IBM: Die Renaissance des PowerPC

(http://www.zdnet.de/magazin/39133292/ibm-die-renaissance-des-powerpc.htm)

von Dietmar Müller, 25. Mai 2005

Die Supercomputer-Konferenz in Heidelberg steht vor der Tür. Als Hauptsponsor wird IBM dort seine PowerPC-basierten Maschinen und den Monsterrechner Blue Gene zeigen. Grund genug für ein Gespräch mit Klaus Gottschalk, Senior Consulting IT-Spezialist bei IBM, Experte für Server und Großrechner.

ZDNet: Herr Gottschalk, IBM wird auf der Supercomputer-Konferenz in Heidelberg ausstellen? Was werden Sie dieses Jahr ins Rampenlicht rücken?

Gottschalk: In diesem Jahr ist IBM der Hauptsponsor und natürlich entsprechend vertreten. So werden wir mit verschiedenen Produkten, Vorträgen und Demos vor Ort sein und beispielsweise Blue Gene zeigen. Darüber hinaus wird unser Fokus auf den Blade-Servern - beispielsweise unseren Power Blades - liegen.

ZDNet: Blade-Server werden von Ihnen mit Linux bestückt. Mit welchem Betriebssystem arbeiten Sie grundsätzlich gern zusammen?

Gottschalk: Seit neustem spielen wir auch AIX auf unsere Blade Server, aber Linux ist definitiv die erste Wahl. Bei den Intel-Blades steht natürlich auch Windows zur Verfügung.

ZDNet: Auf der GSE wurde klar, dass Linux auf PowerPC-Mainframes, also auf der P- und I-Series, kaum nachgefragt wird.

Gottschalk: Auf der I-Series – also die AS400 - spielt Linux durchaus eine Rolle, etwa als Applikations-Server oder als Server für auswärtige Desktops. Für die P-Series bieten wir gezielt Systeme an, die nur unter Linux laufen. Es handelt sich um 2- und 4-Wege-Systeme namens Open Power. Dafür gibt es gar kein AIX. Da auch keine Entwicklungskosten für AIX anfallen, können wir diese Systeme vergleichsweise günstig anbieten. Aber Sie haben Recht: Auf größeren P-Series-Maschinen spielt Linux kaum eine Rolle. Kunden dieser Größenordnung sind in der Regel agnostisch, denen ist egal, ob Linux oder AIX aufgespielt ist. AIX hat aber etwa in Bezug auf die Skalierbarkeit und Ausnützung der Hardware noch einige Vorteile.ZDNet: Anwender beschwerten sich auf der GSE, dass es für die Power-Architektur (P-Series) nur rund 900 Programme gibt, für die Intel-Umgebung dagegen ein Vielfaches an Software zur Verfügung stehe. Werden Sie die Softwareentwicklung gezielt vorantreiben? Gottschalk: Natürlich werden die ISVs bei der Portierung unterstützt. Mit Open Power haben wir unserer Meinung nach auch eine gerade preislich passende Plattform dafür geschaffen. Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Anwendungen für Linux auf Power weiter steigen wird.

ZDNet: Würde eine Offenlegung des RISC-Befehlssatzes nicht helfen? Open Source ist Ihnen doch sonst sehr sympathisch, oder?

Gottschalk: Grundsätzlich sind die meisten PowerPC-Spezifikationen schon lange veröffentlicht. Aber natürlich haben und behalten wir die Intellectual Property daran. Schließlich verdienen wir Geld damit, auf dieser Basis Prozessoren auch für andere Hersteller herzustellen.

ZDNet: Wir hatten den Eindruck, mit der Gründung der Power.org-Initiative[1] vor wenigen Monaten hätten Sie einen ersten Schritt in Richtung auf einen quelloffenen PowerPC gemacht.

Gottschalk: Die Power.org-Initiative dient dazu, die Entwicklung der PowerPC-Architektur auf viele Schultern zu verteilen. Gerade Elektronik-Unternehmen im Consumer- und Embedded-Umfeld soll ein leichterer Einstieg in diese IT-gestützte Architektur ermöglicht werden. Sie erhalten mittels eines vordefinierten Werkzeugkastens Schützenhilfe von vielen anderen Firmen.

ZDNet: Damit liefern Sie das nächste Stichwort, nämlich Consumer-Elektronik. In der Playstation-Spielekonsole beispielsweise kommt der PowerPC-Prozessor zum Einsatz. Wie steht es um die Zukunft dieses Engagements?

