Mehraufwand und Kontrollverlust schrecken potenzielle Cloud-Nutzer

SAP forciert den Marsch seiner Produkte in die Cloud. Doch vor allem deutsche Anwender gehen nur zögerlich mit. Gerade Lösungen mit individuellen Anpassungen sind im eigenen Haus besser aufgehoben. Für standardisierte Anwendungen, die nicht zum ERP-Kern gehören, kann die Bereitstellung aus der Wolke dagegen sinnvoll sein.

Cloud First lautet die grundlegende Strategie bei SAP. Alle Neuentwicklungen sollen zunächst als Services aus der Cloud bereit gestellt werden. Das Thema On-Premise ist damit zwar nicht erledigt, doch der Druck von Wettbewerbern wie Salesforce ist spürbar in Walldorf. SAP versucht den Vorsprung, den sich die Cloud-Pioniere mittlerweile erarbeitet haben, möglichst schnell aufzuholen. Dafür werden die Anwender verstärkt in Richtung Cloud gedrängt.

Cloud First lautet die grundlegende Strategie bei SAP - doch Anwender fürchten Mehraufwand und Kontrollverlust (Bild: Shutterstock)Doch die lassen sich nicht schubsen. „Fast alle der aktuellen SAP-Kunden in Deutschland betreiben ihre Systeme noch On-Premise“, berichtet Frank Niemann, Vice President für Software & SaaS Markets beim Marktforschungs- und Beratungshaus PAC. „Und die meisten von ihnen denken auch in Zukunft nicht daran, in die Cloud zu migrieren.“ Auch S/4 HANA würde nur wenige in die Wolke locken. Mit S/4 HANA präsentierte SAP unlängst das Nachfolgeprodukt für die Business Suite, das sowohl On-Premise als auch als Cloud-Lösung bereit gestellt wird.

Die Unternehmen, die SAP-Systeme im eigenen Haus nutzen, haben laut Niemann im Laufe der Jahre entsprechende Kompetenzen aufgebaut. Dies sei einer der Gründe, weshalb die Bereitschaft recht gering ist, den Betrieb der ERP-Lösung in die Cloud zu verlagern. „Vor allem für Dienste aus der Public Cloud ist die Begeisterung der Anwender nicht besonders ausgeprägt. Die Unternehmen haben bei ihren SAP-Anwendungen viele individuelle Anpassungen vorgenommen. Beim Gang in die Cloud müssen sie entweder auf diesen customized code verzichten oder ihre Prozesse radikal umgestalten. Das ist aber schwierig, vor allem, wenn es sich – wie im ERP-Umfeld üblich – um geschäftskritische Prozesse handelt.“

Angst vor Kontrollverlust

Während bei den Anwendungen in der Managed Cloud ein Customizing möglich ist, können Nutzer der Public Cloud ihre in Anspruch genommenen Services nur konfigurieren. Für die Unternehmen ist On-Premise daher laut der SAP-Anwendervereinigung DSAG nach wie vor das wichtigste Nutzungsmodell im ERP-Bereich.

Frank Niemann, Vice President für Software & SaaS Markets beim Marktforschungs- und Beratungshaus PACFrank Niemann, Vice President für Software & SaaS Markets beim Marktforschungs- und Beratungshaus PAC (Bild: PAC)

In der Vergangenheit haben viele Unternehmen durch die individuellen Anpassungen der SAP-Standard-Lösungen versucht, sich effizient aufzustellen und sich damit auch gegenüber Wettbewerbern abzugrenzen. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen auch Lösungen von Drittherstellern mit SAP verknüpft oder dafür sogar eigene Anwendungen entwickelt haben. „Diese Integrationen müssten sie bei einem Gang in Cloud erneut bewerkstelligen beziehungsweise nachbauen“, gibt Niemann zu bedenken.

Massimo Pezzini, Analyst beim Marktforschungshaus Gartner, sieht noch einen weiteren Grund, warum Firmen mit ihren SAP-Systemen lieber im eigenen Rechenzentrum bleiben. „Sie möchten die Kontrolle über ihre Applikationen behalten“, so Pezzini. Wenn ein Unternehmen eine Lösung On-Premise nutzt, könne es zum Beispiel selbst entscheiden, wann es ein Upgrade seiner Anwendungen durchführt oder wann es einen Patch einspielt. „Im SaaS-Umfeld trifft solche Entscheidungen der Provider“, sagt Pezzini.

Gründe für die Cloud

Es gibt allerdings auch Gründe, die für die Cloud sprechen. Ein sehr wichtiger ist die schnellere Inbetriebnahme gegenüber einem In-House-System. Die Einführung einer On-Premise-Lösung – gerade im SAP-Umfeld – ist oft langwieriger“, meint Niemann. Jedoch sei hier zu bedenken, dass die langen Projektlaufzeiten auch auf den Wunsch der Kunden nach Customizing zurückzuführen sind. Das Anwenderunternehmen muss Cloud-Applikation zudem nicht testen, keine Hardware installieren und auch nicht für Backup und Recovery sorgen.

