Wimax: Wird DSL bald überflüssig?

(http://www.zdnet.de/magazin/39122260/wimax-wird-dsl-bald-ueberfluessig.htm)

von Joachim Kaufmann, 11. Mai 2004

Mit Übertragungsraten von bis zu 70 MBit/s und Reichweiten von mehreren Kilometern schickt sich Wimax an, der etablierten DSL-Technologie Konkurrenz zu machen. ZDNet erklärt Hintergründe und Auswirkungen der neuen Technologie.

Ist DSL bald überflüssig? Während die Mobilfunkbranche beim Wechsel zum schnelleren Standard UMTS noch vor großen Herausforderungen steht, ist die Sache bei den Internetzugängen deutlich einfacher. Die Internetgemeinde hat in den letzten Jahren eindeutlig für schnelle Breitband-Technologien wie ADSL oder Kabel votiert. Weltweit steigen derzeit Millionen Nutzer auf High-Speed-Internetzugänge um.

Dies hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf das Nutzungsverhalten der Surfer, sondern eröffnet Dienstleistungsunternehmen auch neue Wertschöpfungsmöglichkeiten. Bei aller Euphorie haben breitbandige Internetzugänge aber auch einen gravierenden Nachteil. Aufgrund der nicht überall gegebenen hohen Anforderungen an die Qualität der Infrastruktur und der hohen Kosten des Rollouts kann mit bestehenden Technologien keine flächendeckende Versorgung gewährleistet werden.

Selbst in sehr dicht besiedelten Ländern wie Deutschland sind ganze Regionen vom Internet der Zukunft abgeschnitten. Dabei handelt es sich nicht nur um ländliche Bereiche, oft genug sind auch Gegenden im Osten Deutschlands DSL-frei, da dort nach der Wende Glasfaser-Leitungen verlegt wurden, die aus Kostengründen derzeit von der Deutschen Telekom nicht genutzt werden.

In den USA sind besonders ländliche Regionen vom Breitband-Internet abgeschnitten, da die Errichtung einer entsprechenden Infrastruktur zu kostspielig wäre. Dazu kommt, dass nach dem Platzen der Dot-Com-Blase die Investitionsbereitschaft der Telcos erst wieder langsam zu Leben erwacht. In Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Situation noch schwieriger. Dort fehlt in weiten Teilen eine Infrastruktur, um Breitband-Internet anbieten zu können.

Um eine weltweit flächendeckende Versorgung mit Breitband-Internetzugängen zu ermöglichen, mussten neue Lösungen gefunden werden. Dabei galt es insbesondere, die Kosten für den Rollout so niedrig wie möglich zu halten. Varianten, bei denen im großen Stil neue Kabel verlegt werden müssen, waren also von vorneherein ausgeschlosen.

Denkbar war also nur eine drahtlose Technologie, die Haushalte und Unternehmen zu niedrigen Kosten mit Breitband-Services zu versorgen. Um eine Spezifikation festzulegen, haben einige Big-Player der IT- und TK-Branche im Apri 2001 das Wimax-Forum gegründet. Mitglieder sind unter anderem Intel, Fujitsu, Alvarion, Analog Devices, Yahoo, Alcatel und Aperto Networks. Inzwischen engagieren sich rund 100 Unternehmen.Internetzugänge werden schon seit Anfang der neunziger Jahre auch drahtlos zur Verfügung gestellt. Die Idee ist also prinzipiell nicht neu. Bestehende Lösungen haben aber einen entscheidenden Nachteil, der letztendlich auch den Durchbruch der Technologie verhindert hat: Sie sind proprietär und es gibt keinen einheitlichen Standard. Das hat auch dazu geführt, dass Equipment entsprechend teuer ist und die Wirtschaftlichkeit für Unternehmen nur eingeschränkt gegeben war.

