Funktioniert das SaaS-Modell bei Standardsoftware doch?

Auch Jahre nach den ersten Gehversuchen kommt Software-as-a-Service nur in ausgewählten Bereichen zum Einsatz. ERP gehört in der Regel nicht dazu. Die Gründe dafür sind vielfältig. ZDNet ist ihnen im Interview mit Scopevisio-Vorstand Rüdiger Wilbert nachgegangen.

Software-as-a-Service (SaaS) wird seit einigen Jahren als der Wachstumsmarkt für die Anbieter von Standardsoftware gepriesen. Im Dezember 2010 hat zum Beispiel Gartner in seinem Bericht zum Markt für Software-as-a-Service für 2010 weltweit einen Gesamtumsatz von 9,2 Milliarden Dollar mit diesem Geschäftsmodell genannt. Das waren 15,7 Prozent mehr als 2009. Für 2011 rechnete das Marktforschungsunternehmen mit einer Zunahme von 16,2 Prozent, der Gesamtumsatz betrüge in dem Fall 10,7 Milliarden Dollar.

Allerdings hat so wie viele Anwender auch Gartner damit zu kämpfen, dass der Begriff Cloud Computing immer häufiger SaaS einschließt: Die Analysten räumen ein, dass sich 75 Prozent der SaaS-Umsätze auch dem Bereich Clouddienste zurechnen ließen.2014 liege dieser Anteil wahrscheinlich schon bei über 90 Prozent. Das SaaS-Modell sei dann reifer und werde zunehmend mit den Modellen von Cloud-Diensten zusammenfallen. Gartner betont auch, dass Hosting und Applikationsmanagement nicht synonym mit SaaS sind und auch nicht in jedem Fall der Definition von Cloud Computing entsprechen.

Den größten Anteil am SaaS-Markt haben laut Gartner nach wie vor Lösungen für „Content, Kommunikation und Zusammenarbeit“. Mit dem Start von Microsofts Office 365 in diesem Jahr wird dieser Bereich noch gestärkt. Dass es aufwändiger ist, weniger einheitliche Unternehmenssoftware im SaaS-Modell anzubieten, hat der Markt bei der schweren Geburt von SAPs Business By Design gesehen: Der Softwareriese musste feststellen, dass die technischen Hürden und vertrieblichen Hürden wesentlich größer waren, als zunächst gedacht.

Wo es bei SaaS noch hakt

Außerdem legt die vom Wettbewerber Infor und dem Beratungshaus SoftSelect durchgeführte Umfrage „ERP-Trend Report 2010“ nahe, dass sich Firmen weitaus weniger mit webbasierten Betriebsmodellen beschäftigen, als Marktforscher und Marketingstrategen annehmen: Nur bei elf Prozent der befragten Fertigungsunternehmen sind diese Modelle überhaupt im Einsatz, drei Viertel sehen auch in den kommenden drei Jahren keinen Bedarf dafür. „Die Firmen verzichten auf den Generationswechsel ihrer ERP-Software und nehmen stattdessen hohe Wartungs-, Betriebs- und Prozesskosten in Kauf“, sagte Michael Gottwald, Geschäftsführer von SoftSelect.

Die zunächst widersprüchlich scheinenden Aussagen sind bei näherer Betrachtung gar nicht so gegensätzlich: SaaS (oder je nach Definition auch Cloud Computing) kommt vor allem in Bereichen zur Anwendung, in denen es um die individuelle Produktivität der Mitarbeiter geht. Dazu zählen CRM und Mail genauso wie Groupware. Abstand nehmen Firmen dagegen dort, wo es um die Produktivität des Unternehmens geht: Der Bereich ist ihnen einfach zu heikel. Die Angst, hier Nachteile zu erleiden, ist sogar so groß, dass sie mit technologisch und strukturell überholten Software-Suiten weiterarbeiten. Das geschieht oft mit hohem Aufwand und großen Kosten – aber eben in der Gewissheit, dass es funktioniert.

Auch für die Anbieterseite ist der Schritt in den SaaS-Markt deutlich komplizierter als zunächst gedacht – und als von den Marketingabteilungen oft verkündet. Es geht nämlich nicht nur darum, die Software woanders zu betreiben, sondern auch die Balance zwischen Gleichförmigkeit und Individulisierbarkeit zu finden sowie im nächsten Schritt bei Updates und Upgrades diese Anpassungen trotz der hohen Standardisierung mitzunehmen. Nicht zuletzt ist Mandantenfähigkeit eine wichtige Voraussetzung, um die Dienste zu den Kosten anbieten zu können, die Kunden zu bezahlen bereit sind.

Neue Firmen mit Vorteilen

Vieles davon fällt leichter, wenn man seine Software von Grund auf neu schreiben kann. Etablierte Anbieter tun sich damit aber schwer, Neueinsteiger im Markt haben diesbezüglich keine Probleme. Einer dieser Herausforderer ist das Bonner Unternehmen Scopevisio. Von erfahrenen Akteuren im Softwaremarkt mit ausreichend finanziellen Mitteln ausgestattet hat es sich Zeit genommen, eine Standardsoftware von Grund auf neu zu erstellen. Nach dem Markteintritt 2010 ging es im ersten Schritt kleine und kleinste Unternehmen vor allem aus der Dienstleistungsbranche an. Außerdem erprobte man den Einsatz der Software bei einigen größeren Firmen im Gesundheitswesen – dem angestanmten Revier der Gründer.

Das zunächst auf Finanzbuchhaltung beschränkte Angebot wurde bald darauf um Anlagenbuchhaltung, CRM, Faktura und Business Intelligence ergänzt. Die Module lassen sich einzeln nutzen und bieten Schnittstellen zu Online-Banking, Elster und Datev sowie Import- und Export-Schnittstellen für die Zusammenarbeit mit Steuerberatern, Finanzämtern und Betriebsprüfern. Die Kosten liegen zwischen 2,99 Euro und 9,99 Euro pro Nutzer und Monat. ZDNet sprach mit Scopevisio-Mitgründer und Vorstand Rüdiger Wilbert über die Akzeptanz von SaaS-Lösungen im Markt, den Wettbewerb mit etablierten ERP-Anbietern, die künftigen Pläne für den Vertrieb sowie die technischen Schwierigkeiten von SaaS-Angeboten.

Themenseiten: Analysen & Kommentare, Cloud-Computing, ERP, IT-Business, Mittelstand, SaaS, Scopevisio

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1 Kommentar zu Funktioniert das SaaS-Modell bei Standardsoftware doch?

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  • Am 19. August 2011 um 13:28 von Thorsten

    SAAS
    Es gibt doch schon auch sehr komplexe und sehr anpassbare Lösungen siehe SAP Buisiness By Design.

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