Trotz Probleme: Anwender wollen RFID in der Lieferkette

(http://www.zdnet.de/magazin/2137193/trotz-probleme-anwender-wollen-rfid-in-der-lieferkette.htm)

von Ulrike Ostler, 8. Juli 2003

Radio Frequency Identification (RFID) wird in nur wenigen Jahren den Barcode ersetzen. Daran gibt es keinen Zweifel. Der Hype ist enorm, denn die Technik verspricht nicht nur riesige Chancen, sondern auch Kostenersparnis.

So ist die Nachfrage anders als bei so mancher IT-Technik stark anwendergetrieben. Das erzeugt Druck, Hindernisse technischer, betriebswirtschaftlicher und organisatorischer Art zu beseitigen.

Die Aussagen der großen IT-Analystenhäuser gleichen sich. In diesem Jahr könnte der RFID-Siegeszug beginnen. In den folgenden ein bis zwei Jahren werden vor allem Hersteller von vergleichsweise teuren Produkten wie Kosmetik, Arzneimittel und Zigaretten die Technik nutzen. Forrester Research sagt voraus, dass in zwei Jahren bereits fünf Milliarden Consumer Packaged Goods RFID-Tags tragen werden. Doch erst 2008 erobern die winzigen Sender den Supermarkt.

Der Nutzen beruht zum einen auf der Möglichkeit Einzelgegenstände mittels Transpondern eindeutig kennzeichnen zu können. Zum anderen liegt der Vorteil in der schnellen und berührungslosen Identifikation auf Item-Level, aber auch auf aggregierten Ebenen wie Kartons, Paletten und Containern. Die Reader können ganze Paletten, Stapel von 100 Briefen und den Weg eines Containers auf einmal lesen.

Da zudem jedes Produkt zu jeder Zeit genau lokalisierbar ist und eine Fülle an aktuellen und historischen Daten liefern kann, sehen Experten jeglicher Couleur das wahre Potenzial von RFID in der Logistik, beziehungsweise in der Supply Chain. Zu diesem Schluss kommt etwa Nikolas Kelaiditis, der für seine Arbeit zum Thema vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) vor kurzem den Hochschulförderpreis 2003 erhalten hat.

Bodo Ischebeck, Ident-Spezialist bei Infineon, sagt warum. So lasse sich beim Warenein- und Ausgang eines Lagers rund 8 bis 10 Prozent an Zeit sparen, wenn etwa alle Waren auf einer Palette auf einmal erfasst werden könnten. Ein zeitverschlingendes Herunternehmen und Scannen von Barcodes entfalle. Zugleich lässt sich das Einlagern etwa bei chaotischer Lagerhaltung, bei der die Ware einfach dahin geschafft wird, wo Platz ist, wesentlich vereinfachen. Ist die Ware selbst mit Smart Tags versehen, kann sie ihren Lagerplatz mit einem mobilen Reader schon bei langsamen Vorbeifahren oder -gehen bekannt geben. Umgekehrt kann das Lager selbst aber auch mit RFIDs ausgestattet sein, erläutert Georg Brauckmann-Berger, bei IBM zuständig für Business Development RFID-Solutions. Ein mobiler Reader an einem Gabelstapler befestigt, etwas könnte so einem Datenhaltungssystem die Koordinaten mitteilen, die bestimmen, wo das Gut gelagert wird.Das Beratungshaus Accenture berechnet, dass sich durch den Einsatz von RFID-Technik die Fälle, in denen Ware zum Zeitpunkt des Abrufs fehlen, um ein bis zwei Prozent senken lassen. Wie Henning Kagermann, Vorstandschef der SAP AG, weiß, hat etwa der Rasierklingenproduzent Gilette im Schnitt einen 10-prozentigen Fehlbestand seiner Hauptprodukte in den Lagern. Außerdem lasse sich laut Accenture der Mindestlagerbestand um 10 bis 30 Prozent senken. Schließlich sei der Schwund um 10 Prozent reduzierbar.

