VoIP für Privatanwender: Wann ist es endlich so weit?

(http://www.zdnet.de/magazin/39134890/voip-fuer-privatanwender-wann-ist-es-endlich-so-weit.htm)

von Joachim Kaufmann und Dietmar Müller, 19. Juli 2005

Wann wechselt das Massenphänomen Internet-Telefonie in den Massenmarkt über? Welche Argumente zählen für die Privatanwender am ehesten? Diese und andere Fragen stellte ZDNet einem, der es wissen muss: Jörg Kracke, Geschäftsführer von 3Com Deutschland.

Kaum ein IT-Thema interessiert die Öffentlichkeit momentan mehr als Voice over IP (VoIP). Wo geht es hin, was können die Nutzer - sowohl private als auch geschäftliche - von der Technologie erhoffen? ZDNet fragte Jörg Kracke, Geschäftsführer von 3Com Deutschland[1], einen ausgewiesenen Experten.

ZDNet: Dank Call-by-Call haben die Gesprächskosten inzwischen ein sehr niedriges Niveau erreicht. Zieht man möglicherweise notwendige Investitionen in Betracht, ist Voice over IP für den klassischen Privatanwender preislich womöglich gar nicht so attraktiv. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Kracke: Grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht, die Tarife der Provider werden in regelmäßigen Abständen immer günstiger. Bedenken sollte man jedoch, dass VoIP im Privatbereich noch ganz am Anfang steht - der Funktionsumfang wird noch deutlich zunehmen. Ähnlich verhält es sich bei Handys und Festnetztelefonen: Anwender tendieren dazu, die Funktionalität eines Handys auch zuhause nutzen zu wollen. Auf den VoIP-Bereich übertragen bedeutet das, dass Privatanwender bald nach den Funktionen verlangen, die sie auch aus der Geschäftswelt gewohnt sind, etwa das Zusammenspiel des Telefons mit diversen Applikationen.

ZDNet: Halten Sie die Diskussion um Zusatzfunktionen nicht für eine Scheindiskussion? Privatanwender schielen zunächst auf den Preis, erst dann auf die gebotenen Funktionen.

» So, wie sich die Festnetztelefonie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Geschäftswelt in die Privathaushalte ausgedehnt hat, so wird dies auch mit VoIP geschehen. «
Kracke: Natürlich wird es gerade bei den Privatanwendern immer eine breite Schicht geben, die zuerst auf den möglichst günstigen Preis achtet. Genauso wird es aber eine Nutzergruppe geben, die sich auf den Mehrwert fokussiert. Vielleicht ist es dabei wichtig, den Gesamtzusammenhang im Auge zu behalten: Wohin steuert denn unsere mediale Welt? Es ist beispielsweise nur ein kleiner Schritt von VoIP zu Video-Conferencing. Ein großer Schritt dagegen ist es von der heutigen Festnetztelefonie zu diesen medialen Mehrwerten. Vielleicht driftet der Markt aber auch auseinander… Egal auf welche Art wir telefonieren: Immer sind wir mit einer Grundgebühr belastet. Erst wenn wir das entbündelt haben, wird es einen neuen Innovationsschub geben.

ZDNet: Damit greifen Sie unserer nächsten Frage vor: Für wie entscheidend halten Sie die Entkoppelung von Telefon- und DSL-Anschluss für die weitere Entwicklung von VoIP in Deutschland?

Kracke: Dazu muss ich einen Ausflug in die Geschäftswelt wagen: Dort sind die Service-Provider sehr flexibel, möglicherweise retten sie das auch in die Welt der Privatanwender hinüber. Enterprise-Kunden, die in VoIP-Telefonie investiert haben, benötigten bis vor kurzem ein Gateway, um ins öffentliche Netz zu gelangen. Heute jedoch stellen die Provider Voice-Schnittstellen auf IP-Basis zur Verfügung. Es hat hier also bereits eine schleichende Migration von der Leitungsvermittlung hin zu einer VoIP-Funktionalität stattgefunden.ZDNet: Das führt uns zu einem Thema, das wir im letzten gemeinsamen Gespräch ausführlich erörtert haben[2].

Kracke: Natürlich haben die großen Provider das Recht, ihre getätigten Investitionen abzuschreiben, und in der Folge das Bundling hoch zu halten. In diesem Zusammenhang kocht auch immer wieder die Diskussion über Notrufnummern hoch, wiewohl ich mir in diesem Fall nicht sicher bin, inwieweit es sich dabei um eine Scheindiskussion handelt. Wir sind von Handys und anderen Kommunikationsmitteln umgeben, ich finde, Notrufnummern sollten nicht als Argument gegen Innovationen ins Feld geführt werden.

Zusammengefasst sehe ich, dass sich die Entwicklung wiederholt: So, wie sich die Festnetztelefonie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Geschäftswelt in die Privathaushalte ausgedehnt hat, so wird dies auch mit VoIP geschehen.

ZDNet: Von welchem Zeitrahmen sprechen wir? Im Moment obliegt die Entscheidung der Regulierungsbehörde. Sie prüft gerade, ob die Telekom gezwungen werden kann, diese beiden Dienste zu entbündeln.

» Bei VoIP gibt es zwei Schwachstellen: Zum einen das SIP (Session Initiation Protocol), zum anderen Firewalls, die für die Sicherheit der Anwender sorgen sollen. Für VoIP muss ich jedoch Ports öffnen und offeriere damit ein potentielles Sicherheitsloch. «
Kracke: Eine Prognose fällt mir schwer, weil es sich längst um keine rein deutsche Regulierungs-Entscheidung mehr handelt. Das Thema wird auf Europaebene diskutiert, was nicht unbedingt zu einer Beschleunigung des Entscheidungsprozesses führt. Die alternativen Provider fangen damit jedoch heute schon an und schaffen entsprechende Zugänge.

