Lime-Wire-Prozess: Gründer sieht sich als Sündenbock

Mark Gortons Anwalt hält eine Milliardenstrafe für falsch. Vertreter der Musikbranche führen ihre Verluste teils selbst auf gebrannte CDs und die schwache Wirtschaft zurück. Außerdem gibt es neue Einnahmequellen wie Webradios und YouTube.

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Mark Gorton, Gründer der Filesharing-Site Lime Wire, begreift sich als Sündenbock für die Branche. Er muss sich derzeit vor einem New Yorker Gericht wegen Urheberrechtsverletzungen verantworten.

Gorton war vergangenes Jahr bereits für schuldig befunden worden; jetzt geht es nur noch um die Höhe des zu zahlenden Schadenersatzes. Kläger ist der US-Musikverband RIAA, der eine Entschädigung für 9715 illegal kopierte Alben verlangt. Dafür kann das Gericht eine Summe zwischen 7,2 Millionen und 1,4 Milliarden Dollar festlegen.

Gortons Anwälte fochten keineswegs an, dass es sich bei Lime Wire um ein Peer-to-Peer-Netzwerk handelte, das Millionen dazu nutzten, illegal kopierte Musik auszutauschen. Gorton jedoch eine Strafe aufzubrummen, die den 1,4 Milliarden auch nur nahe käme, sei falsch, sagte Joseph Baio in seinem Eröffnungsplädoyer.

Baio versuchte, das Argument der RIAA zu entkräften, wonach die Filesharing-Site die großen US-Musiklabels finanziell „vernichtet“. Der Verband hatte in einer früheren Anhörung behauptet, dass Lime Wire praktisch im Alleingang für den 52-prozentigen Rückgang der Musikverkäufe in den vergangenen zehn Jahren verantwortlich gewesen sei.

Der Lime-Wire-Anwalt argumentierte, dass die Musikverkäufe schon im Jahr 2000 zurückgegangen waren – das Publikum der frisch gestarteten Tauschbörse sei damals jedoch insignifikant gewesen. Baio legte E-Mails und öffentliche Stellungnahmen von Vertretern der Plattenfirmen vor, die das schrumpfende Geschäft ihrerseits auf gebrannte CDs, die schwache Wirtschaft und ihre eigene Unfähigkeit zurückführten, sich an den technischen Fortschritt anzupassen.

Er zitierte etwa Doug Morris, den ehemaligen CEO von Universal Music. Die Musikbranche sei bisher noch jedes Mal in der Lage gewesen, eine neue Technologie zum Geldverdienen zu nutzen. Im Internetzeitalter sei jedoch „das wahre Problem, dass keine Technologie von den Plattenfirmen kommt“.

Baio argumentierte zudem, dass sich für die Labels auch neue Einnahmequellen aufgetan hätten – etwa Webradios, Tantiemen für Videospiele und Werbeeinnahmen von Portalen wie YouTube. Es gehe den Musikfirmen immerhin so gut, dass Warner Music in der Lage sei, dreien seiner Top-Manager 100 Millionen Dollar an Gehalt und Boni zu zahlen – seit 2004.

RIAA-Anwalt Glenn Pomerantz rief der neunköpfigen Jury das Urteil von Bezirksrichterin Kimba Wood vom Oktober 2010 ins Gedächtnis. Sie war zu dem Schluss gelangt, dass Lime-Wire-Gründer Gorton sich über die Unrechtmäßigkeit seines Dienstes im Klaren gewesen sei. Er selbst bezeichnete sich in einem Interview als „naiv“ in Bezug auf juristische Fragen.

„Er wusste, dass es falsch war, was er tat“, sagte Pomerantz. „Er wusste, dass er Ihnen eines Tages gegenüberstehen könnte.“ Gorton hätte seine Mitarbeiter angewiesen, Fragen von Nutzern nach der Illegalität der Site nicht zu beantworten.

Themenseiten: Business, Gerichtsurteil, Lime Wire, Tauschbörse, Torrent, Urheberrecht

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