Die Zahlen sind bestrickend. Doch für die Frage, welche Lösung jedoch die jeweils bessere ist, gibt es keine Standardantworten und nur sehr wenig Erfahrung im Markt. Das ist ein Risiko für die Anwender. Pete Abell, Senior Analyst bei dem Marktforschungs- und Beratungshaus Aberdeen Group, sieht darin für die IT-Beratungshäuser eine riesige Chance, Geld zu verdienen.

Chipfabrikant Infineon aber zeigt sich unzufrieden mit den Leistungen der Integratoren. Der Hersteller von RFID-Tags hat deshalb mittlerweile nicht nur eine Standardanwendung entwickelt - RFID in Leihbibliotheken -, sondern sieht sich auch in der Integratorenrolle. Laut Ident-Experte Ischebeck denkt sein Unternehmen sogar über ein Kompetenzzentrum nach, in das allerdings auch Partner wie Label- Readerhersteller sowie Beratungshäuser eingebunden werden sollen. Eines der Hauptprobleme sei bislang noch, dass es zum einen noch immer nur Pilotprojekte gebe und daher keine Erfahrung auf breiter Basis. Zum anderen seien die Projektpartner im Vergleich zu Infineon oder auch anderen Chipherstellern wie Philips und Texas Instruments zu klein. Oft fände sich das Know-how gerade nicht bei IBM, Accenture und anderen Großen, sondern bei den kleinen, sehr spezialisierten Unternehmen, mit denen aber der große Wurf nicht zu machen ist.

Fehlende Standards bringen noch mehr Unsicherheit ins Spiel. So sind in den USA weitaus höhere Frequenzbereiche zugelassen als der europäische Konsens es zulässt. Hier ist die European Conference of Postal and Telecommunications (CEPT) zuständig, in den USA die Ferdaral Communications Commission (FCC). Reader, die mehrere Feldstärken interpretieren könnten, fehlen.Viel versprechend ist für den IDC-Analysten James Weir der Ansatz des Auto-ID-Centers[1]. Ziel des Zentrums, an dem rund 100 global agierende Unternehmen sowie das Massachusetts Institute of Technology, die englische Universität Cambridge, die australische Universität Adelaide, die japanische Hochschule Keio und die Universität St. Gallen beteiligt sind, ist es, "die Welt zu verändern", indem es weltweite RFID-Standards entwickelt.

Zentrales Element hierbei ist etwa der Electronic Product Code (EPC), eine Nummer, die aus einem Header und drei Datengruppen besteht. Der Code hat eine Länge von 96 Bit und verfügt somit über die Kapazität, bis auf weiteres 268 Millionen Unternehmen mit eindeutigen Identifikatoren zu versorgen. Dabei stehen jedem Unternehmen 16 Millionen Objektklassen zur Verfügung. In jeder Objektklasse lassen sich bis zu 68 Milliarden eindeutige Seriennummern vergeben.

Ein solcher Code lässt sich auf jedem noch so kleinen passiven Tag unterbringen. Darüber hinausgehende Informationen, etwa zur Historie des Produkts oder der Verpackung sollen nach der Idee des Zentrums in zentralen Datenspeichern verwaltet werden. Diese bilden einen Art Vorsystem. Denn die verarbeitenden ERP- Logistik oder Warenwirtschaftssysteme benötigen wahrscheinlich nur einen Bruchteil der anfallenden Daten. Für die Bestückung hat das Auto-ID-Center eine neue Sprache entwickelt, die Physical Markup Language (PML), mit deren Hilfe sich die Produkte, Prozesse und Zustände beschreiben lassen, die mittel RFID ermittelt werden. Für die Pflege sollen die Produkthersteller verantwortlich sein.

Auf diese Weise ließe sich zum Beispiel sicherstellen, dass eine Kühlkette ununterbrochen funktioniert. So könnte ein Smart-Tag, wie ihn die Firma Agri Food herstellt, beständig die Temperatur messen und an den PML-Server übermitteln. Die Kaufhauskette Tesco in Großbritannien etwa experimentiert schon seit zwei Jahren mit RFID im Bereich Frischwaren und Tiefkühlkost. Aber auch die Verlagerungen von Gütern von einem Lager ins andere, die Übergänge von Lastwagen in Container ließen sich auf diese Weise besser kontrollieren. So könnte ein Container mitteilen, wenn er unberechtigt geöffnet wird oder wenn er leer ist.

