Kommen und Gehen bei Hewlett-Packard

Hewlett-Packard war in den letzten Wochen fast täglich für eine Schlagzeile gut. Anlässe dafür boten der Abgang des Chefs Mark Hurd und die zahlreichen Zukäufe im Milliarden-Dollar-Bereich. Aber hat HP die wirklich nötig?

Bei Hewlett-Packard herrscht derzeit reges Kommen und Gehen. Es geht der Chef, es kommen (und das schon länger) gigantische Zukäufe: Zuerst 3Par für 2,4 Milliarden Dollar (der Umsatz des Speicherspezialisten lag zuletzt bei unter einem Zehntel davon), jetzt Arcsight für 1,5 Milliarden Dollar, ein Viertel mehr als die Aktie des Unternehmens noch am Freitag wert war. Berichten zufolge waren außer HP vor allem Oracle, aber auch EMC und IBM an Arcsight interessiert. Wer so viel kauft wie HP, der hat zu viel Geld in der Tasche oder muss der Welt, respektive der Konkurrenz, unbedingt etwas beweisen.

Werden Traumpreise für Firmen bezahlt, um echte oder vermeintliche Lücken im Portfolio zu füllen oder andere (im Fall von 3Par Dell) daran zu hindern, dies zu tun, muss die Not groß sein. Der IT-Markt steckt in seiner letzten Konsolidierungsphase. Forciert durch das Cloud-Paradigma geht der Trend im Rechenzentrum zurück zur Monokultur, und in dieser Lage offenbaren sich gnadenlos alle Lücken in der Palette der Anbieter: Sie müssen Allrounder werden, um mithalten zu können. Diese Chance haben sowieso nur wenige, HP gehört auf jeden Fall dazu.

So ganz allumfassend war das HP-Portfolio für die Zeit der Cloud bisher aber wohl noch nicht. Man erinnere sich: Der Hersteller verstärkte sich in den vergangenen Jahren mehrfach bei Software, unter anderem für ITIL und Business Intelligence, kaufte dann kräftig Netzwerktechnik (3Com) und außerdem noch Beratungs-Know-how (EDS). Letzteres, obwohl bei HP jahrelang nur heftiges Kopfschütteln erfolgte, wenn das Gespräch auf die fehlende Kapazität beim Consulting kam. Nein, man könne das durch Partnerschaften regeln. Bis, wie gesagt, der dicke Fisch EDS geschluckt und inzwischen anscheinend halbwegs verdaut wurde. HP hat wohl eingesehen, dass ohne massenweise Berater der immer mal wieder ausgerufene Wettstreit mit IBM nicht zu gewinnen ist.

Nun setzt sich der hektische Versuch fort, zuzuschlagen, ehe die wenigen verbliebenen potenziellen Kaufobjekte, für die es sich lohnt, im Rachen der genauso gierigen Konkurrenz verschwunden sind. Die aktuelle Sicherheitsakquise Arcsight ist ein wunderbares Beispiel. Denn ohne integrierte Sicherheit im eigenen Portfolio ist im Zeitalter der Cloud nicht mehr viel zu gewinnen. Also schluckt Intel McAfee, EMC verleibte sich RSA ein und HP schluckt Arcsight, ein Unternehmen, das den hohen Preis hoffentlich wert ist.

Dell – der große Verlierer von HPs Einkaufstour

Mit 3Par hat sich HP zudem den wohl hoffnungsvollsten der neuartigen Speicheranbieter gekauft, die in den letzten Jahren mit innovativen Technologien auf den Markt kamen. 3Par hat Thin Provisioning erfunden, eine Technologie, die den Bedarf nach Speicherhardware senkt. Sie nutzt den Kunden, die nicht mehr bereit sind, uferlos in schlecht ausgelastete Hardware zu investieren.

Früher, in den goldenen IT-Jahren, wäre aus 3Par wohl eine große, eigenständige IT-Firma geworden. Heute nicht mehr. Heute werden solche Newcomer sang- und klanglos in eines der wenigen verbliebenen Firmenimperien integriert.

In diesem Fall wohl auch deshalb von HP, damit Dell nicht zum Zuge kommt. Hätte der 3Par-Kauf doch die Chancen von Dell im finalen Machtkampf der IT-Giganten verbessert. Immerhin hat sich Dell vor kurzem mit Ocarina Networks und bereits vor einiger Zeit mit Equallogic zwei ebenfalls recht erfolgreiche innovative Hersteller einverleibt. Vor allem Equallogic ist aber weniger für´s Highend, also zum Beispiel die riesigen Cloud-Rechenzentren der nahen Zukunft, geeignet.

Trotzdem sollte HP aufpassen, sich an all den Newcomern nicht zu übernehmen. Zum letzten Mal durfte man eine solche Aufkaufmanie nämlich kurz vor dem Telekom- und Internet-Crash beobachten. Auch damals wurden logisch nicht mehr nachvollziehbare Umsatz-Multiples ausgegeben, um sich einen mehr oder weniger tollen, relativen jungen Newcomer unter den Nagel zu reißen und in einem Markt mit Überkapazitäten der Konkurrenz ein Schnippchen zu schlagen.

Nochmal: Für 3Par wurde mehr als zehnmal so viel bezahlt, wie die Firma jährlich an Umsatz erwirtschaftet. Welche Vorschusslorbeeren! Oft genug blieben solche Aktionen erfolglos. Der Kaufpreis für Akquisen wurde in diesen Fällen später als Goodwill abgeschrieben. Dieser abgeschriebene Goodwill gehörte beim Internet-Crash zu den wichtigsten Verlustbringern in den Bilanzen der TK-Firmen.

Nun ist ein Kollaps von HP allerdings eher unwahrscheinlich und soll daher hier auch nicht prognostiziert werden. Vielleicht heißt die Logik hinter dem manischen Einkaufsverhalten ja auch, dass das Geld lieber so als für Steuern ausgegeben werden soll. So betrachtet, war der Aufkauf von 3Par durch HP für den Endkunden unter Umständen doch die bessere Wahl. Denn für Dell dürfte es in der schönen, neuen Cloud-Welt mittelfristig eng werden, wenn das Management nicht sehr einfallsreich ist – zum Allrounder fehlt einfach noch zu viel.

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