Der PC: nur krank oder doch schon tot?

Dem PC wurde schon mehrmals das Ende vorhergesagt. Bisher hat er sich immer erholt. Die aktuellen Zahlen der Marktforscher deuten wieder einmal zumindest eine Krise des Segments an. Hatte Steve Jobs doch recht, als er das Ende der PC-Ära ausgerufen hat?

Über Steve Jobs Aussage, dass wir inzwischen in der Post-PC-Ära leben, kann man geteilter Meinung sein. Und ganz neu ist sie ja auch nicht, schon vor acht Jahren wurde angesichts schleppender PC-Verkäufe darüber spekuliert. Die aktuellen Zahlen von IDC zum PC-Markt geben dafür wieder einmal Anlass: Die Verkaufszahlen gehen demnach weltweit um 3,2 Prozent auf 80,6 Millionen Stück zurück. Die Branchenführer HP, Dell und Acer müssen Einbußen hinnehmen. Lediglich Lenovo und Toshiba verzeichnen im ersten Quartal steigende Absatzzahlen.

Die nahezu zeitgleich vorgelegten Zahlen von Gartner sind im Detail etwas anders, unterm Strich bestätigen sie jedoch die Tendenz: Demnach wurden im ersten Quartal 2011 weltweit 84,3 Millionen Rechner verkauft, 1,1 Prozent weniger als im Vorjahresquartal. Prognostiziert hatte Gartner ein Wachstum von drei Prozent.

„Die schwache Nachfrage nach Consumer-PCs war die größte Wachstumsbremse“, sagt Gartner-Analyst Mikako Kitagawa. Niedrige Preise, die lange die Kauflust der Verbraucher aufrechterhalten haben, hätten sie jetzt nicht mehr in die Läden locken können. Auch den Grund glaubt Kitagawa zu kennen: Sie haben ihr Geld lieber für Tablets und andere Elektronik ausgegeben. Daran sei auch der Verkaufsstart des iPad 2 im Februar schuld. „Wir untersuchen jetzt noch, ob dieser Trend langfristige Auswirkungen auf den PC-Markt haben wird“, so Kitagawa.

IDC macht zudem die Katastrophenserie in Japan und die politischen Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten, die zum Anstieg der Benzinpreise geführt haben, für die Schwäche des PC-Marktes mitverantwortlich. Gleichzeitig stellen die Marktforscher aber auch einen grundsätzlichen Wandel in der Einstellung der Verbraucher fest: Diese hätten sich durch Netbooks und Tablets an „Gut-genug-Rechner“ gewöhnt.

Oder anders gesagt: Die Kunden achten beim Kauf weniger auf die Spezifikationen des Geräts beziehungsweise arbeiten mit Geräten weiter, die sie früher vielleicht schon wieder ausgetauscht hätten: Angesichts begrenzter Haushaltsbudgets und des Inflationsdrucks auf Benzin und Lebensmittelpreise seien die Kunden nicht mehr zum Kauf eines neuen Rechners zu bewegen, nur weil ein 30 Prozent schnellerer Intel-Prozessor darin verbaut ist.

Nur weil Steve Job das Ende der PC-Ära ausgerufen hat, bedeutet das noch lange nicht, dass niemand mehr PCs kauft. Es scheint aber doch so zu sein, dass ihre Vorherrschaft zu Ende geht, weil immer mehr andere Geräte zur Verfügung stehen, die ihre ursprünglichen Aufgaben übernehmen: Um zu Surfen, E-Mails zu verschicken, auf Facebook zu gehen, Online einzukaufen, Routen zu planen, Nachrichten zu lesen und so weiter braucht man keinen PC mehr.

PC-Nutzung in Deutschland (Bild: Bitkom).
Den aktuelle Zahlen zur PC-Nutzung in Deutschland zufolge geht es dem PC noch ganz gut (Bild: Bitkom).

„Das iPad zeigt, dass man nicht die beste Hardware haben muss. Es geht darum, Software und Hardware miteinander zu verbinden, und um das, was Nutzer damit machen können“, sagte Jay Chou, Senior Analyst bei IDC. „Ich glaube, das wird entscheidend für ein anhaltendes Wachstum sein.“ Hardware-Anbieter müssten auch über Software nachdenken.

Was Chou jetzt empfiehlt, hat Jobs schon seit Jahren gepredigt. Daher ist der Eine wahrscheinlich auch Analyst und der Andere einer der erfolgreichsten Firmenbosse. Aber Chou ist nicht der einzige, der spät merkt, dass Jobs richtig gelegen hat. Auch HP, trotz allem noch der größte PC-Anbieter, wird seit der Übernahme von Palm nicht müde, über Pläne zu sprechen, wie sich dessen proprietäre Software auf mobile Geräte und PCs anpassen und nutzen lässt. Ergebnisse kann man scheinbar 2012 erwarten.

Ob der gute alte PC nur im Privathaushalt oder auch in Firmen ausstirbt, wird sich im Lauf dieses Jahres entscheiden: Nachdem im vergangenen Jahr das Interesse an Desktop-Virtualsierung erheblich gestiegen ist, wird sich jetzt entscheiden, ob Firmen das Konzept in großem Stil – eventuell im Zuge von Windows-7-Umstellungen – in Angriff nehmen, oder doch noch einmal auf Altbewährtes setzen. Alternativ erreichen Angebote für Arbeitsplätze aus der Cloud die Marktreife – sei es nun von Fujitsu, IBM, HP oder bislang wenig bekannten Anbietern. Auch dafür ist ein PC nicht mehr unbedingt Voraussetzung – zumindest nicht ein leistungsfähiger.

Jobs hat seit Juni vergangenen Jahres den Spruch von der Post-PC-Ära immer wieder angebracht. Kritiker sahen das als weiteren geschickten Schachzug in der verschlungenen Apple-Vermarktungsstrategie und als Vorbereitung für den Start des iPad 2. So leicht lässt sich die provokante Aussage aber nicht abtun. Die Flut an mehr oder wenigen gelungenen iPad-Nachahmungen und die aktuellen Marktzahlen scheinen ihm Recht zu geben. Vorerst zumindest.

IDC rechnet auch für das zweite Quartal mit schleppendem PC-Absatz. Im dritten Quartal soll er dagegen wieder anziehen. Das sei vor allem auf die Nachfrage in Schwellenländern in Lateinamerika und Asien zurückzuführen: Dort stünden viele Verbraucher noch vor der Anschaffung ihres ersten PCs. Vielleicht sind wir einfach zu egozentrisch: Möglicherweise hat die Post-PC-Ära nur in Nordamerika und Euopa angefangen.

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