Kraft Food zum Beispiel, der größte Lebensmittelproduzent in den Vereinigten Staaten, plant, in North Lawrence, New York, wo Jogurt produziert wird, die 1000- und 800-Liter-Edelstahlbehälter mit RFID-Technik zu benutzen. Die Container selbst gehören Trend Star, der diese an Kraft und andere Hersteller verleiht. Kraft will nur noch die Nutzung von Behältern bezahlen. Trend Star beabsichtigt, mit Hilfe des RFID-Trackings die Auslastung seiner Bottiche zu steigern.

Das Beispiel zeigt bereits, dass das Nutzenpotenzial um so höher ist, je kompletter RFID in einer gesamten Logistikkette verwendet wird. Es dokumentiert aber auch, dass unterschiedliche Interessen verfolgt werden. Die Aufmerksamkeit der Logistiker reicht bis zur Ebene der aggregierten Verpackungen: Paletten, Container und Gebinde. Händler und Hersteller aber kümmern sich um einzelne Produkte, zum Beispiel für den Markenschutz oder Beanstandungen nachvollziehbar und Diebstahl unmöglich zu machen.RFID wirft somit Fragen auf, die sich bis jetzt kaum beantworten lassen: Wer übernimmt die Verantwortung für die Daten? Wo werden welche Daten erhoben? Wer zahlt welchen Teil des RFID-Systems? Laut IDC-Analyst James Weir bringt RFID deshalb vor allem den Unternehmen den größten Nutzen, die entweder eine große Marktmacht besitzen wie Auto-ID-Mitglied Walmart und/oder einen großen Teil der Supply Chain kontrollieren.

Infineon hat sogar eine Systematik entwickelt, wie sich in zeitlichen Schüben die Technik durchsetzen wird. Den größten Nutzen zeigt RFID derzeit bei der Verwaltung von Assets. Das kann das Entleihen von Werkzeugen sein, für das sich zum Beispiel Werzkzeughersteller Würth interessiert oder das Aufspühren von Akten in einer Münchner Anwaltskanzlei. Als nächstes sind Abläufe innerhalb eines Konzerns interessant. Infineon verweist auf Erfahrungen im eigenen Hause und bei Tesco, deren Warensortiment hauptsächlich aus Eigenmarken besteht.

Ein dritter Entwicklungsschritt bringt den Einsatz von Smart Labels bei Logistik-Unternehmen, die Transportbehältnisse bereitstellen und an verschiedene Kunden verleihen. Allerdings siedelt Infineon hier aber auch die automatische Überwachung von Kühlketten an. Brauckmann-Berger von der IBM vermutet sogar, dass es in diesem Bereich bald gesetzliche Vorschriften geben wird, um den Verbraucherschutz zu erhöhen.

Die vorläufig letzte Stufe sieht Infineon erreicht, wenn die RFID-Technik über den B2B-Warenverkehr hinausgeht und den Endverbraucher erreicht. Hier lassen sich Szenarien entwerfen, in denen der Tiefkühlbrokkoli der Mikrowelle die Garzeit vorschlägt und der Hausfrau, dem Hausmann Serviervorschläge unterbreitet.

Einen Teil der Hindernisse will Infineon mit Chip-Sharing lösen. Das Unternehmen bietet einen Halbleiter an, der sich in geschützte Bereiche teilen lässt. Das ermöglicht, dass ein an der Supply Chain beteiligtes Unternehmen auf dem Chip gespeicherte Informationen von den anderen verbergen kann. Allgemein nützliche Informationen lassen sich aber für jeden Teilnehmer der Lieferkette lesbar gestalten. Damit aber nimmt der Chip wesentlich mehr Informationen auf als einen Produktcode, wie zurzeit vom Auto-ID-Center vorgesehen ist.