Durch die Entwicklung eines weltweit einheitlichen Standards für drahtlose High-Speed-Internetzugänge sollten wie in anderen Bereichen der Wirtschaft auch die "Economies of Scale" ihre Wirkung entfalten. Verschiedene Anbieter konkurrieren auf Basis eines einheitlichen Standards gegeneinander, was letztendlich im Vergleich zu proprietären Lösungen zu deutlich niedrigeren Hardware-Kosten führen soll.

Ein einheitlicher Standard hat schon WiFi zum Durchbruch verholfen. An WiFi werden allerdings auch die negativen Auswirkungen fehlender Standards deutlich. Zwar ist die Technoliogie in ihren verschiedenen Varianten standardisiert und es tummeln sich zahllose Hersteller entsprechender Komponenten auf dem Markt, im Bereich der öffentlichen Hotspots ist die unterschiedlichen Abrechnungsvarianten jedoch ein Problem, das die Ausbreitung und Nutzung von WiFi hemmt.

Aber nicht nur die geringen Kosten von Hardware und Rollouts sprechen für den Einsatz von Wimax. In vielen Ländern sind die Leitungen von der Vermittlungsstelle bis in die Haushalte noch in der Hand der Ex-Monopolisten und müssen von ISPs gegebenenfalls gemietet werden. Daher gibt es beispielsweise in Deutschland zwar einen lebhaften Wettbewerb zwischen den ISPs, bei der Bereitstellung der DSL-Zugänge spielt aber immer noch die Telekom mit einem Marktanteil von mehr als 90 Prozent die erste Geige. Durch Wimax könnten Konkurrenten unter Umgehung der Telekom Breitband-Dienste in jeden Haushalt und in jedes Unternehmen bringen.

Auch der amerikanische TK-Gigant AT&T muss sich von den sogenannten Baby Bells Leitungen mieten, um seine Dienstleistungen anbieten zu können. Nach eigenen Angaben zahlt das Unternehmen dafür jährlich 9,5 Milliarden US-Dollar. Durch Wimax will AT&T seine Abhängigkeit von lokalen Carriern verringern und nebenbei natürlich auch seine Kosten senken.

Der Begriff Wimax steht für "Worldwide Interoperability for Microwave Access" und ist gleichbedeutend mit 802.16. Wimax arbeitet an zunächst zwei Spezifikationen, die jeweils für verschiedene Einsatzgebiete optimiert sind.

802.16a wurde für den sogenannten "fixed Access" entwickelt, das heißt die Empfangseinheiten der angebundenen Nutzer bewegen sich nicht oder nur mit sehr geringer Geschwindigkeit. Der Standard funkt im Frequenzband zwischen zwei und elf GHz und wurde im Januar 2003 verabschiedet. Entsprechende Basisstationen sollen mit Reichweiten von bis zu 50 Kilometern und Datenraten bis 70 MBit/s Internetzugänge auf dem Leistungsniveau von ADSL und Kabel bereitstellen können. 802.16a wurde auch auf geringe Latenzen hin optimiert und stellt QoS-Funktionen (Quality of Service) zur Verfügung. Damit ist auch die Möglichkeit gegeben, Dienste wie VoIP (Voice over IP) und IP-TV (Fernsehen auf IP-Basis) über Wimax anzubieten.

802.16e ist eine Erweiterung des a-Standards, um sich bewegende Empfangseinheiten wie Notebooks besser zu unterstützen. Dabei sollen Geschwindigkeiten von bis zu 120 Km/h möglich sein. 802.16e nutzt ein Frequenzband zwischen zwei und sechs GHz und soll in einem Radius von fünf Kilometern Datenraten von 15 MBit/s liefern. Eine Verabschiedung der Spezifikationen ist für das zweite Halbjahr 2004 geplant.

Da noch kein Wimax-Equipment auf dem Markt ist, sind auch die Kosten für die Basisstationen noch nicht genau bekannt. In der Branche kursieren Zahlen von rund 10.000 Dollar für eine Station, die eine Datenrate von 70 MBit/s liefern soll. Je nach angebotener Leistung kann eine Basisstation zwischen 30 und 60 Nutzer gleichzeitig bedienen, woraus sich eine attraktive Kostensituation ergibt.Nachdem zunächst überwiegend die Hersteller von Infrastruktur-Komponenten dem Wimax-Forum beigetreten waren, konnten sich in diesem Jahr auch einige ISPs zu einer Mitgliedschaft durchringen. Inzwischen sind beispielsweise AT&T, Qwest, British Telecom und France Telecom Mitglieder des Forums.

