Vint Cerf ist Vorsitzender der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Er gilt als einer der Väter des Internets und ist Mitentwickler des TCP/IP-Protokolls sowie der Architektur des Internets. In seinem Artikel für ZDNet erläutert Cerf Techniken, die das Internet schon bald deutlich beschleunigen könnten.
Man stelle sich vor, wie man am Freitagabend nach einer anstrengenden Woche nach Hause kommt und einfach nur zusammen mit seiner Familie einen Film anschauen möchte.
Falls man den Technologie-Experten Glauben schenken darf, besteht die derzeit technisch ausgefeilteste Methode hierzu darin, den PC anzuwerfen, einen Film herunterzuladen (aus einer riesigen legalen Online-Bibliothek von Filmen) und diesen über das Funknetz zu Hause auf dem Riesen-Bildschirm des Fernsehers anzuschauen. Die Wirklichkeit sieht allerdings noch ziemlich anders aus.
Das Anschauen von Filmen über das Internet erfordert Zeit, Planung und eine Verbindung zwischen PC und Fernseher (per Kabel oder per Funk). Das Herunterladen eines vollständigen Films von einem legalen Internet-Service wie Movielink oder Cinema Now dauert viel zu lange. Und wenn der Film endlich da ist, ist die Qualität nicht so gut wie bei der DVD-Version.
Worin besteht das Problem? Leider eignet sich das Internet noch nicht als echtes Unterhaltungsmedium. Es kann nicht die unmittelbare Befriedigung und Qualität bieten, die Verbraucher inzwischen von DVDs gewohnt sind – sofern man die DVD hat, heißt das. Als Folge seiner Architektur kann das Internet nicht eine große Zahl von Benutzern gleichzeitig bedienen, die nach großen Dateien wie Filmen verlangen. Breitband-Internet-Service-Provider pflegen ihre hohen Geschwindigkeiten anzupreisen. Häufig behaupten sie, sie könnten mehr als 1 MBit/s bieten, doch in Wirklichkeit stellen sie jedem Benutzer zu einem bestimmten Zeitpunkt nur einen Bruchteil von 20 KBit/s zur Verfügung – ein Fünfzigstel der angepriesenen Bandbreite.
Man mag in der Tat gelegentlich Geschwindigkeiten von 1 MBit/s oder gar darüber erreichen. Doch wird das in der Regel nur gelingen, wenn man erstens lediglich einen kleinen Informationsbrocken wie beispielsweise eine Webseite abruft, nicht aber einen Film, und zweitens der Nachbar nicht auch gerade im Internet surft. Mit anderen Worten baut der Internet-Provider darauf, dass sein Netzwerk von jedem nur zu einem Bruchteil der Zeit genutzt wird, und auch nur, um die E-Mail abzurufen oder zu gucken, wie es bei der Ebay-Auktion steht.
Falls man das Netzwerk zum Herunterladen von Filmen nutzen wollte – und der Nachbar auf dieselbe Idee käme –, hätte der Internet Provider nur ein Fünfzigstel der erforderlichen Bandbreite zur Verfügung. Das macht den Download quälend langsam. Das Anschauen eines über das Internet bereit gestellten Films on Demand wird so zu einem Ding der Unmöglichkeit. An das Herunterladen der High Definition Filme, die Hollywood demnächst auf den Markt bringt, sollte man gar nicht erst denken, denn diese Filme bringen das Fünffache der Datenmenge heutiger DVDs mit sich.
Also bleibt man wohl oder übel auf die Videothek angewiesen, wenn man seinen Lieblingsfilm anschauen will? Die Leute von Movie Beam sehen das nicht so. Sie haben einen Film-Service eingerichtet, der nicht auf das Internet baut, sondern stattdessen mit modernster Technik dafür sorgt, dass Nutzer Zugriff auf 100 Filme on Demand haben, wobei jede Woche zehn neue Filme hinzukommen.
Wie funktioniert das? Movie Beam beginnt mit einer grundlegenden Erkenntnis: Das heutige Internet versagt, wenn man dieselbe Film-Datei an Millionen von Zuschauern schickt. Eine bessere Methode wäre die Ausstrahlung desselben Films an diese Zuschauermassen. Anstatt also Millionen von Dateien zu verschicken, sendet Movie Beam nur eine einzige. Hierfür wurde ein eigenes Datennetzwerk aufgebaut, das die Film-Bits in ungenutztem TV-Sendespektrum unterbringt. Da der Fernsehsender den Löwenanteil der Arbeit übernimmt, reichen minimale Investitionen in die Infrastruktur. Movie Beam 'beamt' zehn Filme pro Woche über dieses Netzwerk an die leicht zu installierenden Movie Beam-Receiver, welche die Filme auf einer ausreichend dimensionierten Festplatte speichern.
Mit diesem System werden beliebte Filme im Movie Beam-Receiver im Voraus gespeichert, so dass der Film, den man ansehen möchte, sich (hoffentlich) bereits vor Ort befindet und auf Abruf verfügbar ist, wenn man ihn sehen will. Es gibt keine Download-Probleme, und die Qualität wird nicht durch die Internet-Bandbreite beschränkt, so dass alle Filme in DVD–Qualität vorliegen. Und das System funktioniert gleichermaßen auch mit HD-Filmen.
Das Internet von heute kann mit der Effizienz von Movie Beam einfach nicht mithalten. Wollte Movie Beam das Internet verwenden, müsste es an jeden Nutzer 10 GByte an Daten versenden – ungefähr die Datenmenge von zehn komprimierten DVDs.
Falls es eine Million Movie Beam-Benutzer gäbe, wären das 10 Petabyte (!) an Daten jede Woche – was 15 Prozent des gesamten Internet-Traffics der USA nur für diesen einen Service entspräche. Und wenn mehr Leute diesen Service nutzen wollten, würden die Anforderungen an das Netzwerk entsprechend ansteigen.
Die derzeitige Internet-Technologie kann das nicht leisten. Es gibt allerdings eine Lösung, um das Internet stärker zu einer Sende-Plattform zu machen und damit zu einem effizienteren Unterhaltungsmedium.
Multicast ist eine Technologie, mit der Daten auf effiziente Weise über das Internet ausgestrahlt werden können. Bei Multicast braucht nur eine einzige Kopie des Films über das Internet übertragen zu werden – und diese Kopie würde für jeden Benutzer, der eine eigene Kopie wünscht, repliziert. Falls das Internet Multicast-fähig wäre, bräuchte Movie Beam nur 10 Gigabyte pro Woche über das Internet zu verschicken, egal, wie viele Benutzer es gäbe.
Multicast wurde in den 1980er Jahren entwickelt, und die meisten Router für den Internet-Traffic sind bereits dafür konfiguriert. Warum also wurde diese Funktion bislang nicht aktiviert?
Leider sind Internet Service Provider bislang äußerst zögerlich beim Einsatz der Multicast-Technologie, und bislang gibt es keinerlei Pläne zur Zusammenarbeit bei der Bereitstellung von Multicast. Aber es wird allmählich Zeit für ein solches Konzept. Eine Möglichkeit bestünde darin, dass Internet Provider beliebte Inhalte über Satelliten-Netze ausstrahlen. In jedem Fall bleibt zu hoffen, dass Multicast bald verfügbar sein wird. Erst dann wird das Internet sein Versprechen, ein Breitbandmedium zu sein, erfüllen.
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Vint Cerf ist Chairman der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers und Senior Vice President of Technology Strategy bei MCI. Cerf gilt als einer der 'Väter des Internets' und ist Mitentwickler des TCP/IP-Protokolls sowie der Architektur des Internets.