Zu viele Informationen: Warum wir nicht mehr richtig aufmerksam sein können

(http://www.zdnet.de/magazin/39132519/zu-viele-informationen-warum-wir-nicht-mehr-richtig-aufmerksam-sein-koennen.htm)

von Alorie Gilbert, 25. April 2005

Es ist die vielleicht größte Ironie des Informationszeitalters: Durch die vielen Daten, die Ihnen per E-Mail, Instant Messaging, Handy, Voice-Mail und Blackberry zufliegen - könnten Sie glatt verblöden.

Dr. Edward Hallowell, ein Psychiater, der seit zehn Jahren die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS)[1] untersucht, hat eine ähnliche Störung gefunden, die er Attention Deficit Trait (Aufmerksamkeitsdefiziteigenschaft: ADE) nennt. Hallowell sagt, dass diese Eigenschaft in Unternehmen epidemische Ausmaße annimmt. Anders als bei ADS werden die Menschen nicht mit ADE geboren. Sie ist das Ergebnis, wie Hallowell sagt, eines modernen Arbeitsplatzes, ein Ergebnis des fortwährenden Geschwätzes aus unseren Computern, Telefonen und anderen Hightech-Geräten, das unsere geistigen Kräfte schwächt.

Hallowell, früheres Mitglied der Fakultät an der Harvard Medical School, setzte sich mit CNET News.com zusammen, um über ADE zu sprechen - und darüber, wann man sich ausloggen, den Hörer auflegen oder sich eine Auszeit nehmen sollte. Wir hörten aufmerksam zu.

CNET: Was ist ADE?

Hallowell: Grundsätzlich so etwas Ähnliches wie die normale Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Zugleich aber ist ADE ein Zustand, der durch das moderne Leben hervorgerufen wird, bei dem wir so stark damit beschäftigt sind, ganz unglaublich viele In- und Outputs zu beachten, dass wir immer abgelenkter, gereizter, impulsiver, unruhiger und langfristig leistungsunfähiger werden. Mit anderen Worten: ADE kostet Effizienz, weil wir versuchen, einen Ball mehr zu jonglieren als wir tatsächlich können.

CNET: Was für Symptome gibt es?

Hallowell: Wenn Leute meinen, dass sie nicht mit ihrer vollen Leistungsfähigkeit arbeiten; wenn sie ahnen oder wissen, dass sie mehr leisten könnten, tatsächlich aber weniger leisten; wenn sie wissen, dass sie intelligenter sind als das, was sie hervorbringen; wenn sie anfangen, Fragen oberflächlicher und hastiger zu beantworten; wenn ihr Vorrat an neuen Ideen sich erschöpft; wenn sie länger arbeiten und weniger schlafen, weniger trainieren, weniger Zeit mit Freunden verbringen. Kurz: wenn Leute mehr Zeit brauchen, um weniger zu leisten.

CNET: Wann begannen Sie, ADE als eine von ADS unterschiedene Störung wahrzunehmen?

Hallowell: Viele Leute kamen zu mir und wollten, dass ich eine ADS-Diagnose stellte, und ich bemerkte, dass einige von ihnen nicht wirklich unter ADS litten, weil die ADS vollständig verschwand, wenn diese Patienten in Urlaub fuhren oder weil die ADS gänzlich aufhörte, wenn diese Leute sich in eine entspannte Atmosphäre begaben.

Bei ADS - bei echter ADS - gehen die Symptome nicht weg, ganz unabhängig davon, wo Sie sind. So stellte ich fest, dass die Störungen bei diesen Leuten durch ihre Arbeitswelt ausgelöst wurden. Wenn sie zur Arbeit gingen, traten diese Symptome auf. Das bedeutete, dass etwas während der Arbeit geschah. Dieses Etwas ist die informationelle Überlastung.CNET: Waren die Menschen nicht schon immer bei der Arbeit abgelenkt? Ist das wirklich etwas Neues?

Hallowell: Es ist neu, weil wir nie zuvor derart in der Lage waren, unsere Hirnschaltkreise zu überlasten. Wir konnten uns durch manuelle Arbeit überlasten, aber nie zuvor konnten wir uns routinemäßig derart durch Hirnarbeit überlasten.

CNET: Was für einen Tribut verlangt diese Störung von einer Person?

Hallowell: Abgesehen von mangelnder Leistungsfähigkeit haben Sie nie die Befriedigung, die Ideen zu haben, die Sie haben sollten. Sie bekommen nicht die Befriedigung, die aus kreativer Arbeit entsteht. Sie leben auf einer oberflächlicheren Ebene.

CNET: Ich kann mir denken, dass das auch von der Organisation Tribut verlangt.

» Wir versuchen, einen Ball mehr zu jonglieren als wir tatsächlich können. «
Hallowell: Ganz sicher. Organisationen opfern ihr kostbarstes Gut, nämlich die Fantasie und Kreativität der Gehirne, die sie beschäftigen, indem sie ADE erlauben, die Organisation heimzusuchen. Es ist gar nicht so schwierig, ADE zu beherrschen, wenn man sie erst einmal als solche erkannt hat. Man muss Grenzen ziehen und Zeit zum Nachdenken reservieren. Warren Buffett[2] (amerikanischer Börsen-Guru, Anm.d.Red.) sitzt in einem kleinen Büro mitten im Nirgendwo und verbringt viel Zeit damit, nur zu denken. Und wir selbst geben uns diese Möglichkeit nicht.