Während marktreife Wimax-Lösungen erst im Jahr 2005 verfügbar sein sollen, sind erste Tests für diesen Sommer geplant. So will die British Telecom zusammen mit Intel in Nordirland einen Feldtest durchführen. Dazu wird aber noch proprietäres Equiment von Alvarion verwendet, das aber ab Verfügbarkeit auf 802.16a umgestellt werden soll.

In Frankreich plant die France Telecom einen ähnlichen Test. In der Stadt Loudenville soll Alvarions Wireless DSL-Technologie dazu genutzt werden, den Haushalten dort drahtlose Breitband-Internet-Dienste anzubieten. Auch dieses Equipment soll später auf Wimax umgestellt werden.

Auch im US-Bundesstaat Georgia soll im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Intel ein breit angelegter Wimax-Feldtest durchgeführt werden. Stellt sich der erwartete Erfolg ein, will das Unternehmen diese Tests als Proof-of-Concept heranziehen.

Wimax hat das Potential, die Probleme beim flächendeckenden Rollout von Beitband-Internetzugängen abzumildern. Nachdem sich zunächst die Hersteller von Netzwerkkomponenten im Wimax-Forum engagiert hatten, sind inzwischen auch einige Provider auf den Zug aufgesprungen. Damit sind Unternehmen aus der gesamten Wertschöpfungskette engagiert, um gemeinsam das Potential von Wimax auszuschöpfen.

Zu den größten Unterstützern von Wimax gehört auch der Halbleiterhersteller Intel. Seit geraumer Zeit gibt es kaum einen Intel-Event, auf dem nicht auf die Chancen des drahtlosen Breitband-Internets beworben werden. Kein Wunder, erhofft sich das Unternehmen aus dem Verkauf entsprechender Chips und Infrastrukturkomponenten ein dickes Geschäft.

Auch die zunehmende Konvergenz von Diensten wie TV, Internet und Telefonie eröffnet Wimax zusätzliches Potential, da künftig auch Unternehmen in den Wettbewerb um Kunden treten können, die nicht über die eigentlich notwendige Netzinfrastruktur verfügen. Ein Beispiel dafür ist hierzulande O2, die mit ihrem Produkt Genion den Festnetz-Telefonanschluss überflüssig gemacht haben. Einziges Problem dabei: Der Internetzugang kann noch nicht über das Handy abgewickelt werden, das heißt Kunden müssen trotzdem einen teuren Telefonanschluss bezahlen, um im Web surfen zu können.

Nach einigen Verzögerungen sollen Wimax-Komponenten im ersten Halbjahr 2005 zur Verfügung stehen. Noch im selben Jahr sollen Intel zufolge in Europa und den USA jeweils zwischen 500.000 und einer Million Kunden via Wimax ins Internet gehen. Im Jahr 2008 sollen es dann schon mehr als vier Millionen sein.

In Großbritannien ist derweil am 7. Mai ein Anbieter von drahtlosen Breitband-Zugängen an den Start gegangen. Der Netvigator-Dienst von "UK Broadband" basiert aber nicht auf Wimax, sondern auf der UMTS TDD-Technologie. Eine Anbindung mit 512 KBit/s Downstream und 256 KBit/s Upstream kostet monatlich umgerechnet rund 27 Euro, die leistungfähigere 1024-KBit-Variante rund 42 Euro. Zeit und Volumen sind unbegrenzt.

Weitere Infos:

  • Wimax-Homepage[1]

  • UK Broadband[2]
  • URLs in diesem Artikel:
    [1] = http://www.wimaxforum.org/home
    [2] = http://www.ukbroadband.co.uk/news.html