So kauft man auf Facebook Werbung für Antisemiten

Facebooks Kategorien für Online-Werbung in dem sozialen Netzwerk werden zum Teil automatisch erstellt. Damit lassen sich auch Extremisten gezielt ansprechen, wie nun nachgewiesen wurde. Antisemiten waren bis vor kurzem eine zulässige Zielgruppe.

Die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Investigativ-Plattform Propublica hat in den USA ein interessantes Experiment durchgeführt: Lässt sich auf Facebook Werbung schalten, die speziell rassistischen und für antisemitische Hetze anfälligen Usern gezeigt wird? Die Antwort lautete bis vor kurzem: Ja.

Das zu Grunde liegende Problem ist, dass die Kategorien für Werbung zum Teil automatisch aus den Interessen der Nutzer erzeugt werden. So fand Propublica bei der Suche nach dem Stichwort „Judenhasser“ über 2.200 Nutzer, die das angegeben hatten. Besonders zynisch: Das waren nicht genug Menschen, um für sie gezielt eine Anzeige zu schalten. Also wurden weitere Kategorien hinzugenommen, die übersetzt wie folgt heißen: „Wie verbrennt man Juden“ und „Geschichte, warum Juden die Welt ruinieren“. Als die Journalisten nur „Hitler“ in das Anzeigentool tippten, wurde ihnen „Hitler hat nichts falsch gemacht“ vorgeschlagen. Immerhin: Für solche menschenverachtenden Aussagen gab es unter den Nutzern nur Treffer im ein- und zweistelligen Bereich.

Facebook denkt über einen "Gefällt mir nicht"-Knopf nach (Bild: Facebook).Das reichte immer noch nicht für gezielte Werbung, also nahm man noch „NPD“, „German Schutzstaffel“ und „Nazi Party“ hinzu. Letztere Begriffe sind die in den USA gängigen Bezeichnungen für die SS und die NSDAP, gesucht waren also Menschen mit einem klaren Interesse am Nationalsozialismus, was zusammen mit den anderen Kategorien kaum rein wissenschaftlich sein dürfte. Das ergab dann rund 3.200 und 2.500 Treffer, genug, um die Anzeige zu schalten. Die kostete nur 30 US-Dollar, die Laufzeit geht aus dem Bericht nicht hervor.

Das Werbemittel selbst bestand aus einem Link mit Bild zu einem Artikel auf Propublica, der mit den mehr als fragwürdigen „Interessen“ der Nazinutzer nichts zu tun hatte, aber den deutschen Wahlkampf thematisierte. Es ging um die öffentliche Kontrolle von Wahlwerbung. Trotz dieser Diskrepanz hatten laut Facebooks Auswertungstools für Werber nach einigen Tagen knapp 6.000 Anwender die Anzeige gesehen, nur 101 klickten sie aber an, und 13 teilten sie, hinterließen einen Kommentar, oder gaben ein Like ab.

Propublica konfrontierte Facebook mit den Ergebnissen, kurz darauf waren die ausgewählten Kategorien verschwunden. Ein Sprecher des Unternehmens sagte, diese Rubriken seien „weder üblich noch weitverbreitet“ und auch kaum genutzt worden. Zudem sollen solche automatisch erzeugten Zielgruppenstichtworte in Zukunft besser kontrolliert werden – hoffentlich von Menschen, nicht nur Algorithmen.

Das Experiment zeigt aber, wie einfach sich solche automatisierte Kategorisierungen von Menschen für extremistische Zwecke missbrauchen lassen. Es wäre wohl recht einfach gewesen, Nazi-Andenken oder Hetzschriften über die Anzeigen zu vertreiben. Facebook ist sich des Problems offenbar schon länger bewusst, denn parallel suchten die Propublica-Autoren auch nach „Moslemhasser“ – diese Kategorie gab es nicht. Islamistischer Extremismus scheint von Facebook zumindest etwas eingedämmt zu werden, was Werbung betrifft, rassistischer und nationalsozialistischer bisher nicht.

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Themenseiten: Facebook, Marketing, Politik

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