telkos dürften die nächsten 12 Monate eher den Markt beobachten und nur in Pilotvorhaben investieren, da Technologien wie VDSL2 und auch die Set-Top-Boxen noch Zeit zur Reife brauchen. Vorreiter sind hier Swisscom und Telecom Italia, die mit Microsoft den Markt testen. Nicht funktioniert haben Microsofts Versuche in Frankreich und Portugal."

Sehr viel Bewegung beobachtet Naujoks dagegen im asiatisch-pazifischen Markt. Insbesondere Hong Kong ist dort Vorreiter bei den IPTV-Abonnenten (rund 420.000). Dort werde das Geschäft getrieben durch das Verschenken der Set-Top-Boxen und durch den Verkauf von Programmen. Doch noch geht die Rechnung nicht auf. "Zwar steigt der durchschnittliche monatliche Kundenumsatz beständig, liegt aber zurzeit nur bei rund der Hälfte des durchschnittlichen Kabel-TV-Umsatzes", erklärt Naujoks.Ein großes Potenzial versprechen sich neben der TK-Industrie der Handel und Versandhäuser von IPTV. So haben zum Beispiel Microsoft und die Otto Group im Frühjahr eine Partnerschaft bekannt gegeben, die das Ziel verfolgt, die "Shopping Experience der Zukunft" zu erforschen. Im Rahmen eines Pilotprojekts "Digital Lifestyle Shopping" soll dazu der Otto-Shop in die Windows XP Media Center Edition 2005 integriert werden. "Mit dieser Erweiterung unseres E-Commerce-Angebots - neben Internet und M-Commerce jetzt auch T(V)-Commerce - bringen wir den Point of Sale direkt ins Wohnzimmer unserer Kunden", erläutert Dr. Rainer Hillebrand, Vorstand Vertrieb, Marketing und E-Commerce bei Otto.

Auch Tiscali-Mann Uwe Schnepf weist auf das große Potenzial von IPTV hin. Es eigne sich insbesondere als preiswerte Lösung für Walk-by-TV als CRM-Instrument im Handel sowie für den Aufbau von Spartenkanälen und fördere die Entstehung von Nischenprogrammen und Qualitätsfernsehen. Auch Kurzfilmfestivals, Werbekanäle, Musik- und Sport-Communitys würden künftig verstärkt auf ITPV zurückgreifen, um kostengünstig ihre Special-Interest-Themen zu kommunizieren. "Die Möglichkeiten, die IPTV bietet, werden erst nach und nach erkannt. Jedenfalls ist es für Sender günstiger via Internet-Fernsehen in die Wohnstuben der Konsumenten zu gelangen, als teuere Sendeplätze auf einem Satellit oder im Kabel zu mieten."

» IPTV steckt hierzulande in den Kinderschuhen. Die Telkos in Europa dürften die nächsten 12 Monate den Markt beobachten und nur in Testmärkte investieren. «
FRANK NAUJOKS, HEWSON GROUP
Für TK-Anbieter bedeutet der Sprung von einem Sprachtransporteur zu einem Multimedia-Service-Provider einen Kraftakt. Denn es ist sowohl technisch als auch organisatorisch ein großer Wandel. Amdocs stellt dazu beispielsweise Infrastrukturlösungen für TK-Anbieter bereit, beispielsweise eine IPTV-Middleware, mit der sich Mulitmedia-Services aufbauen lassen. Ziel für die Unternehmen ist es, die bestehende Infrastruktur auf IP-Technologie zu konsolidieren, wie Amdocs-Manager Couture erklärt. Dies birgt neben der einheitlichen Technologie enorme Vorteile im Kundenbeziehungs-Management, da sich auf Basis von IP eine Multikanal-Strategie einfacher umsetzen lässt. Der Trend zur IP-Konvergenz birgt für Couture gleichzeitig die Chance, Unternehmenseinheiten besser miteinander zu verzahnen. "IP bricht praktisch die vertikalen Unternehmenssilos und vertikalen Strukturen auf, die nur spezielle Dienste anbieten. IP ist die Trägerplattform für alle und dadurch wird der Multichannel-Gedanke zur Realität", erklärt er.Einig sind sich die Fachleute darin, dass die Gestaltung von IPTV-Angeboten gut organisiert sein muss. Denn es gilt, eine Vielzahl von Lieferanten unter einen Hut zu bekommen, bis der Service schließlich am Fernseher des Endkunden ankommt: Filmgesellschaften, Portalbetreiber, Verlage, Kabel-Provider, Hard- und Softwareanbieter und Rechtevermarkter sind dabei nur ein Teil der Lieferkette, die zu managen ist. "IPTV ist ein großer Schritt für die Organisation, weil die Mitarbeiter von TK-Anbietern keine oder nur wenig Erfahrung mit Fernsehen haben", erklärt Couture. Die Telekommunikationsbranche entwickle sich dabei zu Integratoren, die alle Teilleistungen und involvierten Partnerfirmen steuerten. Um hier Schützenhilfe zu leisten, bietet Amdocs beispielsweise Beratungsleistungen an, welche die Transformation vom klassischen TK-Provider hin zu einem Multimedia-Dienstleister begleiten. Software für die Provisionierung und Abrechnung, mit der sich die Dienste fakturieren und weiterberechnen lassen runden das Spektrum ab.

» Ziel für die Unternehmen ist es, die bestehende Infrastruktur auf IP-Technologie zu konsolidieren. IPTV ist ein Baustein dafür. «
MIKE COUTURE, AMDOCS
Wann sich diese Investitionen allerdings bezahlt machten, darüber gibt es derzeit keine gesicherten Erkenntnisse. Nach den Erfahrungen von Tiscali-Manager Schnepf liegt der Return on Investment (RoI) von IPTV-Vorhaben zwischen drei und fünf Jahren: "Genau hat das noch niemand aufgrund der hohen Anzahl der in Deutschland betriebenen DSL-Einwahlpunkte durchgerechnet." Der Hauptkostentreiber sei dabei der Aufbau der nötigen eigenen Netzwerk-Infrastruktur, da die Telekom nur sehr zögerlich Kapazitäten und dann zu überhöhten Preisen Dritten zur Verfügung stelle.

Die Fachleute sind sich allerdings einig, dass die TK-Anbieter um ein IPTV-Angebot künftig nicht herumkommen, egal was es sie kostet, wenn sie nicht den Anschluss zum Mitbewerb verlieren möchten.