Massimo Pezzini, Analyst beim Marktforschungshaus Gartner (Bild: Gartner)Massimo Pezzini, Analyst beim Marktforschungshaus Gartner (Bild: Gartner)

„All das macht der Cloud-Dienstleister“, sagt Pezzini. Daher sei eine Cloud-Anwendung für den Nutzer fast sofort verfügbar. Hinzu kommen die cloud-typischen Kostenvorteile. Investitionen in zusätzlich Hardware sind eben nicht nötig und die IT-Mannschaft des Anwenderunternehmens muss ihre wertvolle Arbeitszeit nicht für Patches, Uprades, Backups oder die Archivierung einsetzen.

Die Cloud bietet auch schnelleren Zugang zu Innovationen. Neue technische Entwicklungen sind in der Cloud häufig zuerst verfügbar, bevor sie auch On-Premise bereitgestellt werden – siehe Cloud-First-Strategie von SAP. Bestimmte Applikationen aus dem SAP-Haus wie SuccessFactors, Ariba, Concur oder FieldGlass stehen ohnehin nur als Services aus der Wolke zur Verfügung.

Auch für die übrigen SAP-Produkte gilt zunehmend: In den Genuss neuer Funktionen werden künftig wohl zuerst die Cloud-Kunden kommen – wenn die Features nicht sogar ausschließlich für diese angeboten werden. Beispiel ist das Personalmanagement. Laut Niemann planen die Walldorfer, die HR-Funktionen innerhalb von S/4 Hana künftig nur noch über die Cloud-Lösung Employee Central bereit zu stellen, die ein Teil von SuccessFactors ist.

Auf der anderen Seite ist aber gerade Personalmanagement-Software auch besonders geeignet dafür, sie aus der Cloud zu nutzen. „HR-Funktionen werden heute oft über eigenständige SAP-Systeme bereitgestellt, parallel zum Kernsystem für die ERP-Prozesse“, meint Niemann. Daher sei es auch einfacher, diese losgelöst von der On-Premise-Umgebung in der Cloud zu betreiben. Das gleiche gilt laut Niemann auch für den Bereich CRM. Der Erfolg von Salesforce kommt also nicht von ungefähr. Zudem spielen bei anderen Anwendungen CRM-Funktionen eine große Rolle, die die Zusammenarbeit beziehungsweise die Kommunikation der Nutzer unterstützen. Und die Nutzung von Collaboration-Funktionen aus der Cloud ist ohnehin schon weit verbreitet.

Grundsätzlich eignen sich nach Meinung von Gartner-Analyst Pezzini hoch standardisierte Geschäftsprozesse dafür, mithilfe von Cloud-Services unterstützt zu werden. Neben CRM seien dies unter anderem Human Capital Management, E-Commerce, das Rechnungswesen oder Büroanwendungen Diese könnten auf der Basis von wenigen standardisierten Templates implementiert werden, die ein geringes Customizing erfordern. „Es ist sinnvoll, dafür eine Cloud- statt eine Onpremise-Lösung in Betracht zu ziehen“, so Pezzini.

SAP hat jedoch nicht nur die Nutzer solcher Anwendungen für seine Cloud-Angebote im Sinn. Mit S/4 Hana soll das gesamte ERP-Angebot weiter in Richtung Wolke geschoben werden. Beim Business-Suite-Nachfolger setzen die Walldorfer verstärkt auf die Wolke. Die Bereitstellung über die Cloud soll die Einführung deutlich beschleunigen. Das „S“ steht zudem für simple – also einfach. Und auch dafür soll die Cloud sorgen.

„Wir sagen den Kunden ganz deutlich: Nutze die Chance der Cloud, um gewisse Prozesse zu vereinfachen“, sagte Sven Denecken, als vor etwa eineinhalb Jahren mit s-finance das erste Produkt aus der simple-Produktfamilie vorgestellt wurde. „Wir glauben, dass es einen Markt für ERP in der Cloud gibt„, stellte Denecken klar, der bei SAP als Vice President of Cloud Solutions and Head of Co-Innovation fungiert.

Jetzt stellt Niemann fest: „S/4 Hana ist auf dem Weg, sich zu einem vollständig gleichwertigen ERP zu entwickeln. Und früher oder später werden die Unternehmen auf das neue System migrieren – manche davon auch auf die Coud-Variante.“

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1 Kommentar zu Mehraufwand und Kontrollverlust schrecken potenzielle Cloud-Nutzer

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  • Am 1. März 2016 um 7:36 von Frank Furter

    SAP ist in Gefahr, den selben Fehler zu begehen, wie Microsoft mit Win10: nicht den Interessen den Kunden die höchste Priorität zu geben, sondern der Steigerung des „Wachstums“ und den Interessen des eigenen Unternehmens.

    Wegen der Cloud-basierten Lösungen vom Kunden eine „radikale Umgestaltung seiner Prozesse“ zu fordern, wird beim Kunden eher zur Suche nach anderen Lösungen und/oder Anbietern führen, als zur Akzeptanz dieser Forderung des Software-Unternehmens.

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