Forschung und Industrie arbeiten intensiv am know-how basierten Arbeitsplatz der Zukunft. In einigen Jahren schon werden Mitarbeiter direkt mit der IT-Landschaft vernetzt sein. Wearable Computing ist dann bereits Standard.
Thad Starner[1] ist tatsächlich so etwas wie ein futuristisch anmutender Cyborg. Über sein kleines Head Mounted Display hat der Wissenschaftler auch während des anstrengenden Kongresstages mit vielen Vorträgen seinen eigenen kleinen Arbeitsplatz im Blick. Egal, wie und wo er sich gerade bewegt.
![]() Starner mit seinem Head Mounted Display Quelle: Thad Starner[1] |
Starner ist ständig in Bewegung, ein ewiger Unruheherd. Warum nicht beim Gang von A nach B ein paar E-Mails schreiben. Wie das funktioniert. Ganz einfach: Starner benutzt dazu eine würfelgroße Tastatur, die er mit seiner linken Faust umklammert, während die Finger in blinder Routine die Sätze formulieren.
Auch während eines Zweier-Gesprächs hat Starner meist sein Display im Blick. Während er auf seinem "Twiddler" arbeitet, bemerkt der Gesprächspartner das kaum, nur ein leises Klacken der Tastatur verrät, dass die Aufmerksamkeit zwei Dingen gleichzeitig gilt. Manches Mal schläft er auch mit seinem Equipment, gibt Starner gerne zu, während er in Zürich auf der internationalen Fachkonferenz "wearIT@work" schon längst wieder eine E-Mail schreibt.Der Twiddler ist ein kleiner Vorreiter der flügge gewordenen mobilen Arbeitswelt. Er kombiniert auf einem nur ein paar Gramm schweren Gerät sowohl Tastatur als auch Maus. Der Daumen liegt oben, mit den übrigen vier Fingern gibt der Nutzer quasi blind seine Befehle. "In zwei Wochen kann der User den Umgang und das Tippen mit dem Gerät erlernen", sagt Starner.
Beim Twiddler gibt es insgesamt 16 Tasten, man muss natürlich erst ein bisschen üben und die Belegung erlernen. Im Prinzip funktioniert es ähnlich wie bei einer Schreibtastatur mit Groß- und Kleinschreibung und Mehrfachbelegung, nur dass das System auf die Bedienung mit einer Hand zugeschnitten ist.
Auf den ersten Blick mag der Twiddler etwas für eine technikverliebte Insider-Community sein. Auf den zweiten Blick ist er durchaus eine Art Vorbote für unsere künftige Arbeitswelt in ein paar Jahren, in der die IT direkt am menschlichen Körper integriert ist. "Wir haben umfangreiche Usability-Tests durchgeführt und es hat sich gezeigt, dass selbst Anfänger die neue Schreibtechnik rasch erlernen", behauptet Starner.Das EU-Projekt wearIT@work[2] macht derzeit den Amerikanern den Rang als Vorreiter im Bereich des Wearable Computings streitig. Das weltweit größte Rahmenprojekt für IT-Systeme soll die Entwicklung von Anwendungen beschleunigen, die körpernah Arbeitsprozesse in Büro, Fabrik und im Freien unterstützen.
Das Projektumfeld stellt hohe Anforderungen an die Beteiligten. Denn der Knowledge Worker des 21. Jahrhunderts ist eine unbekannte Größe. Bei wearIT@work sind nicht nur Technikfreaks und begeisterte Ingenieure gefragt, denn die tragbare IT greift unmittelbar in die Privatsphäre des Nutzers ein.Die kontextbasierte Wearable-Umgebung unterscheidet sich vom Mobile Computing oder dem Betrachten dreidimensionaler Virtual Reality-Lösungen. Die unmittelbar am menschlichen Körper integrierte IT unterstützt quasi unsichtbar die Abläufe und Handlungen des Nutzers, macht ihn aber auch an seinem Arbeitsplatz transparent, bis hin zur Art seines Gangs oder der Kraft seiner Bewegungen.
