Bedeutet Office 365 das Ende für Small Business Server?

Office 365 wird als die ideale Lösung für dieselben Kleinunternehmen beworben, die derzeit Small Business Server von Microsoft nutzen, um Exchange und SharePoint zu erhalten. Wird die Cloud nun also SBS verdrängen?

Ende Juni hat Microsoft offiziell Office 365 herausgebracht, den cloud-basierten Dienst, der als Nachfolger der BPOS (Business Productivity Online Suite) fungiert. Es soll kleinen bis mittelgroßen Unternehmen Exchange, SharePoint und Lync (ehemals Office Communications Server) als gehostete Dienste bereitstellen. Es umfasst auch die Microsoft Office-Desktopanwendungen (gleichwertig mit Office Professional Plus Edition). Office Web Apps, die Onlineversionen von Word, Excel und PowerPoint, können ebenfalls genutzt werden.

Drei verschiedene Modelle stehen zur Wahl:

  • eines für kleine Unternehmen, die keine IT-Abteilung haben
  • eines für mittelgroße Organisationen und Unternehmen, die IT-Personal haben
  • eines, das sich direkt an Bildungsinstitutionen richtet

Wenn sich die Version für Kleinunternehmen so anhört, als ziele Microsoft damit auf denselben Markt wie mit Windows Small Business Server (SBS) ab, dann liegt das daran, dass dem tatsächlich so ist. SBS 2011 ist ein Allround-Serverprodukt, das Windows Server mit IIS Web Server, Microsoft Exchange Server und Windows SharePoint Services (sowie mit dem Premium-Add-on auch SQL Server, Hyper-V und Remote Desktop Services) integriert.

Microsoft gab die aktuelle Version von SBS im letzten Dezember heraus, aber seitens der Kleinunternehmen fragte man sich, ob es nicht vielleicht die letzte sei. Wie bei den Ängsten um die Zukunft von Forefront Threat Management Gateway 2010 (TMG) wird die Unruhe durch Microsofts starken Vorstoß in Richtung Cloud Computing genährt, und manche betrachten die Cloud als außerordentlich überzeugende Option für kleine Unternehmen – eben die Unternehmen, die derzeit SBS nutzen. Sind diese Ängste ganz unbegründet?

Das Dilemma der Kleinunternehmen

SBS 2011 Standard Edition ist für nur 75 Benutzer und Geräte ausgelegt (und auf diese Zahl beschränkt). Unternehmen dieser Größe haben häufig keine professionellen IT-Mitarbeiter. Sie haben möglicherweise jemanden, der neben seiner Hauptbeschäftigung IT-Aufgaben in Teilzeit wahrnimmt, oder sie haben einen selbständigen Auftragnehmer, der ins Unternehmen kommt, um periodisch Netzwerkadministrationsaufgaben zu erfüllen (und der in Panik angerufen wird, wenn etwas schief geht). Sofern das Unternehmen nicht selbst einen IT-Bezug hat, ist die Unterhaltung von Servern in den eigenen Räumen in jedem Fall mit erheblichen Mühen verbunden.

SBS reduziert die Komplexität der Einrichtung und Unterhaltung eines funktionsfähigen Firmennetzwerks mit Komponenten der Unternehmensklasse wie zum Beispiel E-Mail und Gruppenarbeit und senkt die Lizenzkosten für kleine Kleinunternehmen. Doch selbst die Administrierung von SBS ist für manche Unternehmen mit begrenzten Personalressourcen zu viel Arbeit. In der Tat nutzen viele kleine Unternehmen seit vielen Jahren gehostete Dienste zumindest für einige ihrer IT-Funktionen. Gehostete Webdienste und gehostete E-Mail-Dienste sind die gängigsten.

SBS in die Cloud – aber nur halb?

Microsoft ging hierauf ein, indem eine „SBS 2011 Essentials“ genannte Version von SBS 2011 herauskam. Es handelt sich dabei um eine Hybridversion, die darauf abzielt, sehr kleinen Unternehmen die Cloud nahezubringen, indem sie On-Premise- und cloud-basierte Software integriert. Der SBS-On-Site-Server fungiert als Domänencontroller, der Benutzer authentifiziert und dann an gehostete Exchange- und SharePoint-Dienste weiterleitet, auf die über das Internet zugegriffen wird – das heißt Office 365. So erhält man Single-Sign-on für On-Premise- und cloud-basierte Anwendungen. Hinsichtlich der Administration ist Einfachheit angesagt, denn der Server verwendet eine Cockpit-Konsole, die sehr stark derjenigen von Windows Home Server ähnelt.

(Bild: Microsoft)
(Bild: Microsoft)

Da sie auf 25 oder weniger Benutzer/Geräte beschränkt ist (keine CALs erforderlich), ist die Essentials-Ausgabe keine Option für Organisationen mit 25 bis 75 Benutzern. Sie werden die Standard-Ausgabe wählen müssen, die keine Cloud-Integration bietet.

