Wird der Festnetzanschluss durch UMTS bald überflüssig?

(http://www.zdnet.de/magazin/39131630/wird-der-festnetzanschluss-durch-umts-bald-ueberfluessig.htm)

von Joachim Kaufmann, 1. April 2005

Das Festnetz ist in Bedrängnis, Teilnehmerzahlen und Gesprächsminuten gehen zurück. Die Schuld wird dem Mobilfunk gegeben. Doch taugt das endlich eingeführte UMTS wirklich als Ersatz für den heimischen Internet-Zugang?

Um 310.000 sank die Zahl der Festnetzanschlüsse laut der Regulierungsbehörde für Telekommunikation (RegTP) in Deutschland im vergangenen Jahr. Waren es 2003 noch 39,35 Millionen aktive Kupferadern, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf 39,04 Millionen. Auch die Zahl der Gesprächsminuten ging von 344 auf 326 Milliarden Minuten zurück, das entspricht rund 5,2 Prozent. Die Hauptschuldigen für den Niedergang des Festnetzes hat die RegTP schon ausfindig gemacht: die Mobilfunkprovider. Diese konnten ihre Teilnehmerzahl von 64,8 Millionen im Jahr 2003 auf 71,316 Millionen im Jahr 2004 steigern. "Substitutionseffekte" nennt die RegTP diese Entwicklung.

Die Mobilfunkprovider haben es zu ihrer Strategie erklärt, weiter auf Kosten des Festnetzes zu wachsen, schließlich gebe es dort noch jede Menge Potential. O2, der kleinste der vier deutschen Provider, macht mit seinem Genion-Tarif schon seit Jahren erfolgreich vor, wie dem Festnetz Kunden abspenstig gemacht werden können. In einer abgegrenzten "Homezone" kann der Mobilfunknutzer zu Festnetz-ähnlichen Preisen mit seinem Handy telefonieren - der heimische Telefonanschluss wird im Prinzip überflüssig.

Leider eben nur im Prinzip, denn einen großen Vorteil bietet das Festnetz doch noch: einen schnellen und vergleichsweise preisgünstigen Weg ins Internet. Drahtlos konnte kann dazu bis vor kurzem nur auf GPRS zurückgreifen, das den mit teils mehreren MBit verwöhnten Surfer aber mit Datenübertragungsraten um die 40 KBit/s in Modem-Zeitalter zurück katapultieren würde - als Ersatz schlichtweg undenkbar. Wohl um sich nicht zu blamieren bieten die Mobilfunkprovider GPRS erst gar nicht für die Heim-Nutzung an.

Doch Abhilfe ist in Sicht: Der Datenturbo UMTS ist endlich nicht mehr nur auf Powerpoint-Folien zu sehen, sondern an zahlreichen Standorten inzwischen Realität. Mit Übertragungsraten von 384 (Download) beziehungsweise 64 KBit/s (Upload) sind die UMTS-Probeeinsätze schon deutlich schneller als GPRS oder ISDN. Die Mobilfunkanbieter Vodafone und O2 haben nun mit UMTS-basierten Angeboten auf der CeBIT zum Sturm auf die letzte Bastion des Festnetzes geblasen: den Zugang zum Internet.

ZDNet hat sich beide Angebote genau angesehen und überprüft, ob und unter welchen Bedingungen die Kupferader stillgelegt werden kann. Basis für beide Angebote ist an die Adresse des Teilnehmers gebundener Bereich, den Vodafone als "Zuhause-Bereich" bezeichnet, O2 als "Homezone". Dabei handelt es sich kurz gesagt um ein geografisch eingegrenztes Gebiet, in dem für jede Dienstleistung nur ein Bruchteil des Preises im herkömmlichen Mobilfunknetz berechnet wird.

