Microsoft und Sun: Befreiungsschlag oder Sonnenuntergang?

(http://www.zdnet.de/magazin/39121562/microsoft-und-sun-befreiungsschlag-oder-sonnenuntergang.htm)

von Hermann Gfaller, 15. April 2004

Erbitterte Gegner begraben nicht nur das Kriegsbeil, sondern beschließen darüber hinaus eine auf mindestens zehn Jahre angelegte Technologie-Partnerschaft. Die Börse jubelt, doch die Anhänger des einen wie des anderen Lagers kratzen sich überrascht am Kopf.

Waren die Auseinandersetzungen zwischen Windows und Unix, zwischen Java und .Net lediglich Marketing-Inszenierungen? Ist Sun pleite, und muss nun Windows den Weg in die Rechenzentren ebnen? Wachsen Microsoft die Prozesse über den Kopf? Steckt hinter all dem ein gemeinsamer Plan gegen gemeinsame Konkurrenten wie die Open Source-Szene oder die IBM? Oder möchten sich die beiden Firmen von Ballast befreien, um neue, noch unbekannte Ziele anzustreben?

Verschwörungstheoretiker argwöhnen, Sun wolle sich mit Microsoft gegen Open Source zusammentun. Tatsächlich fürchten nicht nur diese beiden Firmen um die Früchte ihrer intellektuellen Errungenschaften, wenn sie dem Druck der Straße nachgeben, und den Quellcode ihrer Programme offen legen. Doch die Open Source-Bewegung ist unter den Kunden, vor allem aber unter den Entwicklern längst so attraktiv geworden, dass es selbst für Microsoft gefährlich wäre, sie zu verärgern, für Sun wäre es tödlich. Keine Plattform, gleichgültig ob Windows, Solaris oder das Web, kann heute ohne die massive Unterstützung durch die Entwickler im eigenen Haus, in den Softwareschmieden und in den Anwenderfirmen überleben. Schließlich würde jeder Angriff auf die Open Source-Gemeinde den Konkurrenten Kunden und Entwicklerpersonal in die Arme treiben - allen voran der IBM, die manchen ebenfalls als Hauptstossrichtung der Sun-Microsoft-Kooperation gilt. Doch was soll eine Technologie-Kooperation gegen ein Unternehmen ausrichten, das weniger von Lizenzen als von Dienstleistungen lebt? Als Service-Provider ist Big Blue vielmehr ein wichtiger Vertriebsarm für Sun wie Microsoft. Unwahrscheinlich ist die Theorie einer Allianz gegen wen auch immer schon deshalb, weil sie eine Einigkeit der Partner unterstellt, die es nicht gibt.

Vielmehr vermittelt die gemeinsame Ankündigung des Deals in einem US-Fernsehsender durch Microsoft-Chef Steve Ballmer und Sun-Lenker McNealy, eher den Eindruck dass die Partner selbst noch nicht so recht wissen, was sie in den kommenden zehn Jahren miteinander anfangen sollen. Klar wurde, dass die Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre noch nicht vergessen sind. So kontere McNealy auf die Interview-Frage, ob nun der Kalte Krieg zwischen den Unternehmen vorbei sei, mit der Gegenfrage: War er je kalt? - Ballmer rang sich dazu ein höfliches Lachen ab.

Auch im weiteren Verlauf des TV-Interviews war trotz gespielter Lockerheit wenig von Gemeinsamkeiten zu hören. McNealy betonte, dass es um die technische Interoperabilität der Server mit Windows gehe und darum, den Anwendern mehr Auswahl zu geben. Windows auf Sparc-Systemen aber werde es nicht geben, grenzte er seine Technik gegen die des neuen Partners ab. Ballmer ging auf Technik kaum ein, sondern zeigte sich vor allem darüber erleichtert, dass nun die urheberrechtlichen Probleme mit Sun vom Tisch seien.Diese Positionen scheinen durchaus die Interessenslagen beider Firmen wiederzugeben. So ist Ballmer bereits seit einiger Zeit dabei, die für Microsoft immer lästiger werdenden Rechtsstreitigkeiten nach Möglichkeit beizulegen. Auf die von Sun mit veranlasster Verurteilung durch die EU-Kommission dürfte der Rückzieher McNealys jedoch keinen Einfluss haben. Dem Wettbewerbskommissar geht es eigenen Angaben zufolge nicht um einzelne Geschädigte, sondern um die Wiederherstellung einer fairen Wettbewerbssituation. Wichtiger dürfte für Microsoft sein, dass die rufschädigende Wirkung der Prozesse anfängt, auf das Geschäft durchzuschlagen. Immer mehr Behörden und Unternehmen ergänzen ihre Produktstrategie mit Linux, um sich vom Windows-Monopolisten unabhängiger zu machen. Außerdem muss sich Microsoft den Rücken für die Eroberung des ERP-Marktes freihalten. Nichts könnte den Erfolg hier mehr gefährden als ein Urteil im Java-Prozess zugunsten von Sun. Dadurch würde die Verwendung der Entwicklungsplattform .Net gefährdet, die einst quasi als Clone von Java entstand. Ohne .Net aber können Partner und Kunden die betriebswirtschaftlichen Angebote Microsofts nicht - wie geplant - zu maßgeschneiderten Lösungen ausbauen.

