„About Schmidt“ – oder wann ist was und wie privat?

"Privatsphäre" ist ein dehnbarer Begriff. Jüngstes Beispiel sind die vieldiskutierten Äußerungen von Google-Chef Eric Schmidt im amerikanischen Fernsehsender CNBC. Sie haben zahlreiche - auch prominente - Kritiker auf den Plan gerufen.

„Privatsphäre“ ist ein dehnbarer Begriff. Im echten Leben zeigt sich das etwa daran, dass die Menschen im Voralpenland größten Wert auf hölzerne Fensterläden legen, die sie über Nacht schön zuklappen können, in den Niederlanden dagegen selbst dünne Gardinen im Wohnzimmer verpönt sind. Anderes Beispiel: Während in Deutschland fast nichts so streng gehütet wird wie die monatliche Gehaltsabrechnung, die in vielen Firmen noch persönlich und mit dem Aufdruck „nur vom Adressaten zu öffnen“ verteilt wird, kann in Norwegen oder Finnland das ganze Dorf im Internet einsehen, wie viel der Nachbar zu versteuern hat – und damit letztendlich auch, wie viel er verdient.

Was ein gestandener Oberbayer als das reinste Horrorszenario empfindet, ist für Holländer, Norweger und Finnen also Alltag. Soweit ich das aus persönlichen Gesprächen weiß – die zugegebenermaßen nicht sehr zahlreich waren und daher nicht unbedingt repräsentativ sind –, fühlen sich die genannten Nationalitäten aber nicht ausspioniert, bloßgestellt oder ihrer Privatsphäre beraubt. Was auf Länderebene vielleicht eine Sache der Gewohnheit und jahrzehntelanger, schleichender Auflösung ist, stellt sich im Internet ganz anders dar: Denn dort gilt erst mal alles für alle gleich. Und damit hat Google in letzter Zeit immer öfter zu kämpfen.

Jüngstes Beispiel sind die vieldiskutierten Äußerungen von Google-Chef Eric Schmidt im amerikanischen Fernsehsender CNBC: „Wenn es etwas gibt, von dem man nicht möchte, dass andere es wissen, dann hätte man das vielleicht überhaupt nicht tun sollen.“ Schmidt wies außerdem darauf hin, dass Suchmaschinen wie Google Informationen eine gewisse Zeit lang speichern und dass Google als amerikanisches Unternehmen dem Patriot Act unterliegt und somit in bestimmten Fällen Behörden Informationen überlassen müssen.

Diese Äußerungen haben unter anderem Asa Dotzler, Mitbegründer der Mozilla Foundation, und Security-Guru Bruce Schneier auf den Plan gerufen. Dotzler weist sogar auf die Möglichkeit in Firefox hin, die Suche von Google auf Bing umzustellen, und betont, dass Bing bessere Datenschutzrichtlinien als Google biete. Schneier weist auf einen eigenen Essay von 2006 hin, in dem er erklärt, dass Privatsphäre Menschen vor dem Missbrauch von Wissen durch die Mächtigen schütze, auch dann, wenn man zum Zeitpunkt der Überwachung nichts Ungesetzliches, Unmoralisches oder für andere Nachteiliges tue. Privatsphäre sei ein grundlegendes menschliches Bedürfnis.

Schmidts Interview mit der Washington Times

Schmidt hat das Thema in einem Interview mit der Washington Times etwas ausführlicher erörtert. Darin weist er darauf hin, dass zwar die IP-Adresse gespeichert wird – im Fall von Firmen oder Universitäten also meist eine für alle Benutzer –, aber nicht der einzelne Computer. Das sei übrigens auch bei privaten Haushalten so. Wie lange die Daten vorgehalten würden, hänge von den lokalen Gesetzen ab, denen Google unterliege. Schmidt wies dabei ausdrücklich auf Europa hin, nannte aber auch noch einmal die aus dem Patriot Act erwachsenden Verpflichtungen.

Die Archivierungsdauer sei eine rein politische Frage. Als Faustregel könne man annehmen, dass die erhobenen Informationen binnen 18 Monaten anonymisiert würden. Ein am Tag zuvor vom heimischen PC aus gestartete Suche, ein Zugriff auf den Google-Mail-Account und eine Youtube-Nutzung ließen sich also in Verbindung bringen. Man tue das aber nicht und wolle das nicht tun. Wahrscheinlicher sei, dass Regierungsbehörden so etwas täten.

Schmidt beschwerte sich in dem Beitrag zudem, dass die Medien unfair über Google berichteten und empfohl, die Datenschutzerklärung ausführlich zu lesen, um korrekt informiert zu sein. Google halte sich an das, was dort gesagt werde.

Warum mischt sich Mozilla ein?

ZDNet-Autor Larry Dignan bringt in seinem Blog noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: Mozilla wird doch zu großen Teilen von Google finanziert, warum weist Dotzler dann auf die Umstiegsmöglichkeit zu Bing hin? Die meisten Firefox-User werden doch kaum Microsoft-Fans sein? Warum riskiert man das bei Mozilla?

Eine mögliche Antwort – die viele vielleicht nicht hören wollen – ist, dass Mozilla möglicherweise gerade dabei ist, sich via Bing neu Einnahmequellen zu erschließen. So unwahrscheinlich das zunächst klingen mag, wenn man – auch angesichts von Google Chrome – eins und eins zusammenzählt, ist es gar nicht mehr so abenteuerlich: Für Mozilla wäre es kein Problem, Bing in seinem Browser als Default-Suchmaschine einzustellen. Microsoft – im Kampf um Markteinteile bei der Suche – würde dazu sicher nicht nein sagen. Dotzler hat daher Recht, wenn er darauf hinweist, dass eine neue Standardsuche in Firefox nur ein Klappmenü weit weg ist. Wird Google diese Botschaft verstehen?

PS: Google bietet übrigens eine Möglichkeit, die neuen „Personalisierungsfunktionen“ auszuschalten. Wie das geht, erklärt der Konzern auf seinen Support-Seiten.

PPS: „About Schmidt“ ist ein Film mit Jack Nicholson. Er handelt von einem Versicherungsangestellten, der nach vielen Jahren in Rente geschickt wird. Vor allem die jungen Kollegen sind froh darüber, dass er endlich geht …

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