Was vertraut klingt, ist in Wahrheit ein raffiniert kalkuliertes Preismodell: Hier müssen echte Tarif-Virtuosen am Werk gewesen sein! Denn damit wird der folgende Spagat bravourös gemeistert: Einerseits können neue Märkte und Potentiale erschlossen werden, aber ohne sich andererseits mit dem dazu notwendigen niedrigeren Preisniveau gleich die fetten Margen im Mobilfunkbereich zu ruinieren. Denn schließlich gelten die niedrigeren Tarife nur auf ein paar Quadratmetern, im Rest der Republik wird weiter abkassiert.

Angezeigt wird die Homezone durch ein Symbol, meistens in Form eines Hauses auf dem Handy-Display. Auf das nur wenige Pixel große Zeichen sollte man genau achten, denn sowohl bei der Telefonie als auch beim Surfen im Netz explodieren die Preise förmlich, wenn man die Homezone verlässt.Vodafone will das Festnetz mit drei Tarifen attackieren: "Zuhause" "Zuhause Time" und "Zuhause Volume". "Zuhause" umfasst lediglich die reine Telefonie, bei den anderen Tarifen handelt es sich um einen zeit- beziehungsweise volumenbasiert abgerechneten Internetzugang.

Beim Telefontarif ergibt sich die unten aufgeführte Kostenstruktur. Anstelle eines Mobiltelefons kann auch das von Vodafone angebotene Motorola C115 genutzt werden, das bei der Bestellung des Tarifs für 69 Euro zu haben ist. Abgehende Gespräche können nur innerhalb des "Zuhause"-Bereichs geführt werden, erreichbar ist man jedoch im gesamten Vodafone-Netz. Eine Festnetznummer wird derzeit nicht zugewiesen, soll ab dem zweiten Quartal aber testweise angeboten werden. Bei Buchung bis zum 30. April entfällt die Einrichtungsgebühr.

Vodafone Zuhause
Einrichtungsgebühr 24,95 Euro
Monatliche Inklusivminuten ins Festnetz oder zu anderen Zuhause-Teilnehmern 1000 Min.
monatlicher Basispreis Keiner
Monatlicher Paketpreis 20 Euro
weitere Einheit innerhalb Homezone 0,04 Euro pro Min.
Minutenpreis in alle deutsche Mobilfunk-Netze 0,25 Euro
Nationaler SMS-Preis 0,20 Euro

Zum Surfen im Internet muss einer der Tarife "Zuhause Time" oder "Zuhause Data" gebucht werden. Um diese zu nutzen ist jedoch eine UMTS-Datenkarte notwendig, die je nach gewählter Option entweder über einen 24-Monats-Zeitraum mit jeweils 6,96 Euro oder einmalig mit 199 Euro zu Buche schlägt.

Tarife bei Vodafone
Vodafone Zuhause Time Vodafone Zuhause Volume
Einrichtungsgebühr 24,95 Euro 24,95 Euro
monatlicher Basispreis 16,99 Euro 16,99 Euro
monatlicher Paketpreis 16,95 Euro 16,95 Euro
monatliches Inklusivguthaben 60 Std. 5000 MByte
weitere Einheit innerhalb Vodafone Zuhause 0,25 Euro pro 10 Min. 0,25 Euro pro MByte
weitere Einheit außerhalb Vodafone Zuhause 1,86 Euro pro 10 Min. oder gem. gebuchter Datenoption 1,86 Euro pro MByte oder gem. gebuchter Datenoption

Wem die angebotenen Zugangslösungen mit Handy und Datenkarte für den heimischen Einsatz zu mobil sind, kann in Kürze auf eine spezielle Hardware zurückgreifen, die Vodafone als "Zuhause Talk & Web" bezeichnet. Dahinter verbirgt sich eine Box, die drei Anschlüsse für analoge Endgeräte, einen Ethernet-Port, WLAN sowie USB 2.0 bietet. Der Preis wurde bislang nicht bekannt gegeben. Ebensowenig ist sicher, ob dafür noch ein maßgeschneidertes kombiniertes Angebot aus Telefonie und Internet angeboten werden soll.

