Mainframes - nach all den Jahren noch immer aktuell

(http://www.zdnet.de/magazin/39118680/mainframes-nach-all-den-jahren-noch-immer-aktuell.htm)

von Andrew Donoghue, 7. Januar 2004

Einst galten sie als Dinosaurier, doch sie sind noch nicht ausgestorben: Die Geschichte der Mainframes behält vorerst ein offenes Ende.

Entgegen anderslautenden Vorhersagen, die im Verlauf der letzten 10 Jahre immer wieder gemacht wurden, sind Mainframe-Rechner auch heute noch von Bedeutung. Tatsächlich haben Neuerungen, von denen man annahm, dass Mainframes durch sie überflüssig würden, etwa das Internet, E-Business und Linux, stark zu ihrer heutigen Aktualität beigetragen.

Im Mai dieses Jahres gab Sun Microsystems bekannt, dass man nun 1000 Kunden erfolgreich von der "komplizierten, abgeschlossenen Mainframe-Umgebung" auf Server der Typen Sun Fire und Sun Enterprise umgestellt habe, auf denen Suns Variante von Solaris Unix läuft. Sun bejubelte den Transfer mit dem man "das Aussterben der Rechen-Dinosaurier voranbringe" und sagte, dass man seinen Kunden helfe, Kosten für IT-Belegschaft und Software-Lizenzen zu sparen.

Etwa zur selben Zeit reagierte IBM, ein Unternehmen, das als eher zugeknöpft und extrem bürokratisch gilt, auf den jüngsten einer ganzen Reihe von Seitenhieben, die seine 30 Jahre alte Plattform einstecken muss - eine Plattform, aus der nach Schätzung einiger Analysten dem Unternehmen bis zu 40 Prozent seiner Einnahmen erwachsen. Mit einem gänzlich unerwarteten Schachzug zeigte das Unternehmen, dass es über einen Sinn für Humor verfügt. Man entschloss sich, den Spöttern den Wind aus den Segeln zu nehmen, und gab bekannt, dass die neue Mainframe-Serie, die eServer zSeries 990, künftig T-Rex heißen soll. "Es war so etwas wie ein postmoderner Witz von IBM. Ich bin mir aber nicht sicher, dass er von allen verstanden wurde", sagt Doug Nielson, Senior eServer Consultant bei IBM.

Zweifelsfrei handelt es sich hier um einen gewagten Schritt im Marketing, aber vielleicht wäre der Witz von mehr Leuten verstanden worden, wenn man einen Vogelnamen zum Spitznamen des eServers gemacht hätte und nicht den eines Dinosauriers? In akademischen Kreisen zirkuliert seit Jahren die Theorie, dass die Dinosaurier nicht von einem brennenden Kometen ausgelöscht wurden, sondern sich langsam zu Vögeln weiterentwickelt hätten. Die Analogie - ganz gleich, ob diese Theorie nun zutrifft oder nicht - lässt sich sehr gut auf IBM und Unisys, den anderen verbliebenen Anbieter von Mainframes, anwenden. Beide versuchen, Großrechner als immer noch aktuelle Technologie neu zu positionieren. Mainframes sind, so die Argumentation, nicht ausgestorben, sie haben sich zu einer etwas eleganteren und flexibleren Art weiterentwickelt.

Es ist nicht ohne Ironie, dass gerade jene Trends, von denen behauptet wurde, dass sie das Ende der schwerfälligen Mainframes herbeiführen würden, zu deren Wiedergeburt beigetragen haben. Die Rede ist hier natürlich von E-Business und Internet. Doug Nielson von IBM sagt, dass hauptsächlich das E-Business die Entwicklung des IBM-Mainframe-Rechners beeinflusst hat. Einige Dot-Com-Unternehmen haben die zSeries sogar zu ihrer ersten und einzigen Plattform erwählt, sagt er weiter. "Wir hatten dies zwar bis vor ein paar Jahren nicht erkannt, aber es scheint, dass genau jene Eigenschaften, über die der Mainframe schon immer verfügte, sich mit den Anforderungen für High-End Business-Server decken."