CNET: Sie sagen, dieser Zustand erreicht endemische Ausmaße. Wie groß schätzen Sie den Anteil der arbeitenden Bevölkerung, die an ADE leidet?

Hallowell: Ich kann jetzt nur raten, weil ich keine Erhebungen vorgenommen habe. Aber ich habe in von mir geleiteten Seminaren informelle Erhebungen durchgeführt. Wenn wir von Managern und leitenden Angestellten in Großunternehmen als arbeitende Bevölkerung sprechen (im Unterschied zu Menschen, die bei Burger King oder so arbeiten), dann werden es, glaube ich, 30, 35, 40 Prozent sein.CNET: Sie sagen, dass Technologie in Form von E-Mail, Voice-Mail, Instant Messaging und so weiter dieses Phänomen begünstigt. Es ist doch Ironie, dass das Informationszeitalter viele von uns dümmer macht, oder nicht?

Hallowell: Auf jeden Fall. Technologie ist ein Segen. Sie ist für einen großen Teil unseres Fortschritts entscheidend. Aber gehen wir nicht vorsichtig mit ihr um, kann sie uns zerreißen. Das geschieht mit einem Menschen, der den ganzen Tag E-Mails und Voice-Mails beantwortet, der sich bei einer wichtigen Besprechung durch sein Handy stören lässt, der abends lange aufbleibt, weil er sich nicht aus dem Internet ausloggen kann. Wir müssen uns darum kümmern. Jetzt kümmert es sich gerade um uns. Wir müssen uns Zeit frei halten, um einzuhalten und nachzudenken.

Wenn Sie kreative Pausen verweigern, dann holen Sie nicht das Beste aus Ihrem Gehirn heraus. Wozu Ihr Hirn am besten geeignet ist, das ist Nachdenken, Analysieren, Zergliedern und Kreieren. Und wenn Sie immer nur auf kleine und aktuelle Stimuli reagieren, dann werden Sie nie besonders weit vordringen.

CNET: Gibt es Menschen, die Multitasking besser beherrschen als andere?

» Sie meinen, dass sie hart arbeiten, und sie meinen, dass sie produktiv sind, aber sie sind es nicht. Sie sind beschäftigt, aber sie denken nicht. «
Hallowell: Niemand ist wirklich multitaskingfähig. Man verwendet lediglich weniger Zeit auf eine Sache. Wenn es aussieht, als würden Sie mehrere Aufgaben zugleich erledigen - Sie schauen auf den einen Monitor und auf den anderen Monitor und gleichzeitig telefonieren Sie - dann muss Ihre Aufmerksamkeit wechseln. Das Hirn ist nicht wirklich multitaskingfähig. Sie können Ihre Aufmerksamkeit nicht gleichzeitig auf zwei Dinge richten. Sie schalten immer zwischen beiden hin und her. So schenken sie beiden weniger konzentrierte Aufmerksamkeit.

Ich glaube, manche Leute kommen gut mit dem so genannten Multitasking zurecht, weil die Anstrengung dafür so stimulierend ist. Adrenalin wird ausgeschüttet, und das hilft, den Geist zu konzentrieren. In Wirklichkeit konzentrieren Sie sich für kurze Momente besser auf jeden einzelnen Stimulus. So werden Sie nie gelangweilt.

CNET: Sie haben den Softwarehersteller SAS[3] als Beispiel für ein Unternehmen genannt, das aktiv einen zusammenhängenden, humanen Arbeitsplatz fördert, mit Vergünstigungen wie dem 7-Stunden-Tag und der Kinderbetreuung vor Ort. Interessant daran ist, dass es sich um ein Privatunternehmen handelt, das nicht auf die Wall Street achten muss. Sind die meisten öffentlich gehandelten Unternehmen zu paranoid und zu erfolgsorientiert für diese Annehmlichkeiten?

Hallowell: Und dabei ist SAS hoch profitabel. Das Ergebnis ist solide. SAS muss einfach keine Quartalszahlen einhalten. Das ist schon fast eine Metapher für das Problem. Wenn man nur von Quartal zu Quartal arbeitet, ist es schwierig, eine langfristige Strategie zu entwickeln. Schwer zu überstehen, wenn es bergab geht. Dieses Management von Quartal zu Quartal ist kurzfristig erfolgreich, scheitert aber auf lange Sicht.CNET: Sehen Sie eine breitere Reaktion in den Unternehmen auf diese Art Arbeitsumgebung, oder glauben Sie, dass damit jeder selbst zurechtkommen muss?

Hallowell: Ich glaube, die Verantwortlichen werden es kapieren und etwas unternehmen. Sie erreichen einen Alarmzustand, in dem das Hirn zu qualmen anfängt, die Alarmglocken läuten, Pfeifen gehen los, die Menschen wandern ab und die Produktivität sinkt. Wir sind noch nicht ganz da angekommen. Ich glaube, die cleveren Unternehmen kapieren es gerade.

