Flache Designs machen Benutzeroberflächen schwerer bedienbar

Viele Anwender dachten sich das schon langer: Je schicker es aussieht, umso schwerer lässt es sich nutzen. Gemeint sind nicht Macbooks, sondern allgemein Benutzeroberflächen. Am Beispiel von Webseiten hat Nielsen diese Vermutung nun mit Fakten belegt.

Wissenschaftler der Norman Nielsen Group haben in einem Experiment per Eyetracking nachgewiesen: Wenn Webseiten auf das derzeit angesagte „flache“ Design von Bedienelementen umgestellt werden, lassen sie sich schwerer nutzen. Im Schnitt brauchten die vermessenen Anwender 22 Prozent mehr Zeit, um die selbe Aufgabe zu erfüllen.

Dafür hatten die Experten für Anwendungsfreundlichkeit von neun real existierenden US-Webseiten jeweils zwei Versionen erstellt: Einmal eine mit großen, teils mit 3D-Effekten versehenen Schaltflächen und klar erkennbaren Links, einmal eine im flachen Design. Hier kamen gedecktere Farben, weniger Transparenz und kaum auffällige Links zum Einsatz. Sowohl E-Commerce-Angebote wie auch Nachrichtenseiten zu verschiedenen Themen wurden dafür ausgewählt, also typische Webangebote.

Flaches Design: Heatmap (Bild: Nielsen Norman Group)Die Heatmap zeigt, was sich Webseiten-Nutzer angesehen haben. Auf der Webseite links mit 3D-Elementen richtet sich die Aufmerksamkeit auf die relevanten Schaltflächen, während bei einem flachen Design die Besucher auch andere Bereiche anvisieren (Bild: Nielsen Norman Group).

Die Nutzer mussten stets dasselbe tun, zum Beispiel in einem Online-Buchladen die Neuerscheinungen finden. Welche Elemente der Webseiten sie sich ansahen, zeichneten die Wissenschaftler über eine Eyetracking-Anordnung auf. Sobald die Anwender das Ziel gefunden hatten, mussten sie das sagen. Es ging also nicht um die konkrete Bedienung, die dann mit einem Klick enden würde, sondern um die Auffindbarkeit von Informationen.

Im Kern brauchten die Anwender bei den flachen Seiten länger, um die „Signifier“ zu entdecken, was sich nur frei als „Bezeichner“ übersetzen lässt. Solche Elemente können klickbare Grafiken, aber auch Eingabefelder oder einfache Links sein, die zum gewünschten Ziel führen. Waren die Signifier unauffällig gestaltet, suchten die Nutzer länger danach und bissen sich an anderen Elementen länger fest – auch wenn diese für die Aufgabe völlig irrelevant waren. Manche suchten beispielsweise auf den Standard-Links am Ende der Seiten, die zum Impressum oder Firmeninformationen führen, nach klickbaren Produktinfos.

Die Ergebnisse hat Norman Nielsen unter anderem mit Heatmaps visualisiert. Solche Grafiken zeigen, wie lange ein Mensch auf welchen Teil der Webseite blickt. Je roter ein Bereich ist, umso mehr Zeit hat der Anwender dort verbracht. Auffällig ist, dass bei den flachen Webseiten zwar die gewünschten Informationen auch am meisten angesehen wurden, andere Elemente aber länger als bei den herkömmlichen Designs. Die Nutzer verbringen also viel mehr Zeit mit dem Suchen und dem Ansehen von für sie in diesem Moment nicht relevanten Informationen – das kann aus Sicht des Webdesigners ja durchaus auch gewollt sein.

Die modische Gestaltung muss aber nicht immer nur von Nachteil sein, das zeigt die Studie ebenfalls. Eine komplett flach gestaltete Seite kann ebenso leicht navigierbar sein wie eine herkömmliche, wenn sie gut gemacht ist. Fatal ist es aber, beide Ansätze zu vermischen, dann bleiben die Nutzer nur an den klassischen Elementen hängen.

