Oracle wird zum Cloud-Unternehmen

Nachdem Oracle lange Zeit den Cloud-Trend zu verschlafen schien, gibt das Unternehmen jetzt Gas. Schon 150 Services aller Art bietet der Hersteller aus der Cloud an, der gesamte Software-Entwicklungsprozess wurde umgestellt.

Erst vor wenigen Wochen charakterisierte das deutsche Marktforschungsunternehmen Experton Oracle als Cloud-Versager: Jahrelange Ignoranz, dann hektische Investitionen ohne schlüssige Strategie, lautete die vernichtende Diagnose. Die Mitte Mai in München anberaumte Oracle CloudWorld war dazu angetan, diese Einschätzung zu revidieren.

„Wir haben in den vergangenen zwölf Monaten fünf Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung für die Cloud gesteckt und zwischen zehn und zwanzig Firmen gekauft“, betont Mark Hurd, Präsident von Oracle, die Ernsthaftigkeit der Bestrebungen seines Unternehmens in Sachen Cloud. Dies sei das größte Forschungsinvestment der bisherigen Firmengeschichte. Es gebe bereits 150 Services, die Oracle aus der Cloud anbiete.

mark-hurd-oracleOracle-Präsident Mark Hurd betont: „Die Kunden haben bei uns freie Wahl zwischen Cloud und On-Premise.“ (Bild: Oracle)

Diese Services werden weltweit über sieben Rechenzentren bereitgestellt, von denen sich drei in Europa – in Amsterdam, in Slough und in Schottland – befinden, aber keins in Deutschland. Oracle garantiert den europäischen Abnehmern seiner Cloud-Services, dass ihre Daten nur innerhalb Europas gespeichert werden.

Alle Lösungen, die als SaaS verfügbar sind, können Oracle-Kunden auch im eigenen Rechenzentrum installieren. Hurd: „Wir wollen, dass die Kunden freie Wahl haben.“ Auch die Integration der Komponenten von Drittherstellern sei möglich. Weil dieselbe Software bei Kunden und in der Public Cloud laufe, könnten Kunden leicht zwischen beiden Bereitstellungsformen wechseln. Dabei können seine Cloud-Services, so Oracle, lückenlos mit On-Premise-Modulen des Herstellers zusammenarbeiten. Wer auf die Cloud migriere, bekomme bei Oracle dieselben Kernanwendungen, entledige sich aber des Managementaufwandes, zahle weniger und habe die Möglichkeit zum flexiblen Up- und Dowscaling.

Langjährige Umstellungsphase

Die Umstellung auf Cloud-Business habe bei Oracle schon vor sechs Jahren begonnen, berichtete Thomas Kurian, als Executive Vice President Product Development für die Softwareentwicklung verantwortlich. „Wir mussten den gesamten Entwicklungsprozess und die Architektur unserer Software komplett umkrempeln. On-Premise-ERP-Suiten haben etwa alle zwei bis drei Jahre ein Major Release. Bei unserer Cloud-ERP-Lösung sind es pro Jahr drei bis vier“, erklärt Kurian.

Von den Analysten der Experton Group bekam Oracle erst kürzlich reichlich Schelte für seine Bemühungen in der Cloud. Jetzt gibt der Hersteller allerdings Gas (Grafik: Experton Group).Von den Analysten der Experton Group bekam Oracle erst kürzlich reichlich Schelte für seine Bemühungen in der Cloud. Jetzt gibt der Hersteller allerdings Gas (Grafik: Experton Group).

Man habe im vergangenen Jahr 10.000 Updates an den Cloud-Lösungen mit einem Team von 60 Personen durchgeführt. Zudem galt es, die Programme von den aufwändigen toolgestützten Kundenanpassungen auf einfache Online-Konfigurationsmöglichkeiten per Selbstbedienung umzustricken. „Jede Organisation hat ja einen anderen Begriff davon, was ein Kunde oder ein Produkt ist, und das müssen wir abbilden“, sagt er.

Wie ernst Oracle der Wandel zum Cloud-Anbieter ist, zeigen auch die jüngsten Ergänzungen des Portfolios. Seit der Oracle Open World im Herbst sind Java und Oracle-Datenbanken sowie ERP als Public-Cloud-Service dazugekommen. 4800 Datenbank-Kunden hat Oracle nach eigenen Angaben dafür schon gewonnen, bei Java seien es mehr als 2000 Kunden weltweit. Für nahezu alle wichtigen Cloud-Applikationen gab es seit vergangenem Herbst neue Releases. An einer Marketing-Cloud wird gearbeitet, Basis ist die Lösung der aufgekauften Firma Eloqua.

