SAP-Chef: Nur drei IT-Schwergewichte werden überleben

(http://www.zdnet.de/magazin/39125169/sap-chef-nur-drei-it-schwergewichte-werden-ueberleben.htm)

von Alorie Gilbert, 23. August 2004

CNET/ZDNet sprach mit Henning Kagermann über seine kurze Romanze mit Microsoft, die Sorgen, die sein Mitbewerber mit der Kartellaufsicht hat, und warum Innovationen nur schwer von der Hand gehen, wenn ein Unternehmen 20.000 CIOs bei Laune halten muss.

Henning Kagermann wurde im Mai 2003 CEO des drittgrößten Software-Unternehmens der Welt, nachdem er und SAP-Mitbegründer Hasso Plattner sich diesen Titel fünf Jahre lang teilten. Nur einen Monat nach Plattners Abschied suchten die größten Konkurrenten von SAP sich gegen das Unternehmen zu verbünden.

Zunächst verständigten sich die Mitbewerber Peoplesoft und J.D. Edwards auf eine Fusion. Wenige Tage später reagierte Oracle, der größte Konkurrent von SAP mit einem Angebot zur Übernahme von Peoplesoft – ein Geschäft mit einem Umfang von 7,7 Milliarden Dollar, das inzwischen als wettbewerbsfeindlich von der Regierung angefochten wurde.

Das Kaufangebot an Peoplesoft versetzte die IT-Branche in Aufruhr und brachte Oracle vor Gericht. Es spornte aber auch Microsoft dazu an, mit SAP über eine Fusion zu sprechen – Verhandlungen die vergangenen Monat im Zuge des Kartellverfahrens von Oracle bekannt wurden. Die Gespräche gediehen nicht sehr weit, jedoch unterstreicht schon die bloße Tatsache, dass es sie gab, wie sehr sich dieser Teil der Software-Branche im Umbruch befindet.

CNET/ZDNET: Viele waren überrascht, als sie erfuhren dass SAP Fusionsgespräche mit Microsoft geführt hat. Wie ernsthaft waren diese Gespräche?

Kagermann: Man hat Kontakt zu uns aufgenommen und wir haben zugehört, da jedoch kein konkretes Angebot vorlag, kann ich nicht sagen, ob es sich um ernsthafte Gespräche handelte oder nicht. Ich glaube, davon kann man erst sprechen, sobald ein Angebot vorliegt.

CNET/ZDNET: Woran scheiterte das Geschäft?

Kagermann: Wir untersuchten, welcher potentielle Vorteil sich (aus einer Fusion) für die Kunden ergäbe. Es scheiterte in der Frühphase, als wir der Frage nachgingen, ob wir beiden Kundengruppen einen spürbar höheren Wert versprechen könnten.

CNET/ZDNET: Gibt es derzeit besondere Umstände, welche die offenbare Fusionsmanie im Bereich Unternehmenssoftware verursachen? Eine der Enthüllungen im Kartellverfahren gegen Oracle ist, dass [Oracle CEO] Larry Ellison noch weit reichende Einkaufspläne hat. Es scheint, dass die Jahre 2004-2005 davon geprägt sein werden. Wie sehen Sie die künftige globale Entwicklung?

Kagermann: Ich glaube, dass aufgrund der sich herausbildenden neuen Architektur – serviceorientierte Architekturen, bei denen Web Services im Mittelpunkt stehen – die Position und die Art und Weise, auf die Unternehmen sich und ihre Angebote präsentieren, eine Veränderung erfahren wird. Offensichtlich stellt man sich selbst in Frage. Unternehmen – auch SAP – fragen sich, welche Werte zukünftig am meisten Gewicht haben werden und wie gut sie in diesen Bereichen positioniert sind. Ich glaube, dass alle IT-Unternehmen ihre strategischen Positionen überdenken. Ich bin stark der Ansicht, dass hier die treibende Kraft liegt [hinter diesen Übernahmetendenzen].

CNET/ZDNET: Ist es also nicht zu vermeiden, dass der Markt für Unternehmenssoftware sich auf eine noch geringere Anzahl von Schlüsselunternehmen reduziert?

Kagermann: Ich glaube, dass es einige wenige große Anbieter mit einem umfassenden Angebot geben wird, an denen sich Unternehmen – insbesondere große Unternehmen – orientieren werden, da die strategische Bedeutung der Beziehung in dem Maße größer wird, in dem wir deren zentrale Geschäftsprozesse unterstützen. Es werden ein paar übrig bleiben – ich weiß nicht, ob es drei, vier oder fünf sein werden, auf jeden Fall nicht ein einziger Anbieter, sondern mehrere. Ich glaube nicht, dass es Raum für mittelgroße Unternehmen geben wird, weil diese sich entweder zu Anbietern umfassenderer Lösungen entwickeln werden oder ihre Nischenposition beibehalten und nicht ausreichend Gewinn erzielen um den Sprung ins Lager der Großen zu schaffen. Diese mittlere Größe ist meiner Ansicht nach ein Auslaufmodell.

