Eine neue Version von Microsofts Tablet-PC-Betriebssystem soll Mitte 2004 gratis zum Download angeboten werden. ZDNet stellt die neuen Features vor und wirft einen Blick auf Hard- und Software-Innovationen rund um Tablet-PCs.
Microsoft hat Details zu einer verbesserten Version von Windows XP Tablet PC Edition bekannt gegeben. Die neue Version, die offiziell "Tablet PC Edition 2004" heißt, intern aber den Namen "Lone Star" trägt, wird zwar als neue Betriebssystem-Version gehandhabt, soll aber frei downloadbar sein und mit 35 MByte Dateigröße dem entsprechen, was Microsoft sonst Service Pack nennt. Als Erscheinungstermin nannte Microsoft "Mitte 2004". Die Hersteller von Tablet-PCs sollen die neue Version ab dann standardmäßig vorinstallieren.
Die meisten Verbesserungen betreffen die Eingabe per Stift, also den Faktor, der Tablet-PCs deutlich von Notebooks abhebt. Die Handschriftenerkennung funktionierte in der ersten Version für viele Kritiker überraschend gut, da sie die Eingabe mit einem eingebauten Lexikon verglich. Diese Stärke erwies sich aber bei speziellen Anwendungen als Problem - insbesondere Mail-Adressen und Web-Adressen wurden von der im Duden suchenden Erkennung oft verstümmelt, aber auch etwa bei der Nutzung von Tabellenkalkulationen kam es zu Problemen.
Microsoft stellte aber nicht nur Verbesserungen des Betriebssystems vor, das Unternehmen prämierte auch Anwendungen für Tablet-PCs aus einem Wettbewerb und rekapitulierte die Marktsituation. Tablet-PCs verkaufen sich nach Meinung von Microsoft nicht schlecht und jetzt immer besser, zumal man 2004 einen siebenstelligen Betrag in eine Werbekampagne stecke. Außerdem sei jetzt eine besondere Vielfalt an Produkten vorhanden, sowohl Slates (ohne Tastatur) und Convertibles (als Notebook nutzbar) seien in "Ruggedized" und "Semi-Ruggedized"-Versionen erhältlich, also gegen Umwelteinflüsse wie Wasser, Staub oder Stürze geschützt. "Lone Star" wird eine überarbeitete Maske für Stifteingabe bieten, die das schnelle Umschalten zwischen Handschriftenerkennung, Onscreen-Tastatur und einer neuen Single Character Recognition erlaubt. Letztere dient zur Feinkorrektur problematischer Wörter: hier kann jeder Buchstabe einzeln ausgewählt und geändert werden. Außerdem bietet das Interface eine Reihe von ihm plausiblen Wörtern an; findet sich das richtige darunter, klickt man einfach darauf.
Auch können Applikationen jetzt spezielle Eingabefelder bieten, die mit einem eigenen Lexikon oder gar nicht abgeglichen werden. So versucht Tablet PC Edition nun nicht mehr, die Eingabe einer möglicherweise kryptischen URL mit dem Duden abzugleichen. Jede Anwendung kann ein eigenes Lexikon anbieten, etwa Maßeinheiten bei Excel, Begriffe aus der Fachsprache bei einem branchenspezifischen Programm beispielsweise für Krankenhäuser und Ärzte.
Neben der einblendbaren Onscreen-Tastatur gibt es in der neuen OS-Version zwei weitere, ein numerisches Pad für schnelle Zahleneingabe und ein Symbolfeld für schwer zu schreibende Zeichen wie das Euro-Symbol - überfällige Ergänzungen, wenn man bedenkt, dass der ebenfalls mit Stift bedienbare Palm Pilot von US Robotics schon von der Markteinführung an beides bot.
Zusätzlich zu der einzeiligen Eingabemaske gibt es natürlich weiterhin die Möglichkeit, ganze frei gestalte Seiten oder frei definierte Bereiche davon durch die Texterkennung erfassen zu lassen. Verzichten muss man aber weiterhin auf eine Spracherkennung, da Microsoft schlicht noch keine ausreichend leistungsstarke Lösung in deutscher Sprache gefunden hat. Besonderen Wert legt Microsoft auf die Integration der Entwicklergemeinde durch ein SDK (Software Development Kit), das die Anpassung von Software an Tablet PCs und speziell die neue Eingabemaske erleichtert. So können Programmierer selbst Lexika oder andere Regeln für die Behandlung von Eingaben in ihren Programmen steuern. Auch ist es nach Angaben von Microsoft durch wenige Zeilen Code möglich, etwa Kürzel zum Anklicken in der Eingabemaske zur Verfügung zu stellen und diese also effektiv zu ändern und zu ergänzen.
