MySQL-CEO: "Wir bieten Billigflüge, Oracle den Luxusjet"

(http://www.zdnet.de/magazin/39119291/mysql-ceo-wir-bieten-billigfluege-oracle-den-luxusjet.htm)

von Ulrike Ostler, 28. Januar 2004

Mit der neuen Version seiner weit verbreiteten Open Source-Datenbank will MySQL noch weiter in die Domäne von Oracle und IBM vordringen. ZDNet sprach mit Marten Mickos, dem CEO des schwedischen Herstellers MySQL AB.

Die Open Source-Datenbank MySQL[1] ist seit kurzem in der Version 5.0 erhältlich. Sie unterstützt erstmals Stored Procedures, SQL-Anweisungen nach dem Standard SQL-2003, die in kompilierter Form abgelegt werden. Das soll die Entwicklung umfangreicher Geschäftsanwendungen vereinfachen und die Datenintegrität erhöhen. Der schwedische Hersteller MySQL AB will damit noch weiter in die Domäne von Oracle und IBM vordringen.

Zudem bestätigen Analysten, dass sich die Gesamtkosten rund um den Datenbankeinsatz erheblich senken lassen, wenn die Anwender auf offene Systeme wie Postgres, Interbase oder MySQL migrieren. Allerdings sorgt Open Source auch für Negativschlagzeilen, spätestens seit SCO den Rechtsstreit um Linux-Lizenzen initiierte. ZDNet sprach auch darüber mit Marten Mickos, CEO des schwedischen Herstellers MySQL AB.

ZDNet: Drohen den Anwendern irgendwann auch einmal Lizenzgebühren für die unter der General Public Licence (GPL) erworbene Datenbank MySQL?

Mickos: Das ist unmöglich. Denn uns gehört der Quellcode. Wir sehen uns als Open Source-Unternehmen der zweiten Generation, die aus frühen Fehlern gelernt hat. Als Entwickler von MySQL können wir entscheiden, wie wir das Produkt lizenzieren. So gibt es kommerzielle Lizenzen, für Softwarehersteller, die sie für eigene kommerzielle Produkte benötigen, und die GNU GPL-Lizenz.

ZDNet: Ohne funktionelle Unterschiede?

Mickos: Ja. Es dürfte rund 4 Millionen Nutzer der freien Lizenz geben. Aber wir sind nicht nur eine Open Source-Company, sondern auch ein profitables Unternehmen, das größtenteils mit den kommerziellen Lizenzen Geld verdient. Wir bieten zwar auch Services an, aber größtenteils stammen die Einnahmen, zirka 60 Prozent, aus dem Software-Verkauf.

ZDNet: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie in der Entwicklung?

Mickos: Wir beschäftigen zehn Berater, fünf Beschäftigte für die Schulungen, zehn im technischen Support und 40 Entwickler.

ZDNet: Ist dieses Entwicklungs-Team auch für "MaxDB", der anderen Datenbank Ihrer Firma zuständig?

Mickos: Bei MaxDB handelt es sich um eine weiterentwickelte Version von SAP DB, der Open Source-Datenbank von SAP, die wiederum die Weiterentwicklung eines Adabas-D-Derivats ist, das von der Software AG für Linux-Plattformen entwickelt wurde. Seit Mai des vergangenen Jahres verbindet uns mit der SAP AG eine Technologie-Partnerschaft.ZDNet: Diese Partnerschaft bedeutet...

Mickos: ...dass 40 bis 60 SAP-Mitarbeiter für die Fortentwicklung der MaxDB sorgen.

ZDNet: Welchen Anteil daran hat MySQL?

Mickos: Wir vermarkten und verkaufen das Produkt. Übrigens kostet eine kommerzielle Lizenz der MaxDB auf einer Ein-Prozessor-Maschine 49 Dollar pro User und eine CPU-abhängige Lizenz 1490 Dollar Pro Prozessor.

ZDNet: Das scheint ein geringer Betrag im Vergleich etwa zu Oracle-Lizenzen.