Jede Diskussion über das Thema Mainframes führt unweigerlich zum Thema Kosten - einige Rechner von Unisys werden für bis zu 22 Millionen Dollar gehandelt -, eine aktuelle Studie des Analyse-Unternehmens Forrester hat allerdings ergeben, dass Großrechner sich trotz der hohen Anschaffungskosten als flexible Option erweisen können. "Unternehmen sollten sich mit ihren Mainframes auf das E-Business konzentrieren", schreiben die Analysten. "Der S/390 und die Server der neuen zSeries sind kostspielig, aber viele Unternehmen besitzen bereits eines der Geräte. Der Aufbau einer Infrastruktur für E-Business innerhalb desselben Monster-Systems bedeutet geringere Nebenkosten für eine Kapazitätserweiterung als eine Investition in neue Server. Durch die Möglichkeit, ein oder zwei zusätzliche Prozessoren einbauen zu können und dabei nicht einmal neu starten zu müssen, können die Firmen ihr System flexibel erweitern um Anforderungen des E-Business gerecht zu werden."

IBM hat bisher etwa 4000 Mainframes der zSeries ausgeliefert, die seit Oktober 2000 erhältlich ist, als der eServer 900 auf den Markt kam. Nielson sagt, dass sich diese Zahl im Vergleich zu jener der im selben Zeitraum verkauften Intel-Server bescheiden ausnimmt, für Geräte, von denen ein jedes in der Regel über eine Million Pfund kostet ist sie jedoch hoch. "Sind das also viele Mainframes? Aber ganz gewiss – dies ist der erfolgreichste Mainframe, den IBM je hatte." Unisys hat indes nicht solche Stückzahlen verkauft - was angesichts der Tatsache, dass es sich um ein wesentlich kleineres Unternehmen handelt, nicht überrascht. Und anders als IBM schreibt Colin Gash, Product Manager für Clearpath Plus bei Unisys, die Fortsetzung des Mainframe-Geschäfts nicht dem zwar dynamischen, aber etwas allgemeinen Begriff E-Business zu, sondern sagt, dass es sich beim größten Teil der Aktivität in diesem Bereich um Geschäfte mit bestehenden Kunden handelt.

"Zu unseren primären Aufgaben in der so genannten Mainframe-Arena gehört es, auch weiterhin die Nachfrage unserer High-end-Kunden zu befriedigen, die immer noch um jährlich 30 Prozent wächst", sagt Gash. "Wir sprechen hier über 10.000 angeschlossene Nutzer in einer sicheren, wiederherstellbaren Umgebung. Ein ganzes Netzwerk aus verteilten Systemen könnte sich daran versuchen, müsste sich aber ganz schön anstrengen."

Aber obwohl Unisys in der Hauptsache bestehende Kunden unterstützt, baut das Unternehmen die Plattform weiter aus, um bei Entwicklungen wie Web Services auf der Höhe zu bleiben. Das Angebot an Mainframe-Rechnern wurde Anfang des Jahres mit der Einführung des Clearpath Plus Libra 185 erweitert, der sowohl die .NET-Infrastruktur von Microsoft wie auch Java von Sun unterstützt. Damit zieht das Unternehmen mit IBM gleich, wo man die Websphere Java Web-Plattform auf die zSeries portiert hat.

Trotz der fortlaufenden Entwicklung musste Unisys einräumen, dass Mainframe-Rechner nicht das Hauptgeschäft des Unternehmens darstellen und dass die Verkaufszahlen für den Clearpath Plus nicht ansteigen. Tatsächlich hat das Unternehmen jüngst geäußert, dass die Einnahmen aus dem Mainframe-Bereich um einen zweistelligen Prozentsatz gesunken sind. Während Unisys den gleichzeitigen Betrieb von Windows und dem hauseigenen Betriebssystem OS2200 auf dem Clearpath Plus propagiert, setzt IBM sich für Linux ein. Dieses frei verfügbare Betriebssystem scheint seinerseits wiederum die Position der zSeries gestärkt zu haben. Doug Nielson von IBM gibt an, dass etwa 20 Prozent der Systeme, die sein Unternehmen heute ausliefert, Linux-basiert sind.

"Zu den Dingen, die Mainframe-Rechner dringend nötig hatten, zählten neue Anwendungen, Geschwindigkeit, Jugend und Spaß - wenn ich das einmal so sagen darf. Linux bedeutet all dies. Linux brauchte kommerzielle Anerkennung und Einsatztauglichkeit, dies zeigt Linux auf dem Mainframe. Im Endeffekt ergibt sich eine sehr gute Kombination."

Die Anlage der zSeries erlaubt den Betrieb mehrerer Linux-Kopien auf einem Gerät, eine Funktion, die man bei IBM zur Einrichtung virtueller Server-Farmen verwendet. "Wir können Tausende von Linux-Systemen auf einem Gerät laufen lassen. Die Ressourcen dieses Geräts können von einer Sekunde auf die andere der jeweiligen Aufgabe zugeordnet werden. Vergleichen Sie das mal mit einer Server-Farm, wo der eine Kasten voll ausgelastet ist, der andere sich im Leerlauf befindet und die beiden einander nicht helfen können."

Die Möglichkeit, eine große Zahl von Servern auf einer kleineren Zahl von Mainframes zu vereinigen, ist ein neuer Trend, der eine komplette Umkehr der Bewegung von zentralisierten hin zu verteilten Systemen bedeutet, wie sie in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern populär war.

"Das Y2K-Problem führte dazu, dass viele unserer Kunden damit begannen, ihre Server zu zählen und nicht wenige erschraken, als sie herausfanden, wie viele Geräte sie hatten", sagt Nielson. "Es handelt sich nicht so sehr um ein technisches Problem als vielmehr um ein Personalproblem. Wenn man Tausende kleiner Geräte betreibt, braucht man sehr viele Leute dazu. Viele verringern heute die Anzahl ihrer Geräte durch den Einsatz von Mainframes, was eine komplette Umkehr der Entwicklung darstellt, welche die Branche in den Neunzigern durchmachte. Heute haben die Leute derart viele dieser kleinen Intel-Kästen, dass sie die Türen ihrer Rechenzentren nicht mehr zubekommen."

Die Commerzbank, das viertgrößte kommerzielle Bankhaus Deutschlands, hat kürzlich Anwendungen, die auf acht kleineren System/390-Servern von IBM liefen auf fünf neuen IBM eServer zSeries Mainframes zusammengelegt.

"Das Zusammenlegen kleinerer Server auf einer kleineren Anzahl Mainframes erlaubt uns nicht nur eine Kostenersparnis, es wird dadurch auch sichergestellt, dass unsere IT-Infrastruktur auch weiterhin in der Lage ist, riesige Datenmengen reibungslos zu verarbeiten", sagt Niels Diemer, Head of Mainframe Programming bei Commerzbank IT Production.

Das einzige Problem der Theorie von Evolution anstelle von Aussterben besteht in der Frage, ob sich die Mainframes nicht so sehr verändert haben, dass der Begriff 'Mainframe' überflüssig geworden ist. Ist ein Großrechner, auf dem Linux oder sogar Windows laufen und der die Anforderungen für .NET und J2EE erfüllt nicht einfach ein High-end-Server?

Weder IBM noch Unisys waren in der Lage, eine eindeutige Definition dessen zu formulieren, was das Wort Mainframe heute bedeutet. Nielson behauptet, dass IBM den Begriff manchmal verwendete und manchmal nicht. "IBM benahm sich, was den Gebrauch des Begriffs Mainframe angeht, etwas schizophren. Es gab Zeiten, zu denen wir uns davon abwendeten, da er für viele der Dinge zu stehen schien, die wir hinter uns lassen wollten. Aber heute benutzen wir den Begriff wieder sehr gern."

Gash von Unisys gibt zu, dass der Begriff verwirrend ist und möglicherweise bald nicht mehr verwendet wird. "Die Definition ist nicht mehr klar umrissen, aber ich würde sagen, dass heutzutage ein System, das hauptsächlich auf einem eigenen Betriebssystem mit weiteren, neuen Funktionen basiert, als Mainframe bezeichnet wird. Auf unseren Mainframe-Systemen können wir auch das nächste Windows oder Linux laufen lassen. Wenn wir es auch nicht spezifisch ausdrücken können, so wissen wir doch intuitiv, was wir meinen, denn es gibt ja nur noch sehr wenige echte Mainframes."

Abgesehen von semantischen Streitfragen ist ganz klar, dass Mainframes - unter welchem Namen auch immer - auch in Zukunft eine wichtige Plattform für Branchen wie Telekommunikations-, Regierungs- und Finanzdienstleister darstellen werden. Während IBM und bis zu einem gewissen Grad auch Unisys ihre Mainframes nicht zuletzt aufgrund der Beliebtheit von Linux wieder am Markt positionieren konnten, könnte Analysten zufolge ironischerweise Sun einer ungewissen Zukunft entgegengehen. Die Verbindung von Linux und billigen Intel-Geräten hat den Server-Umsätzen von Sun stark zugesetzt. Den kürzlich neu veröffentlichten Ergebnissen für das vierte Quartal zufolge hat sich hier ein Gewinn von 12 Millionen Dollar in einen Verlust von 1,04 Milliarden Dollar verwandelt – es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Sun in nächster Zeit Presseerklärungen herausgibt, in denen seine Mitbewerber mit Worten wie Dinosaurier und Aussterben in Verbindung gebracht werden.