Die Zusammenarbeit mit Programmierern betont Microsoft auch durch die Vergabe eines speziellen Preises für Tablet-PC-Anwendungen. Der erste Preis, dotiert mit 50.000 Euro, ging an die Firma Softpro, die eine Unterschriftenerkennung als zuverlässiges biometrisches Login realisierte. Dazu wird auf dem Rechner ein so genannter Signaturvektor sicher hinterlegt. Es handelt sich um einen verschlüsselten Datensatz mit statistischen und dynamischen Merkmalen der eigenhändigen Unterschrift. Mit der Softpro-Lösung kann man zudem seine Unterschrift so in Dokumente einbinden und verankern, dass sie nicht herauskopiert werden kann. Offen bleiben angesichts dieser sinnvollen und nahe liegenden Lösung für einen Stiftcomputer nur die Fragen, warum Microsoft nicht selbst auf diese Idee gekommen ist - und wann der OS-Hersteller die Signatur-Erkennung fest in sein Betriebssystem integriert.
Von Hand mathematische Formeln eingeben - und sie elektronisch berechnen lassen: xThink Calculator (Bild: xThink). |
Den zweiten Innovationspreis bekam Christian Abeln Technik & Software für eine Lösung, Kindern das Erlernen des Schreibens zu erleichtern, indem sie etwa Buchstaben nachschreiben, aber auch durch die zusätzliche Motivation, etwa das selbst Geschriebene anschließend vom Rechner vorgesprochen zu bekommen.
Auf die Plätze zwei und drei setzte die Jury oPenCAS-XPT, ein Subsystem zu einer zentralen Vertriebs- und CRM-Software. Für jede Branche können die nötigen Daten erfasst und der Vertrieb gesteuert werden, sowie E-Pen&Form von Design Universe, das die Integration und Digitalisierung von Formularen erleichtert. Erfasste Formulare können anschließend direkt auf dem Tablet-PC ausgefüllt werden.
Die Bandbreite der prämierten Anwendungen reicht also von Add-Ons und Tools, ohne die der Tablet-PC ungefähr halb so viel Sinn macht (etwa die Lösungen von Softpro, xThink und Design Universe) bis zu echten Speziallösungen, die zwar den Tablet-PC clever nutzen, aber nur für eine eingeschränkte Zielgruppe interessant sind. Das Portfolio an verfügbaren Geräten ist tatsächlich breiter geworden. Microsoft verweist auf die Koexistenz von Slate-Design und Convertibles, also Rechnern ohne Tastatur in der Art eines großen Organizers und den zu einem Notebook umbaufähigen Tablet-PCs mit Tastatur. Die von Microsoft kommunizierten IDC-Zahlen weisen ein stärkeres Wachstum der Slates (ohne Tastatur) aus. Gleichzeitig ist aber auch festzustellen, dass sich die großen Hersteller von Slates abwenden und Convertibles bauen - etwa Fujitsu Siemens. Auch HP hat zwar Ende vergangenen Jahres erneut einen Slate vorgestellt, liefert aber auch eine Tastatur zum Anstecken mit. Acer und Toshiba bleiben dem Convertible-Design treu, das sie schon in der ersten Generation adaptiert hatten.
Auf echte Slates setzen nun vor allem spezialisierte kleine Unternehmen wie Paceblade, Walkabout und Xplore Technologies. Der Grund könnte darin liegen, dass wirklich sinnvolle Software für Stifteingabe weiterhin ein Add-On-Luxus ist, wie bei der Software-Prämierung deutlich wurde. Die auf Slates spezialisierten Firmen sind auch besonders aufgeschlossen gegenüber berührungsempfindlichen Bildschirmen, die zur Not auch einmal mit dem Finger oder dem hinteren Ende des Kugelschreibers bedient werden können. Gewöhnliche Tablet-PC-Bildschirme ermitteln ja die Stiftposition elektrisch durch ein über dem Bildschirm gespanntes, diesen leicht verdunkelndes Gitternetz und sind entsprechend nur mit dem Spezialstift bedienbar. Paceblade allerdings ließ verlauten, diejenigen Kunden, die den berührungsempfindlichen Bildschirm wollten, verzichteten meist auf XP Tablet PC Edition - ein weiterer Beleg, dass das Betriebssystem bislang nicht genug Möglichkeiten für die Stifteingabe bietet.
Von Hand mathematische Formeln eingeben - und sie elektronisch berechnen lassen: xThink Calculator (Bild: xThink).