Die Cloud muss in Europa Herausforderungen meistern

Die Implementierung von Cloud Computing vollzieht sich in den USA und in Europa in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Gartner sieht vier Hindernisse, die die Umsetzung in Europa bremsen. Was können Anbieter und Firmen tun, um diese zu überwinden, und wie sollte die optimale Cloud gestaltet sein?

Die Akzeptanz von Cloud Computing in Europa hinkt der in den USA um mindestens zwei Jahre hinterher. So lautet das Fazit einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Gartner. Obwohl das Interesse an Cloud auch in Europa sehr hoch ist, erklärt Gartner, dass die Vielfältigkeit der 44 europäischen Länder dazu führt, dass die Cloud langsamer angenommen werde, als dies in den Vereinigten Staaten der Fall sei. Dabei seien Möglichkeiten, Kosten und Risiken der Cloud auf beiden Kontinenten zwar ähnlich, bestimmte Faktoren hinsichtlich Sicherheit, Integration und Transparenz würden in Europa aber besonders beachtet.

Laut Gartner gibt es vier Hauptgründe, weswegen sich Cloud Computing in Europa langsamer durchsetzt. Hierzu zählen europäische Datenschutzbestimmungen und -gesetze sowie verringerte Investitionen aufgrund der Euro-Krise. Auch die unternehmensübergreifende Integration sowie Implementierung von Prozessen über eine Vielzahl von Ländern hinweg hemmen die Entwicklung in Europa, ebenso wie die aufwändige Umsetzung von EU-Richtlinien in den verschiedenen Mitgliedsstaaten.

Datensicherheit in der Cloud muss kein Grund zur Sorge sein

Dr. Ferri Abolhassan, der Autor dieses Gastbeitrags für ZDNet, ist Geschäftsführer der T-Systems International GmbH (Bild: T-Systems).

Unterschiedliche Länder haben verschiedene Datenschutzbestimmungen. Der Cloud sind jedoch keine Grenzen gesetzt. Denn das Arbeiten in der Wolke ist dank Virtualisierung insbesondere für Unternehmen mit verteilten Standorten interessant. Europaweit tätige Unternehmen müssen sich somit darauf verlassen können, dass ihr Cloud-Anbieter auch länderübergreifend einen höchstmöglichen Datenschutz gewährleisten kann.

Das umfasst zunächst die technische Ebene – unter anderem durch Verschlüsselung der Daten, Sicherheitslösungen gegen gezielte Angriffe durch Dritte sowie international anerkannte Zertifizierungen wie ISO 27001. Ebenso zählen Breitbandnetze mit Punkt-zu-Punkt-Verbindungen im MPLS-Netz beziehungsweise verschlüsselte Verbindungen in einem IP-VPN dazu.

Darüber hinaus spielt jedoch auch die organisatorische Ebene einen wichtigen Part, um den jeweiligen Datenschutzbestimmungen Rechnung zu tragen. So müssen die Mitarbeiter für die Bedeutung des Datenschutzes sensibilisiert werden. Außerdem gilt es, ein entsprechendes Rechte- und Identitätsmanagement zu implementieren.

Gartner-Hürde Nummer eins kann auf diese Weise genommen werden. Zumindest fast. Denn Maßnahmen zum Datenschutz implizieren nicht gleichzeitig auch eine hohe Datenverfügbarkeit. Schließlich reicht es nicht aus, die IT-Infrastruktur durch ein fortschrittliches Intrusion-Prevention-System vor neuartigen Viren zu schützen, wenn ein simpler Stromausfall den Arbeitsbetrieb über mehrere Stunden lahmlegen kann.

Die technologische Expertise des Cloud-Dienstleisters muss daher weitreichend und die Cloud auf einer komplett redundant ausgelegten IT-Infrastruktur aufgebaut sein. Insbesondere die Single Points of Failure (SPoF) stellen bei der Realisierung hochverfügbarer IT-Umgebungen ein Hindernis dar, da diese Komponenten innerhalb eines Systems nur einmal vorkommen. Das Problem: Die tatsächliche Verfügbarkeit in der Cloud hängt vom schwächsten Glied in der Kette ab. Kommt eine Komponente innerhalb der Infrastruktur mit beispielsweise 99,5 Prozent Verfügbarkeit zum Einsatz, wird dieser Wert auf die gesamte IT-Umgebung übertragen. Hochverfügbarkeiten von 99,999 Prozent sind dann lediglich ein leeres Versprechen.

Eine redundante Infrastruktur umfasst beispielsweise Twin-Core-Rechenzentren, in denen alle kritischen Systeme und Daten jederzeit gespiegelt werden. Bei einem möglichen Ausfall in einem Rechenzentrum übernimmt das andere automatisch und ohne Unterbrechung den Betrieb. Die Unternehmensinformationen bleiben auf diese Weise verfügbar und die Daten sind zu jedem Zeitpunkt geschützt.

Cloud Computing senkt ICT-Kosten und schafft Freiräume für Innovationen

“Durch die Integration in die Cloud werden IT-Umgebungen und -Anwendungen skalierbar und transparent”, schreibt ZDNet-Gastautor Dr. Ferri Abolhassan (Bild: T-Systems).