Mickos: Wir wären quasi eine Billig-Airline unter den Fluglinien, Oracle böte Privatjets an. Und so etwas wird es immer geben: das Niedrigpreisangebot und die Luxusklasse. Schwer haben es die Anbieter der Business Class dazwischen. Und das zeigt auch der Datenbankmarkt. Schließlich sind nur noch wenige Hersteller relationaler Systeme auf dem Markt; Sybase, Progress haben sich anders orientiert, Informix ist verschwunden. Wir aber können ein profitables Wachstum vorweisen.

ZDNet: Es heißt, Open Source könne sich in Märkten breit machen, wo es um Bedarfs- und Massenartikel, in Englisch: "Commodity" geht.

Mickos: Ich ziehe es vor, zu sagen: Sie hat Chancen dort, wo die Technik ausgereift ist. Und niemand kann behaupten, dass hinter relationalen Datenbanken keine reife Technik steckt. Die zweite Bedingung für den Erfolg von Open Source-Produkten sehe ich ebenfalls erfüllt. Voraussetzung ist, dass es wenige, klare Marktführer gibt; denn wir bringen frischen Wind in den Markt.ZDNet: Open Source lässt aber auch die Margen schmelzen und letztlich bleibt den Herstellern weniger Geld für Innovationen.

Mickos: Die Sicht krankt an zwei Dingen. Erstens: Erfindungsgeist braucht nicht zwangsläufig viel Geld, im Gegenteil. Geraten Firmen unter Druck, sind sie gewissermaßen zur Innovation verdammt, weil sie bessere Produkte anbieten müssen. Außerdem: Innovation lässt sich nicht stoppen.

Die zweite Fehleinschätzung gründet auf der Annahme, dass in Commodity-Märkten kein Geld zu verdienen sei. Schaut man über den Tellerrand der Software-Industrie hinaus, sind zahlreiche Belege dafür zu finden, dass sich mit Massenartikeln und kleinen Preisen sehr wohl Kohle scheffeln lässt. Schauen Sie sich Dell, Ikea oder die Walton-Familie mit Walmart an.

ZDNet: Aber gerade diese Firmen glänzen weder mit technischen noch mit geschmacklichen Innovationen. Die Firmen werden für ihre Vorreiterrollen und Konsequenz ihrer Geschäftsstrategien bewundert.

Mickos: Wer sagt denn, dass allein technische Innovationen Wert besitzen?

Für unsere Produkte jedenfalls haben wir drei Zielsetzungen: Performance, Zuverlässigkeit und einfache Verteilung, da gibt es keine Kompromisse.

ZDNet: Kürzlich beklagten sich Entwickler auf dem Forum slashdot.org, dass MySQL zwar für Web-Anwendungen tauge, jedoch noch ungeeignet sei für den Einsatz in Transaktionssystemen. Es wurde Nachbesserung gefordert.

Mickos: Inzwischen habe ich klargestellt, dass sich unser Produkt sehr wohl auch für den Einsatz in solchen unternehmenskritischen Anwendungen eignet.ZDNet: Warum gibt es dann MaxDB in Ihrem Produktangebot, zumal Sie das Produkt mit Funktionen wie Stored Procedures, Trigger und Views als die große Schwester von MySQL positionieren, die sich insbesondere für den Einsatz in ERP-Systemen (ERP = Enterprise Resource Planning) eigne?

Mickos: Der Unterschied zwischen beiden Datenbank-Systemen besteht darin, dass MaxDB mit einem reichhaltigeren Feature-Set ausgestattet ist. Durch die Technologiepartnerschaft kommen wir schneller an die Funktionen, die wir in unsere Produkte einbauen wollen. Doch liegen beide Systeme gut im Rennen, auch wenn es sich um Transaktionssysteme handelt.

ZDNet: Linux galt bisher als das Vorzeigemodell für Open Source-Software. Beeinträchtigt der Lizenzrechtsstreit um Linux, der von SCO ausgelöst wurde, nun Ihr Geschäft?

Mickos: Im Gegenteil, denn wir können darauf verweisen, dass wir den Source-Code entwickeln. Aber ich verstehe, dass Anwender in Bezug auf Open Source Software verunsichert sind. Dabei handelt es sich um kein Problem freier Software, im Gegenteil.