CNET: Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Hallowell: Ich habe mit jemandem gesprochen, der eine große Firma in New York führt, und er sagte, dass er seine Angestellten auffordert, sich mehrere Tage im Monat Zeit nur zum Nachdenken zu nehmen - das Büro verlassen und nur hinausgehen und nachdenken. Sie sollen kein E-Mail und kein Handy mitnehmen - Sie sollen sich unerreichbar machen. Und ich glaube, das ist wirklich eine intelligente Managementstrategie.

CNET: Sie sagen, Angst kann ADE begünstigen. Wie das?

Hallowell: Wenn sie Angst haben, widmet Ihr Hirn viele Ressourcen dem Überleben. Sie schalten in den Überlebensmodus. Die niederen Hirnzentren beschäftigen die höheren Zentren, um sicherzustellen, dass Sie nicht getötet werden. Sie bekommen einen großen Schuss Adrenalin und Cortisol, und Sie schalten auf ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken um: an-aus, auf-ab.

» Heute ist jeder in der Unternehmenswelt durch ADE gefährdet, insbesondere aufgrund der Kräfte des weltweiten Wettbewerbs. «
Sie verlieren die Funktionen, von denen ich vorhin sprach: Flexibilität, die Fähigkeit, Grautöne zu unterscheiden, mit Ungewissheit umzugehen, Humor zu haben, sich mit neuen Ideen zu beschäftigen. All das fliegt zum Fenster hinaus, Sie wollen die Sache nur in Ordnung bringen, denn sonst werden Sie vernichtet. Das ist gut, wenn Sie von einem Säbelzahntiger gejagt werden. Es ist aber nicht gut, wenn Sie sich in ihrer gewöhnlichen alltäglichen Arbeitsumgebung bei IBM befinden.

CNET: Ist es möglich, dass ein Unternehmen als Ganzes ADE hat?

Hallowell: Aber sicher. Nehmen Sie etwa das Büro eines Börsenmaklers. Alle rennen herum, schauen auf ihr Bloomberg, auf die aktuellen Kurse, reagieren auf alles. Sie stürzen sich auf jeden kleinen Stimulus, als würde es einen riesigen Unterschied machen. Und sie haben keine Strategie, oder ihre Strategie wechselt täglich.

Sie rennen alle herum und arbeiten wie besessen. Doch folgen sie in Wirklichkeit den Launen des Marktes. Sie meinen, dass sie hart arbeiten, und sie meinen, dass sie produktiv sind, aber sie sind es nicht. Sie sind beschäftigt, aber sie denken nicht.CNET: Sind bestimmte Berufe stärker durch ADE gefährdet?

Hallowell: Ich glaube, besonders heute ist jeder in der Unternehmenswelt durch ADE gefährdet, insbesondere aufgrund der Kräfte des weltweiten Wettbewerbs, die sie eben ansprachen. Ärzte sind es auf ihre spezielle Weise, denn wir leben in einem Meer von Daten und einem Meer von Patienten und einem Meer von Papierkram. Rechtsanwälte sind es aus denselben Gründen auf ihre Art.

Selbst Mütter sind es, aber auf andere Weise. Sie bringen die Kinder von einem Termin zum anderen, erledigen die Verabredungen zum Spielen, beaufsichtigen die Hausaufgaben und das Fußballspiel, erledigen die Wäsche und die Einkäufe.

CNET: Ich nehme an, dass in Hightech-Unternehmen, die selbst leidenschaftliche Konsumenten von Gadgets sind, ADE weit verbreitet ist?

Ja, aber sie sind auch - und deshalb mag ich diese Menschen so gern - in der Lage, dazu "Nein" zu sagen. Sie gehen spielerisch damit um. Spielen ist eines der besten Gegenmittel. Sind können sich darüber erheben und die Sache umgehen. Diejenigen, die in diesem Bereich am meisten leiden, sind diejenigen, die nicht die Kreativität der Techniker haben und sich gewissermaßen dahinschleppen.

CNET: Glauben Sie, dass das eine Generationenfrage ist? Die Kinder wachsen jetzt mit E-Mail, Handy und so weiter auf. Vielleicht werden sie besser damit zurechtkommen als wir?

Hallowell: Ich glaube, sie werden geschickter mit diesen Werkzeugen umgehen, wenn sie an ihren Arbeitsplatz kommen, doch werden, glaube ich, dieselben Prinzipien gelten. Wichtig ist, wie man seine Zeit und seine Aufmerksamkeit verteilt. Auf was Sie achten und für wie lange, darin liegt der Unterschied. Wenn Sie die meiste Zeit nur triviale E-Mails beachten, dann verschwenden Sie Zeit und geistige Kraft. Darin liegt die große Verführung des Informationszeitalters. Sie können die Illusion erzeugen, zu arbeiten und produktiv und kreativ zu sein, wenn sie es in Wirklichkeit nicht sind. Sie treten nur Wasser.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivit%C3%A4tssyndrom
[2] = http://de.wikipedia.org/wiki/Warren_Buffett
[3] = http://www.sas.com/