Betreiber von sozialen Netzen setzen sich gegen Zensursula zur Wehr

StudiVZ, wer-kennt-wen und Xing unterschreiben ein umstrittenes Dokument des Bundesfamilienministeriums nicht. Es enthält offenbar einen Passus, der das Internetzensurgesetz befürwortet. Franziska Heine spricht von "reiner Propaganda".

Mehrere soziale Netzwerke haben angekündigt, die geplante Abschlusserklärung auf der von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) veranstalteten Konferenz „Schutz vor sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ am 30. Juni nicht zu unterzeichnen. Laut einem gestrigen Bericht von Netzpolitik.org beinhalte die Abschlusserklärung ausdrücklich die Hervorhebung der „Zugangserschwerung mit Stoppschildern … als sinnvolles und unproblematisches Mittel“. Mit einer Unterschrift befürworteten die Community-Betreiber somit das Internetzensurgesetz.

Nachdem Netzpolitik.org zunächst StudiVZ, das auch SchülerVZ und MeinVZ betreibt, und wer-kennt-wen als mögliche Unterzeichner genannt hatte, haben beide Unternehmen inzwischen mitgeteilt, dass sie das umstrittene Dokument nicht unterschreiben werden. StudiVZ ließ seine Nutzer in einem Blogeintrag wissen, dass Sicherheit nicht auf Kosten der Meinungsfreiheit gehen dürfe.

wer-kennt-wen, das über sein Mutterunternehmen RTL interactive vollständig zur RTL Group gehört, stellte klar: „Wir haben uns keiner Erklärung angeschlossen und unterzeichnen am kommenden Dienstag nichts!“, so Unternehmenssprecherin Karin Rothgänger in einer kurzen Stellungnahme.

Für Xing erklärte Community-Managerin Vivian Pein, dass man an der Veranstaltung erst gar nicht teilnehmen werde. Informationen von Netzpolitik.org zufolge seien die Netzwerke Lokalisten und Knuddels jedoch weiterhin zur Unterschriftenleistung bereit.

Auf den Schutz von Minderjährigen in sozialen Netzen geht das Internetzensurgesetz nicht einmal ansatzweise ein. Verärgert reagierte darüber auch Franziska Heine. In mehreren Tweets kritisierte sie den Versuch einer Instrumentalisierung der großen deutschen sozialen Netzwerke und sprach von „reiner Propaganda“.

Nahezu alle sozialen Netzwerke mit einer Zugangsmöglichkeit für Minderjährige in Deutschland engagieren sich über die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) aktiv für einen Schutz von Kindern und Jugendlichen, um so jeglichem Missbrauch vorzubeugen. Alle Mitglieder unterwerfen sich einem strengen Verhaltenskodex.

Update 29.06.2009 14:10 h:
Heute erklärte auch Lokalisten.de: „Wir, die Lokalisten, werden die Abschlusserklärung zur Konferenz … am morgigen Dienstag, den 30.06. nicht unterschreiben“. Für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor kriminellen Handlungen im Internet müssten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Das dürfe jedoch nicht auf Kosten der Meinungsfreiheit geschehen.

Themenseiten: Internet, Networking, Privacy, Soziale Netze, Telekommunikation, Zensur

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4 Kommentare zu Betreiber von sozialen Netzen setzen sich gegen Zensursula zur Wehr

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  • Am 27. Juni 2009 um 11:24 von Frank Hennlein

    Klugscheisserei meinerseits
    Lieber Herr Hochstätter,

    es heißt "Tweets" und nicht "Tweeds".

    • Am 27. Juni 2009 um 15:38 von Christoph H. Hochstätter

      AW: Klugscheisserei meinerseits
      Wurde umgehend berichtigt ;-)

  • Am 29. Juni 2009 um 21:03 von Hepa

    "Schutz vor sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Fokus auf neue Medien: Perspektiven für Europa?
    Konferenz am 30.06.2009 / 10:00 – 18:00 Uhr / Maritim proArte Hotel, Berlin
    —————————–

    Wie oben im Bericht bereits erwähnt, soll bei dem Treffen am Dienstag ja auch http://www.knuddels.de/ als Kinder-Chatportal vertreten sein. So nett dieses Portal auch für junge User ist, so legt es "Dank" zeitlich unkontrolliertem Chatten immer mehr Gehirne trocken.

    Fernsehen, Knuddels-Chat (nat. auch andere Communitys) und das bis zu sechs Stunden am Tag mit ZUNEHMENDER Tendenz, fördert letztendlich nicht soziale Bindungen, sondern macht aufgrund virtueller Kontakte einsam.

    Mehreren Sozialarbeitern in meinem Umfeld liegen viele Familien häufig im Ohr, ob man da nicht zum Schutz der Kinder etwas tun kann…!?!

    Das ehrenamtliche Knuddels-Jugendschutzteam wird da sicher nicht viel machen können, aber die Internetsperre nach chinesischem Muster wäre sehr geeignet.

    Dauert noch etwas, bis die deutsche Version bei Saturn oder MM abgeholt werden MUSS.

    Bis dahin muss halt den Eltern empfohlen werden, die Kinder wieder vorsichtig an die Sprache heranzuführen, ein knuffeliges Schloss vor die Knuddelsseite zu legen und ab und zu für die "Kleinen" eine Party auszurichten, LIFE!

    Da läuft auch kein Kind Gefahr, aus dem Chat von einem Unhold zum nächsten Spielplatz gelockt zu werden…

    • Am 2. Juli 2009 um 13:01 von benwi

      AW: "Schutz vor sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Fokus auf neue Medien: Perspektiven für Europa?
      @ Hepa

      Ein völlig sinnfreier Kommentar, meiner Meinung nach.
      Sozialarbeiter, selbsternannte Familienexperten, ja sogar viele Eltern sind größtenteils nur oberflächlich mit den hier angesprochenen Social-Networks vetraut. Dennoch erlauben sich genau diese Leute ein Urteil darüber und – noch schlimmer – werden auch angehört.
      Wenn Leute, die sich aktiv mit solchen Communitys beschäftigen, der propagierten Meinung wiedersprechen, werden sie schnell mit dem Kommentar abgestempelt, dass die Gehirnwäsche hier schon gegriffen hat.
      Solange über die modernen Möglichkeiten der Kontaktpflege (sei es nun zwischen ehemaligen Schulkollegen oder neu geschaffene Kontakte/Freundschaften) so viele Vorurteile verbreitet werden, wird es immer solche Meinungen wie deine geben.
      Zu dem Vorwurf, dass soziale Netzwerke es erleichtern, dass Kinder vergewaltigt werden, muss ich sagen, dass es vielleicht nicht ganz unrichtig ist. Aber hier müssen die Eltern für eine entsprechende Aufklärung sorgen.
      Einfach alle Leute, die sich aktiv im Web aufhalten unter Generalverdacht zu stellen ist nicht nur verfassungswidrig, sondern auch schlicht und ergreifend unmoralisch (in meinen Augen zumindest). Aber es ist ja so viel einfacher, als eine wirklich effektive Strafverfolgung.
      Ich persönlich habe jedenfalls noch nie ein Kind vergewaltigt und kenne auch keine Person, die das je getan hat. Und das, obwohl ich gut 50 % meiner sozialen Kontakte über das Internet pflege.

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