Microsofts Server-Pläne: "Wer hat den Schnelleren?"

(http://www.zdnet.de/magazin/39121302/microsofts-server-plaene-wer-hat-den-schnelleren.htm)

von Dietmar Müller, 26. April 2004

ZDNet unterhielt sich mit den Microsoft-Managern Pries, Heimannsberg und Reuß über die Server-Pläne des Softwarekonzerns und die Neuerungen, die auf der CeBIT präsentiert wurden. Darüber hinaus erläuterten sie die Konstellation im Integrationsmarkt, den steinigen Weg zum Yukon sowie den doppelten Jupiter.

Microsoft will sich mit seinen Servern im Highend-Bereich etablieren. Im März präsentierte der Konzern zur CeBIT unter anderem den Small Business Server 2003, den Exchange Server 2003 sowie den Biztalk Server 2004. Grund genug für ZDNet bei Volker Heimannsberg, Biztalk-Experte bei Microsoft, Alexander Pries, Product Solution Manager Database Business Group Server/Platform, sowie Werner Reuß, Product and Solution Manager Server Consolidation, nachzufragen.

ZDNet: Was stand bei Microsoft im Server-Bereich in diesem Jahr im Mittelpunkt des Messeauftrittes?

Pries: Die CeBIT stand in diesem Jahr für uns unter dem Motto "Integrierte Innovation", was bedeutet, dass wir sehr viel im Basis-Infrastruktur-Bereich zeigten. Gerade wurde ja der Small Business Server 2003 gelauncht, der Markteintritt vom Exchange Server 2003 ist auch noch nicht so lange her - entsprechend schenkten wir diesen Themen, aber auch dem SQL Server, im rein technischen Infrastruktur-Bereich viel Aufmerksamkeit.

ZDNet: Am 1. April - also kurz nach der CeBIT - brachten Sie die Integrationslösung "Biztalk Server 2004" mit einer neuen Business Process Engine und Web Services-Anbindung auf den Markt. Wo genau sehen Sie aber Vorteile gegenüber den Konkurrenzprodukten von IBM, BEA, SAP, Webmethods, Seebeyond, Tibco, etc?


Alexander Pries, Microsoft
Heimannsberg: Die von Ihnen genannten Wettbewerber sind ja teilweise sehr unterschiedlich aufgestellt - da müsste man im Detail darauf eingehen. Grundsätzlich handelt es sich aber bei Unternehmen wie Tibco, Vitria, Seebeyond oder auch Seeburger um Spezialisten, die sich nicht über eine spezielle Technologie positionieren. Wir glauben, dass diese Unternehmen es in naher Zukunft schwer haben werden. Die sind seit etwa 20 Jahren im Markt und verfügen über eine Menge Know-how im Bereich der Integration. Damit haben sie auch gutes Geld verdient! Ich sehe aber bei vielen, dass sie sich zu Adapter-Partnern entwickeln. Als Beispiel sei Webmethods genannt, die waren Adapter-Partner von SAP. Im Gegensatz dazu sprechen wir von Microsoft oder IBM als Plattformanbieter, die eigene Integrationsprodukte auf den Markt bringen. Diese Unternehmen werden - bei dieser Vermutung unterstützt mich die Meta Group - voraussichtlich die vorher genannten Firmen verdrängen, die dann als reine Adapter-Anbieter fungieren werden.ZDNet: Wie definieren Sie 'Adapter-Anbieter'?

Heimannsberg: Die Plattformanbieter, beispielsweise Microsoft, bieten den Biztalk-Server als Integrationsplattform. Wir bieten aber auch über 350 Adapter - zumindest für die Version 2003 - etwa für Standardsysteme wie das der SAP, aber auch für Standardformate wie FTP. Diese Adapter haben wir selber entwickelt oder von Technologiepartnern übernommen.

ZDNet: Webmethods als Beispiel positioniert sich aber gerade explizit nicht als Adapter-Anbieter sondern als Anbieter von Web Services.

Heimannsberg: In diesem Fall gebe ich Ihnen Recht, das ist heute noch nicht so. Wenn wir uns aber beispielsweise Seeburger ansehen, da haben wir es mit einem Adapter-Partner der SAP für die Exchange-Infrastruktur zu tun. Früher haben die Geld mit eigenen Integrationsprodukten verdient. Ich glaube, dass die Marktgrößen wie SAP, IBM oder auch Microsoft die Spezialisten zum guten Teil verdrängen werden. Diese werden dann nur noch im Bereich der Adapter Umsatz machen können.

ZDNet: Web Services übernehmen immer mehr die Funktionen von Adaptern - welche Rolle wird .Net für Sie als Anbieter einer Integrations-Plattform spielen?