Scott McNealy dagegen hat aus zwölf Quartalen mit sinkendem Umsatz offensichtlich gelernt, dass es dem Geschäft nicht nützt, Windows-Anwendern zu signalisieren, sie unterstützten beim Softwarekauf das Reich des Bösen. Nun will McNealy den Anwendern auf Intel- und AMD-Plattformen Wahlfreiheit einräumen und dafür sorgen, dass sich nicht nur Linux- und Solaris-Systeme, sondern auch Windows-Lösungen problemlos in Sun-Netzwerke einbinden lassen. Anders formuliert: Sun gibt den Client-Markt auf, den es eigentlich schon längst verloren hat, und konzentriert sich auf seine eigentlichen Stärken, die im Server-Markt sowie bei der Rechenzentrumstechniken liegen - auch wenn Sun hier immer weiter hinter IBM und HP zurückbleibt. Dennoch, die Börse honoriert so viel Realismus mit deutlichen Wertsteigerungen. Ob sich damit aber der Absatz verbessern lässt, darf bezweifelt werden. Langfristig dürfte der Deal Sun sogar teuer zu stehen kommen. Um die Kompatibilität zwischen Windows und Solaris zu gewährleisten, erhalten beide Partner Zugriff auf die technischen Interna der jeweiligen Systeme. Kurz gesagt: Sun erhält Zugriff auf Techniken, die es nie wollte, und muss dafür dem Erzrivalen genau das Server-Know-how für den Highend-Servermarkt zur Verfügung stellen, in den Microsoft schon seit der Freigabe von Windows NT im Jahre 1993 strebt.

Weit über seinen Schatten gesprungen ist McNealy bezüglich Java und .Net. Diese beiden Plattformen spalten seit rund sieben Jahren die Entwicklergemeinde. Hier stehen sich Plattformunabhängigkeit (Java) und das Prinzip "write once, run everywhere" und Sprachunabhängigkeit (.Net) gegenüber. Dennoch ähneln sich beide Systeme in hohem Maße, denn Microsoft hat hier im Wesentlichen das Java-Konzept von Sun kopiert und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Entstanden ist eine Plattform, die - oft auf Kosten der Sicherheit - rasch performanter und manchmal auch eleganter funktionierte als das Vorbild. Mit dieser Strategie hat Microsoft Sun den eigentlich größten Triumph der Firmengeschichte zunichte gemacht. Denn eigentlich sollte Java nicht nur die Welt der Softwareentwicklung revolutionieren, was auch geschah, sondern darüber hinaus den Erfindern den Weg in den Softwaremarkt bahnen, was - auch aus hausgemachten Gründen - misslang. An Microsofts proprietären Erweiterungen für Java entzündete sich 1997 der Streit, der nun gegen eine Zahlung von 700 Millionen Dollar beigelegt wurde. Hat sich McNealy über den Tisch ziehen lassen? Brauchte das Unternehmen schlicht eine Geldspritze?Tatsächlich ging es dem Unternehmen vor acht Monaten besonders schlecht, als der Sun-Chef die Verhandlungen mit Microsoft aufnahm. Doch um die Kasse aufzubessern hätte es keiner zehnjährigen Technologie-Partnerschaft bedurft. Schon der Verzicht auf Rechtsmittel hätte bei Microsoft die Börsen geöffnet. Eine Rolle mag dagegen gespielt haben, dass etwas Aufsehen erregendes geschehen musste, um die Analysten davon abzuhalten, den Unix-Spezialisten in Grund und Boden zu bewerten. Darüber hinaus tut McNealy immer was er will. Wer ihm in den vergangenen Monaten zugehört hat, weiß, dass der Mann auf Innovation, auf Erfindergeist setzt. Stur haben ihn Analysen dafür gescholten, ihm geraten, abzutreten und unlukrative Bereiche wie Java abzustoßen. Nun beflügelt gerade die versprochene Interoperabilität zwischen .Net und Java die Fantasie der Branche. Interoperabilität kann bedeuten - so ein Insider - dass sich eine Reihe von Anwendungen, insbesondere wenn sie Standards wie Soap benutzen, mit beiden Techniken entwickeln lassen. Schon begeistern sich Programmierer dafür, vielleicht schon bald Microsofts Visual Studio als Frontend zum Erstellen von Java-Anwendungen zu nutzen.

Doch die Träume reichen weiter. Sie sind eingebettet in die derzeit laufende Diskussion darüber ob, und wie weit mit Konzepten wie Model Driven Architecture (MDA) die Programmierung automatisiert werden kann. Die dafür nötigen Standards können in Zusammenarbeit von Sun und Microsoft weit einfacher vorangetrieben werden. Microsoft vor Gericht zu besiegen, hätte nur die Spaltung der Lager vertieft, die Einigung jedoch dürfte nicht nur Sun, sondern der ganzen Branche neue Märkte erschließen.

Eine solche Vision würde zu Scott McNealy passen, doch aus den bislang bekannten Quellen ist sie nicht zu entnehmen. Im Gegenteil. Insider schütten Wasser in den Wein und verweisen darauf, dass eine Verschmelzung von .Net und Java - so wünschenswert sie auf lange Frist sein mag - weder auf Sun- noch auf Microsoft-Seite gewünscht ist. Beide Unternehmen wollen Konkurrenten bleiben. Helfen wird dabei, dass sie sich in verschiedene Richtungen entwickeln. Während Sun sich mit seinem Hightech-Angebot zunehmend zum Systemlieferanten für IT-Dienstleister entwickelt, ist Microsoft dabei, den Anwendungsmarkt mit Techniken zu erobern, die andere längst erfunden haben. Diese Perspektive mag es Scott McNealy leicht gemacht haben, den Friedensschluss mit Microsoft zu suchen, um mit dem Dauerstreit Ballast auf den Weg in eine eigenständige - wenn auch ungewisse - Zukunft frei zu räumen.

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