SAP: "RFID lohnt sich bald auch bei einem Joghurtbecher"

(http://www.zdnet.de/magazin/39120995/sap-rfid-lohnt-sich-bald-auch-bei-einem-joghurtbecher.htm)

von Dietmar Müller, 29. März 2004

Zur CeBIT sprach ZDNet mit Matthias Haendly, Head Product Marketing SAP Netweaver bei der SAP AG, über die Konkurrenz durch Microsoft, die Funktionalität und die Preisgestaltung von SAP Netweaver 04, den Open Source-Markt sowie die Einführung von RFID.

ZDNet: Bevor wir auf Netweaver 04 eingehen, aus aktuellem Anlass ein Blick auf die Konkurrenz: Microsoft verkauft ab sofort den neuen Biztalk Server. Dieser konkurriert einerseits mit den Integrationsprodukten von IBM, Bea, Webmethods, Seebeyond und Tibco, aber auch mit Ihrer "Exchange Infrastructure 3.0", die im Rahmen von "SAP Netweaver 04" im Laufe dieses Jahres auf den Markt kommen soll. Standardfrage: Haben Sie Angst vor Microsoft?

Haendly: Im Mittelpunkt unseres Interesses stehen generell die Anforderungen unserer Kunden. Eben diese Kunden haben uns in den vergangenen Jahren erklärt, dass Sie eine Lösung brauchen, die die betriebswirtschaftlichen Anforderungen ultimativ löst. Dabei geht es also keineswegs nur darum, eine Technologie-Plattform für ein bestimmtes Problem zu positionieren. Vielmehr geht es darum, eine Lösung anzubieten, die den betriebswirtschaftlichen Prozess auf eine flexible Art und Weise nutzbar macht. Der Kunde schätzt die Möglichkeit einen Prozess kaufen zu können, aber er braucht auch die Freiheit, diesen Prozess auch in einer heterogenen Landschaft zu integrieren beziehungsweise anzupassen. Das können Sie nicht durch einen einzelnen Server beziehungsweise eine einzelne Plattform bewerkstelligen. Insofern wäre ein direkter Vergleich mit Microsoft ein Vergleich von Äpfeln und Birnen, schließlich sehen wir uns einer ganz anderen Fragestellung gegenüber.

ZDNet: Die da lautet?

Haendly: Die lautet: Wie können wir es unserem Kunden erlauben, individuelle Projektarbeit durch weitestgehend vorkonfigurierte Lösungen zu ersetzen... und die es ihm erlaubt, einen bestimmten Prozess am Laufen zu halten, aber diesen nicht komplett selbst implementieren zu müssen? Das muss er aber, wenn Sie ihm nur eine technologische Plattform anbieten.

ZDNet: Sie glauben also nicht, dass Ihnen das Drängen Microsofts in den Integrationsmarkt Marktanteile kosten wird?

Haendly: Ich glaube, dass Microsoft Technologie verkauft und dass es sich um einen starken Player handelt. Ich glaube aber auch, dass eine Sichtweise, die Technologie und Anwendung im Auge behält, die schlussendlich sinnvollere ist – und sich daher durchsetzen wird.

ZDNet: In Sachen Pricing hält sich Microsoft an das Konzept von Biztalk Server 2002. Die "Enterprise Edition" kostet 25.000 Dollar pro CPU, die Standard Edition 7.000 Dollar. Eine Partner Edition schlägt mit 1.000, die Developer-Variante mit 750 Dollar zubuche. Die Redmonder wollen den Mitbewerb unter anderem durch günstigere Lizenzkosten schlagen. Wie werden sich Ihre Preise für Netweaver 04 beziehungsweise für die Exchange Infrastructure 3.0 gestalten?

Haendly: Konkrete Preise kommunizieren wir grundsätzlich nicht, da diese auch von den individuellen Anforderungen bei den Kunden abhängen. Wir sprechen aber sehr wohl über die Prinzipien der Preisgestaltung: Im Rahmen der Anwendung beziehungsweise Netweaver-Lösung fallen für den Kunden keine zusätzlichen Kosten an. Wenn beispielsweise SAP R/3 auf dem Web Application Server läuft, dann fallen für diesen Server keine zusätzlichen Lizenzkosten an. Was anderes ist es, wenn ich SAP Netweaver quasi über diese SAP-Anwendung hinaus nutzen will.

ZDNet: Aktuell müsste die Ramp-up-Phase für Netweaver 04 anlaufen, so jedenfalls haben Sie es im Februar angekündigt. Wann ist der endgültige Erscheinungstermin?

Haendly: Es ist der 31. März.