Oracle bietet mittlerweile auch Infrastrukturservices, beispielsweise Datenanalyse, an und will dieses Portfolio in Zukunft ausweiten. Ab Herbst können Oracle-Kunden Rechenleistung und Storage nach Bedarf aus der Oracle-Cloud beziehen, statt dafür zu Amazon oder anderen Anbietern auszuweichen. Dazu kommen ein Queuing-, Benachrichtigungs- und Authentifizierungs-Services.

Anwender gewinnen laut Oracle mehr und mehr Vertrauen in die Cloud. „Während anfangs vor allem das Kundenmanagement oder Personalgewinnung in die Cloud verlagert wurden, geraten jetzt immer mehr die Kerngeschäftsprozesse in den Blick“; sagt Thomas List, Fusion Application Leader EMEA. Oracle bringt deswegen demnächst Cloud-Services für den Finanzbereich, die auf den Lösungen des Aufkaufs Hyperion basieren.

Der dänische Windturbinenhersteller Vestas nutzt Oracles HCM (Human Capital Management) als SaaS aus der Public Cloud. „Mit der global eingesetzten Public-Cloud-Software für HCM hatten wir zum ersten Mal einen genauen Überblick über die weltweiten Personalaktivitäten“, sagt Jan Niedertorp Nielsen, der das globale Personalmanagement des Unternehmens verantwortet. Das SaaS-Angebot löste das stationäre Vorläuferprodukt eines anderen Herstellers ab. „Das funktionierte so schlecht, dass viele sich gar nicht mehr bei uns beworben haben“, erinnert sich der Manager.

Neue Kunden durch Cloud

thomas-kurian-oracleThomas Kurian ist als Executive Vice President Product Development bei Oracle für die Softwareentwicklung verantwortlich (Bild: Oracle).

Durch die Cloud-Offerten werden die bisher als hochpreisig bekannten Oracle-Lösungen erschwinglicher. „Wir gewinnen viele Neukunden aus mittleren oder auch kleineren Unternehmen, die noch nichts von Oracle nutzen“, sagt Kurian. Auf Abteilungsebene finde man zudem neue Ansprechpartner bei Bestandskunden, weil Cloud-Services im Rahmen ihrer Budgethoheit erschwinglich seien. Zahlen dazu konnte der Manager aber nicht nennen.

Ob freilich diese Anstrengungen und Ansätze endlich die seit Jahren nach unten rauschenden Hardwareumsätze kompensieren können, bleibt abzuwarten.

Das von Oracle gebetsmühlenartig wiederholte Mantra vom vereinheitlichten Hard- und Softwaresystem mit durchgehendem Stack bis zur Applikationsebene scheint dazu bisher wenig beizutragen. Im vierten Quartal 2012 schrumpften die Hardwareumsätze wieder um 16 Prozent, der Anstieg der Software-Umsätze bewegte sich im einstelligen Bereich, insgesamt blieb ein Umsatzwachstum von einem Prozent übrig.

Im Jahr 2012 habe das Unternehmen mehr als eine Milliarde Dollar mit Cloud Services umgesetzt, sagte Kurian in München. Oracle schätzt seinen Gesamtumsatz 2012 auf etwa 37 Milliarden Dollar, was zeigt, wie marginal das Geschäft mit Public-Cloud-Services derzeit noch ist.

Klar ist aber: Oracle setzt darauf, dass Kunden entweder in die Cloud gezogen werden oder wegen knapper Budgets und Rationalisierungsdruck letztlich vereinheitlichte Architekturmodelle und branchenspezifische Anwendungen vorziehen, die über nur einen Hersteller bereitgestellt werden. Dies vor allem deshalb, weil es vielen zu teuer werde, die eigene Infrastruktur den stetig steigenden Bedürfnissen anzupassen. „Die Integration zwischen Betriebssystem, Hardware und Applikation dem Anwender zu überlassen, ist ein Modell von gestern – das muss in Zukunft die IT-Industrie tun“, sagte Hurd.

Auf der Cloud World jedenfalls spielte die Hardware eher eine geringe Rolle. Immerhin hieß es inoffiziell am Rande, dass rund 1000 europäische Kunden bereits die Exadata-Appliance nutzten, also Big-Data-Analysen mit der Oracle-Exadata-Technologie durchführen. Den Hardwareumsätzen könnte aufhelfen, dass Oracle seit kurzem auch kapazitätsbezogene On-Demand-Tarife für die On-Premise-Nutzung der Geräte anbietet, bei denen nur noch die beanspruchte Hardwarekapazität abgerechnet wird. Damit zieht Oracle mit Wettbewerbern wie HP gleich, die ähnliche Angebote schon länger im Portfolio haben.

Themenseiten: Analysen & Kommentare, Cloud-Computing, Oracle

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