CNET/ZDNET: Wo ordnen Sie dabei SAP ein? Brauchen Sie einen Fusionspartner?

Kagermann: Wir wollen zu den Großen gehören. Wir glauben, dass wir dafür positioniert sind. Wir haben den Marktanteil und wir haben den Kundenstamm. Das heißt natürlich nicht, dass man alles abdecken muss, aber wir haben mehr und mehr Kunden, bei denen nun 50, 60 oder 70 Prozent des Unternehmens über SAP laufen. Das bedeutet, dass wir geradezu genötigt sind, unser Angebot an Unternehmensanwendungen zu vervollständigen.

CNET/ZDNET: Da wir gerade von Larry Ellison sprachen, was glauben Sie werden die europäischen Wettbewerbshüter tun, falls Oracle in seinem Fall gegen das US-Justizministerium gewinnt?

Kagermann: Ich meine, dass sie innerhalb gewisser Grenzen dem Department of Justice folgen würden. Dies ist aber nicht der offizielle Standpunkt von SAP, sondern nur meine persönliche Ansicht.

CNET/ZDNET: Eine der großen Fragen im Verfahren Oracle gegen das Justizministerium war, ob Microsoft plant, Anwendungssoftware an große, weltweit tätige Unternehmen zu verkaufen und in direkte Konkurrenz zu SAP, Oracle und Peoplesoft zu treten. Wie denken Sie angesichts Ihrer jüngsten Fusionsgespräche darüber?

Kagermann: Alles, was ich von [Microsoft] gehört habe, ist, dass sie sich ausschließlich auf den mittelständischen Markt konzentrieren wollen. Sie haben also den “großen“ Markt nie erwähnt.

CNET/ZDNET: Salesforce.com ist ein Software-Unternehmen, dem derzeit viel Aufmerksamkeit gewidmet wird und dessen großer Börsengang im vergangenen Monat wie eine Bestätigung wirkt. Machen dieses Unternehmen und sein Motto, dass das hergebrachte Modell der Unternehmens-Software tot sei, Ihnen Sorgen?

Kagermann: Nein, dieses Modell kann das heutige Modell nicht ersetzen. Salesforce nimmt einfach ein paar Services ohne strategische Bedeutung und stellt diese einigen Kunden in allgemein verwendbarer Form zur Verfügung. Das kann niemals ein Ersatz für Customer Relationship Management sein, es wird niemals eine komplette Suite ersetzen. Sollte den Kunden dieses Modell über einen längeren Zeitraum zusagen, wären wir wohl bereit, das Gleiche zu tun. Es handelt sich aber auf keinen Fall um eine Bedrohung für unser Modell, denn wer würde schon seinen gesamten kundenorientierten Abläufe jemand anderem überlassen? Niemand.

CNET/ZDNET: Warum tun Sie nicht, was Siebel getan hat, und erwägen die Übernahme von Salesforce? Schließlich suchen Sie nach Wachstumsmöglichkeiten, und es scheint sich hier um einen wachsenden Markt zu handeln.

Kagermann: Ja, aber sich überstürzt und ohne ein klares, aussagefähiges Wert-Angebot, das besser als das von Salesforce sein könnte, auf diesen Markt zu begeben, hat keinen Sinn. Ich glaube, wir haben etwas Zeit. Ich sehe allerdings keinen riesigen Markt, sonst würden wir handeln.

CNET/ZDNET: Haben Sie für die nächsten fünf Jahre von SAP eine Vision entwickelt, die sich möglicherweise von der des ehemaligen SAP-Chefs Hasso Plattner unterscheidet? Oder besteht Ihre Position darin, in Deckung zu bleiben und genau so weiter zu machen?

Kagermann: Letztes Jahr haben wir damit begonnen, einen Fünf-Jahres-Plan zu entwerfen. Wir werden uns auf eine komplette Enterprise-Service-Architektur hin entwickeln, die bis 2007 vollendet sein wird. Sämtliche unserer Anwendungen sind auf Basis einer einzigen offenen Plattform aufgebaut. Mit der Zeit teilen wir unsere Anwendungen in stabilere Komponenten auf, die funktionieren und durch die innovationsfreudige Anwender schneller mit der neusten Technologie versorgt werden, Wir versuchen also das Dilemma des Erfinders zu lösen, der eine große, bereits bestehende und eher konservativ ausgerichtete Basis genauso versogen muss wie neue Kunden, die auf dem neusten Stand der Technik sein wollen.