IBM-Mann Brauckmann-Berger weiß zumindest von Tests bei einem Reifenhersteller, bei dem das Produkt selbst seine Geschichte erzählen kann. Nach der Produktion warten die Reifen zwischengelagert auf die Weiterverabreitung. Das Kennzeichen enthält etwa die Information: "Ich bin ein Winterreifen, bin ein Produkt vom Tag X mit diesem Mischungsverhältnis und zum Verkauf an YZ bestimmt."Dass neben den aktuellen Informationen auch historische Daten anfallen deutet auf einen riesigen zusätzlichen Berg an Daten. Doch ob dieser überhaupt entsteht, scheint strittig. Der IDC-Analyst Weir jedenfalls sieht einen exponentiellen Anstieg voraus und damit ein zusätzliches Problem: "Bis jetzt ist noch völlig ungeklärt, wie sich dieser Datenwust bewältigen lässt." Auch entsprechende Backend-Logik scheint es bisher bestenfalls rudimentär zu geben.

Doch laut SAP-Chef Kagermann hapert die Einführung der RFID-Technik, "die richtig gut ist", nicht an der Software, sondern an der Hardware.

IBM-Mann Brauckmann-Berger umschreibt die Schwierigkeiten wie folgt: "Die Zuverlässigkeit und die Genauigkeit des Datenaustausches ist eine Herausforderung.". Zu den Herausforderungen gehört Ware aus Metall und mit hohem Flüssigkeitsanteil.

Grundsätzlich eignet sich für Metalle eher der Hochfrequenzbereich, also der Einsatz von UHF-Transpondern. "Doch so einfach lässt sich die Physik nicht außer Kraft setzen", sagt der IBMer. Offenbar geringer stuft er den Schwierigkeitsgrad im Umgang mit hohen Flüssigkeitskonzentrationen ein. Hier taugen eher die niederfrequenten Transponder. Hinzu kommen die natürlichen Grenzen der Übertragung von Radiofrequenzen. Luftfeuchtigkeit kann den Schreib-Lese-Vorgang beeinflussen aber auch zum Beispiel eine Anreicherung der Luft mit Metallstaub.

Auch Entfernungen gehören zu den generellen Problemen. So soll etwa messbar sein, wie viel Stück ein LKW, der das Werksgelände verlässt, tatsächlich geladen hat. Im Tor könnte ein Reader eingebaut sein. Laut Brauckmann-Berger gibt es "interessante Tests", in denen das Gate per Walzen auf den Lastwagen zufährt. So schließt der IBM-Spezialist zuversichtlich: "Schon oft hat sich erwiesen, dass die Erfassung ganzer Gebinde 100-prozentig zuverlässig ist."

Sollten sich sämtliche technischen Hindernisse tatsächlich ausräumen lassen, bleiben eventuelle Vorbehalte der Nutzer. Negative Erfahrungen hat offenbar der Kleiderfabrikant Benetton gemacht. Der italienische Hersteller hatte beabsichtigt, zunächst die 15 Millionen Kleidungsstücke der Marke Sisley mit Smart Tags auszustatten. Auf den ein Quadratmillimeter großen Chips sollten Informationen wie Konfektionsgröße, Farbe und Herstellerdatum gespeichert sein. Die Ankündigung sorgte für mehr Furore als Benetton leib war. Die Kundschaft äußerte Vorbehalte, fühlte sich schon im Vorfeld kontrolliert und ausspioniert. Nun liegt das Projekt auf Eis - zumindest für ein Jahr.

Während Aberdeen-Analyst Pete Abell die Argumentation für plausibel und deshalb für ernstzunehmend hält, kann IBM-Spezialist Brauckmann-Berger solcherlei Vorbehalte kaum nachvollziehen. Immerhin, so seine Sichtweise, lassen sich alle RFID-Informationen zum Beispiel bei der Übergabe zum Kunden auf einen Schlag löschen.

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[1] = http://www.autoidcenter.org