Yahoo-Übernahme sorgt für Frust und Ärger

Betrachtet man die IT-Berichterstattung in den USA, stellt man fest, dass die Amerikaner vor allem ein Thema interessiert: Die mögliche Übernahme Yahoos durch Microsoft. In Deutschland schlägt der Fall hingegen kaum nennenswerte Wellen. Vermutlich liegt das daran, dass Microsoft und Yahoo hierzulande zwei ganz gewöhnliche IT- beziehungsweise Internet-Konzerne sind. Nicht jedoch in den USA. Dort sind das vielbeachtete Marken. Um das zu verstehen, hier eine kleine Geschichte: Ich hatte ...

Betrachtet man die IT-Berichterstattung in den USA, stellt man fest, dass die Amerikaner vor allem ein Thema interessiert: Die mögliche Übernahme Yahoos durch Microsoft. In Deutschland schlägt der Fall hingegen kaum nennenswerte Wellen. Vermutlich liegt das daran, dass Microsoft und Yahoo hierzulande zwei ganz gewöhnliche IT- beziehungsweise Internet-Konzerne sind. Nicht jedoch in den USA. Dort sind das vielbeachtete Marken.

Um das zu verstehen, hier eine kleine Geschichte: Ich hatte Anfang der 90er Jahre das zweifelhafte Vergnügen, einmal mit demselben Flieger zu reisen wie Bill Gates. Zweifelhaft war es (für einen Europäer) insofern, als dass ich Zeuge wurde, wie sich eine bemerkenswerte Zahl seriöser Geschäftsreisender in eine Horde kreischender Fans verwandelte.

Als Bill Gates kurz beim Betreten der Kabine zu sehen war, kamen zunächst vereinzelte „There’s Bill Gates“-Rufe. Dann applaudierten und johlten plötzlich alle lautstark, so wie es sonst nur deutsche Pauschalurlauber nach der Landung tun. Peinlich wurde es, als einige Passagiere versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erheischen. Beispielsweise mein Sitznachbar, der heftig mit einer Computerzeitschrift wedelte, auf der zufällig die Titelgeschichte von Microsoft handelte.

Hinterher war mein Nachbar reichlich konsterniert, weil ich wegen Bill Gates im Flieger nicht vollkommen aus dem Häuschen geriet. Obwohl wir uns bis dahin angeregt unterhalten hatten, sprach er danach kein Wort mehr mit mir. Da begriff ich, dass amerikanische Spitzenmanager nicht nur Starqualitäten haben müssen, sondern tatsächlich Stars sind, speziell wenn sie große und erfolgreiche Konzerne selbst aufgebaut haben.

Nun spielt Bill Gates beim möglichen Microsoft-Yahoo-Merger nicht gerade die Hauptrolle. Das tun die jeweiligen CEOs Steve Ballmer und Jerry Yang. Aber Ballmer ist bekanntlich immer für eine Schlagzeile gut. Jerry Yang, einer der beiden Yahoo-Gründer, gehört spätestens zu den Stars, seit er dem kränkelndem Internet-Unternehmen wieder vorsteht und sogar erste Erfolge vorweisen kann. Die Konzerne selbst sind selbstredend ebenfalls Kult-Marken. Sie stehen für das innovative und erfolgreiche Selfmade-Amerika.

Als Microsoft am ersten Februar dieses Jahres Yahoo sein Angebot in Höhe von 44,6 Milliarden Dollar unterbreitete, schlug das ein wie eine Bombe. Noch mehr schlug ein, dass Yahoo zunächst nicht recht reagierte und dann das Angebot als zu niedrig ablehnte. Seither liefert die Affäre Stoff für jede Menge Spekulationen, Tratsch und Klatsch.

Unter anderem deshalb, weil hier zwei Generationen von Selfmade-Hightech-Unternehmen um die Vorherrschaft buhlen. Auf der einen Seite das seriöse Microsoft, auf der anderen das – zumindest gemessen am Redmonder-Konzern – unkonventionelle, flippige Internet-Unternehmen Yahoo. Hinzu kommt, dass die Branche weiß, dass Microsoft trotz größter Anstrengungen bisher nicht so recht im Internet-Business Fuß fassen konnte. Da erscheint eien Übernahme des mittlerweile vom „Newcomer“ Google von der Spitze verdrängten Yahoo durchaus als gangbarer Weg.

Wer bei dem ganzen Vorgang – wie immer – auf der Strecke bleibt, das sind die Arbeitnehmer der beiden Konzerne. Speziell bei Microsoft scheint es deshalb zu rumoren. So berichtet ZDNet.com-Kollegin Mary Jo Foley in ihrem Blog, dass es mittlerweile sowohl Widerstand im Microsoft-Management gibt als auch in den unteren Rängen. So soll sich ein anonymer Microsoftie zum Merger folgendermaßen geäußert haben:

No one wants it to happen. The only reason it’s being considered is that the management of Windows Live has been so ineffective that they can’t ship anything worth using. They are consistently behind what consumers want, and unlike the old Microsoft, they are so poorly managed that they can’t even copy everyone else.

Genau das ist in meinen Augen der Punkt: Microsoft kriegt seine Online-Aktivitäten nicht auf die Reihe. Doch das ist ein Management-Problem. Denn an einem Mangel an fähigen Entwicklern oder gar Geld kann es nicht liegen. Und wenn dem so ist, wird dieses Problem durch den Yahoo-Kauf auch nicht gelöst. Denn dann mischt sich das ineffiziente Microsoft-Management bei Yahoo ein und fährt es in nullkommanix vor die Wand.

Dementsprechend gefällt mir Marys Idee gut. Sie meint, Microsoft solle von der Übernahme absehen:

In fact, if I were Microsoft, I’d be using a good part of that $40-odd billion to hire a SWAT team to help Windows Vista. I’m not talking about hiring more developers; I’m talking about finding folks who could creatively find a way to market downgrades to XP as a selling point. Microsoft should be far more worried about its Vista image problem than about outsmarting Yahoo, at this point.

Das ergibt, wie sie schreibt, schon deshalb Sinn, weil Windows immer noch für zwei Drittel der Microsoft-Erträge sorgt.

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