Einen weiteren Stolperstein in der Entwicklung von Cloud Computing in Europa sieht Gartner in geringen Investitionen aufgrund der Euro-Krise. Dabei bietet gerade Cloud Computing einen optimalen Investitionsschutz. Denn Unternehmen sind nicht erst seit kurzem einem enormen Kostendruck ausgesetzt. Gerade hier kann das Outsourcing von Daten, Software, Ressourcen und Geschäftsprozessen Abhilfe schaffen: Durch die Integration in die Cloud werden IT-Umgebungen und -Anwendungen skalierbar und transparent. Kapazitäten stehen bei Lastspitzen schneller zur Verfügung und können ebenso problemlos wieder reduziert werden. Das wirkt sich positiv auf die Infrastrukturkosten eines Unternehmens aus. Fixe Kosten werden variabel und hohe Erwerbs- sowie Unterhaltskosten für ICT-Lösungen verringern sich.

Hinzu kommt ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil: Die Cloud schafft Freiräume, die Firmen nutzen können, um in Innovationen und neue Trends zu investieren. Bestes Beispiel hierfür ist die wachsende Mobilität von Mitarbeitern und deren Zugriff auf Anwendungen und Daten von jedem Ort der Welt aus. Das steigert die Effizienz im Unternehmen und optimiert gleichzeitig eine teamübergreifende und grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Die wachsende Mobilität im beruflichen Umfeld führt dazu, dass Unternehmen mehr Applikationen in die Cloud verlagern. Die dadurch freigewordenen Ressourcen und finanziellen Mittel können an anderer Stelle eingesetzt werden.

Komplexe B-to-B-Integration als Chance für die Cloud

Die unternehmensweite Integration komplexer IT-Infrastrukturen über mehrere Länder hinweg ist für Unternehmen in Europa nicht nur eine Herausforderung, sondern gleichzeitig eine Chance. Denn richtig umgesetzt, verschafft die flexible IT-Infrastruktur einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. Aber nur wer auf den richtigen Dienstleister setzt, kann profitieren und auf der Cloud-Erfolgswelle mitreiten.

Ausreichende Erfahrung mit internationalen Outsourcing- und Cloud-Projekten ist auf Seiten des Providers unausweichlich. Darüber hinaus sollte er über eigene Netze und Rechenzentren verfügen, um der Komplexität unternehmensweiter ICT-Infrastrukturen und -Projekte bestmöglich gerecht werden zu können.

Einheitliche EU-Richtlinien schaffen Klarheit

Ein weiteres Hindernis für die Entwicklung von Cloud Computing in Europa ist die aufwändige Umsetzung von EU-Richtlinien. Bei der Wahl des richtigen Partners sind dessen Kenntnisse der verschiedenen Märkte und Herausforderungen durch Präsenz vor Ort daher ein wichtiges Kriterium. Darüber hinaus arbeitet die Europäische Union aktuell daran, einheitliche Standards für die Cloud zu etablieren, sowohl auf technischer als auch auf juristischer Ebene. Eine Vereinheitlichung würde es für Unternehmen deutlich einfacher machen, Richtlinien europaweit umzusetzen. Außerdem könnten Anbieter und Nutzer von Cloud Services gleichermaßen an Planungssicherheit gewinnen.

Fazit

Die Hindernisse, die Gartner speziell für Europa festgestellt hat, werden die Akzeptanz von Cloud Computing vielleicht verlangsamen. Dennoch wird sich das Modell auch in Europa durchsetzen, da die Strategie nicht nur viele Vorteile gegenüber Inhouse-Lösungen bietet, sondern auch, weil Cloud Computing die Wirtschaft in der ICT-Branche antreiben wird. So lautet zumindest die Prognose der Münchner Unternehmens- und Strategieberatung Roland Berger Strategy Consultants.

Sie erwartet, dass Cloud Services bis 2015 weltweit rund 73 Milliarden Dollar Umsatzvolumen erzielen werden. Konservativ geschätzt sei es somit möglich, dank Cloud Computing pro Jahr 70.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Sonnige Aussichten für die Wolke also.

AUTOR

Dr. Ferri Abolhassan ...

... ist Geschäftsführer der T-Systems International GmbH. Der promovierte Informatiker startete seine berufliche Laufbahn 1987 in Forschung und Entwicklung bei Siemens. Nach einer Station bei IBM in den USA war er von 1992 bis 2001 in Führungsfunktionen bei SAP tätig, bevor er als CEO und Co-Chairman zur IDS Scheer AG wechselte. Ab 2005 bekleidete Abolhassan erneut Top-Management-Positionen bei SAP – zuletzt als Executive Vice President EMEA. 2008 übernahm er bei T-Systems die Leitung des Bereichs Systems Integration und ist seitdem Mitglied der Geschäftsführung von T-Systems. Seit Ende 2010 führt er den Unternehmensbereich Production. Zum 1. Januar 2013 übernahm Abolhassan die Leitung des gesamten Bereichs Delivery.

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