Zunächst beruht das angestrebte Verfahren SCO gegen IBM auf einem Vertragsproblem. Das aber ist nichts Neues in der Branche. So etwas passiert dauernd und immer wieder. Die Medien diskutieren allerdings, ob nun SCO-Code in Linux enthalten ist oder nicht. Das aber lässt sich nicht beantworten, da Unix kein offenes System ist, und kaum jemand hineingeblickt hat. So etwas kann bei Open Source nicht passieren.

Im Übrigen halte ich es mit Linus Torvald, dem Linux-Urheber. Da SCO in einem Brief an Linux-Anwender rund 60 Dateien angab, die aus System V stammen sollen, hat er bei einigen überprüfen und bestätigen können, dass er sie entwickelt habe. Doch einige seinen so schlecht, dass er sich dafür schäme. Geradezu belustigend sei es, wenn eine Firma ausgerechnet für diese Urheberschaft beanspruche.ZDNet: Kennen Sie eigentlich SCO-Manager, Linus Torvalds oder auch Personen von Novell, das den Nürnberger Linux-Distributor Suse übernommen hat?

Mickos: Als SCO noch Caldera hieß, hatte ich dort einige Bekannte. Doch die sind nicht mehr dabei. Bei Novell kenne ich einige, denn mit dem Unternehmen pflegen wir eine Partnerschaft. Linus sehe ich ab und zu.

ZDNet: Haben Sie kürzlich über die Querelen um Linux mit Torvalds gesprochen?

Mickos: Nun er war so um die Weihnachtszeit bei mir zuhause. Da standen eher private Themen im Vordergrund, die Kinder und die Schule der Kinder..., aber SCO haben wir... erwähnt.

ZDNet: Was halten Sie von der Suse-Akquisition durch Novell?

Mickos: Gute Sache. Suse ist eine großartige Linux-Firma, die aber nicht so viel Umsatz gemacht hat, wie sie es verdient hätte. Novell verfügt über fantastische Vertriebskanäle, so dass dem Suse-Linux nun die Welt offen steht.

ZDNet: Novell ist zudem auch im Netz- und System-Management beheimatet. Und der Linux-Marktführer Red-Hat hat Sistina Software gekauft, eine Firma, die Speicher-Software herstellt, die nun als Open Source verfügbar gemacht werden soll. Die Linux-Plattform weitet sich aus ins Netz-System und Speicher-Mangement.

Mickos: Auch Novell hat zugekauft: die Ximian-Software Red Carpet im August des vergangenen Jahres. Es handelt sich um Verwaltungswerkzeuge für Server in Linux-Netzen.

Somit darf man die Schlussfolgerung ruhig ziehen, dass sich hier ein Trend abzeichnet und diese IT-Management-Bereiche ein Commodity-Markt sind. Das soll aber nicht heißen: Das Ende des reinen Linux sei gekommen. Das Betriebssystem wird sich sicher noch zehn bis 15 Jahre auch als reiner Kernel verbreiten.ZDNet: Open Source-Produkte wie Linux oder auch Datenbanken sind technische IT-Komponenten, keine Lösungen aus der Sicht von Managern. Analysten aber prophezeien, dass Anwender künftig Lösungen einfordern werden und zwar in Form standardisierter Prozesse. Wie ordnen Sie MySQL AB mit seinem Geschäftsmodell in dieses Szenario ein?

Mickos: Wir verkaufen Software und den damit zu erzielenden Nutzen. Heute benötigen auch Anwenderunternehmen unser Produkt, künftig bilden nahezu ausschließlich unabhängige Softwarehersteller (ISVs) unseren Absatzmarkt.

ZDNet: Damit verengt sich das Geschäftsfeld.

Mickos: Nein. Der Markt dehnt sich aus. Denn wir tragen dazu bei, dass die Preise sinken. Damit können sich mehr Softwarehäuser eine Datenbank leisten, das Produktspektrum erweitert sich, die Nachfrage steigt. Die optimale Größe von MySQL AB jedenfalls liegt noch weit über der von heute.

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[1] = http://www.mysql.com/