Heimlicher Psychotest: Facebook bedauert „schlechte Kommunikation“

COO Sheryl Sandberg spielt den heimlich manipulierten News Feed von fast 700.000 Nutzern als "kleines Experiment" herunter. Das gehöre zu üblicher Forschung, wie sie Unternehmen betreiben. Erst nach dem Test änderte das Social Network seine Datenverwendungsrichtlinien und nahm sich das Recht heraus, Nutzerinformationen für Forschungszwecke zu verwenden.

Facebooks Chief Operating Officer Sheryl Sandberg hat sich entschuldigt – aber nicht für das heimlich durchgeführte psychologische Experiment mit seinen Nutzern, sondern lediglich für die „schlechte Kommunikation“ durch das Social Network. Sie äußerte sich dazu in einem ausführlichen Interview mit dem indischen TV-Sender NDTV. Sandberg, rechte Hand von Gründer und CEO Mark Zuckerberg, hält sich derzeit in Neu Delhi auf und traf dort auch den indischen Premierminister Narendra Modi.

Facebook-Log-in

„Wir haben das eindeutig sehr schlecht kommuniziert, und das bedauern wir wirklich“, sagte Sheryl Sandberg dem Sender. Sie spielte das Projekt außerdem als „ein kleines Experiment“ herunter. „Wir forschen fortlaufend und in einer Weise, die die Privatsphäre besonders schützt, um unseren Service zu verbessern, und das diente diesem Ziel. Wir stehen mit den Regulierern rund um die Welt in Verbindung, und das wird alles in Ordnung gehen.“

„Das gehörte zu laufender Forschung, wie sie Unternehmen betreiben, um verschiedene Produkte zu testen, und das ist es gewesen; es wurde schlecht kommuniziert“, hörte das Wall Street Journal dazu von Sandberg. „Und für diese Kommunikation entschuldigen wir uns. Wir wollten niemanden in Aufregung versetzen.“

Facebook hatte das umstrittene Experiment im Januar 2012 zusammen mit Forschern der Cornell University und der University of California in San Francisco durchgeführt, wie durch eine im März veröffentlichte Studie bekannt wurde. Dafür wurde der News Feed der betroffenen Mitglieder so manipuliert, dass sie entweder mehr positive oder mehr negative Nachrichten erhielten. Ziel war es, herauszufinden, ob die nächsten Posts der Nutzer eine Stimmungsänderung erkennen lassen. Dem Experiment ahnungslos ausgeliefert waren fast 700.000 Facebook-Nutzer, die in zwei Gruppen unterteilt wurden.

Einer von Facebooks früheren Datenforschern gab inzwischen zu Protokoll, dass es beim Social Network so gut wie keine Aufsicht hinsichtlich solcher Experimente gab. „Jeder in diesem Team konnte einen Test veranstalten. Sie haben immer versucht, das Verhalten der Menschen zu ändern.“

Die britische Datenschutzbehörde hat wegen der gezielt manipulierten Feeds Ermittlungen gegen Facebook aufgenommen. Diese wird sich auch mit der Frage zu beschäftigen haben, ob die heimlichen Manipulationen mit „informierter Zustimmung“ der Nutzer und daher vielleicht ganz legal erfolgten. Mit diesem Argument wurde das Experiment teilweise verteidigt, da sich Facebook im Kleingedruckten auch die Verwendung der von Nutzern preisgegebenen Daten zu Forschungszwecken herausnimmt.

Tatsächlich steht in seinen aktuellen Datenverwendungsrichtlinien, dass das Unternehmen bereitgestellte Informationen „für interne Prozesse, u. a. Fehlerbehebung, Datenanalyse, Tests, Forschung und Leistungsverbesserung“ verwenden darf. Wie Forbes inzwischen allerdings herausfand, war der Verwendungszweck „Forschung“ in der damaligen Fassung noch nicht enthalten – Facebook fügte ihn erst vier Monate nach dem zweifelhaften Experiment ein.

[mit Material von Charles Cooper, News.com]

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Themenseiten: Datenschutz, Forschung, Privacy, Soziale Netze

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2 Kommentare zu Heimlicher Psychotest: Facebook bedauert „schlechte Kommunikation“

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  • Am 3. Juli 2014 um 23:57 von Hafenluemmel

    Über ein Medium, das die Meldungen seiner Nutzer manipuliert, ist doch keine vertrauenswürdige Kommunikation mehr möglich. Erst recht, wenn nicht die Irreführung, sondern allenfalls die mindere Qualität der eigenen Nebelkerzen bedauert wird.

  • Am 4. Juli 2014 um 0:52 von Judas Ischias

    Wenn man siebeneinhalb Stunden braucht, wie in der letzten Stern TV-Sendung beschrieben,die Nutzungsbedingungen zu lesen, dann hat man am Ende dieser Zeit doch das meiste wieder vergessen. Gerade weil da nach meiner Meinung mit Absicht so viele Querverweise und unverständliches Zeug eingebaut wird, dass man froh ist so schnell wie möglich seinen Haken bei Nutzungsbedingungen gelesen und akzeptiert zu setzen. ;)
    Da kann Facebook den zukünftigen Nutzern doch fast alles unterjubeln. Bekommt man ja sowieso nicht mit, oder es wird, wie im Artikel beschrieben, nachträglich irgendwas eingefügt.
    So etwas kann man ja mal vor Wahlen praktizieren, da lässt sich doch garantiert gut manipulieren. ;)

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