So genannte flache Designs sind spätestens seit MacOS 10.10 (Yosemite) ein Trend bei Benutzeroberflächen. Schon damals, 2014, war der Wechsel bei Nutzern sehr umstritten. Windows 10 und Android 6 folgten diesem Ansatz, bei dem die früher allgegenwärtigen 3D-Buttons und hohe Farbkontraste abgeschafft wurden. Wurden zur Darstellung aus dem Alltag bekannte Elemente übernommen, wie einen Lederumschlag bei einer Notizbuch-App, spricht man von Skeuomorphismus.

Startbildschirm von iOS 6 mit 3D-Design und iOS 9 mit flachem Design im Vergleich (Screenshot: ZDNet.de).Startbildschirm von iOS 6 mit 3D-Look und iOS 9 mit flachem Design im Vergleich (Screenshot: ZDNet.de).

Apple hatte solche Gestaltungen bis iOS 7 erprobt. Die 3D-Designs waren Anfang  der 2000er Jahre, unter anderem mit Windows XP, populär geworden. Vorher waren CPU- und GPU-Leistung zu gering, um die Überblendeffekte der Designs darzustellen – auf schwächeren Rechnern waren sie von Anfang an abschaltbar.

Das gilt auch für das Fluent Design, welches das Creators Update für Windows 10 am 17. Oktober 2017 mitbringen wird. Es ist die erste große Änderung der Gestaltung, seit das aktuelle Windows vor über zwei Jahren veröffentlicht wurde. Microsoft setzt mit dem früher als Project Neon bekannten Konzept wieder auf stärkere Farben und mehr Transparenzeffekte. Ob daraus der nächste Trend wird, wird sich wohl an der Akzeptanz der Nutzer entscheiden.

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Neueste Kommentare 

6 Kommentare zu Flache Designs machen Benutzeroberflächen schwerer bedienbar

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  • Am 6. September 2017 um 12:17 von Hi, hi...

    …ich hoffe wirklich, dass dieses unsägliche Flat-„Design“ baldmöglichst wieder verschwindet! Das ist an jedem Gerät zum ko….

  • Am 6. September 2017 um 12:54 von C

    Die Manager, Programmierer & UX-Designer sind (vom Marketing) fehlgeleitet.

    Ein „Nein“ bedeutet tatsächlich Nein – und nicht Ja.
    Auch muss der Ziel-/Informationsgehalt direkt und einfach erreichbar sein.
    Beim Workflow sollte auch eine Status-Leiste den Status-Quo anzeigen.

    Als zielorientierter User interessiert mich nicht der „Schmuck am Beiwerk“.
    Hier muss sich noch viel ändern. Ich befürchte aber, es verschlimmert sich noch weiter anstatt dass eine Kehrtwende eingeleitet wird.

  • Am 6. September 2017 um 20:08 von mac4ever

    Besonders auf Smartphones ist dieses Flat-Design ein Ärgernis. Klickflächen sind für Ältere wie mich oft so unauffällig und inkonsistent angeordnet, daß ich nur hoffe, dieser Mode bald entkommen zu können.

  • Am 6. September 2017 um 22:17 von N. Walter

    Solche Versuche sind wichtig. Man muss machen was wirklich gut für die Benutzer sind und nicht sinnfrei jedem Trend hinterher laufen.

  • Am 7. September 2017 um 0:02 von Mimi

    Endlich wird es offengelegt…
    Ich habe mich schon zu beginn geärgert, das relevante links oder die menüführung schlicht als solches schlecht erkennbar sind. Dachte, es liegt an der langen gewöhnung an das 3D-Design. Aber nein! Selbst programme, die ich seit langem benutze, werden immer schwieriger zu bedienen obwohl mir ganz klar ist, welche funktion ich aufrufen will. Irgendwann sieht man dann ein hellgraues wort; bisher signalisierten helle, abgesoftete Farben entweder zusatzinfo oder ein nicht aktives etwas. Und jetzt genau umgekehrt..
    Insgesamt ein Desaster…

  • Am 11. September 2017 um 14:13 von Tobias Z.

    Immer auch eine Frage des gesamten Layouts. Man kann sehr wohl mit „flachem“ Design sehr intuitiv bedienbare Seiten machen. Wenn man nicht zusätzlich mit zu vielen Konventionen bricht.
    Die dreidimensionale Ausprägung von Buttons und anderen Elementen ist halt über Jahrzehnte erlernt. Aus grafischer Sicht sind solche Bedienelemente nicht das Gelbe vom Ei.

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