Gottschalk: Aktuell setzen so gut wie alle großen Hersteller von Spielekonsolen Derivate des PowerPC ein – manche auch den PowerPC direkt. Der PowerPC 970, der von Apple eingesetzt wird, hat beispielsweise eine zusätzliche Vektoreinheit drauf – so bekommt jeder Hersteller seine spezielle Version. ZDNet: Ihre wichtigsten Lizenznehmer sind Motorola, Sony, Cisco, Apple…?

Gottschalk: …Hitachi.

ZDNet: Trotz dieser namhaften Partner und trotz Power.org wollen Sie den PowerPC selbst weiter entwickeln. Was ist an Neuerungen zu erwarten?

Gottschalk: Mit dem Power4 haben wir Dual Cores eingeführt, das setzen wir mit dem kommenden Power5 fort. Grundsätzlich geht es um die effiziente Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Chip-Fläche. Generell geht der Trend dadurch zu mehreren Cores. Zu erwarten sind zunächst also Prozessoren mit vier Cores. Aber wir haben auch andere Maßnahmen ergriffen: Im Power5 beispielsweise finden Sie Simultaneous Multithreading (SMT) – ein Core tritt dann wie zwei CPUs auf.

ZDNet: AMD bringt mit 'Pacifica' eine Virtualisierungstechnik für Prozessoren. Diese wird es möglich machen, auf einer CPU mehrere Betriebssysteme gleichzeitig laufen zu lassen. Intel schraubt an etwas vergleichbarem. IBM sitzt schon länger daran. Was ist in dieser Richtung neues zu erwarten?

Gottschalk: Ja, Sie sprechen mit den Erfindern der Virtualisierung. Wir bieten schon lange die Möglichkeit, mehrere Partitionen nebeneinander zu betreiben, in der P- und der I-Series ist das seit dem Power4 möglich.

Der Power5-Prozessor wird neu die Möglichkeit bieten, auf einem 1-Wege-System bis zu 10 logische Partitionen mit einem entsprechenden Zeitschaltverfahren anzulegen. Eine Partition kann dann etwa über 40, eine andere über 60 Prozent Anteil verfügen. ZDNet: Nachdem RISC-Prozessoren lange Zeit dem Tode geweiht aussahen, erleben sie nun eine Renaissance. Welche Chancen rechnen Sie sich gegen die x86-Architektur aus?

Gottschalk: Wir rechnen mit steigenden Marktanteilen, ganz klar. Uns wurde ja früher sogar prophezeit, dass wir den PowerPC ähnlich wie HP seine RISC-Prozessoren einstellen werden. Das war aber nie unsere Intention.

Durch unsere Breite im Markt – Embedded-Systeme, Consumer-Elektronik, Server – ist das ganze sehr veritabel für uns.

ZDNet: Beobachter gestehen Ihnen beste Aussichten auf dem chinesischen Markt zu. Dort boomt es und der PowerPC ist in Kombination mit Linux schwer angesagt.

Gottschalk: Ja, kein Wunder das Power.org in China gegründet wurde. Gerade Server, aber auch Elektronik-Geräte, werden dort nachgefragt und neu entwickelt.

ZDNet: Erwarten Sie mit dem angekündigten Cell-Prozessor ähnliche Erfolge?

Gottschalk: Für Sony bietet der Cell die Chance, ein Gerät anzubieten, dass weit über eine Spielekonsole hinaus geht. Toshiba hat wohl aus dem gleichen Grund seine Mithilfe angekündigt: In Fernsehgeräten und in der gesamten Home-Elektronik können Sie nun leistungsfähige CPUs einbringen.

ZDNet: Herr Polster, Geschäftsführer von AMD in Deutschland, zeigte sich im Gespräch mit uns eher skeptisch, was die Erfolgsaussichten des Cell-Prozessors angeht. Seiner Meinung nach wird er – ähnlich wie der Itanium – in einer Nische dahinvegetieren.

Gottschalk: Bislang gibt es keine ausgeprägten Tendenzen, den Cell überhaupt im IT-Umfeld anzusiedeln, zumal im Mainstream-Bereich. Der Cell ist vor allem für Einsatzgebiete im Multimediaumfeld und in der Consumer-Elektronik gedacht, wie ja auch die Gemeinschaftsentwicklung von Sony, Toshiba und IBM andeutet, insofern ist der x86-Markt für uns hier nicht im Fokus. Wir haben da eine andere Perspektive.

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[1] = http://www.power.org/