Angesichts des Ziels, alles in die Cloud zu holen, muss man sich wundern, warum Microsoft die cloud-basierte Ausgabe von SBS mit einer 25-Benutzer-Einschränkung versehen hat. Was geschieht, wenn ein Unternehmen mit weniger als 25 Benutzern wächst und plötzlich 30 Benutzer hat? Bedeutet dies, dass es von einem cloud-basierten Netzwerkmodell zu einem On-Premise-Modell wechseln muss? Wenn es weiter SBS nutzen möchte, scheint dies so zu sein. Inwiefern ist das sinnvoll?

Um die Sache noch schlimmer zu machen, scheint es keinen Upgrade-Pfad von der Essentials-Ausgabe zur Standard-Ausgabe zu geben. Natürlich kann man immer noch Office 365 nutzen, wenn das Netzwerk auf der SBS 2011 Standard-Ausgabe basiert, doch ist die Integration nicht im Lieferumfang enthalten, und man bezahlt für die On-Premise-Versionen von Anwendungen, die man gar nicht benutzen wird.

Ist SBS Standard ein Auslaufmodell?

Manche, die ganz zufrieden mit der Nutzung von SBS für die Versorgung ihres Kleinunternehmens sind und wenig Interesse an einer Verlagerung in die Cloud haben, sind nun besorgt, dass das Debüt von Office 365 den Anfang vom Ende ihrer einfachen und kostengünstigen Serverlösung ankündigt. Es scheint mehr Aufregung um die Essentials-Ausgabe als um die Standard-Ausgabe zu geben, und es ist festzustellen, dass die Microsoft-Websites häufig die Essentials auf den ersten Platz stellen, wenn die Ausgaben besprochen werden. Ist das ein unterschwelliger Hinweis darauf, dass Microsoft plant, der herkömmlichen Version (ohne Cloud) von SBS den Todesstoß zu versetzen?

Diese Auffassung könnte etwas absonderlich erscheinen, wäre da nicht im Juni 2010 das Hinscheiden des „mittelgroßen Zwillings“ von SBS gewesen, des Essential Business Server. EBS (auch unter seinem Kodenamen Centro bekannt) wurde 2008 mit Pauken und Trompeten herausgegeben und war für Organisationen mit 250 bis 300 Benutzern ausgelegt. Es enthielt den Windows Server 2008, Exchange Server 2007, ISA Server und Forefront Security. Microsoft gab als einen Grund für die Ausmusterung von EBS den Wunsch an, sein Produktsortiment zu optimieren.

Man braucht sich also nicht wundern, wenn viele sich nun fragen, ob noch weitere Optimierungen stattfinden werden. Da auch Unruhe um die Zukunft anderer Nicht-Cloud-Produkte wie TMG herrscht und Hinweise vorliegen, dass sich das Unternehmen um mehr Fokussierung bemüht, indem es seine breit gefächerte Strategie aufgibt, scheint SBS (oder zumindest die Standard-Ausgabe) ein logischer Kandidat zu sein, um der Axt zum Opfer zu fallen.

SBS-Fans mögen sich durch die Aussage im EBS TechNet-Blog-Beitrag beruhigen lassen, der das Ende von EBS ankündigte, aber zugleich versicherte, dass „wir hart daran arbeiten, die nächste Version von SBS zu entwickeln, und uns auf die zweite Erfolgsdekade mit diesem preisgekrönten Angebot für Kleinunternehmen freuen“. Pessimisten werden dagegen darauf verweisen, dass dies geschrieben wurde, bevor die „Alles-in-die-Cloud“-Philosophie die Vorherrschaft gewann.

Gründe, SBS sterben zu lassen

Viele werden sagen, dass SBS Standard seine Nützlichkeit überlebt habe. Sie glauben, die Cloud sei die einzige vernünftige Wahl für Kleinunternehmen, und führen folgende Argumente an:

  • Kosteneinsparungen (vor allem Vorlaufkosten und unerwartete Notfallwartungskosten sowie Personalkosten)
  • die Möglichkeit, die Abhängigkeit von IT-Beratern zu beenden (von denen viele Kleinunternehmen abhängig sind, weil sie keine internen IT-Mitarbeiter haben)
  • mehr Zuverlässigkeit und weniger Ausfallzeit durch Hardware/Software inklusive Redundanz und mehrfache häufige Backups, die Cloud-Anbieter im Rahmen ihres Standardbetriebsablaufs implementieren, wogegen deren Implementierung für kleine Unternehmen oft zu teuer (oder zu komplex) ist
  • mehr Sicherheit aufgrund von Standardverfahren und mehr Geld seitens der Cloud-Anbieter, das in Sicherheitsmaßnahmen investiert werden kann

Der Präsident von Microsofts Office Division, Kurt DelBene, erwartet, dass mehr als die Hälfte aller Kleinunternehmen Office 365 innerhalb von zehn Jahren einsetzen werden. Und man muss zugeben, dass es für ein kleines Unternehmen ziemlich reizvoll ist. Für 6 Dollar pro Monat pro Benutzer bekommt man viel: ein Exchange-Konto (mit 25-GByte-Postfach), Office Web Apps, SharePoint Online, sogar Lync Instant Messaging und Online-Konferenzen. Letzteres ist besonders interessant. Ein OCS-Server ist etwas, das sich bislang nur wenige Kleinunternehmen leisten können, auch weil sie nicht über die Expertise für die Unterstützung vor Ort verfügen.

