Marktforschung: alles nur fauler Zauber?

In den USA sorgt derzeit die Klage des E-Mail-Archivierungsunternehmens ZL Technologies gegen das Analystenhaus Gartner für erhebliches Aufsehen. Kein Wunder, geht es doch um gut 1,4 Milliarden Dollar - rund 132 Millionen Schadenersatz und 1,3 Milliarden Strafzahlungen.

In den USA sorgt derzeit die Klage des E-Mail-Archivierungsunternehmens ZL Technologies gegen das Analystenhaus Gartner für erhebliches Aufsehen. Kein Wunder, geht es doch für Gartner um gut 1,4 Milliarden Dollar – rund 132 Millionen Schadenersatz und 1,3 Milliarden Strafzahlungen.

Anlass ist eine der von Gartner so zahlreich verbreiteten grafischen Marktübersichten („Magic Quadrant„). Dazu teilt Gartner ein Quadrat in vier gleich große kleinere Quadrate ein. Firmen im Feld rechts oben sind angeblich besonders innovativ und stark im Markt vertreten, Firmen rechts unten zwar stark im Markt präsent, aber wenig erfindungsreich. Wer im linken oberen Feld landet, kann sich hohe Innovationskraft zugutehalten, wird aber als im Markt kaum wahrnehmbar erachtet. Im linken unteren Feld aufzutauchen ist ganz schlecht, denn dann sehen die Gartner-Mitarbeiter weder Marktpräsenz noch Innovation.

Klingt vernünftig, ist es aber nach Ansicht von ZL Technologies nicht: Gartner missbrauche das geschützte Format des „Magic Quadrant“ und bevorzuge große Anbieter mit großen Vertriebs- und Marketingbudegts, während kleine, innovationsfreudige Firmen mit leistungsfähigen Produkten – zu denen sich ZL Technologies natürlich zählt – benachteiligt würden. Die daraus abgeleitete Klageschrift ist beeindruckend: Gartner werden Verleumdung, Geschäftsschädigung, Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht und einige andere Dinge vorgeworfen.

Dem Vorwurf, bezahlte Schergen der Industrie zu sein, sind Analysten öfter ausgesetzt. Erst vor kurzem verteidigte sich Gartner-Mitarbeiter Tom Bittman dagegen in einem Blogposting vehement. Das Thema steht aber diesmal gar nicht auf der Tagesordnung. Gartner wird vielmehr vorgehalten, dass man die angeblich evaluierten Produkte nicht eine Minute einem unabhängigen Test unterziehe, dass Gartner seine Marktmacht rücksichtslos, böswillig oder zumindest durch Nachlässigkeit missbrauche und zudem ein subjektives Analysemodell verwende.

ZL Technologies stellt Gartners grundlegende Einschätzung seiner selbst – nämlich dass es über ein gutes Produkt verfüge, aber Vertrieb und Marketing noch ausbauen müsse – gar nicht in Frage. Aber die Platzierung in der Marktübersicht sei falsch, da Gartner die Aspekte Marketing und Vertrieb ungerechtfertigterweise überbewerte. Wenn dem so ist, dann könnte etwa ein großes Unternehmen unabhängig von der Qualität des Produktes beim Marktstart sofort im günstigsten Feld des „Magic Quadrant“ landen.

Interessant ist die Argumentation, mit der sich Gartner verteidigt: Es sei völlig unerheblich, ob die Annahmen des Klägers über sein Produkt zuträfen. Wichtig sei allein, dass die Klage völlig am Thema vorbeigehe. Der Kläger greife „Meinungen“ an, die das Unternehmen Gartner zum Ausdruck bringe. Die seien aber durch die Meinungsfreiheit geschützt. Folgerichtig wird ZL Technologies vorgeworfen, Meinungen unterdrücken zu wollen.

Was denken Sie? Hilft Ihnen der „Magic Quadrant“ dabei, einen Eindruck von einem Marktsegment zu bekommen, oder ist alles nur fauler Zauber?

Themenseiten: Analysen & Kommentare, IT-Business, Marktforschung

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1 Kommentar zu Marktforschung: alles nur fauler Zauber?

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  • Am 26. Oktober 2009 um 10:48 von Marktforscher

    Unterschied zwischen Unternehmensberatung und Marktforschung
    Vielleicht geht die Kopfzeile „Marktforschung: alles nur fauler Zauber“ am eigentlichen Thema des Artikels etwas vorbei.

    Gartner ist eine Unternehmensberatung, die unter anderem Daten aus der Marktforschung so in Fakten und Empfehlungen aufbereitet, dass Entscheider ihrer Aufgabe gerecht werden können. Gartner ist kein reines Marktforschungsunternehmen, das nur Daten erhebt, Umfragen durchführt und die Auftraggeber dahingehend berät, wie das am sinnvollsten zu bewerkstelligen ist.

    Gartner könnte sich zum Beispiel mit folgender Argumentation rechtfertigen: ein „Produkt“ besteht nicht nur aus den Zeilen des Programmcodes oder aus dem physikalischen Zusammenbau von Einzelteilen, sondern auch daraus, wie es im Markt positioniert ist, wie es angewendet wird, welche Anstrengungen ein Hersteller unternommen hat, die Anwender zu trainieren etc. Dies spiegelt sich u.a. im Marketingaufwand wieder, der nunmal messbar ist und deshalb als ein Signal durchaus einfliessen kann.

    Analysten stehen immer an der Schnittstelle zwischen Industrie und Anwender, können niemals völlig neutral sein. Selbst staatlich finanzierte Analysten neigen dazu, sich die Sicht ihres Auftraggebers zu Eigen zu machen, zumal sie von dort sehr leicht Informationen erhalten können.

    Analysten sind jedoch keine Marktforscher, sondern werten unter anderem Daten aus, die die Marktforschung neutral liefert.

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