Business Intelligence hat ein Problem

Nachdem die IT-Giganten ihre Übernahmen in der Mitte des Jahrzehnts verdaut haben, setzen sie bei Business Intelligence Kurs auf neue Ufer: BI für alle wird dort versprochen. Aber ebensowenig wie Kolumbus je Indien gesehen hat, werden sie ihr Ziel erreichen.

Business Intelligence war ein großes Thema – damals in den neunziger Jahren. Dann, irgendwann Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, verschwand es langsam von der Tagesordnung. Heutzutage ist das Thema wieder topaktuell. Kaum ein Tag vergeht, an dem sich nicht ein Hersteller, Berater oder Analyst dazu äußert. Manche, etwa die Bloggerin Ann All, sprechen sogar schon davon, dass es Zeit sei, eine „Business-Intelligence-Kultur“ zu schaffen.

Ihre Ausführungen dazu sind klar und umfassend, weisen aber einen grundsätzlichen Fehler auf. Denn sie sagt: „Die herrschende Meinung ist: Firmen erreichen den potenziellen Nutzen von Business Intelligence nicht, da sie es nur Spezialisten zugänglich machen, die aus zentralisierten Daten Berichte erstellen, die sie dann wiederum nur ausgewählten Entscheidungsträgern zur Verfügung stellen.“

Aber wie das bei der „herrschende Meinung“ oft ist, stimmt ihr nicht jeder zu. Nigel Pendse, jetzt Chef bei OLAP Solutions, sagte bereits 2009, als er als Autor für die aktuelle Version der BI Survey (der inzwischen jährlich als BI Verdict vom Business Application Research Center herausgegebenen Untersuchung) tätig war, dass Anbieter die Idee der sogenannten „Pervasive BI“ – also BI für alle und überall – nur deshalb so in den Vordergrund stellen, um mehr Lizenzen zu verkaufen.

Ann All halt trotzdem an Ihrer Sicht fest und listet einige Anwenderbeispiele auf, die zeigen, dass greifbare Verbesserungen möglich sind, wenn mehr Mitarbeiter Zugang zur BI-Gemeinde erhalten. Dafür, dass dies nicht früher geschehen ist, macht All die IT verantwortlich: Sie habe den Zugriff erschwert. Abschließend zitiert All eine IDC-Studie, die eine Methode vorstellt, um möglichst alle Mitarbeiter ins BI-Geschehen einzubeziehen. Das sind alles sehr schöne Argumente und sie mögen für viele Firmen durchaus ihre Richtigkeit haben. Ein Blick in die Praxis zeigt aber, dass vieles im Argen und die schöne neue BI-Welt noch in weiter Ferne lieg.

Wo es gegenwärtig hakt

Aufschlussreich ist etwa, was Courtney Bjorlin im Blog der amerikanischen SAP-User-Gruppe vor einiger Zeit geschrieben hat: Darin geht es um Sorgen der Nutzer, die SAP BI weder auf IE 9 noch Safari nutzen können und die Frage, warum das so sein könnte: „SAP und Microsoft verbindet nun wahrscheinlich schon seit 15 oder 20 Jahren eine Partnerschaft“ sagt Hayden Gill von der University of Queensland in Brisbane. „Meiner Ansicht nach hätte aus dieser Partnerschaft in den zwölf Monaten, seit IE9 auf dem Markt ist, mehr rauskommen können SAP hätte einen Service Pack doch spätestens drei Monate nach dem Release von IE9 fertig haben können.“

Dallas Marks, Senior Architect und Trainer bei Kalvin Consulting, ergänzt, dass das „Release-Problem“ weit über die Browser hinausgeht. Sein Unternehmen habe es zum Beispiel regelmäßig schwer gehabt, von SAP in Erfahrung zu bringen, wann die neuesten Versionen von Microsoft Office unterstützt würden.

Ähnlich schwierig sei es – trotz SAPs enormen Bemühungen um Mobilität – herauszufinden, ab wann SAP Apples neue iOS-5-Plattform unterstützt. Nutzer hätten ihn gefragt, ob sie ein Update für ihre iPads und iPhones einspielen sollten, er wüsste aber nicht, was er ihnen antworten solle – schließlich wolle er sicher sein, dass die Firmensoftware danach immer noch funktioniert. SAP hat inzwischen mitgeteilt, dass Explorer Mobile auf iOS 5 unterstützt und die Unterstützung für BI 4 im ersten Quartal 2012 mit Feature Pack 3 kommt.

Dass ist lustig – außer man ist entweder SAP-Kunde oder SAP-Developer in einem BI-Team. Und wenn man denkt, die oben beschriebenen Probleme sind schwerwiegend, dann sollte man sich einmal die Fragen anschauen, die Vijay Vijayasankar in Bezug auf BI und SAP HANA aufgeworfen hat. Eine ganze Reihe von Problemen warten auf SAP-Kunden und Systemintegratoren. Deren Lösung wird viel Zeit kosten und viele Millionen Euro aus den IT-Budgets der Firmen verschlingen – einmal angenommen, dass man sich überhaupt einigen von wessen Budget das alles überhaupt bezahlt werden soll.