CNET/ZDNET: Das Dilemma des Erfinders ist ein interessanter Punkt. Wie begegnen Sie der Kritik, dass in den letzten Jahren bei SAP Innovationen nur langsam vonstatten gingen? Kann man sagen, dass SAP im Falle einiger der letzten Technologiewellen nur mitzog, anstatt zu führen, wie etwa beim Customer Relationship Management und beim E-Commerce?

Kagermann: Ich glaube, dass jeder zu diesem Thema eine andere Ansicht hat. Ich denke, dass SAP äußerlich betrachtet langsam sein mag, da wir uns manchmal erst zu einem Zeitpunkt auf einen Markt begeben, an dem andere bereits dort sind. Wenn wir uns aber auf einen Markt begeben, ist das für unsere Klientel ein Versprechen, dass wir Erfolg haben und eine lange Zeit dort bleiben werden. Dies ist Teil unseres Wert-Angebots, ein Teil unseres Rufes. SAP kann nicht einfach auf einen Markt gehen und sich dann wieder zurückziehen. Wir können nicht wie Siebel nach Lateinamerika gehen und einfach aussteigen, wenn die Geschäfte ausbleiben. Das können wir nicht. Das ist Teil unseres Markenzeichens.

CNET/ZDNET: Ändern die von Ihnen beschriebenen technologischen Neuerungen – Web Services und neue Architekturen – etwas daran, wen Sie als Konkurrenten betrachten?

Kagermann: Mit Web Services gibt es eine Überschneidung in der Wettbewerbslandschaft, da haben Sie Recht. Aufgrund von Web Services haben wir jetzt einige Überschneidungen mit IBM. Es gibt weitergehende Überschneidungen mit Microsoft als vor fünf Jahren, das ist wahr. Es ist nicht mehr alles nur schwarzweiß.

CNET/ZDNET: Machen diese Veränderungen SAP anfälliger für Angriffe?

Kagermann: Wenn man sich nicht verändert, könnte man verwundbar sein. Aber wir arbeiten bereits seit 18 Monaten in dieser Richtung. Alle sagen, dass wir führend sind. Unsere Kunden sind der Ansicht, dass wir das richtige Tempo haben. Ich bin also mehr als zufrieden. Wir begreifen dies als Chance.

CNET/ZDNET: Was ist überhaupt das Besondere an Web Services?

Kagermann: Jeder will seine Investitionen wirksam einsetzen. Man kann nicht einfach mit der nächsten Überflieger-Anwendung aufkreuzen und sagen "OK, werft alles raus.“ Es wurde zuviel investiert. Mit einer Enterprise-Services-Architektur kann SAP den Kunden dabei helfen, ihre Investitionen wirksam einzusetzen, die Gesamtkosten zu senken und Flexibilität zu schaffen. Das stößt bei unseren Kunden auf ein positives Echo und – wichtiger noch – es ist nicht revolutionär. Die Kunden würden uns umbringen, wenn wir mit einer revolutionären Idee daherkämen. Sie wollen mit ihren Investitionen Gewinne erzielen und dabei einen Überblick über das nächste Jahr haben, damit sie den Trend nicht verpassen und wettbewerbsfähiger sind.

CNET/ZDNET: Gehören die Tage der großen Software-Deals der Vergangenheit an? Werden die Kunden jemals wieder nach den großen Software-Projekten verlangen, für die SAP berühmt ist?

Kagermann: Die Kunden kaufen zunehmend in Stufen ein. Den Austausch von IT-Infrastruktur in großem Stil gibt es nicht mehr. Durchschnittlich geht also der Umfang der Abschlüsse zurück. Wir haben weniger große Abschlüsse, verzeichnen aber mehr Abschlüsse. Persönlich glaube ich nicht, dass wir die alten Tage noch einmal wieder erleben werden, vielmehr bin ich der Ansicht, dass wir demnächst den Tiefpunkt vor uns haben werden.

CNET/ZDNET: Werden die IT-Investitionen dann wieder zunehmen?

Kagermann: Nein, die IT-Budgets werden sich nicht vergrößern. Alle schauen auf die Gesamtkosten und versuchen, jedes Bisschen herauszupressen. Wenn sie drei Prozent IT-Ausgaben haben, versuchen sie, diese auf 2,5 Prozent herunterzubringen – einige kommen auf zwei Prozent. Wenn man sich dann aber einmal anschaut, wo die Werte geschaffen werden, kommt man zu den Unternehmensanwendungen, die manchmal weniger als zehn Prozent [des IT-Budgets] ausmachen. Daher denke ich, dass der Preis von Produkten wie Hardware sinken wird, die heute als Bedarfsartikel gelten. Es gibt eine ausreichende Nachfrage nach Anwendungen, infolgedessen werden die Ausgaben für Anwendungen steigen, was wiederum ein Wachstum des Anwendungsmarktes nach sich ziehen wird.