ZDNet: Der "Biztalk Server 2004" verfügt zum Beispiel über eine Business Process Engine. Mit ihr sollen Geschäftsvorgänge über unterschiedliche Applikationen hinweg gesteuert werden. Die Komponente stützt sich auf die Spezifikation Business Process Execution Language (BPEL). Auch Sie setzen bei der Exchange Infrastructure 3.0 auf eine Process-Engine, die BPEL unterstützt. Sie bildet die Grundlage für die Steuerung von Geschäftsprozessen außerhalb von SAP-Anwendungen, wobei der "Integration Server" SAP-eigene und fremde Systeme verbindet, das so genannte Cross-Component Process Management. Können Sie uns einen Überblick über die Funktionsweise der Spezifikation bzw. der Process-Engine geben?

Haendly: Man muss sich das so vorstellen: Geschäftsprozesse werden heute nicht mehr innerhalb einer singulären Komponente abgearbeitet. Dass heißt: Früher konnten Sie einen Geschäftsprozess zwischen Mitarbeitern mit R/2 – aber auch noch R/3 – innerhalb des Unternehmens optimieren. Selbst wenn Sie heute eine Lösung von einem einzelnen Anbieter im Einsatz haben, haben Sie es dennoch mit unterschiedlichsten Komponenten zu tun, die untereinander Informationen austauschen. Hinzu kommen erhöhte Anforderungen von Zulieferern und Kunden. Cross-Component Business Process Management stellt sich genau diesen Herausforderungen. Bei einem Order-to-Cash-Prozess beispielsweise tauschen sich die Komponenten einer CRM-Lösung mit dem Backend-ERP-System aus, hinzukommen Informationen – vielleicht die Kreditprüfung – aus dem Web. Schlussendlich wird ein Lieferprozess, und wieder in einem anderen System die Rechnungserstellung angestoßen. Für dieses Zusammenspiel brauchen Sie das Cross-Component Business Process Management. BPEL ist ein Standard, der hilft, diese Prozesse zu beschreiben und die Ausführung zu steuern.

ZDNet: Wohltuend fällt uns auf, dass die SAP darauf verzichtet, in diesem Zusammenhang von Web Services zu sprechen.

Haendly: Web Services sind die Funktionalität, die von den Komponenten bereitgestellt werden. Semantisch hilft ein Web Service jedoch nicht sehr viel – diese ganze Business Process Execution Language spielt eigentlich auf einer höheren Ebene. Es stimmt aber, diese einzelnen Funktionalitäten werden entweder als Web Services zur Verfügung gestellt. Oder aber es handelt sich um proprietäre Schnittstellen von Einzelkomponenten, die dann aber beispielsweise über eine Exchange Infrastructure oder andere Integration Broker als Web Services nutzbar werden.

ZDNet: Wir konfrontieren Sie mal mit einem aus Anwenderkreisen verlautbarten Vorwurf: Von der Exchange Infrastructure 3.0 profitiert in erster Linie die SAP selbst, denn XI fließt in die Produkte "Master Data Management", "mySAP Supplier Relationship Management" und "Supply Chain Management" ein, um verschiedene Funktionskomponenten des Herstellers miteinander zu verknüpfen. Und dafür verlangen Sie auch noch Geld?

Haendly: Wichtig ist dabei zu sehen, dass, wenn man die Exchange Infrastructure im Rahmen von Master Data Management oder im Rahmen einer anderen von uns lizenzierten Lösung einsetzt, dafür keine weiteren Kosten entstehen. Das bedeutet, dass der Kunde flexibler ist, ohne dass sich seine Kosten erhöht hätten. Alleine dadurch, dass die Exchange Infrastructure an die Stelle von hart-kodierten Verbindungen zwischen zwei Komponenten, egal ob in ABAP oder Java, tritt. Schließlich basiert die Exchange Infrastructure auf offenen Standards um die Transformationen oder Verteilregeln zu beschreiben. Der Kunde kann nun die gleiche Technologie für weitere Integrationsprozesse (zum Beispiel von Fremdsystemen) nutzen. Auch die Wiederverwendung bestehender Hardware sowie des bestehenden Know-hows der Mitarbeiter können so für den Kunden Kostenvorteile bedeuten.

ZDNet: Experten gestehen der SAP ja durchaus zu, mit XI 3.0 viele nützliche Funktionen zu liefern. Allerdings betonen sie auch, dass die vermeintlich einfache Nutzung der neuen Techniken viel Know-how und Investitionen erfordert, die sich eventuell erst mittel- oder langfristig auszahlen. Dessen ungeachtet werden Sie nicht müde, Netweaver als Mittel zur Senkung der Wartungs- und Integrationskosten anzupreisen.

Haendly: Der Kunde muss in jedem Fall die Lizenzkosten tragen, egal ob die Software von uns oder anderen geliefert wird. Wie gesagt: In unserem Fall hat er ja bereits die Skills der Mitarbeiter vorrätig, die haben unsere Technologie quasi 'bereits im Bauch'. Das sind klare Kostenvorteile. IDC hat diese in einer Studie[1] auch öffentlich gemacht.