Eine extreme Anwendung ist die Medizin, wo die Geräte direkt in den Körper implantiert werden können. "Es reicht sicherlich nicht aus, den Nutzer die Features eines neuen Produkts einfach ankreuzen zu lassen - und dann blinkt es und alle freuen sich", beklagt Paul Hearn, Scientific Advisor Advisor bei der New Media Working Environments Unit in der EU-Kommission.
Michaell Lawo vom Technologie-Zentrum Informatik (TZI) der Universität Bremen plädiert dafür, eine 1:1-Übertragung von der Technik auf den User zu vermeiden. Vielmehr gelte es die Einflüsse in der Umgebung von Anfang an mit zu berücksichtigen. "Es geht darum, den Enduser nicht nur technisch zu integrieren, sondern ihn in den ganzen Prozess einzubeziehen", argumentiert Lawo.Der Sinn von wearIT@work besteht nicht darin, trendige Lifestyle-Szenarien am Arbeitsplatz zu kreieren, sondern mit Hilfe von High Tech die Qualität, Effizienz und Produktivität zu steigern. Ganz oben auf der Agenda stehen vier Leitprojekte: Ein mobiles Notfalleinsatz-System der Pariser Feuerbrigade, eine Hospitallösung im Bereich Health Care (Gesundheits- und Spitals AG, Linz), die mobile Instandhaltung am Flugzeug (EADS) sowie eine Lösung in der Automobilproduktion (Skoda).
Pariser Feuerwehr: Eigenes und fremdes Leben retten
Hospitallösung: Bessere Betreuung durch mehr Informationsfluss
Flugzeugindustrie: Effizientere Instandhaltung durch weniger Papier
Automobilindustrie: Mehr Qualität und Ablauftransparenz "just in time"
Was die technische Ausstattung und einzelne Features angeht, so zeichnet sich noch kein Königsweg ab. Denkbar sind leistungsfähige und flexibel einsetzbare mono- und binokulare Head Mounted Displays (HMD), kombiniert mit unterschiedlichen Endgeräten wie PDA´s plus innovativen Sensortechnologien, wie etwa kleine an der Schulter befestigte Solarzellen für das Usertracking innerhalb eines definierten Raumes.
Auch rücken verbesserte Übertragungstechnologien und bessere Hard- und Softwareplattformen die Vision des Wearable Computings in greifbare Nähe. Dennoch gilt es noch weitere Hürden zu nehmen: Etwa müssen beim Einsatz in der industriellen Produktion oder in Wartung und Service die Informationen in Sprachbefehle umgewandelt werden.Idealerweise sogar in die jeweilige Landessprache, damit etwa der nur einsprachig ausgebildete Monteur sie auch unzweideutig versteht. "Unsere Kunden zweifeln noch an der Spracherkennung", sagt Christian Bürgy, Project Development Consultant bei der deutschen Niederlassung von Xybernaut in Böblingen, einem der führenden Anbieter für tragbare IT-Lösungen.
Derzeit hinke zudem die Prozess-Power bei Wearable-Lösungen immer noch denen der Laptops hinterher, argumentiert Bürgy. Ein Gewicht von bis zu 1,5 Kilogramm für das Hard- und Softwarepaket sei zu aufwändig. Da aber Preise für einzelne Komponenten sinken und gleichzeitig die Qualität der Displays, Prozessoren und Akkulaufzeit (mindestens acht Stunden) zunimmt, steht dem technologischen Quantensprung nichts im Weg.
Damit Wearable Computing aber als erfolgreiche Knowledge Safari endet, gibt es noch weitere Klippen zu überwinden. Das sei ähnlich wie beim Handy, bei dem mal private und mal geschäftliche Gespräche geführt werden, gibt Michael Lawo zu bedenken: "Liegt der Fokus ausschließlich beim User in der Firma, für die er arbeitet?".
Wo die Grenzlinien zwischen privater und öffentlicher Arbeitssphäre liegen, ist also noch offen. Unklar ist auch, ob der gegenwärtige Hype um RFID-Technologien die Einführung beschleunigt. "RFID schafft beim Wearable Computing nicht automatisch den richtigen Kontext", relativiert Lawo.
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