Test
Vodafone Talk & Web (Bild: Vodafone)
Homezone-Pionier O2 bietet für die Telefonie die bereits seit Jahren bekannten Genion-Tarife. Der Kunde erhält dabei zusätzlich zu seiner Mobilfunknummer eine fürs Festnetz. Exemplarisch aufgeführt ist hier der Standard-Genion-Vertrag, dessen Kostenstruktur durch zahllose Zusatzoptionen jedoch auch eine völlig andere Gestalt annehmen kann. Zusätzlich bietet O2 noch Profi-Tarife, die für höhere Grundgebühren niedrigere Gesprächskosten offerieren.

O2 Genion (mit Handy)
Einrichtungsgebühr 24,95
monatlicher Basispreis 9,95
Grundgebühr 9,95

Telefonkosten in der Homezone
Hauptzeit Freizeit Wochenende
Ortsnetzgespräch 0,05 0,03 0,03
Ferngespräch 0,07 0,04 0,04
Gespräch in andere deutsche Mobilfunknetze 0,39 0,29 0,29

Zum Surfen im Web bietet O2 den Tarif Surf@home, zu dem die Minutenpakete Time 10, Time 20 und Time 40 gebucht werden können. Gesurft wird mit dem Surf@home Modem, das standardmäßig für 99,95 Euro zu haben ist, in Verbindung mit den Paketen Time 20 und Time 40 für 49,95 Euro. O2-Bestandskunden können den Tarif ab sofort bestellen, Neukunden ab Mai. Die Auslieferung des Modems soll ab dem 15. April beginnen. Das Angebot ist unabhängig von Genion.

O2 Surf@home-Tarif
Einrichtungsgebühr 24,99 Euro
monatlicher Basispreis 9,99 Euro
Preis pro Minute 0,03 Euro

Individuell buchbare Surf-Packs
Time 10 Time 20 Time 40
monatlicher Basispreis 9,99 Euro 14,99 Euro 21,99 Euro
monatliches Inklusivguthaben 10 Std. 20 Std. 40 Std.
weitere Einheit innerhalb Homezone 0,03 Euro 0,03 Euro 0,03 Euro

Test
Soll ab 15. April ausgeliefert werden: O2 Surf@home-Modem (Bild: O2)
Die 384 KBit/s von UMTS sind zwar im Vergleich mit den rund 40 KBit/s von GPRS ein Quantensprung, so richtig verlockend klingt das in Zeiten, in denen DSL-Anschlüsse mindestens 1 MBit/s haben, aber nicht.

Doch Abhilfe ist in Sicht: "Mit HSDPA sind Übertragungsraten von bis zu zwei Megabit pro Sekunde möglich. In speziellen Mikrozellen - beispielsweise in Messehallen - können theoretisch maximale Datenraten von bis zu 14,4 MBit/s erreicht werden." In diesem Auszug einer Vodafone-Presseerklärung ist die Rede vom UMTS-Nachfolger "High Speed Downlink Packet Access", mit dem per Softwareupdate bestehende Basisstationen aufgerüstet werden können.

Bei Vodafone soll die Technologie schon Anfang 2006 zur Verfügung stehen, O2 plant die Einführung für denselben Zeitraum. Derzeit laufen Tests - wie die späteren Angebote und Übertragungsgeschwindigkeiten gelagert sein werden ist aber noch völlig unklar. Im Gegensatz dazu steht bereits fest, dass beim Endverbraucher nach GPRS und UMTS einmal mehr aufgerüstet werden muss: Um in den Genuss der höheren Geschwindigkeiten zu kommen, ist die Anschaffung neuer Handys beziehungsweise Datenkarten unumgänglich.

Wenn es um die schnelle drahtlose Datenübertragung geht, schwebt seit geraumer Zeit auch ein anderer Begriff durch die IT-Hemisphäre: Wimax. Zwar finden weltweit Tests statt, und auch in Deutschland laufen einige Versuchsreihen, der große Durchbruch lässt aber weiterhin auf sich warten. Großflächige Rollouts stehen derzeit in den Sternen.