Trotz des frühen Starts von Google Apps stimmen viele Gene Marks bei Forbes zu, der glaubt, dass Microsoft den Kampf um die Cloud für Kleinunternehmen gewinnen wird. Doch in gewisser Weise konkurrieren On-Premise-Lösungen wie SBS mit Microsofts Cloud-Angeboten. Das Unternehmen möchte möglicherweise seine Anstrengungen nicht zersplittern und keine weiteren Entwicklungsressourcen für SBS bereitstellen, wenn der Markt schrumpft.

Gründe, SBS am Leben zu lassen

Alle oben genannten Argumente klingen gut, und wenn IT-Entscheidungen von Robotern gefällt würden, wäre es sehr sinnvoll, SBS Standard aufzugeben. Doch werden diese Entscheidungen von Menschen getroffen, und es besteht immer noch ein hohes Maß menschlichen Widerstands und Misstrauens gegenüber Cloud Computing – gerade bei Inhabern von Kleinunternehmen.

In großen Unternehmen werden Entscheidungen von Managern getroffen, die gegenüber leitenden Führungskräften verantwortlich sind, die wiederum gegenüber Vorständen verantwortlich sind, die sich vor allem für die Bilanz interessieren. Diese leitenden Führungskräfte und Manager haben sich gezwungenermaßen daran gewöhnt, Zuständigkeiten zu delegieren und anderen bei der Ausführung verschiedener Aufgaben zu vertrauen. Sie haben wahrscheinlich eher Erfahrung darin, manche Aufgaben auszulagern.

(Bild: Microsoft)
(Bild: Microsoft)

Unternehmer, die Kleinunternehmen leiten, sind dagegen oft Kontrollfreaks (was keineswegs abwertend gemeint ist). Sie machen sich viele Sorgen, vor allem, wenn sie nicht sehen, was vor sich geht. Sie hassen es zu fliegen – aber nicht aus Angst vor der Höhe, sondern weil das Flugzeug von einem Piloten gesteuert wird, den sie nicht kennen, dessen Kompetenz sie sich nicht sicher sein können, der hinter einer abgesperrten Cockpit-Tür sitzt und den man nicht während des Flugs feuern kann, wenn er seine Sache nicht gut macht.

Genauso ist ihnen unbehaglich dabei, ihre Daten und Anwendungen in einem entfernten Rechenzentrum liegen zu haben, wo sie von Personen gehandhabt werden, die ihnen unbekannt sind. Möglicherweise freunden sie sich mit der Vorstellung der Cloud schließlich an, aber sie tun es langsam. Und bis dahin möchten sie eine kostengünstige und relativ einfach zu unterhaltende Lösung haben, die ihren recht bescheidenen IT-Anforderungen genügt.

Ein weiterer Grund, weshalb Microsoft weiter in SBS investieren sollte, ist die breitere Auswahl. Selbst wenn sie die Möglichkeiten abwägen und beschließen, dass die Cloud sinnvoll für sie ist, mögen es Kleinunternehmer, Auswahl zu haben. Sie möchten nicht auf eine einzige mögliche Weise Dinge tun und festgelegt sein, selbst wenn das Leben dadurch für sie einfacher würde. Wenn Microsoft ihnen keine Wahlmöglichkeiten bietet (die sie sich leisten können), dann suchen sie diese vielleicht woanders.

Fazit

Office 365 ist eine interessante Möglichkeit für viele Kleinunternehmen. Bleibt jedoch zu hoffen, dass Microsoft nicht beschließt, es als einzige Wahl anzubieten, und die Standard-Ausgabe von SBS, die vielen Unternehmen seit Jahren gute Dienste leistet, auslaufen lässt.

Zwar sollte Microsoft generell damit aufhören, für alle Kunden alles sein zu wollen, und besser einen strategischen Geschäftskurs halten, der seine Produktangebote vereinheitlicht, doch muss Microsoft auch anerkennen, dass die Migration in die Cloud im KMU-Markt möglicherweise langsamer verläuft als angenommen.

Bis dahin bedeuten mehr Wahlmöglichkeiten mehr Kunden und mehr Kundengunst. Apropos Auswahl, wie wäre es, wenn die Benutzerbeschränkung bei SBS Essentials angehoben würde, so dass Unternehmen mit bis zu 75 Benutzern auswählen können, welche der SBS 2011-Ausgaben (cloud-basiert oder nicht) ihren Anforderungen am besten entspricht?

Themenseiten: Business-Software, Cloud-Computing, IT-Business, Microsoft, Servers, Software, Storage, Storage & Server

Fanden Sie diesen Artikel nützlich?
Content Loading ...
Whitepaper

ZDNet für mobile Geräte
ZDNet-App für Android herunterladen Lesen Sie ZDNet-Artikel in Google Currents ZDNet-App für iOS

Artikel empfehlen:

Neueste Kommentare 

Noch keine Kommentare zu Bedeutet Office 365 das Ende für Small Business Server?

Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *