Sun: Neustart oder Endspurt in den Untergang?

(http://www.zdnet.de/magazin/39118230/sun-neustart-oder-endspurt-in-den-untergang.htm)

von Dietmar Müller, 15. Dezember 2003

Scott McNealy setzt neuerlich auf den Network Computer, um seinem Unternehmen zu steigenden Umsätzen zu verhelfen. Auf der Sun Network-Konferenz in Berlin präsentierte er zudem weitere Neuheiten wie das N1 Service Provisioning System zur automatisierten Software-Verwaltung.

Sun Microsystems hat zum Angriff geblasen. Das seit zehn Quartalen schrumpfende Unternehmen kann auch gar nicht anderes: Es muss mit neuen Produkten punkten, um noch einmal den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Anfang des Monats lud daher Unternehmenschef Scott McNealy nach Berlin ins ICC, um auf der Sun Network-Konferenz seine neusten Schritte auf dem Weg zur Gesundung vorzustellen. Nach Angaben des Unternehmens tummelten sich auf dem Messegelände im Westen der Hauptstadt rund 6000 europäische IT-Profis und 200 Partner – es war angeblich die größte Veranstaltung dieser Art und die erste Sun Network-Konferenz in Europa.

Zu den in Berlin neu vorgestellten Produkten zählt allen voran das N1 Service Provisioning System (SPS). Es handelt sich um eine Lösung zur automatisierten Software-Verwaltung in Rechenzentren. Das N1 SPS ermögliche die zentralisierte Software-Installation, -Aktualisierung und -Wartung. Auch werde die Bereitstellung von neuen Web Services innerhalb "kürzester Zeit" möglich. Dabei überwache das System beispielsweise auch den Stand von Patches entsprechender Middleware-Komponenten. Software Updates könnten ohne vorherige manuelle Prüfung der Systemvoraussetzungen durchgeführt und ältere Systemzustände bei Bedarf mittels Rollback-Funktionalität wiederhergestellt werden. Sun führte die üblichen Vorteile an, als da wären Kostensenkungen und eine erhöhte Verfügbarkeit der Applikationen.

N1 SPS unterstützt die Betriebssystemumgebungen Solaris, Windows 2000 sowie AIX. Sun implementiere aktuell bei mehr als 100 Kunden Systeme auf Basis von N1 Produkten. Als Referenzkunden nannte Scott McNealy unter anderem Daimler Chrysler und die Deutsche Bahn.

Darüber hinaus wurden 19 weitere Produkte präsentiert. Sun kündigte beispielsweise folgende Features im Einzelnen an:

Als vielleicht größte Überraschung erwies sich jedoch ein hartnäckiges Gerücht: Auf der Konferenz war nämlich zu vernehmen, dass sich Sun in Gesprächen mit Wal-Mart befindet, um in den Filialen der Discount-Kette Java Desktop System-PCs anzubieten. Die Linux- und x86-basierte Desktop-Lösung war im September erstmals vorgestellt worden.

Das Java Desktop System richtet sich in erster Linie an Unternehmenskunden. Mit einem Preis von 100 Dollar pro Arbeitsplatz und Jahr liege Suns Desktop-Alternative rund 75 Prozent unter dem Kostenniveau eines vergleichbaren Windows-Systems. Der auf der Suse-Distribution basierende Desktop enthält Applikationen wie Star Office 7.0, Java Technologie, die Desktop-Oberfläche GNOME, Mozilla Browser, Evolution von Ximian für Messaging und Calendaring sowie die Instant Messaging-Anwendung GAIN. Das System unterstütze sowohl etablierte Backoffice Systeme als auch das Java Enterprise System. Darüber hinaus sei der Support bestehender Datei- und Druckdienste gewährleistet. Als Erweiterung des Sun Java Enterprise Systems erhalten Unternehmen die Desktop-Lösung zu einem Preis von 50 Dollar pro Mitarbeiter und Jahr.

"Im vergangenen Jahr haben wir intensiv mit Partnern wie AMD und Oracle zusammengearbeitet, um den Mehrwert von Solaris und des Java Enterprise Systems an unsere Kunden weiter zu geben", berichtete McNealy. "Wir haben fast hundert neue Features rund um den Network Computer ausgeliefert. Das beginnt bei Low-Cost-Systemen, die auf x86 oder Ultrasparc basieren und unter Solaris oder Linux laufen und reicht bis zu einer kompletten Blade-Plattform mit N1 sowie unserem radikal neuen Java System für Unternehmen und Desktops. Zudem haben wir diese einzelnen Hard- und Software-Komponenten kombiniert, um 30 neue Referenzarchitekturen und Infrastrukturlösungen zu entwickeln. So geben wir unseren Kunden genau das, was sie wollen und brauchen – den Network Computer."

Allerdings zweifelten nicht wenige, ob das neu aufgelegte Konzept des Network Computers Anfang des 21. Jahrhunderts aufgehen kann. Schließlich war es Ende des vorangegangenen Jahrhunderts mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Dennoch war er in Form des Java Desktops als "Traum jedes CEOs" gefeiert worden. Jeder Mitarbeiter sei per Java Card überall und jederzeit einsatzbereit.

McNealy verschließt damit offenkundig die Augen vor der Pleite der von Kumpel und Oracle-CEO Larry Ellison gegründete Firma New Internet Computer Mitte dieses Jahres. Das Unternehmen hatte sich zum Ziel gesetzt, preiswerte Geräte für den Internet-Zugang zu verkaufen. Mit der Schließung war Ellisons zweiter Versuch gescheitert, mit Netz-PCs Geld zu machen. Zuvor war bereits das Unternehmen "Network Computer" am Ziel vorbei geschossen und verdient nun sein Geld mit TV-Software unter dem Namen "Liberate Technologies".

Die Widerstände gegen den Network Computer lassen sich an der eingeschränkten Freiheit des Users sowie fragwürdigen Kostenvorteilen fest machen: NCs sind im Prinzip PCs ohne Festplatte, die den Nutzer nur auf das zugreifen lassen, was vom Betreiber eines großdimensionierten Servers oder Mainframes an den NC geschickt wird. Die den NC propagierenden Unternehmen wie Oracle, IBM, Sun und anfangs auch Apple hatten damals versprochen, die NC-Clients deutlich billiger als herkömmliche PCs anzubieten. In der Zwischenzeit sind jedoch die Preise für voll ausgestattete PCs drastisch gefallen. Der Kostenvorteil für Unternehmen ist dadurch kaum mehr gegeben. Dass McNealy dennoch neuerlich die Werbetrommel für den Netzrechner rührte, ließ manchen Beobachter staunen. Vielleicht aber weiß der CEO mehr als alle Auguren zusammen…

Die Umsätze gehen bei Sun bergab - das ist wie gesagt seit mehreren Quartalen unstrittig. Wie laufend berichtet setzt das Unternehmen daher seit Mitte dieses Jahres vorrangig auf Linux sowie eine Software-Initiative. Das darin enthaltene und im Herbst erstmals vorgestellte Java Enterprise System zeige bereits jetzt Wirkung: Mehr als 150 Kunden und Partner nutzen heute schon das JES und wollen Lösungen dazu entwickeln und vertreiben, so McNealy. Als Beta-Kunden nannte er den Internationalen Flughafen Athen und Advocate Health Care. Karonis Fotis, Information Technology und Telecommunications Director Internationaler Flughafen Athen, berichtete dazu: "Die Anforderungen des Internationalen Flughafens Athen an das Sun Java Enterprise System waren vor allem die Anpassung an bestehende Anwendungen und die Bereitstellung von Single Sign-on durch den Flughafen Portalserver." Als Referenzkunde konnte er erwartungsgemäß nur gutes berichten. Offiziell wird das Java Enterprise System seit der Konferenz von Sun und seinen Partnern ausgeliefert.

Unter der ursprünglichen Code-Bezeichung Orion hatte Sun die Java-Middleware zu einem Paket geschnürt, die seit Berlin als "Java Enterprise System" vermarktet wird. Die Suite ist so vollständig, dass andere Komponenten nur noch gebraucht werden, wenn eine Anwendung fest auf die Middleware-Komponente eines Sun-Wettbewerbers abonniert ist. Zum anderen versprechen Release-Zeitpunkte (einmal im Quartal) für das Gesamtpaket eine deutliche Vereinfachung bei der Versionsverwaltung. Damit minimiere sich der Integrationsaufwand, zumal die Komponenten nicht nur untereinander integriert sind, sondern darüber hinaus mit allen marktgängigen Produkten zusammenarbeiten. Das gilt auch für Konkurrenz-Architekturen wie .Net von Microsofts.

Aufsehen erregte bereits bei der Ankündigung im November das Preismodell: Die gesamte Suite kostet für Unternehmen je Mitarbeiter (nicht notwendig User) 100 Dollar im Jahr inklusive Schulung und Service. Bei besonders personalintensiven Firmen kann das zu hohen Summen führen, die Sun auf zwei Weisen mildert. Hinter Bepreisung und Paketierung steckt ein grundlegendes Konzept: Middleware soll ein integriertes Produkt von der Stange werden wie Betriebssysteme oder Office-Pakete. "Niemand", so Sun-Chef Scott McNealy im Herbst, würde ein Auto in Einzelteilen von verschiedenen Anbietern kaufen und es dann mühsam zusammenbauen." Diese Aussage wiederholte er in Berlin. Genau so sehe aber derzeit die Wirklichkeit in den DV-Abteilungen aus. Sein Plan sei es daher komplette Lösungen, in diesem Falle für die Middleware, als Gesamtpaket zu einem Einheitspreis zu verkaufen.

Für ISVs und für OEMs bietet Sun seit Berlin ein zusätzliches Preismodell an: Mit 1000 Dollar pro Prozessor hat Sun für ISVs ein günstigeres Preissystem als andere namhafte Wettbewerber. Zudem will Sun das Java Enterprise System jetzt an kleine Firmen mit weniger als 100 Mitarbeitern kostenlos abgeben. Diese Firmen müssten allerdings selbstredend Support und Instandhaltungsverträge zusätzlich erwerben.

Außerdem plant Sun zusammen mit den Iforce Partnern Attachmate, Insevo und iWay die Bereitstellung von Software-Konnektoren, die auf der aktuellen Java 2 Plattform Enterprise Edition (J2EE) Connector Architecture basieren. Die Konnektoren ermöglichten die Entwicklung von Anwendungen in heterogenen IT-Umgebungen und eine schnelle Verbindung ihrer Java-Applikationen zu verschiedenen Backend Enterprise Informationssystemen wie SAP und Peoplesoft, zu Legacy Mainframe-Anwendungen wie CIS oder zu industriespezifischen Technologien wie HIPAA oder HL7. Alle Konnektoren würden auf der Sun Java System Application Server Plattform unterstützt.