Unsicher ist inzwischen auch die wirtschaftliche Seite: Ob Wimax als DSL-Konkurrent den Breitbandmarkt aufmischen kann oder nur als Lückenfüller für unversorgte Gebiete fungieren wird, ist derzeit ungewiss. Analysten gehen aktuell eher von letzterem aus. Abschrieben sollte man die Technologie noch nicht, die große Euphorie ist aber erst einmal verflogen. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Telekommunikationsbranche nach dem kostspieligen UMTS von allen Abenteuern zurückschrecken dürfte. Aufs Festnetz zu verzichten erweist sich derzeit noch als relativ kostspielige Angelegenheit. So werden beispielsweise bei Vodafone alleine für 60 Stunden Surfen beziehungsweise den Download von 5 GByte schon über 30 Euro fällig. Dazu kommt noch die Mobile Datenkarte, die einmalig mit 199 Euro oder 24 Monate lang mit knapp sieben Euro zu Buche schlägt. Positiv anzumerken ist, dass Vodefone sowohl Zeit- als auch Volumentarife anbietet, womit verschiedene Surfgewohnheiten abgedeckt werden können.

Das mobile Festnetz kostet im Monat nochmals 20 Euro extra, enthalten sind darin jedoch 1000 Inklusivminuten. Ein Nachteil ist, dass derzeit noch keine Festnetznummern angeboten werden.

O2 hat mit Homezone-Tarifen schon einige Erfahrung und hat seine Genion-Tarife erfolgreich im Markt platziert, da die Festnetzoption ein interessantes Add-On ist, das nicht extra berechnet wird. Wie erfolgreich der Surf@home-Tarif sein wird, muss sich jedoch erst zeigen. Für eine monatliche Grundgebühr von knapp zehn Euro wird jede Minute mit zusätzlichen 3 Cent berechnet. Durch die Hinzubuchung der Zeittarife Time 10, Time 20 oder Time 40 kann der Minutentarif etwas gesenkt werden, die kleinste Option mit 20 Stunden inklusivvolumen schlägt dann aber monatlich mit rund 20 Euro zu Buche. O2 bietet keine Volumentarife an.

Ist der Festnetzanschluss durch die neuen UMTS-Angebote überflüssig geworden? Theoretisch ja, die Kostenbilanz besonders beim Surfen im Internet ist jedoch zwiespältig. So schlägt ein Telefonanschluss der Telekom mit 15,95 Euro pro Monat zu Buche, das ISDN-Pendant mit 23,95 Euro. Internet-Zugänge per Call by Call gibt es beispielsweise von Arcor zwischenzeitlich für weniger als 60 Cent pro Stunde. Die Kosten liegen also bei einer zeitbasierten Abrechnung niedriger als die der mobilen Konkurrenz, wobei die UMTS-Angebote deutlich mehr Geschwindigkeit bieten.

Interessant könnte der Tarif "Vodafone Zuhause Volume" sein, der mit Datenkarte für knapp 40 Euro zeitlich unbegrenztes Surfen bietet. Das gilt besonders, weil alle Anbieter ihre Flatrates fürs normale Telefonnetz abgeschafft haben.

Mit DSL können die Angebote der Mobilfunkprovider weder preislich noch leistungsmäßig konkurrieren. Für monatlich 32,94 Euro ist ein analoger DSL-Anschluss verfügbar, ein 5-GByte-Volumentarif kostet beispielsweise bei GMX 9,99 Euro. Beides zusammen schlägt also mit knapp 43 Euro zu Buche. Gegen DSL zu konkurrieren und so Vielnutzer zu gewinnen war aber auch nicht das erklärte Ziel der Mobilfunkanbieter. Im Mittelpunkt stehen bislang Wenig- und Gelegenheitsnutzer.

Bislang sind Kosten und Leistung der mobilen Alternativen für die meisten Nutzer noch ein Hindernis, die Kupferader stillzulegen. Doch schon im nächsten Jahr könnte sich die Situation ändern: Dann wollen Vodafone und O2 den UMTS-Nachfolger HSDPA einführen, der deutlich höhere Geschwindigkeiten verspricht. In Verbindung mit einer veränderten Preispolitik könnte das Aufeinandertreffen dann anders ausgehen.

Weitere Infos:

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