Heimannsberg: .Net ist die Basis all unseres technologischen Tuns. Sowohl die Integrationsplattform Biztalk-Server als auch unsere Bemühungen in Sachen Web Services setzen darauf auf. Einige Integrations-Aufgaben lassen sich mit Web Services lösen, in anderen Fällen kann ich darauf verzichten, etwa bei der Kommunikation zwischen bestimmten Applikationen, aber auch zwischen bestimmten Geschäftspartnern. Wenn ich aber Geschäftsprozesse automatisieren will, dann brauche ich auf jeden Fall den Biztalk-Server. Ich würde ein Problem bekommen, wenn ich da reine Web Services einsetzen würde.


Volker Heimannsberg, Microsoft
ZDNet: Nur zum besseren Verständnis: Web Services auf Basis von .Net lassen sich nur unter Einsatz des Biztalk-Servers realisieren, richtig?

Heimannsberg: Web Services werden bei uns in erster Linie mit dem Visual Studio-Entwicklertools erstellt, die neue Version heißt bezeichnenderweise Visual Studio .Net. Sie können aber auch mit .Net arbeiten, indem sie Applikationen mit Visual Studio programmieren ohne mit dem Biztalk-Server zu arbeiten. Etwa um Portale miteinander zu verbinden - ganz ohne Biztalk-Server. Sie können aber natürlich auch Projekte mit Web Services und dem Biztalk-Server realisieren. Der Biztalk-Server wäre dann für die unternehmensinterne Integration, also EAI, zuständig, die Web Services für die Anbindung über Unternehmensgrenzen hinweg.ZDNet: Themenwechsel und Frage an den SQL-Spezialisten: Seit zehn Jahren gibt es den SQL Server - wie wollen Sie zu den Konkurrenten und Marktführern IBM und Oracle aufschließen?

Pries: Wenn man sich den Windows-Datenbank-Markt ansieht, der natürlich von uns adressiert wird, dann ist der SQL-Server die absolut dominierende Datenbank. Im Gesamtmarkt haben wir es geschafft, den gesamten Unix-Datenbank-Markt im Hinblick auf Umsätze zu überrunden. So kann man wahrscheinlich nur schwerlich von "aufschließen" sprechen. Ein Bereich, in dem wir gerade im letzten Jahr stärker geworden sind, ist die 64 Bit-Implementation vom SQL-Server in Highend-Systemen. Erfolgreich waren wir auch darin, über die relationale Datenhaltung hinauszugehen und SQL-Server als Database Management Suite zu positionieren, die sowohl relationale, als auch Business Intelligence-, als auch ETL-Komponenten wie Data Transformation Services enthält.

Gerade im Business Intelligence-Umfeld haben wir uns stark entwickelt und sind laut OLAP-Report führender BI-Infrastruktur-Anbieter. Beim SQL-Server müssen Sie für spezielle Komponenten nicht extra zahlen - das gibt uns eine gute Chance, uns zu positionieren. Und das passt gut zu unserem CeBIT-Auftritt mit Fokus auf die Reporting Services, eine Server-basierte Berichts-Infrastruktur. Die wird künftig Teil des SQL-Server sein.

ZDNet: Was ist beim SQL-Server außerdem Neues zu erwarten?

Pries: Bei Yukon arbeiten wir an mehreren Bereichen: Zum einen die .Net-Integration, überschrieben mit dem Titel 'Developer Projectivity'. Es geht darum, beispielsweise eine Middle Tier unter .Net, entwickelt etwa mit einer Hochsprache wie C#, in den Datenbank-Kern zu verlagern. Dadurch soll der Bruch zwischen Middle Tier-Entwicklung und Datenbank-Entwicklung - auf der einen Seite SQL, auf der anderen eine Hochsprache - ausgeglichen, und eine konsistente Softwareentwicklung ermöglicht werden. Das weite ist der besagte Bereich Business Intelligence, der weiter forciert werden soll.ZDNet: Immer wieder haben Beobachter davor gewarnt[1], dass eine Verschiebung von Yukon auch eine Verschiebung des nächsten Releases von Windows, Codename "Longhorn", mit sich bringen wird. Nun haben Sie Longhorn tatsächlich zugunsten von "Windows Reloaded" verschoben…

Pries: Wir planen immer noch, Yukon zum Ende des Jahres raus zu bringen.

ZDNet: Der Knackpunkt in beiden Systemen ist doch das neue Dateisystem namens WinFS (früherer Codename "Storage+"), das Nutzern effektivere Suchmöglichkeiten und neue Formen der Dateiverwaltung ermöglichen soll.

Pries: Yukon ist die technische Basis für WinFS, und die Longhorn-Gruppe setzt einen Teil dieser Technologie ein. Beide können aber unterschiedliche Baustellen aufweisen, das weiß ich nicht.

ZDNet: Der Dritte im WinFS-Bunde soll eine neue Version des Microsoft Exchange Messaging Server sein, Codename "Kodiak". Was können Sie uns über den sagen?

Pries: Kodiak ist noch in der Planung, da können wir noch gar nicht drüber reden.

ZDNet: Es gibt also keinen Zusammenhang zwischen der Verschiebung von Longhorn-Windows und eventuellen Verspätungen beim SQL-Server?

Pries: Ich denke, dass sind alles Gerüchte.ZDNet: Darum fragen wir Sie ja.

Pries: Es bleibt dabei, dass wir Yukon Ende des Jahres auf den Markt bringen wollen. Wir beenden im April eine große Betaphase und werden dann sehen ob noch Nachbearbeitungsbedarf besteht.

Anmerkung: Wenige Stunden nach diesem Interview gab Microsoft bekannt, dass die Veröffentlichung der neuen Versionen von SQL Server, Codename Yukon, und Visual Studio.Net (Whidbey) verschoben wurde. Die beiden neuen Versionen waren bisher noch für 2004 angekündigt worden, und sollen jetzt erst in der ersten Hälfte des Jahres 2005 erscheinen. Als Begründung gab Produkt-Manager Tom Rizzo an, dass die Qualität der Produkte weiter verbessert werden sollte. Weiter sagte er, dass die endgültigen Versionen SQL Server 2005 und Visual Studio 2005 heißen sollen.

ZDNet: Wen genau haben Sie mit Ihren Servern als Kunden im Auge? In letzter Zeit zielt Microsoft ja stark auf den Mittelstand.

Pries: Als Kunden kommen eigentlich alle in Betracht - das ist ja auch der Vorteil von SQL-Server. Das ist eine Plattform, die von ganz oben bis nach ganz unten geht. Von 64 Bit-Systemen bis runter zum Handheld. Wir bieten eigentlich eine konsistente Plattform für alle Notwendigkeiten.


Werner Reuß, Microsoft
ZDNet: So richtig angekommen sind sie aber im obersten Stockwerk des Highends noch nicht...

Pries: Wir haben die 64 Bit-Version von SQL-Server zusammen mit Windows Server 2003 im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht. Damit decken wir einen Bereich ab, der vorher so noch nicht von uns adressiert worden ist - zumal ja die Hardware dafür fehlte. Intel hat sein 64 Bit-System auch erst nachgezogen. Das Spiel lautet doch: 'Wer kann das größere System bauen, wer hat den schnelleren?' Dass Microsoft mit Oracle und IBM mitspielen kann, das hat uns vor ein paar Jahren keiner zugetraut.
ZDNet: Stichwort Intels 64 Bit-Strategie: Der Itanium bekommt nun mit Yamhill Konkurrenz aus dem eigenen Haus. Ist es nicht sehr gewagt, sich im Highend-Bereich ganz auf den langjährigen Partner Intel zu verlassen?

Reuß: Natürlich setzen wir auf Intel und sind weiter zuversichtlich. Wir werden im Laufe unserer Roadmap aber auch die Opteron-Familie unterstützen.

ZDNet: Wieso haben Sie Ihre Pläne für die Server-Suite Jupiter, bestehend aus Biztalk Server, Commerce Server, Content Management Server und einigen anderen Komponenten, aufgegeben?

Heimannsberg: Die Server-Suite sollte integriert sein und besonders zwei Themen aufgreifen: Zum einen die Applikationsintegration, die der Biztalk-Server abdeckt, sowie die Server/Host-Integration, die der Host Integration Server übernimmt. Zum anderen sollen auch noch Portale miteinander verbunden werden, egal ob sie für B2C oder B2B vorgesehen sind. Ein Portal macht ja nur dann Sinn, wenn es integriert ist. Wenn wir über Integration sprechen, muss ja nicht notwendigerweise auch ein Portal dabei sein. Ein Portal macht ja nur dann Sinn, wenn es integriert ist mit dem Backend, je nachdem welche Daten ich aus dem Backend angezeigt bekommen will. Ich kann meine Backend-Systeme, etwa mein ERP- und mein CRM-System miteinander verbinden oder unternehmensübergreifend mein ERP-System mit dem meines Partners verknüpfen - das alles setzt aber kein Portal voraus. Deswegen sind wir von der "Darreichungsform" von Jupiter abgekommen, nicht aber von der "Vision": Es gibt eben Kunden, die nur integrieren wollen, andere benötigen eine Portal-Software - daher wird es zwei Suiten geben.

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[1] = http://www.zdnet.de/itmanager/unternehmen/0,39023441,39118672,00.htm