Ansätze für Alternativen

Lässt man sich all diese Aspekte einmal gründlich durch den Kopf gehen, wird klar, dass es genügend Ansätze für ein alternatives Vorgehen gibt. Ein grundlegendes Problem der SAP-Kunden ist es zum Beispiel, dass ihre Lösungen ursprünglich nie für das Web gedacht und konzipiert waren. Sie haben sie immer so weit aufgeschüttet, dass die jeweils momentan erwünschte Nutzung möglich wurde – und das führt eben zu den Problemen, die jetzt auftreten. Wahrscheinlich ist die Lösung des Problems aber viel einfacher, als das die meisten Berater und Entwickler heute annehmen.

Dazu reicht eigentlich ein Blick auf die neue Generation moderner, von Anfang an für das Web entwickelter Business-Lösungen. Sie wählen einen grundlegend anderen Ansatz: Anstatt sich auf die Transaktion zu konzentrieren und dann mit viel Aufwand von dort aus eine Rampe aufzuschütten, die den Zugang zu Business Intelligence erlaubt, sind sie von Anfang an davon ausgegangen, dass Menschen Informationen benötigen, die sie leicht verarbeiten können.

Ein gutes Beispiel dafür ist Workday. Auf einer Präsentation vor einigen Wochen zeigte das Unternehmen, wie die Verantwortlichen in Firmen die in der Software enthaltenen Informationen für das Talent-Management nutzen können. Das ist einfach, selbsterklärend und logisch aufgebaut. Anders gesagt: BI dient dort nicht dem Zweck, Daten zu verarbeiten, sondern der Entscheidungsfindung. Das war zwar ursprünglich auch einmal das Ziel von BI, es geriet aber aufgrund der technologischen Probleme in den großen Unternehmen etwas aus dem Blickfeld.

Der grundlegende Unterschied ist: BI so wie Workday und andere es interpretieren, „ist einfach da“ und für jeden mit den erforderlichen Zugriffsrechten verfügbar. Wenn so etwas in Firmen vorhanden ist, dann lösen sich aber all die von Anne All so schön ausgeführten Argumente für Pervasive BI in Luft auf. Das liegt nicht nur daran, dass die gerade kommenden Generation von Lösungen etwas Neues oder Neuartiges mitbringt – obwohl das auch zählt – sondern weil es auf natürlichem Wege zu den Nutzern gebracht wird und einfach Teil ihres Arbeitsablaufs ist.

Analytics ist schlichtweg in alle anderen Abläufe eingebettet und wird vielleicht gar nicht mehr als solches wahrgenommen. Es ist einfach eine Funktion eines anderen Werkzeugs, dass die Nutzer für ihre Arbeit tagtäglich verwenden. Damit überwinden Newcomer wie Workday all die Probleme, mit denen die alteingesessenen Anbieter zu kämpfen haben. So einfach ist das.

Machen die Workdays dieser Welt alles richtig? Ganz bestimmt nicht. Auch sie haben noch viel zu lernen und auch auf sie warten technologische Hürden, die sie nehmen müssen. Beispielsweise stellen laut der Open-Source-BI-Firma Jaspersoft viele SaaS-Anbieter gerade fest, dass Kunden für die Anwendungen Auswertungs- und Analysefunktionen benötigen. Jaspersoft freut sich darüber, biete es doch seine Lösung als OEM-Produkt an und kann so helfen, diesen Bedarf vergleichsweise schnell zu bedienen. Allerdings bleibt die Frage offen, was zu tun ist, wenn Firmen einmal übergreifende Analysemöglichkeiten über mehrere SaaS-Anwendungen hinweg benötigen. Aber bis dahin vergehend sicher noch einige Jahre.

Fazit

Trotz der einen oder anderen Schwierigkeit ist der neu eingeschlagene Weg attraktiv. Aber die Firmen, die schon länger Business-Software entwickeln und vertreiben, können nicht so ohne Weiteres auf diesen Pfad einschwenken. Denn er beschädigt ihre Geschäfts- und Lizenzmodelle. Darüber hinaus entwickelt Workday (das hier nur stellvertretende für viele andere steht) native für mobile Endgeräte. Seine Fähigkeit, viele Nutzer im Unternehmen zu erreichen, ist daher sozusagen schon die Standard-, nicht erst die Premium-Variante.

Können SAP, Oracle, Microsoft, Infor oder einer der anderen Anbieter von sich dasselbe sagen? Im Prinzip ja – aber nur, wenn die Anwender das tun was Pendse gesagt hat und bereit sind, mehr Geld für zusätzliche Lizenzen und für Wartung auszugeben. Was werden die Entscheider in Anwenderunternehmen mittelfristig bevorzugen: Etwas, das sie als Teil eines Werkzeugs, das sie ohnehin einsetzen selbstverständlich erhalten oder endlose Schlachten mit der IT-Abteilung und der gesamten Organisation um eine angeflanschte Behelfskonstruktion?

Themenseiten: Analysen & Kommentare, Business Intelligence, IT-Business

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