ZDNet: In Sachen Portaltechnik hat SAP vor, das unter Windows und einigen Unix-Derivaten lauffähige Enterprise Portal 6.0 etwa Mitte des Jahres auch für Linux freizugeben. Wie sieht die Kooperation mit der Open Source-Entwicklergemeinde aus?

Haendly: Wir haben das erste R/3-System vor rund vier Jahren für Linux freigegeben. Auch unsere SAP DB-Datenbank ist seit Jahren Open Source. Die Vermarktungsrechte haben wir an die schwedische Firma MySQL übergeben – Sie sehen also, Open Source unterstützen wir schon lange und vielfältig. Gerade in den Betriebssystem- und den Datenbank-Märkten sehen wir ein großes Potential für Open Source. Es handelt sich dabei um eine Technologie, die, wenn sie erst einmal einen gewissen Stand erreicht hat, sich oftmals langsamer weiter entwickelt. In hoch-innovativen Bereichen bin ich noch nicht überzeugt, ob sich Open Source dort durchsetzen kann. Aber wir verfolgen das genau.

ZDNet: In letzter Zeit wird ja heftig darüber diskutiert, inwieweit sich Open Source im Unternehmensumfeld, gerade im Highend-Bereich, durchsetzen kann.

Haendly: In den Bereichen Datenbanken und Betriebssysteme, die wir - wie gesagt - schon seit Jahren unterstützen, bin ich nicht skeptisch, was den Erfolg von Open Source betrifft. Das sind praktisch statische Anwendungen. Aber es gibt jedoch Bereiche, in denen sich Software sehr schnell weiterentwickelt. Vermutlich wäre eine globale Entwicklergemeinde beispielsweise mit dem ständigen Anpassen von Geschäftsprozessen überfordert. Vielleicht sind da eher Einzelunternehmen gefragt, die Ihre Lösung gegen Geld anbieten. Das ist eine fast philosophische Frage.

ZDNet: Anderes Thema: Sie testen gerade eine RFID-Lösung bei Pilotkunden, sie soll voraussichtlich ab Mitte 2004 zur Verfügung stehen. Sie umfasst die Komponenten "SAP Auto-ID Infrastructure", "SAP Event Management" aus der Logistiklösung "mySAP SCM" sowie "SAP Enterprise Portal" aus der Integrationsplattform "SAP NetWeaver". Über den Applikations-Server aus Netweaver soll sich die Java-basierende Lösung in Systemumgebungen von SAP und Drittanbietern integrieren lassen. Über entsprechende Auto-ID-Konnektoren werden die RFID-kodierten Daten direkt in die Geschäftsprozesse eingebunden. Wann werden wir das erste DAX-notierte Echtzeitunternehmen sehen?

Haendly: Das R in R/3 steht ja für Realtime, es ist von Anfang an die Vision der SAP, betriebswirtschaftliche Prozesse in Echtzeit abzubilden. Der erste Schritt war es, Logistik und Finanzprozesse zusammenzubringen. Es ging darum, die finanziellen Auswirkungen von Warenbewegungen deutlich zu machen. In der IT ist es mittlerweile dazu gekommen, dass eine Abbildung, quasi eine zweite Realität entsteht. Diese stimmt aber mit der Realität nicht 100 Prozent überein – solange, wie es nicht gelingt, den Güterfluss sehr zeitnah an die IT zurückzumelden. Unsere Auto-ID-Technologie soll das bewerkstelligen.

ZDNet: Und wann vermuten Sie, wird das Echtzeitunternehmen, notiert im Dax, soweit sein?

Haendly: Wenn ich den Ankündigungen der großen Unternehmen wie Wal-Mart oder Metro glauben schenken kann, dann werden sie das zusammen mit Ihren Partnern und Lieferanten in wesentlichen Bereichen in den nächsten zwei bis drei Jahren umsetzen.

ZDNet: Wo sehen Sie das größte Hindernis bei der Einführung von RFID?

Haendly: Bei der Wirtschaftlichkeit einer solchen Gesamtlösung muss die zu erweiternde Hardware Infrastruktur genauso betrachtet werden, wie die Integration in die bestehenden Systemlandschaften. Um die Dynamik auf der Kostenseite zu verdeutlichen, kann man sich mal die Preisentwicklung auf der Seite der RFID-Tags anschauen, welche auf den Waren angebracht werden müssen. Haben diese vor den weit reichenden Tests durch die Metro/Wal-Mart anfangs noch zwei Dollar gekostet, so sind die Preise alleine durch die ersten Test-Implementierungen auf derzeit ca. 20 Cent runtergegangen. Sobald diese um die nächste Zehnerpotenz gefallen sind – also nur noch zwei Cent kosten – steht einem flächendeckenden Einsatz nichts mehr im Wege, dann lohnt sich das selbst bei einem Joghurtbecher.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.sap.com/solutions/netweaver/customersuccess/idc.asp