ZDNet: Geben Sie uns eine Zahl.

Kracke: Wenn ich sage zwei Jahre, greife ich sehr weit voraus. In der IT sind zwei Jahre fast nicht kalkulierbar. Aber ich bin mir fast sicher, dass bis in zwei, drei Jahren auch die großen Provider nachgezogen haben. Der Marktdruck wird sie dazu zwingen.

ZDNet: Zwei Jahre also, damit die entsprechenden Regularien geschaffen werden. Wie lange wird es dann zusätzlich dauern, bis alle Privatanwender mit VoIP wie selbstverständlich telefonieren werden?

Kracke: Das Thema VoIP diskutieren wir seit 1996 oder 1997. Seitdem haben sich eine Reihe von technischen Änderungen wie bessere Sprachqualität ergeben. Wichtigere Veränderungen haben in dieser Zeit aber im kulturellen Bereich stattgefunden: Heute ist VoIP sowohl bei Privatanwendern als auch bei Providern und in der Politik ein Thema. Die wichtigste Hürde scheint mir also bereits genommen. Wenn die regulatorischen Voraussetzungen geschaffen sind, wird die Adaption also voraussichtlich sehr schnell stattfinden.

ZDNet: ENUM[3] soll in Deutschland noch in diesem Jahr seinen Wirkbetrieb aufnehmen. Liegt darin die große Chance für mehr kostenlose Telefonate?

Kracke: Bislang wurde stark auf Provider-interne Lösungen gesetzt, nun will man Netze zusammenschalten, um kostengünstig Provider-übergreifende Gespräche anzubieten. Inwieweit es das Geschäft beflügeln wird, ist aber schwer einzuschätzen. Sagen wir mal so: Der Privatanwender wird diese Funktion ganz einfach verlangen beziehungsweise voraussetzen. Das Bauchgefühl von Jörg Kracke sagt: Das ist ein 'Muss' für Privatanwender und keine Frage.ZDNet: Thema Sicherheit: VoIP zieht inzwischen auch das Interesse von Hackern auf sich. Wo sehen sie die größten Bedrohungen? Wie gut sind die Anbieter und aktuellen Lösungen dafür gerüstet? Welche Strategie verfolgt 3Com?

Kracke: Bei VoIP gibt es zwei Schwachstellen: Zum einen das SIP (Session Initiation Protocol[4]). Es ist dafür entworfen worden, synchrone Daten zu transportieren. Sei es nun Sprache, Video oder was auch immer. Es ist nicht gebaut worden, um sicher zu sein. Zum anderen Firewalls, auch Personal Firewalls, die für die Sicherheit der Anwender sorgen sollen. Für VoIP muss ich jedoch Ports öffnen und offeriere damit ein potentielles Sicherheitsloch. Das Problem finden wir aber beispielsweise auch im SQL-Bereich, was der Slammer-Wurm ausgenutzt hat. 3Com hat Anfang des Jahres Tippingpoint[5] gekauft, und die setzen stark auf Intrusion Prevention. Für mich stellt das die Zukunft der Sicherheitsmaßnahmen dar: Statt Firewalls setzt man dabei auf das Erkennen von Angriffsmustern. Sobald sich ein Eindringling auffällig verhält, wird der Datenstrom abgeschaltet. Für uns ist dabei besonders die Latenz wichtig: Die Inspektion von Datenströmen darf nicht zu Verzögerungen führen. Da wir auf offene Standards setzen, haben wir die VoIP Security Alliance[6] ins Leben gerufen.

ZDNet: Wann sind erste Ergebnisse der Alliance zu erwarten?

Kracke: Inhouse können wir den Tippingpoint-Client bereits bei unseren Enterprise-Kunden zum Einsatz bringen. Ein kleinerer, auf professionelle Heimanwender zugeschnittener Client kommt im Herbst auf den Markt. Die Alliance ist eine Art übergreifendes Diskussionsforum - allein die Gründung hat schon viel bewegt. Ob daraus ein übergreifender Standard hervorgeht, bleibt abzuwarten.

ZDNet: Der Nutzwert von E-Mail ist durch Spam erheblich eingeschränkt. Wie lässt sich eine ähnliche Entwicklung bei VoIP durch Spit (Spam over Internet Telephony) verhindern?

Kracke: Ich hab in letzter Zeit öfter mal tagsüber zuhause verbracht - ich war überrascht, wie oft Sie dort Werbe-Anrufe erhalten. Das würde ich bereits unter Voice-Spam einordnen. In Zukunft wird man das technisch sogar noch optimieren, dann rufen Sie Automaten an. E-Mails siebt man durch Firewalls aus, ein anderer möglicher Weg wäre die Änderung des Protokolls a la SMTP. Das lässt sich möglicherweise auch auf VoIP übertragen. Zusätzlich muss sich hier der Gesetzgeber einschalten und ein Verbot aussprechen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.3com.de/
[2] = http://www.zdnet.de/itmanager/tech/0,39023442,39131688,00.htm
[3] = http://de.wikipedia.org/wiki/ENUM
[4] = http://de.wikipedia.org/wiki/Session_Initiation_Protocol
[5] = http://www.tippingpoint.com
[6] = http://www.voipsa.org